

Beschreibung
In der Zurückweisung eines ideologischen Bescheidwissens und der Verabsolutierung des Rechthabens entwickelte sich die Zerrissenheit bei Albert Camus zur eigenen Zustandsbeschreibung. Die Notwendigkeit des Zweifelns und die Handhabe, politische Bewertungen, we...In der Zurückweisung eines ideologischen Bescheidwissens und der Verabsolutierung des Rechthabens entwickelte sich die Zerrissenheit bei Albert Camus zur eigenen Zustandsbeschreibung. Die Notwendigkeit des Zweifelns und die Handhabe, politische Bewertungen, wenn sie sich als nicht sicher herausstellen sollten, wieder korrigieren zu können, stellt sich als wesentlich antiautoritär dar und steht gegen eine starre, vereinheitlichende, totalitäre Haltung. Könnte es gerade an seinem Verständnis der Zerrissenheit gelegen haben, dass Camus in der Auseinandersetzung mit seinen politischen Gegenparts aus dem Lager Sartres so weitsichtig argumentiert und gehandelt hat, dass seine Haltungen heute noch Bestand haben?
Autorentext
Holger Vanicek bewegt sich zwischen seinem Bildhaueratelier und seinem Gedankenlaboratorium, besucht philosophische Salons und Konzerte progressiver Rockmusik oder klassischer Moderne - zwischendurch lüftet er bei Langstreckenläufen durch die Natur seinen Kopf. 2014 war er Mitbegründer der Albert-Camus-Gesellschaft, die er seitdem als ihr Präsident vertritt. In dieser Mission ist er auf diversen Bühnen unterwegs, indem er Vorträge, Gespräche, Lesungen, Filmvorführungen und Theateraufführungen organisiert und inszeniert. Unter dem Pseudonym Sebastian Ybbs hat er mehrere Romane veröffentlicht. www.sebastian-ybbs.de www.holger-vanicek.de
Leseprobe
Ein persönliches Vorwort Hat sich nicht jeder einmal die Frage gestellt, was wäre, wenn man eine Ausnahme von allen anderen Menschen sei? Wie wäre es, würde ich aus irgendwelchen Gründen als einziger Mensch auf Erden ewig leben? Solche Fragen sind nicht bloß oberflächige Gedankenspiele, es steckt eine tiefere Empfindung in ihnen: Ich begreife mich als Ich-Selbst und es gibt kein zweites Wesen, mit dem ich dieses Selbst-Gefühl teile. Ganz im Gegenteil unterscheide ich alle Kreaturen außerhalb von mir als Die-Anderen. Insofern sehe ich mich selbst von Grund auf als eine Ausnahme. Dass ich den gleichen Regeln unterworfen bin, ist eine Erfahrung, die mir von außen beigebracht wurde, keine innere Wahrnehmung. In meiner Unterscheidung von den anderen, wie auch immer sie mir bewusst wird, bleibe ich mir schließlich selbst treu. Mit dieser Wahrnehmung bin ich in besonderer Weise in meine Pflicht genommen: Ich trage keine kollektive sondern eine aus mir selbst entstehende Verantwortung. Leider drängt es viele Menschen dazu, dieser Verantwortung zu entweichen und lieber in der Masse (dem Seienden) unterzutauchen und sich als Teil eines Ganzen selbst vergessen zu wollen. Zwischen Sich-Selbst-Sein und Für-Andere-Sein tut sich eine ungeheure Spannung auf, es ist der am meisten bestimmende Faktor des Bewusstseins unserer Existenz. Inmitten dieser beiden Pole entsteht die Energie, die wir Leben nennen. Wir wissen demnach aus ureigener Erfahrung, dass Energie nicht nur fließt: Sie tobt, baut sich auf uns entlädt sich, sie setzt in Gang, sie zerreißt. Sprache finden Über Monate hinweg war ich hin und her gerissen, ob ich mich einer Ausarbeitung der Zerrissenheit bei Albert Camus stellen sollte. Schließlich bin ich kein ausgebildeter Geisteswissenschaftler, habe mich zwar mit vielen Denkern auseinandergesetzt, jedoch nicht so systematisch, wie es ein Akademiker tun würde. Seit ich mich mit Albert Camus beschäftige, ist das Thema immer mehr in meinen Fokus gerückt. Gleich die erste Novelle, die ich von ihm gelesen habe, Die Stummen, ist ein Paradestück über die Zerrissenheit. In den folgenden Jahren stieß ich auf viele entsprechende essenzielle Szenen in seinen großen Romanen, Novellen und Theaterstücken, auf wichtige Abschnitte in seinen philosophischen Schriften, seinen Artikeln und Reden. Die Zerrissenheit war aber nicht alleine ein geistiges Motiv, das Camus beschäftigt hat, er hat sie oft auch selbst schmerzlich durchlebt. Ausgewichen ist er ihr nicht, er wusste, dass man sich einem Zwiespalt, wenn man sich nicht selbst verleugnen will, und den oftmals daraus resultierenden Zerreißproben stellen muss. Camus hat Haltung bewiesen. In meiner Jugend habe ich mich entschieden, Bildhauer zu werden, dem bin ich bis heute treu geblieben, parallel habe ich später eine weitere Leidenschaft zu meiner Berufung gemacht und Romane geschrieben. Mich dem Thema anhand künstlerischer Mittel anzunähern, entspricht demnach meinem OEuvre. Entstanden ist zuletzt mein Roman Die Unendlichkeit geteilter Tage (1), der gleich mehrere parallel verlaufende Ausgangspunkte hat, von denen ganz konkret einer Die Zerrissenheit bei Albert Camus lautet. Damit hätte ich mich zufriedengeben können. Mein Vorhaben, dem Sujet noch einmal analytisch auf den Grund zu gehen, liegt wohl daran, dass mich das Thema nicht loslässt. Einerseits erkenne ich bei Camus zahlreiche Ansatzpunkte, andererseits beobachte ich, wie wenig Bereitschaft in unserer heutigen (und wohl auch früheren) Gesellschaft besteht, sich dem Zwiespalt zu stellen, der sowohl in gesellschaftlichen wie politischen Belangen aufkommt, als auch dem, der in jedem einzelnen Menschen tobt. Heute beginne ich mit dem, was bereits mein Protagonist in meinem Roman getan hat: Ich nehme mir Schriften von und über Camus vor, dazu noch die von weiteren Denkern (in erster Linie denen, mit denen sich seinerzeit auch Albert Camus beschäftigt hat), um eine Arbeit über die Zerrissenheit bei Albert Camus zu schreiben, und damit einen Ausgangspunkt zu schaffen, der möglicherweise anderen dazu dient, sich weiter in das Thema zu vertiefen. Das Studium zahlreicher Sekundärliteratur über Camus hat diese Arbeit zusätzlich begleitet. Ungeschriebenen Gesetzen zum Trotz, nach denen man eine akademisch-systematische Grundlage für das Verfassen eines wissenschaftlichen Werkes haben muss, und der Ermutigung von Prof. Dr. Dr. Heinz Robert Schlette, einer der wichtigsten Camus-Forscher folgend, beginne ich nun also mit einer Arbeit, von der ich schon viele Vorstellungen habe, aber nicht genau weiß, wohin sie mich führen wird. Verzeihen Sie mir also, wenn ich gewisse Aspekte nicht beachtet habe, und treten Sie in einen offenen Dialog, der als Ausgangspunkt für neue Erkenntnisse dienen mag. Meine Zerrissenheit Noch bevor ich auf Albert Camus' Werk stieß, hatte ich meine größte eigene Zerrissenheit schon beinahe hinter mich gebracht. Lange Jahre hatte ich mit der Existenzfrage gehadert. Meine Vernunft hatte mich schon weit gebracht, mit ihr konnte ich dem Wissen um die Vergänglichkeit des eigenen Daseins fast spielerisch umgehen. Doch das tief innen sitzende, schmerzende Gefühl, dass mich vor allem dann überkam, wenn nichts von mir ablenkte, konnte ich einfach nicht in eine positiv gestimmte Bahn lenken. Auslöser dieser wiederkehrenden Depression war der Tod meines Vaters. Der so sicher geglaubte Boden, auf dem die Endlichkeit als ein Abstraktum seine Tänze vollführte, derweil sich mein eigenes Leben wie ewig anfühlte, war mir unter den Füßen weggezogen worden, der folgende Sturz ließ sich zwar hier und da verlangsamen, wollte dennoch nicht aufhören. Seit dieser Zeit haben sich mir viele Fragen beantwortet, meine Vernunft half mir, mein Sein in der Welt geschmeidiger werden zu lassen, meine Empfindungen jedoch wurden davon gerade einmal flüchtig angerührt. Tatsächlich hat erst eine Filmszene etwas Neues in mir ausgelöst: Bruno Ganz und Otto Sander beobachten als Engel Damiel und Cassiel das Leben einer Großstadt, einem auf dem ersten Blick ganz gewöhnlichen Leben. Doch gerade im Kleinen entdecken sie Tag um Tag ganz besondere Eigenheiten, die das Gewöhnliche ins Licht existenzieller Fragen rücken. Die Engel, die man auf ihren Streifzügen durch die Stadt oder über sie schwebend begleiten kann, leben rein geistig und von den Menschen unerkannt, mit Ausnahme einiger Kinder, die in ihrer Unbedarftheit in den Himmel blickten und die Welt frei von Kategorisierungen und Urteilen so nehmen, wie sie sich ihnen zeigt. Eingeweihte wissen längst, dass es sich um den mehrfach ausgezeichneten Film Der Himmel über Be…