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Die Moselreise

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Im Zentrum dieses ungewöhnlichen Buchs steht das Tagebuch einer Moselreise, das Hanns-Josef Ortheil als Elfjähriger verfasst hat u... Weiterlesen
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Beschreibung

Im Zentrum dieses ungewöhnlichen Buchs steht das Tagebuch einer Moselreise, das Hanns-Josef Ortheil als Elfjähriger verfasst hat und das erkennen lässt, wie wichtig für den kleinen Jungen schon das Reisen, die Sprache und das Schreiben waren. Ergänzt wird dieses beeindruckende Dokument, das eine wichtige Weiterführung von Ortheils großem autobiographischen Roman »Die Erfindung des Lebens« (2009) darstellt, durch die Beschreibung derselben Reise, die der Autor Jahrzehnte später unternommen hat. Den Abschluss des Buchs macht eine Erzählung darüber, warum Ortheil in seinem Leben bestimmte Landschaften und Gegenden immer wieder aufsucht.

Auf den Spuren der "Erfindung des Lebens" Im Zentrum dieses ungewöhnlichen Buchs steht das Tagebuch einer Moselreise, das Hanns-Josef Ortheil als Elfjähriger verfasst hat und das erkennen lässt, wie wichtig für den kleinen Jungen schon das Reisen, die Sprache und das Schreiben waren. Ergänzt wird dieses beeindruckende Dokument, das eine wichtige Weiterführung von Ortheils großem autobiographischen Roman "Die Erfindung des Lebens" (2009) darstellt, durch die Beschreibung derselben Reise, die der Autor Jahrzehnte später unternommen hat. Den Abschluss des Buchs macht eine Erzählung darüber, warum Ortheil in seinem Leben bestimmte Landschaften und Gegenden immer wieder aufsucht. In seinem im Herbst 2009 erschienenen autobiographischen Roman "Die Erfindung des Lebens" hat Hanns-Josef Ortheil die Geschichte eines in seinen ersten Kinderjahren stummen Kindes erzählt, das sich mit Hilfe der Musik, der Sprache und des Schreibens aus der frühkindlichen Isolation befreit. Mit der "Moselreise", der Mitschrift einer Wanderung, die er als Elfjähriger zusammen mit dem Vater gemacht hat, legt der Autor nun ein autobiographisches Dokument vor, das auf eindrucksvolle Weise erkennen lässt, wie der junge Ortheil durch seine danach früh erwachte Obsession für die Sprache und das Schreiben aus dem Stummsein in die Welt fand. Gespiegelt wird diese Mitschrift durch die Beschreibung derselben Reise Jahrzehnte später, und zum "Roman eines Kindes" wird sie durch eine dritte Erzählung, in der Ortheil versucht, zu den geheimen Hintergründen seiner manischen Faszination durch bestimmte Städte und Landschaften vorzudringen. So führt die Erzähltrias der "Moselreise" den grandiosen Künstlerroman "Die Erfindung des Lebens" fort und gibt faszinierende Einblicke in die Geheimnisse jener frühsten, familiären Bindungen, die einen Menschen lebenslang prägen.

Ein zauberhaftes Kleinod, das wie aus der Zeit gefallen wirkt.

Autorentext
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Klappentext

Auf den Spuren der »Erfindung des Lebens«

Im Zentrum dieses ungewöhnlichen Buchs steht das Tagebuch einer Moselreise, das Hanns-Josef Ortheil als Elfjähriger verfasst hat und das erkennen lässt, wie wichtig für den kleinen Jungen schon das Reisen, die Sprache und das Schreiben waren. Ergänzt wird dieses beeindruckende Dokument, das eine wichtige Weiterführung von Ortheils großem autobiographischen Roman »Die Erfindung des Lebens« (2009) darstellt, durch die Beschreibung derselben Reise, die der Autor Jahrzehnte später unternommen hat. Den Abschluss des Buchs macht eine Erzählung darüber, warum Ortheil in seinem Leben bestimmte Landschaften und Gegenden immer wieder aufsucht.

In seinem im Herbst 2009 erschienenen autobiographischen Roman »Die Erfindung des Lebens« hat Hanns-Josef Ortheil die Geschichte eines in seinen ersten Kinderjahren stummen Kindes erzählt, das sich mit Hilfe der Musik, der Sprache und des Schreibens aus der frühkindlichen Isolation befreit.

Mit der »Moselreise«, der Mitschrift einer Wanderung, die er als Elfjähriger zusammen mit dem Vater gemacht hat, legt der Autor nun ein autobiographisches Dokument vor, das auf eindrucksvolle Weise erkennen lässt, wie der junge Ortheil durch seine danach früh erwachte Obsession für die Sprache und das Schreiben aus dem Stummsein in die Welt fand. Gespiegelt wird diese Mitschrift durch die Beschreibung derselben Reise Jahrzehnte später, und zum »Roman eines Kindes« wird sie durch eine dritte Erzählung, in der Ortheil versucht, zu den geheimen Hintergründen seiner manischen Faszination durch bestimmte Städte und Landschaften vorzudringen.

So führt die Erzähltrias der »Moselreise« den grandiosen Künstlerroman »Die Erfindung des Lebens« fort und gibt faszinierende Einblicke in die Geheimnisse jener frühsten, familiären Bindungen, die einen Menschen lebenslang prägen.



Zusammenfassung
Auf den Spuren der »Erfindung des Lebens«

Im Zentrum dieses ungewöhnlichen Buchs steht das Tagebuch einer Moselreise, das Hanns-Josef Ortheil als Elfjähriger verfasst hat und das erkennen lässt, wie wichtig für den kleinen Jungen schon das Reisen, die Sprache und das Schreiben waren. Ergänzt wird dieses beeindruckende Dokument, das eine wichtige Weiterführung von Ortheils großem autobiographischen Roman »Die Erfindung des Lebens« (2009) darstellt, durch die Beschreibung derselben Reise, die der Autor Jahrzehnte später unternommen hat. Den Abschluss des Buchs macht eine Erzählung darüber, warum Ortheil in seinem Leben bestimmte Landschaften und Gegenden immer wieder aufsucht.

In seinem im Herbst 2009 erschienenen autobiographischen Roman »Die Erfindung des Lebens« hat Hanns-Josef Ortheil die Geschichte eines in seinen ersten Kinderjahren stummen Kindes erzählt, das sich mit Hilfe der Musik, der Sprache und des Schreibens aus der frühkindlichen Isolation befreit.

Mit der »Moselreise«, der Mitschrift einer Wanderung, die er als Elfjähriger zusammen mit dem Vater gemacht hat, legt der Autor nun ein autobiographisches Dokument vor, das auf eindrucksvolle Weise erkennen lässt, wie der junge Ortheil durch seine danach früh erwachte Obsession für die Sprache und das Schreiben aus dem Stummsein in die Welt fand. Gespiegelt wird diese Mitschrift durch die Beschreibung derselben Reise Jahrzehnte später, und zum »Roman eines Kindes« wird sie durch eine dritte Erzählung, in der Ortheil versucht, zu den geheimen Hintergründen seiner manischen Faszination durch bestimmte Städte und Landschaften vorzudringen.

So führt die Erzähltrias der »Moselreise« den grandiosen Künstlerroman »Die Erfindung des Lebens« fort und gibt faszinierende Einblicke in die Geheimnisse jener frühsten, familiären Bindungen, die einen Menschen lebenslang prägen.



Leseprobe
Die Entstehung der Moselreise

1
Es ist 5.45 Uhr. Wann immer es mglich ist, stehe ich in der Frhe zu dieser Zeit auf. Ich mache mir einen Kaffee und nehme ihn mit in mein Arbeitszimmer. Spstens gegen 6 Uhr sitze ich an meinem Schreibtisch und beginne zu schreiben. Ich schreibe mit der Hand, ich notiere in einen Tages-Kalender, wie der vorige Tag verlaufen ist, ich notiere, was ich erlebt, mit wem ich gesprochen oder worber ich nachgedacht habe.
Diese Notizen zum Verlauf des vorigen Tages werden spr in ein gros Skizzenbuch kopiert. In dieses Skizzenbuch kommen dann noch weitere Aufzeichnungen, die ich am Tag zuvor wend der unterschiedlichsten Tageszeiten in kleinen Notizheften, Notizbchern oder auch nur auf losen Zetteln gemacht habe. Alle paar Stunden protokolliere ich, wo genau ich mich gerade aufhalte, oder ich notiere Stichworte zu meinen Lektren, oder ich halte einfach nur fest, was ich als Nstes vorhabe oder woran ich denke.
Gleichzeitig sammle ich wend eines Tages die unterschiedlichsten Dokumente: Ausschnitte aus Zeitschriften und Zeitungen, Post- und Eintrittskarten, Texte, zu denen ich bei der ersten Lektre irgendeine Art von innerem Bezug empfinde. Dann und wann fotografiere ich auch: Schnappschsse von meinen Mahlzeiten, von Ren, in denen ich mich bewege, von Menschen, denen ich begegne. Auch diese Dokumente kommen spr in das groormatige Skizzenbuch, sie rahmen die schriftlichen Aufzeichnungen und ergen sie um Bilder, Zeichen und Hinweise.
So entsteht Tag fr Tag ein bunter Teppich aus Schriften und Bildern, es handelt sich um die Architektur eines Tages, um seine Komposition, um die Folge seiner Phasen, Erlebnisse und Atmosphn. Als Ganzes ergeben all diese Architekturen und Kompositionen ein gros Schreibprojekt, das Projekt meiner Tagesmitschriften, die sich von konventionellen Tagebchern durch ihren protokollierenden Gestus stark unterscheiden. Ich resmiere nicht, ich verfolge nicht meine Emotionen und Stimmungen, stattdessen geht es um das Festhalten des Augenblicks, um die Moment-Skizze, um das flackernde Denken und Fhlen.
Auf den ersten Blick knnte man denken, diesem gron Projekt liegt eine Art Schreibzwang zugrunde. Ich empfinde dieses tiche Notieren und Schreiben aber nicht als einen unangenehmen oder sogar qunden Zwang, das Schreiben geschieht vielmehr beinahe von selbst, wie nebenher, wie Essen und Trinken, wie Gehen und Sehen. Wenn ich, durch irgendeinen Umstand gezwungen, mit dem Schreiben aussetze, spre ich das nach wenigen Stunden sofort. Ich werde unruhig, lustlos und streitbar, es ist, als litte ich unter einem Drogenentzug.
Ich brauche das tiche Notieren und Schreiben also lebensnotwendig, ich brauche es seit den frhen Kindertagen, seither habe ich nicht aufgehrt, Tag fr Tag notierend und skizzierend zu schreiben. Inzwischen fllen meine tichen Notate und Skizzen Tausende von schwarzen Kladden.

2
Auf welch seltsame Weise dieses manische tiche Schreiben in meinen frhen Kindertagen entstanden ist - davon handelt mein autobiographischer Roman Die Erfindung des Lebens. Ich erze dort von dem jungen Johannes Catt, meinem Alter Ego, der zusammen mit seiner Mutter in einer stummen Symbiose aufwst. Vier Shne hat die Mutter in Kriegs- und Nachkriegszeiten verloren, durch diesen Verlust ist sie mit der Zeit immer sprachloser und schlieich stumm geworden. In ihrer Hilflosigkeit klammert sie sich eng an den fnften Sohn, den jungen Johannes, der von seinem dritten Lebensjahr an ebenfalls immer sprachloser und schlieich auch stumm wird. Als er in die Volksschule kommt, wird das Leben fr ihn unertrich. Er lernt weder sprechen noch schreiben und wird schlieich von dem besorgten Vater aus der Schule genommen.
Fr einige Wochen geht der Vater mit dem hilflosen Kind auf das Land, dorthin, wo er selbst zusammen mit zehn Geschwistern aufgewachsen ist. In der weiten Natur rund um einen gron Bauernhof machen Vater und Sohn lange Spazierge und Wanderungen, und auf diesen Wegen lernt das stumme Kind allmich zeichnen und schreiben.
Von da an notiert es Tag fr Tag, was es sieht und hrt, es notiert die jeweils neu gelernten Worte, es protokolliert Gespre und Eindrcke, und es ergt all diese Aufzeichnungen um Fotos und allerhand Textmaterial, das es auf seinen Wegen irgendwo gefunden und aufgelesen hat. Durch dieses unermdliche Aufschreiben und Notieren wehrt es sich gegen eine tief sitzende Angst: Gegen die Angst, die Sprache wieder zu verlieren und damit wieder zurckzufallen in den stummen, zeitlosen Kosmos seiner frhen Jahre.
Dagegen kft das Schreiben an, es erscheint wie eine leuchtende Schrift-Spur, die bezeugt, dass und wie Zeit sich gestaltet hat. Denn in den Spuren der Schrift ist das Vergehen, aber auch die Formung von Zeit ablesbar: so ist das gewesen dort bin ich gewesen Indem das Kind in seine Kladden blickt und indem es sich an Zeit erinnert, entdeckt es seine eigene Geschichte. Als das Kind diese gro Entdeckung macht, weies, dass es sich durch das Schreiben retten und am Leben erhalten kann. Es ist nun kein stummer Idiot mehr, der Raum und Zeit kaum erlebt, sondern es ist ein Leser, der Re und Zeiten auf sich bezieht und ihre Wirkungen auf die Wahrnehmung protokolliert. So schafft sich das Kind seine ganz besonderen, selbst geschriebenen Lese- und Lebensbcher, und so entwirft es das Archiv seines Lebens.
Nach den Lesungen aus meinem Roman Die Erfindung des Lebens haben mich die Zuhrer oft gefragt, wie denn genau all die vielen Aufzeichnungen aussahen, die ich bereits als Kind gemacht habe. Die Notate der Moselreise, die sich im Folgenden an diese Vorbemerkungen hier anschlien, vermitteln davon einen guten Eindruck. Sie verfolgen eine fast zweiwchige Wanderung, die ich als Elfjiger im Sommer 1963 zusammen mit meinem Vater entlang der Mosel gemacht habe.
Als wir uns damals in Kln in den Zug nach Koblenz setzten, hatte ich viele meiner kleinen Notizkladden, einen Haufen Blei- und Buntstifte, eine Schere, einen Papierkleber und einen Fotoapparat dabei. Schon wend der Zugfahrt begann ich mit den ersten Notaten: Was hrte ich auf dem Bahnsteig? Wovon sprach der Vater? In welchem Buch las er so interessiert? Die Notate waren also Mitschriften all dessen, was gerade geschah, und sie enthielten sich fast jeden Kommentars. Ich wollte auffangen und festhalten, was um mich herum passierte, keineswegs aber wollte ich darber schreiben, was ich empfand.
Damals hatte ich schon einige Jahre tich notiert und geschrieben, ich war darin also kein Anfer mehr. So war es zu einer Gewohnheit geworden, wend des Tages immer wieder Schreibpausen einzulegen und in diesen Schreibpausen rasch aufzuschreiben, was ich mir unbedingt merken wollte. Solche rasch gesammelten Notate bestanden hig aus Daten, Namen und anderen Fakten, die sich nicht selten zu kleinen Listen erweiterten.
Zum anderen aber konnten solche Notate auch aus kleinen Schreibbungen bestehen, deren Themen ich mir selbst vorgab. Diese Schreibbungen kannte ich von den Spaziergen mit meinem Vater her, denn wend dieser Spazierge hatte mein Vater mir oft einfache Themen gestellt, zu denen ich ohne langes Nachdenken aufgeschrieben hatte, was mir durch den Kopf ging. Warum ich den Wald mag/ Womit ich am liebsten spiele - das waren zum Beispiel solche Themen, die ich mit nur wenigen Sen und im Umfang von hchstens einer Seite bearbeiten sollte.
Die raschen Notate und die kleinen Schreibbungen ergaben zusammen mit den gesammelten Postkarten, Fotos und anderen Dokumenten am Ende der Reise ein dickes Konvolut von Notizzetteln und Aufzeichnungen, die ich nach meiner Rckkehr nach Kln in einen leren, geschlossenen Text umzuschreiben begann. Die Notate benutzte ich als Vorlage zu einer Reiseerzung, und die Schreibbungen integrierte ich in diese fortlaufende, chronologisch gestaltete Erzung in der Form von kurzen Stationen. So entstand die Reise-Collage Die Moselreise als fortlaufende Erzung einer Reise von Vater und Sohn, aber auch als Stimmen-, Text- und Bilder-Collage des Landschaftsraums Mosel.
Dass Die Moselreise aber mehr war als nur eine schlichte Reiseerzung, das ahnte ich als Kind nicht. Ich war stolz, so viel wie mglich von den Erlebnissen, Gespren und Orten der Reise festgehalten zu haben, aber ich wusste nicht, dass fr einen erfahrenen Leser hinter der dokumentarischen Folie der Erzung noch eine ganz andere Erzung sichtbar wurde. Ich meine die Erzung von Vater und Sohn, ja ich meine die Erzung von ihrer engen Zusammengehrigkeit und von ihrer gegenseitigen starken Liebe und Achtung.
Unaufhrlich gibt der Junge, der ich war, sich nich Mhe, dem Vater so nahe wie mglich zu sein und ihn, so gut es eben geht, zu verstehen. Jeder Bemerkung des Vaters geht er nach, jedem noch so kleinen Hinweis und Zeichen. All diese Hinweise und Zeichen werden aufgegriffen, genauer betrachtet und weiterverfolgt, so dass die Moselreise darber zur Geschichte einer intensiven Annrung an all die Welten wird, in denen der Vater zu Hause ist.
Durch den Vergleich mit diesen Welten konstruiert der Junge seine eigenen Welten, ja man knnte sogar sagen, dass er sie genau wie der Vater abgrenzt, vermisst, beschriftet und fr sich bewohnbar macht. Dadurch aber wird die Fremde zu einem Raum, der durch den vertrauten und immer selbstverstlicher werdenden Umgang mit dem Vater allmich seine bedrohliche Fremdheit und Ferne verliert. Das Kind zieht die Welt wend des Schreibens immer enger an sich heran, und es lernt, sich in dieser fremden Welt immer freier und erfahrener zu bewegen.
Es gengt dem Jungen aber nicht, durch den engen Umgang mit dem Vater die Erfahrung einer immer steren Vertrautheit mit der Welt zu machen. Damit die Vertrautheit mit der Fremde sich herstellen kann, muss auch die Mutter in diese Vertrautheit einbezogen sein. So schreibt der Junge ihr an jedem Tag mehrere Postkarten mit kurzen Berichten, Fragen und Deklamationen. Diese Postkarten sind der Versuch, den Abstand zur zweiten, stark geliebten Elternfigur zu verringern und sie einzubinden in die Sphn von Vater und Sohn.
Die Mutter nich ist (wegen einer schweren Herzkrankheit, die ein leres Reisen unmglich macht) zu Hause, in der Klner Familienwohnung, geblieben. Jede Erinnerung an sie weckt das Heimweh und belebt die Sehnsucht nach baldiger Rckkehr. Um diese Sehnsucht auf ein zumindest ertriches Mazu verringern, bindet der Junge die Reise an Bilder der Mutter. Er erinnert sich an sie, er versucht sich vorzustellen, was sie gerade tut und womit sie beschigt ist. Lange Zeit gelingt es ihm, durch das Aufbieten all dieser Szenen und Erinnerungen so etwas wie ein nahes Mutter-Bild herzustellen und die damit verbundenen starken Empfindungen zu beruhigen.
Mit dieser Beruhigung ist es jedoch vorbei, als der Junge wend der Reise auf ein Klavier trifft und auf diesem Klavier spielt. Das Klavierspiel tr ihn sofort und mit gror Wucht zurck in den Raum der Familienwohnung und vor allem zurck zur Mutter. Klavier spielen nich hat der Junge bereits als stummes Kind von der damals noch ebenfalls stummen Mutter gelernt. Sie war seine erste Klavierlehrerin, und das Klavier war das erste Instrument, mit dessen Hilfe es dem Kind gelang, seine Gefhle auszudrcken und anderen zu vermitteln.
Die Begegnung mit dem Klavier ist also in der Erzung von der Moselreise der Moment der Krise: Vater und Sohn berlegen ernsthaft, nach Hause zurckzukehren. Damit w freilich ein Eingestnis verbunden, das Eingestnis nich, dass es sich aurhalb der Klner Familienzelle kaum leben lt. Instinktiv sprt das Kind, dass dieses Eingestnis eine Niederlage bedeuten wrde. Und so richtet es sich auf und kft gegen das Heimweh an.
Die Moselreise wird dann doch fortgesetzt und fhrt sogar noch zu einem berraschenden, verblffenden Schluss, der von heute aus beinahe wie ein novellistisches und damit kunstvolles Ende erscheint. Es ist ein Ende, in dem die Familientrias von Mutter, Vater und Sohn in durch die Reise vererter Form wiedererscheint und in ihrer vererten Erscheinung den Eindruck erweckt, ein neues, erweitertes Lebensprojekt fr die gemeinsame Zukunft gefunden zu haben.

Die Moselreise
Ein Reisetagebuch im Sommer 1963
Im Bahnhof
Der Mann mit der roten Mtze
Die Pfeife des Mannes mit der roten Mtze
Der schrille Pfiff
Achtung, Achtung! Zug auf Gleis 1a ft sofort ab! Bitte Vorsicht an der Bahnsteigkante!
Im Zug
Papa: Willst Du zum Fenster rausschauen, oder wollen wir Karten spielen?
Ich: Ich mchte erst zum Fenster rausschauen und dann Karten spielen.
Blick aus dem Fenster
24. Juli 1963
Am liebsten wrde ich laufend aussteigen: Jetzt, jetzt und wieder letzte

Ich mchte mir alles genauer und ler anschauen, es geht viel zu schnelle
Wenn ich aus dem Fenster schaue, schaue ich eine Weile auf einen Punkt, so fest und lange, bis er verschwunden ist, das hilft
Wir sind gegen zehn Uhr in Koblenz angekommen und haben unsere Ruckse und Taschen gleich in ein Schlieach gepackt, zum Glck gibt es in Koblenz gengend Schlieer. Dann haben wir den Bahnhof verlassen und festgestellt, dass es in Koblenz ein schnes Sommerwetter gab, so, wie wir es uns gewnscht hatten. Was fr ein schnes Sommerwetter, hat Papa gesagt, und ich habe gesagt, dass wir am besten gleich an den Rhein gehen sollten, weil es dort zusammen mit dem schnen Wetter bestimmt am schnsten sei.
Papa hat noch eine Weile hin und her berlegt, er wollte sich nich zunst etwas anderes in Koblenz anschauen, dann aber hat er doch gesagt, dass wir uns wegen des schnen Wetters jetzt nichts anderes mehr anschauen, sondern gleich zum Rhein gehen. Ich habe ihn gefragt, wie wir heraus bekommen, wo der Rhein liegt, da hat er gesagt, dass es ganz einfach sei, zum Rhein zu kommen, man msse nur geradeaus gehen, und er wisse genau Bescheid.
Papa weiimmer genau Bescheid, wie man in einer Stadt etwas findet, auch wenn er gar keine Stadtpl dabei hat, weier das immer genau, ich mchte blowissen, wie er das macht. Ich glaube, dass er in Koblenz so genau Bescheid wei weil er ja schon mehrmals in Koblenz war, aber wie macht er es, in Sten genau Bescheid zu wissen, in denen er noch nie war? Ich werde versuchen, auf dieser Wanderung heraus zu bekommen, wie Papa es anstellt, genau Bescheid zu wissen, dann kann ich es spr vielleicht auch.

Postkarte 1
Liebe Mama, ich sitze im Koblenzer Hauptbahnhof und schreibe Dir: Wir sind gut angekommen! Im Zug habe ich aus dem Fenster geschaut, und dann habe ich mit Papa Karten gespielt. Zum Schluss hat Papa eine Zeitung gelesen, und ich habe etwas aufgeschrieben und gekritzelt. In Koblenz gibt es ein astreines Sommerwetter, wie Papa eben gesagt hat. Wir denken beide an Dich. Dein Bub

Wir sind also zum Rhein gegangen und haben ihn sofort gefunden, auch am Rhein war es schn sonnig, und ich bin ein kleines Treppchen hinunter bis ganz nahe ans Wasser gegangen und habe die Steine bers Wasser hpfen lassen, ganz lange habe ich Steine bers Wasser hpfen lassen, und Papa hat unter einem gron Baum in der N gesessen und ein khles Glas Moselwein getrunken und viele Zeitungen gelesen.
Wie die Steine hpfen
Erst ein paar kurze, dann immer lere Sprnge tap-tap-tap-taap-taaap-taaaap
Die Steine flitzen ber das Wasser, beinahe ohne es zu berhren
Die Steine tauchen nicht ein, das Wasser verschluckt sie
Moselwein - Namen
Crver Nacktarsch Zeller Schwarze Katz Bullayer Brautrock
Moselwein - Namen 2
Ich: Was sind das fr seltsame Namen?
Papa: Das sind Namen von Weinlagen. Crv, Zell und Bullay
sind Orte an der Mosel, wo Wein angebaut wird.
Ich: Und Nacktarsch und Schwarze Katz und Brautrock?
Papa: Wie es zu diesen Namen kam, erze ich Dir, wenn wir
in Crv, Zell und Bullay angekommen sind.
Irgendwann ist Papa zu mir gekommen und hat auch ein paar Steine bers Wasser hpfen lassen, und dann hat er gesagt, dass jetzt bald Mittag sei und ich sicher gron Hunger he. Ich hatte aber gar keinen Hunger, und das sagte ich auch gleich, weil ich noch weiter am Rhein bleiben wollte. Papa aber sagte, in Wahrheit he ich sicher Hunger, ich merke es blonicht, und aurdem habe er auch Hunger, schlieich sei ja jetzt Mittag. Papa hatte recht, es war Mittag, und da hat man eben Hunger, auch in Koblenz ist das so.
Fragen
Ob Mama sich ein Mittagessen kochen wird, nur fr sich allein?
Ob Mama mich vermisst, wenn sie nach dem Essen allein an den Rhein geht?
Mama hat mir versprochen, nach dem Mittagessen an den Rhein zu gehen. Sie steht in Kln am Rhein, ich in Koblenz, wir stehen nach Mittag beide am Rhein und denken aneinander. Ob das klappt?
Papa sagte dann, dass wir an einem ganz besonderen Ort essen wrden, nich hoch oben, in der Hhe also, in einem Berghotel, das den Namen Rittersturz hat. Ich wollte eigentlich nicht in die Hhe, ich w lieber am Rhein geblieben, aber Papa sagte, dass wir nicht immer am Rhein bleiben knnten, weil es in Koblenz noch etwas anderes zu sehen gebe als bloden Rhein, und vom Hotel Rittersturz aus knne man berhaupt alles von Koblenz sehen, den Rhein, die Mosel und berhaupt alles.
Weil es aber so sonnig und heiwar, sind wir nicht zu Fuhinauf zum Hotel Rittersturz gegangen, sondern wir sind mit einem Bus hinauf gefahren, und oben auf der Hhe war wirklich ein gros Hotel, das eine schne Gartenterrasse hatte, so dass wir uns auf die Terrasse gesetzt haben, von wo aus Papa mir ganz Koblenz von oben erkln konnte.
Immer, wenn ich mit Papa unterwegs bin, fahren wir sehr bald irgendwo hinauf auf eine Hhe, damit er mir alles erkln kann. Papa mag das sehr, und wenn wir auf der Hhe angekommen sind, pfeift er vor sich hin und freut sich, dass wir nun so hoch sind und man die ganze Umgebung gut berblicken kann.

Produktinformationen

Titel: Die Moselreise
Untertitel: Roman eines Kindes
Autor:
EAN: 9783630873435
ISBN: 978-3-630-87343-5
Format: Fester Einband
Herausgeber: Luchterhand Literaturverlag
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 224
Gewicht: 306g
Größe: H204mm x B131mm x T22mm
Jahr: 2010
Land: DE