

Beschreibung
Zu den bekanntesten Ereignissen des englischen Spätmittelalters zählen die Bauernrevolte von 1381 und die Rebellion des Jack Cade im Jahr 1450. Die Bevölkerung war aber auch jenseits solcher Aufstände nicht um Protest verlegen: Hunderte kleinerer Protestereign...Zu den bekanntesten Ereignissen des englischen Spätmittelalters zählen die Bauernrevolte von 1381 und die Rebellion des Jack Cade im Jahr 1450. Die Bevölkerung war aber auch jenseits solcher Aufstände nicht um Protest verlegen: Hunderte kleinerer Protestereignisse legen Zeugnis von der Bereitschaft ab, Unmut über Missstände offen auszudrücken. Das Buch bietet erstmals eine Zusammenschau des Protests im späten Mittelalter und beleuchtet diesen im Hinblick auf seine Themen, Formen, Unterdrückung und Diskurse. Dabei werden Wechselwirkungen zwischen Protest und Repression sichtbar, aber auch Deutungskämpfe um zentrale Kategorien des Politischen.
Autorentext
Helmut Hinck, Dr. phil., war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Bielefeld.
Leseprobe
Einleitung "Nicht ohne Mühe haben wir das Vorhergehende ge- schrieben, eine tragische Geschichte zur Warnung der Nachwelt vor der Herrschaft der Bauern, der Raserei der Gemeinen und dem Irrsinn der Hörigen." Thomas Walsingham Anfang Juni 1438 erhielt William Curteys, Vorsteher der mächtigen Benediktinerabtei Bury St. Edmunds, einen Brief von seinem König Heinrich VI. Das Schreiben war mit dem privaten Siegel des Herrschers beglaubigt und berichtete von einer großen Zahl irregeleiteter Personen, die sich wenige Tage zuvor in der Grafschaft Kent zusammengerottet hätten. Ziel des Aufruhrs sei es gewesen, soviel Schaden wie möglich anzurichten und die gesamte politische Ordnung des Landes auf den Kopf zu stellen: "Die fehlgeleiteten Männer diverser Grafschaften dieses unseres Landes, und insbesondere der Grafschaft von Kent, ebenso wie Lollarden und andere Räuber und Plünderer unseres Volkes, versammelten sich in großer Zahl und in aufrührerischer Weise in der genannten Grafschaft von Kent, um den größtmöglichen Schaden anzurichten und alle politische Herrschaft dieses unseres Landes umzukehren." Zahlreiche Beteiligte seien mittlerweile verhaftet worden - darunter auch ein Ritter namens Nicholas Conway, den man zum Anführer habe machen wollen. Die Krone habe dabei auch erfahren, dass es nicht weit von der Abtei in der Grafschaft Cambridgeshire zu ganz ähnlichen Umtrieben kommen könne. Der Abt solle darum besonders wachsam sein und alles in seiner Macht Stehende tun, um derartige Zusammenrottungen zu verhindern und den üblen Plänen der Aufrührer zu widerstehen. Die in diesem Brief beschriebenen Ereignisse sind nur eines von hunderten Beispielen dafür, dass sich Unzufriedenheit in der spätmittelalterlichen Bevölkerung jederzeit auch in offenem Protest entladen konnte. Im vorliegenden Fall bleibt leider vieles im Dunkeln. So wird nicht wirklich ersichtlich, um was es den Beteiligten hier eigentlich ging. Den Aufrührern werden weitreichende Umsturzpläne zugeschrieben, was vor dem Hintergrund der Tatsache, dass der junge König erst vor kurzem seine Regentschaft angetreten hatte, durchaus aufhorchen lässt. Derart radikale Absichten wurden in dieser Zeit allerdings fast jedem Aufständischen nachgesagt und waren darum wohl auch kaum mehr als nur die üblichen Floskeln. Der Verweis auf die "Lollarden", eine diffuse vorreformatorische Bewegung in der Folge des Theologen John Wyclif, könnte indessen auf eine kirchenkritische Stoßrichtung des Protests hindeuten. Doch auch diese Zuschreibung wurde inflationär verwendet und ist deshalb nur sehr eingeschränkt dazu geeignet, die in dem Brief beschriebenen Geschehnisse näher zu beleuchten. Besonders viel scheinen die Aufrührer im Frühsommer 1438 ohnehin noch nicht angestellt zu haben. Soweit sich dies sagen lässt, bestanden die Unruhen in erster Linie aus aufständischen Versammlungen im südlichen Kent, an denen durchaus auch Personen aus anderen Grafschaften teilgenommen haben könnten. Den Zusammenkünften muss freilich einiges an Agitation und Planung vorausgegangen sein, ja man soll sich dem königlichen Brief zufolge auch schon einen Anführer ernannt haben. Ob der dafür ausersehene Ritter an der Verschwörung beteiligt war oder zur Teilnahme gezwungen wurde, wie es in Aufständen ja nicht unüblich war, kann nicht mehr beantwortet werden. Sicher ist demgegenüber, dass die Obrigkeit frühzeitig Wind von der Sache bekam und mit aller Härte gegen die Beteiligten vorging. Wie wir aus anderen Quellen wissen, wurden wohl kurz nach Abfassung des Briefes fünf Personen in aller Öffentlichkeit als Verräter hingerichtet, während andere mutmaßliche Aufrührer noch im November im Kerker auf ihre Verhandlung warteten. Über die befürchteten Unruhen in Cambridgeshire, vor denen der König in seinem Schreiben gewarnt hatte, wird nichts Neues mehr berichtet. Diese bruchstückhafte Überlieferung der Geschehnisse ist tatsächlich nicht ungewöhnlich für spätmittelalterliche Unruhen. Zwar gibt es auch in England einige spektakuläre Erhebungen, die wie der Bauernaufstand von 1381 oder die kentische Rebellion von 1450 vergleichsweise gut dokumentiert und erforscht sind, über das Gros gerade der kleineren Protestausbrüche ist in der Regel aber nur wenig bekannt. Das Bild des Protests im späten Mittelalter ist deshalb auch fast ausschließlich von den Großrevolten geprägt. Der vorherrschende Fokus allein auf die großen Erhebungen ist aus mehreren Gründen problematisch. So wird die Häufigkeit der Protestäußerung durch die Bevölkerung stark unterschätzt. Auch abseits der großen Revolten kam es immer wieder zu kollektiven Aktionen, wie nicht zuletzt das kaum bekannte Beispiel von 1438 zeigt. Dass die Aktionen zumeist örtlich begrenzt blieben und nicht selten schon im Keim erstickt werden konnten, sagt dabei nur wenig über die allgemeine Bereitschaft aus, den Unmut über bestehende Missstände auch offen zu äußern. Darüber hinaus entsteht ein falscher Eindruck vom Charakter und von der Dynamik des Protests. Das Vorgehen war in der Regel weit mehr in die alltägliche Konfliktkultur eingebunden als die spektakulären Aktionen in den Großrevolten nahelegen. Es geht daher auch an der spätmittelalterlichen Realität vorbei, wenn die Hemmschwelle für offenen Widerspruch besonders hoch angesetzt wird und man Unruhen in erster Linie als einen Dammbruch begreift, bei dem sich der lange zurückgehaltene Unmut der Bevölkerung mit einem Mal massivst entlädt. Die vorliegende Studie will diesem verzerrten Bild entgegentreten und die Vielfalt und Komplexität des Protests im spätmittelalterlichen England herausarbeiten. Sie fragt nicht nur nach den großen Bewegungen auf der nationalen Bühne, sondern nimmt auch den alltäglichen Protest abseits der überlokalen Revolten mit in den Blick. Dabei ist es gerade auch von Interesse, wie dies beides zusammenhing und sich gegenseitig beeinflusste. Im Vordergrund der Untersuchung steht das Aufbegehren der einfachen Bevölkerung, das im Folgenden als "popularer Protest" bezeichnet werden soll. Die Erhebungen des Adels stehen nicht mit im Fokus, auch wenn eine eindeutige Abgrenzung vom Popularprotest nicht immer gelingen will. Die Arbeit konzentriert sich desweiteren auf den Protest, der außerhalb des von der Obrigkeit eingerichteten Rechtssystems zum Ausdruck kam. Der Rechtsweg scheint für die Zeitgenossen ohnehin nur eines von mehreren Mitteln zur Interessensdurchsetzung gewesen zu sein und konnte daher durchaus auch von einem extralegalen Vorgehen flankiert werden. Als zeitlicher Rahmen für die Untersuchung ist grob die Periode von der Krönung Richards II. im Sommer 1377 bis zum Ausbruch der Rosenkriege knapp achtzig Jahre danach angesetzt. Dieser Abschnitt wird nicht nur von den beiden größten Erhebungen des englischen Spätmittelalters eingerahmt, sondern umfasst auch einige fundamentale sozio-ökonomische Veränderungen in der Geschichte des Königreichs. Der populare Protest der gewählten Periode soll in der vorliegenden Arbeit nun aus vier verschiedenen Perspektiven beleuchtet werden. In einem ersten Abschnitt der Untersuchung werden die spezifischen Themen des Popularprotests in den Blick genommen. Der Protest hatte im untersuchten Zeitraum eine ausgesprochen große inha…