

Beschreibung
Sie kleiden sich im Sechziger-Jahre-Stil, feiern Sixties- Parties, bei denen selbst die Rezepte der Drinks aus der Originalzeit stammen,und richten auch ihre Wohnung im Retro-Look ein.Was bewegt junge Leute dazu, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der sie...Sie kleiden sich im Sechziger-Jahre-Stil, feiern Sixties- Parties, bei denen selbst die Rezepte der Drinks aus der Originalzeit stammen,und richten auch ihre Wohnung im Retro-Look ein.Was bewegt junge Leute dazu, sich in eine Zeit zurückzuversetzen, in der sie noch gar nicht geboren waren? Heike Jenß ist in diese Szene eingetaucht, hat mit den Mods von heute viele Gespräche geführt und ist dabei dem engen Zusammenhang von Mode, Konsum und Identität nachgegangen. Der spezielle Stil, die alten Kleider, Möbelstücke und das Zelebrieren von Sixties-Events stiften zugleich Individualität und Gemeinschaft. Die Kleider ermöglichen eine ganz persönliche Aneignung von Mode und Modegeschichte mit Haut und Haar und damit eine besondere Form der Selbstpositionierung und Selbstinszenierung, die sie von anderen unterscheidet.
Vorwort
We are the mods
Autorentext
Heike Jenß, Dr. phil., Kulturanthropologin, promovierte an der Universität Dortmund und ist zurzeit Assistant Professor of Fashion Studies an der Parsons School of Design in New York.
Leseprobe
Gehen wir nicht deswegen so gerne auf Events wie Unkel, weil wir uns in Sixties-Klamotten zeigen, sie Teil unserer Identität sind? - Sehen wir nicht gerne andere, die sich ebenfalls mit viel Liebe zum Detail sixties-mäßig herausgeputzt haben? [] weil sich fast alle stylemäßig Mühe geben, und wir für 3, 4 Tage tatsächlich die Sixties erleben? Daher meine Bitte: Smart dress - not only - but mainly. In den frühen 1960er Jahren begeisterten sie sich für alles Neue, für die Modernität des Cool Jazz, für die lässige, moderne Mode, die sie aus Amerika und Europa übermittelt bekamen und für den Motoroller, ein neues, modernes Transportmittel, das sie auf gut aussehende Weise mobil machte. Sie nannten sich Mods. Unter der Schlagzeile "London swingt wieder" berichtet im Juni 2004 ein großer Artikel im Tagesspiegel über die Feierlichkeiten anlässlich des vierzigjährigen Bestehens dieser Jugendkultur. Über tausend internationale Vertreter ihres Stils sind am Pfingstwochenende in der britischen Hauptstadt zusammengekommen. Wie sich an der gegenwärtigen, internationalen Mod- bzw. Sixties-Szene zeigt, hat diese historische Jugendkultur, und die mit ihr assoziierte Mode der 1960er Jahre, auch nach einem zeitlichen Abstand von vier Jahrzehnten noch immer eine anziehende Wirkung. Mit Körper und Kleidung im Look der Sixties feiert hier eine neue Generation die Mod(e)geschichte in ihrem Fortbestehen. Auf ein erstes Revival in den 1970er Jahren zurückgehend, wird inner-halb der Sixties-Szene bereits über mehrere Jahrzehnte der historische Stil kontinuierlich reproduziert. Die Mitglieder dieser Szene, Jugendliche und Postadoleszente etwa im Alter zwischen fünfzehn und fünfunddreißig Jahren, definieren sich vollständig durch den Stil der 1960er Jahre, der akribisch mit dem eigenen Körper zur Darstellung gebracht wird. Um das Modevorbild so authentisch wie möglich nachzubilden, werden überwiegend historische und nach alten Mustern maßgeschneiderte Kleidungsstücke getragen. Komplettiert wird der Retro-Look der Sixties durch originale Accessoires, wie Schmuck und Taschen, durch den historischen Zuschnitt des Haares und (zumindest bei den Frauen) durch ein originalgetreues Make-Up. Was motiviert diese Jugendlichen dazu, sich im Bild der Vergangenheit zu kleiden? Warum avanciert hier eine historische Mode zum Mittel gegenwärtiger Selbstdarstellung? Wie gestaltet sich der Umgang mit dem historischen Vorbild und welche Bedeutungen werden damit in dem gegenwärtigen Zeitkontext generiert? Obwohl die Aneignung historischer Moden und Stile in Jugendkulturen seit vielen Jahren auffällig ist, gibt es bislang weder in der Bekleidungs- noch in der Jugendkulturforschung Studien, die die Affinität zu einer vergangenen Mode und die Inszenierung im historischen Stil in der Alltagspraxis jugendlicher Lebenswelten eingehend untersuchen. Es erfolgen zwar unter dem Schlagwort "Retro" immer wieder theoretische Annäherungen, wie etwa in dem Diskurs um die Postmoderne, vorherrschend ist dabei aber eine eher pessimistische Deutung von "Retro": Ohne die unterschiedlichen materiellen Ausformungen dieses Phänomens genauer in den Blick zu nehmen, wird darin entweder ein Zeichen der Innovationslosigkeit der Mode und Jugendkulturen oder das Symptom einer nostalgischen Sehnsucht nach einer besseren Vergangenheit gesehen. Bemerkungen wie "Alter Müll taugt nicht zum Design des Tages" zeugen von dieser negativen Bewertung des Retro-Phänomens. Für Alice Cicolini folgen derartige Urteile einer bestimmten ästhetischen Logik: "if it looks old it must be nostalgic (bad), if it looks new then it must be innovative (good)".
Inhalt
Inhalt Einleitung 9 1. Vorgeschichte 19 1.1 Theoretische Orientierung: Forschungskontext und Begriffe 19 1.2 Mode und Uniformität 20 1.3 Mode als materielle Kultur und Konsumpraxis 33 1.4 Kleidung als Mittel der Selbst-Inszenierung 37 1.5 Stil - Uniform..... 42 2. Mod(e)geschichte 49 2.1 Erstes Feld 49 2.2 "Absolute Beginners": Die Genese des Mod-Stils 52 2.3 Konsumpraktiken moderner Dandies 63 2.4 Mod-Mädchen 72 2.5 Sicht auf die Mods in der Subkulturtheorie der 1970er Jahre: Subkulturelle Stilbildung und Klassenlage 81 2.6 Teenager-Konsumkultur der frühen 1960er Jahre 88 2.7 Swinging London: Mod(e) und Boutiquekultur 92 2.8 Verbreitung des Mod-Stils in Medien und Modemarkt 103 2.9 Pop - Mod(e) 114 2.10 Weiterentwicklungen des Mod-Stils 129 2.11 Von Mods zu Retro-Mods 132 3. Retrogeschichte 141 3.1 Retro im Kontext von Körper und Kleidung 141 3.2 Retro aus Sicht der Jugendkulturforschung 146 3.3 Retro-Looks im Rückblick 149 4. Aneignungsgeschichten 157 4.1 Ethnographische Feldforschung in der Sixties-Szene 157 4.2 Zur Genese der Sixties-Szene in Deutschland 170 4.3 Anfangen: Musik-Räume und vestimentäre Initiation 192 4.4 Secondhand-Shopping: Bezugsquellen materieller Geschichte 206 4.5 Sammeln als Konsum 225 4.6 Firsthand-Shopping: Modegeschichte im ersten Modemarkt 245 4.7 Zugeschnittene Vergangenheit: Originales Kopieren mit Körper und Kleidung 261 4.8 Raumkleidung: Sachkulturelle Ausweitung der Sixties 302 4.9 Eventisierung der Sixties 316 Schlussbemerkung 343 Literatur 346 Abbildungsnachweis 365