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Die geheimen Stunden der Nacht

  • Kartonierter Einband
  • 384 Seiten
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Leseprobe
An einem Montagmorgen erhält Georg von Heuken von seiner Sekretärin eine schlimme Nachricht: Sein Vater ist mit einem zweiten Herz... Weiterlesen
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Beschreibung

An einem Montagmorgen erhält Georg von Heuken von seiner Sekretärin eine schlimme Nachricht: Sein Vater ist mit einem zweiten Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es stellt sich heraus, dass er seinen Geschäften im Verlag nicht mehr nachgehen kann - eine Chance für seinen Sohn, endlich die Leitung zu übernehmen. Mit dem Vater verliert in Ortheils Roman die Generation ihre Macht, die nach dem Krieg unbekümmert ihren Erfolg gesucht hat und ihren Söhnen nur widerstrebend Platz machte. Ein großer Familien- und Generationenroman, in dessen Mittelpunkt keineswegs bloß der Kampf um ein Erbe steht - sondern auch der um eine geheimnisvolle Frau.

Ein großer Generationsroman über die Liebe und das Leben An einem Montagmorgen erhält Georg von Heuken von seiner Sekretärin eine schlimme Nachricht: Sein Vater, Richard von Heuken, ist mit einem zweiten Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es stellt sich heraus, dass er seinen Geschäften im Verlag nicht mehr nachgehen kann - eine Chance für seinen Sohn, endlich die Leitung sämtlicher, zum Familienbesitz gehörender Verlage zu übernehmen. Mit dem Vater verliert in Ortheils Roman die Generation ihre Macht, die nach dem Krieg unbekümmert ihren Erfolg gesucht hat und ihren Söhnen nur widerstrebend Platz machte. Vor diesem Hintergrund hat Hanns-Josef Ortheil einen großen Familien- und Generationenroman geschrieben, in dessen Mittelpunkt keineswegs bloß der Kampf um ein Erbe steht - sondern auch der um eine geheimnisvolle Frau.

"Ortheil hat seine Geschichte sprachlich im Griff, immer wieder gelingen ihm wunderbare lyrische Beobachtungen."

Autorentext
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Klappentext

Ein großer Generationsroman über die Liebe und das Leben

An einem Montagmorgen erhält Georg von Heuken von seiner Sekretärin eine schlimme Nachricht: Sein Vater, Richard von Heuken, ist mit einem zweiten Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es stellt sich heraus, dass er seinen Geschäften im Verlag nicht mehr nachgehen kann - eine Chance für seinen Sohn, endlich die Leitung sämtlicher, zum Familienbesitz gehörender Verlage zu übernehmen. Mit dem Vater verliert in Ortheils Roman die Generation ihre Macht, die nach dem Krieg unbekümmert ihren Erfolg gesucht hat und ihren Söhnen nur widerstrebend Platz machte. Vor diesem Hintergrund hat Hanns-Josef Ortheil einen großen Familien- und Generationenroman geschrieben, in dessen Mittelpunkt keineswegs bloß der Kampf um ein Erbe steht - sondern auch der um eine geheimnisvolle Frau.



Zusammenfassung
Ein großer Generationsroman über die Liebe und das Leben

An einem Montagmorgen erhält Georg von Heuken von seiner Sekretärin eine schlimme Nachricht: Sein Vater, Richard von Heuken, ist mit einem zweiten Herzinfarkt ins Krankenhaus eingeliefert worden. Es stellt sich heraus, dass er seinen Geschäften im Verlag nicht mehr nachgehen kann eine Chance für seinen Sohn, endlich die Leitung sämtlicher, zum Familienbesitz gehörender Verlage zu übernehmen. Mit dem Vater verliert in Ortheils Roman die Generation ihre Macht, die nach dem Krieg unbekümmert ihren Erfolg gesucht hat und ihren Söhnen nur widerstrebend Platz machte. Vor diesem Hintergrund hat Hanns-Josef Ortheil einen großen Familien- und Generationenroman geschrieben, in dessen Mittelpunkt keineswegs bloß der Kampf um ein Erbe steht sondern auch der um eine geheimnisvolle Frau.



Leseprobe
Georg von Heuken verläßt sein Haus kurz nach neun, es ist ein herbstlicher Montag, Wochenbeginn also, einer dieser Tage, an denen es auf seine Anwesenheit ankommt, mittags gegen zwölf zum Beispiel während der großen Konferenz mit den Lektoren des Verlages, den von Heuken seit erst zwei Jahren leitet. Auf dem Weg zur Garage schaut er kurz hinunter zum Rhein, das Haus liegt kaum zweihundert Meter vom Ufer entfernt in Rodenkirchen, einem südlichen Stadtteil von Köln. Jeden Morgen scheint das bekannte Bild für einen kurzen Vertrautheits-Moment stillzustehen: der graublaue Fluß-Fries mit dem Wellenrelief, der milchige Dunst des anderen Ufers mit seinen fleckigen Wiesen, wo längst die Jogger von ihren herumeilenden Hunden eingekreist werden.
Der Rhein hier bei Köln mit dem dicht gestaffelten Parcours der Brücken und den darunter hergleitenden Schiffen ist eines der frühsten Kindheitsbilder, das von Heukens Leben begleitet, nicht weit von diesem Ufer, im nobleren Stadtteil Marienburg, wurde er vor zweiundfünfzig Jahren geboren, manchmal verbindet das Rheinbild sich mit einem schwachen Ölgeruch, der vom Ufer heraufflackert, dann sind die Szenen der Kindheit plötzlich da: barfuß mit den Geschwistern am schimmernden Ufer, die Hosen hochgekrempelt, ein scharfes Sonnenätzen im Nacken und das weiße Unterhemd, das ein Windzug manchmal kurz aufbläht.
Heute morgen aber ist keine Zeit für sentimentale Schübe, von Heuken schaut wieder zu Boden, wie er es oft tut bei diesen wenigen ersten Schritten am Morgen ins Freie, am liebsten wäre er unsichtbar zu dieser Uhrzeit oder höchstens ein blasser Schatten, dem ein paar stumme Helfer alle Handgriffe abnehmen. Das Tor der Garage springt langsam und schwerfällig auf, von Heuken duckt sich und drängt sich leicht gebückt in den kühlen, etwas zu niedrigen Bau, wo der neue rote Mazda RX mit seinen schwarzroten glänzenden Ledersesseln nur auf ihn wartet, er steht da wie ein exotisches fettes Insekt, das in solchen Standboxen auf ideale Weise gedeiht und bei Sonnenlicht ausrastet. Vier Türen, vier Sitze das war der Kompromiß, auf den von Heuken sich gerade noch eingelassen hatte, dafür ist der Wagen für seinen Geschmack immer noch Sportwagen genug, auf den Punkt getrimmt und mit einem leicht arroganten Design, durchaus also etwas für Fahrer, die ihre Runden auch einmal allein drehen wollen.
Er startet den Wagen und läßt ihn aus der Garage rollen, er glaubt förmlich zu spüren, wie scharf dieses Auto darauf ist, loszubrausen, und wie es sich denn doch zurückhält, um fast lautlos auf die schmale Straße vor seinem Haus zu gleiten. Neun Uhr vier, denkt von Heuken, exakt in der Zeit, in seinem Büro schaltet Joana jetzt das Schreibtisch-Licht ein und stimmt es mit dem Dimmer ab auf das mulmige Dunkel des Herbstes. Der Glaspalast des Konzerns, der aussieht, als habe man einen gewaltigen Haufen glänzender Gelatine mitten in eine wüste Leere gestellt, liegt im Kölner Norden, vom frühen Morgen an bekommen die Mitarbeiter die Veränderungen des Wetters bis in jedes Detail mit, das ist lästig und kostet nur Zeit, insgeheim war von Heuken immer gegen solche angeblich radikalen Extravaganzen, Pa aber war davon begeistert, Pa mit seinem koreanischen Star-Architekten, der ihm etwas von Transparenz und Klarheit vorgeschwärmt hatte, jetzt war es zu spät, und Transparenz und Klarheit waren nichts anderes als lächerlich gewordene Begriffe eines asiatischen Snobs, der nicht einmal an das Kölner Wetter gedacht hatte.
Kölsch Wetter, denkt von Heuken und bläst etwas kühle Luft gegen das Lederlenkrad des roten Mazda, Wolken, die sich gerade noch über den Rheinbrücken halten, die Blätter der Uferalleen eindicken und sich mit einem Platzregen in den Fluß sacken lassen, und dazu jede halbe Stunde ein taumeliger Wind aus einer anderen Richtung. Er hält das Lenkrad mit beiden Händen und biegt in den dichten Verkehr ein, der direkt am Rhein entlang nach Norden fließt, er überlegt kurz, ob er das Radio einschalten soll, dann aber spürt er, wie er fast von allein tiefer hineinsackt in den schräggestellten, bequemen Sitz, wie er abtaucht und dem Wagen die Fahrt überläßt.
Die Kinder, Marie und Johannes, sind längst in der Schule, Marie ist fünfzehn und Johannes kaum ein Jahr jünger, morgens bekommt er nicht viel von ihnen mit, sie frühstücken unten in der Küche, wo ihnen das englische Hausmädchen, dessen Namen er immer wieder vergißt, etwas hinstellt. Wenn sie das Haus verlassen, hört man die schwere Tür ins Schloß schlagen, dann schnarren die beiden Mofas kurz auf, selbst bei diesem Sauwetter fahren die Kinder damit zur Schule, mit eingezogenen Köpfen, regungslos in sich zusammengekrümmt, als verstopfe ihnen das britische Frühstück, das sie wegen ihrer Begeisterung für irgendwelche Pop-Gruppen von der Insel jeden Morgen in sich hineinschaufeln, den Magen.
Clara aber sitzt jetzt noch unten im Erkerzimmer, wo sie gegen acht meist zusammen frühstücken, sie durchblättert die Zeitungen und die Trend-Journale, von denen alle paar Tage welche ins Haus flattern, für einen kurzen Moment sieht er sie hinter der breiten Glasfront in ihrem Korbsessel sitzen, der breite Gürtel des Bademantels hängt längst schlaff zu beiden Seiten herab, seit sie Fünfzig geworden ist, läßt sie sich ein wenig gehen, Georg von Heuken hat die kleinen Signale müder Resignation genau bemerkt, aber natürlich hat er sie nie erwähnt, sie sprechen darüber nicht, sie geben sich Mühe, weiter zusammenzuhalten, erst recht jetzt, wo von Heuken den Verlag endlich führt, an dessen Spitze er seit mehr als zehn Jahren hatte stehen wollen.
Caspar & Cuypers hat der alte von Heuken Mitte der fünfziger Jahre gekauft, damals war es ein, wie man so sagt, alteingesessener Kölner Verlag ohne Erben, Pa hat sich mit seinem Duzfreund Walter Caspar angeblich im Früh am Dom während eines langen Mittagessens geeinigt, noch heute erzählt er davon, von Rheinischem Sauerbraten und sechzehn Kölsch, von vier holländischen Zigarren und acht Klaren, niemand konnte damals mit Pa mithalten und erst recht nicht Walter Caspar, der noch an seinen Kriegsverletzungen laborierte, während Pa bereits zu einer Inkarnation des Wirtschaftswunders geworden war, ein junger, zielstrebiger Mann um die Dreißig mit einem ausgeprägten kaufmännischen Instinkt, der begonnen hatte, sich eine Unternehmensgruppe zusammenzukaufen.
Caspar & Cuypers also , mit seinen mehr als zehn Lektoren und hundert Mitarbeitern ist er inzwischen ein Traditionsverlag der Heuken-Gruppe, Belletristik und Sachbuch, Reisebücher, nicht zu vergessen die nach wie vor florierende Abteilung Kunst & Fotografie, Caspar & Cuypers ist ein hoher Gewinnposten in der Bilanz, aber wenn man diesen Verlag leitet, ist man noch lange nicht an der Spitze des Konzerns angelangt, zu dem noch sechs weitere Verlage, vier Zeitungen, mehrere Zeitschriften und ein Buchclub gehören. Die Konzernleitung hat der alte von Heuken noch nicht aus der Hand gegeben, seit Jahren werden Gespräche geführt, Planungen angestellt, Umstrukturierungen sind angeblich notwendig, bis jetzt ist aber nichts Greifbares dabei herausgekommen, außer mehreren eintägigen Treffen des Alten mit seinen drei Kindern, Georg ist der älteste, aber es gibt auch noch Christoph und Ursula, auch diese beiden leiten jeweils einen Verlag, zum Glück nicht hier in Köln, sondern in Stuttgart und Frankfurt.
Der rote Mazda kommt immer wieder in den langen Schlangen, die sich am Rheinufer entlangziehen, zum Stehen, Georg von Heuken wartet jetzt in Höhe des Doms, manchmal sucht er mit seinen Blicken nach einem Halt in diesen schwarzgrauen Massen, aber es gelingt ihm nie, kein Detail, nichts bietet sich an, jeder Blick malt nur ein paar stumpfe, bohrende Kreise in die Außenfassade, die aussieht wie erstarrter dunkler Biskuit. Einmal ist er mit einem amerikanischen Geschäftspartner in einem Außenaufzug an all diesen spitzen Fialen und Kreuzblumen entlang in die Höhe gefahren, schon der Gedanke an das enge Gefährt und den hereinpläddernden Wind läßt ihn zusammenzucken, seither macht ihm dieses Gebäude noch mehr angst als früher, als er sich als Kind in seinen unterkühlten Hallen bewegte, in der Sakramentskapelle des Doms wurde er sogar getauft, der Alte hatte darauf bestanden, all seine Kinder und auch die drei Enkel erhielten die Taufe in dieser Kapelle, seit vielen Jahren hat Georg von Heuken sie nicht mehr betreten.
Als er wieder anfahren will, klingelt das Handy, Joana meldet sich aus seinem Büro, »entschuldigen Sie, Herr von Heuken, es handelt sich um eine dringende Sache«, sagt sie so leise, als dürfe es niemand hören, er gibt kurz durch, wo er sich gerade befindet, »spätestens in zehn Minuten bin ich da«, sagt er betont gelassen, doch sie insistiert, »Ich glaube, Sie sollten es sofort erfahren, Herr von Heuken.« Joanas Ton klingt ganz anders als sonst, er hört es sofort, und es wundert ihn, da er diesen gepreßten, etwas unruhigen Ton von ihr nicht kennt, Joana ist eine Person, die ihre Emotionen perfekt kontrolliert, gerade deshalb hat er sie ja zu seiner Sekretärin und rechten Hand gemacht, vor genau zwei Jahren, als sie sich mühelos gegen fünf Bewerberinnen durchsetzte, drei Sprachen fließend, nicht aus Köln, wohl aber aus der Region, eine schmale, große und doch wohltuend unauffällige Frau, die ihn bisher noch nie enttäuscht hat. Er sagt, daß er sofort zurückrufen werde, dann zieht er sich, die beiden Hände jetzt noch fester am Steuer, in seinem Sitz hoch, er biegt von der Uferstraße nach links ab und parkt den Wagen in der nächsten Lücke, die sich in dem zum Rhein hin gerichteten Parkstreifen auftut.
»Was gibt's denn, Joana?« meldet er sich wieder und schaut jetzt direkt auf den Rhein. »Ihr Herr Vater hatte heute früh eine Herzattacke«, antwortet die Stimme, der er einen Moment nachhorcht, während er gleichzeitig schon die Wagentür öffnet und den Wagen verläßt, er steht jetzt im Freien und lehnt sich mit seinem ganzen Gewicht schwer gegen die hintere Tür, er schluckt kurz, mit einem Mal ist seine Zunge so trocken und rauh, als habe er tagelang nicht getrunken.
»Hören Sie mich?« fragt Joana, von Heuken bemüht sich, ruhig zu antworten, »ja, ich höre Sie gut, Joana, sprechen Sie weiter«. Er schluckt mehrmals und hastig, er versucht, den trockenen Mund zu befeuchten, jetzt ist der Moment da, denkt er, der Moment, von dem wir Geschwister manchmal gesprochen und an den wir doch nicht geglaubt haben, der zweite Herzinfarkt, immerhin mehr als zehn Jahre nach dem ersten, der Moment, nach dem, wie Christoph einmal spöttisch gesagt hat, nichts mehr so sein wird wie früher. Von Heuken kratzt sich am Kopf, es ist ein purer Reflex, in San Francisco hat er als junger Buchhändler einmal einen Kurs in Katastrophen-Training besucht, wie reagiere ich auf plötzliche, unerwartete Ereignisse, auf den Tod eines nahen Menschen, auf Unfälle, auf alles, was den Lebensfaden mit einem einzigen Hieb zerteilt, so daß er sich vielleicht jahrelang nicht neu knüpfen läßt. Einige Kurs-Teilnehmer hatten solche Kurse bereits hinter sich und berichteten detailliert, was sie unternehmen würden, ihm war es schließlich zuviel geworden, er hatte nachts von diesen Berichten geträumt, es hatte ihn richtiggehend hineingezogen in das finsterste Unglück, Wochen hatte er gebraucht, die depressive Lethargie loszuwerden, die all diese Ego-Manien in ihm ausgelöst hatten.
Jetzt ist genau die Stimmung von damals wieder da, das fahle Entsetzen, der offene Mund mit der pelzigen, rasch dicker werdenden Zunge, Gary, der Coach, hatte das alles exakt anhand von bunten anatomischen Skizzen erklärt, diesen ganzen Aufruhr des Körpers mit seinen hintersinnigen, minimalen Zeichen, die sich bald von außen nach innen verlagern und zu Bildern einer entwürdigenden Abwesenheit und eines apathischen Herumfummelns führen. Er kratzt sich weiter, er fährt mit der flach ausgestreckten Rechten immer wieder über sein Haar, dann sagt er noch einmal: »Sprechen Sie weiter, Joana, ich höre«, er steht jetzt steif neben seinem roten Mazda RX, der ihm noch nie so lächerlich vorkam, deplaziert, eine Schnapsidee, ein kastrierter Traum, am liebsten würde er ihn sofort im Rhein versenken.
»Die Nachricht kam vom Empfangschef des Dom-Hotels«, macht Joana nun weiter, »Ihr Herr Vater ist etwa vor einer halben Stunde in seiner Suite zusammengebrochen, ganz plötzlich, der Zimmerservice servierte gerade das Frühstück.« Wieder versteht er nur langsam, wieder verdrehen sich diese Worte zu einem Strudel, der sich in lauter schwarzen Blasen verliert, welche Suite, wieso im Dom-Hotel, heißt das, daß Vater nicht zu Hause übernachtet hat, nicht in Marienburg also, sondern außerhalb, im Hotel? Aber warum sollte er im Dom-Hotel übernachten, von dem aus ein Taxi kaum zehn Minuten bis nach Marienburg braucht?
»Die Klinik wurde sofort verständigt«, sagt Joana, »soll ich nachfragen, ob der Transport schon dorthin unterwegs ist?«
»Nein«, antwortet von Heuken, »ich fahre hin, ich bin nicht einmal drei Minuten vom Hotel entfernt, sprechen Sie mit niemandem darüber, Joana, keinerlei Auskünfte, Sie wissen von nichts, ich melde mich sobald es geht wieder bei Ihnen.«
»Ich habe verstanden«, sagt Joana, »und es tut mir leid, Herr von Heuken, auch für Sie tut es mir leid, meine ich.«
»Danke, Joana«, antwortet er, während er rasch einsteigt und das Handy auf den Beifahrersitz legt. Wenn der Transport unterwegs ist, lebt Vater noch, denkt er, genauer nachzufragen hat er nicht gewagt, noch lebt Vater, denkt er stur immer wieder, dann aber sagt er sich, daß er diese schräge Sitzgarnitur so schnell es geht vor das Dom-Hotel fahren muß, rechts abbiegen, ein paar hundert Meter geradeaus, gleich wieder rechts, in maximal fünf Minuten wird er da sein, aber was wird sein, wenn man ihm dort doch einen Toten präsentiert, für Sekunden sieht er das Bild eines Leichnams, dessen harte Konturen sich durch eine über ihn gebreitete Decke pressen, weiß ist diese Decke, milchweiß, gleich wird eine Hand am Kopfende sie zurückschlagen und den Blick auf einen Schädel mit weitgeöffnetem Mund freigeben, so jedenfalls stellt er es sich vor, Pas großen, beinahe kahlen Schädel mit den fleischigen, sinnlichen Lippen, die bereits etwas gesprungen und von feinen, welken Lamellen durchzogen sind. Den Leichnam seiner Mutter hat er nie gesehen, sie ist vor acht Jahren gestorben, nachdem sie bald zwei Jahre allein in einer Drei-Zimmer-Wohnung verbracht hatte, kaum fünfhundert Meter von seinem Elternhaus entfernt, in dem der alte von Heuken bis jetzt mit seiner Haushälterin lebt.
Liesel Burger, die Haushälterin während er viel zu schnell zum Dom-Hotel einbiegt und durch zwei Ampeln aufgehalten wird, überlegt Georg von Heuken, ob er sie anrufen und fragen soll, warum sein Vater im Dom-Hotel übernachtet hat, rasch aber überlegt er es sich anders, erst will er wissen, wie es Vater geht, dann kann das Nachfragen beginnen, das nicht leicht werden wird, erst recht nicht im Fall von Liesel Burger, die Pa schließlich seit über fünfzig Jahren betreut. Seltsam, diese stabilen Lebenskreise, denkt er, Liesel leitet Vaters irdischen Hofstaat, das große Haus mit den Angestellten und dem weiten Gartengelände, fast ebenso lang wie Minna Zech sein Büro, schwer zu sagen, wer die Stärkere von beiden ist, sie konnten sich niemals ausstehen, sie haben immer darum gekämpft, in Pas Umkreis die wichtigste Rolle zu spielen, richtig erbittert wurde das, als Pa sich von Mutter trennte, sie war der einzige stabile Halt, den er nach vielen Ehejahrzehnten preisgab. Was da vor zehn Jahren passiert ist, weiß niemand genau, und Mutter hat darüber mit niemandem eingehender gesprochen, höchstens, vielleicht, mit Ursula, aber aus Ursula war noch nie etwas herauszubekommen.
Auch Minna Zech wird er jetzt nicht anrufen, er hält nun direkt vor dem Eingang des Dom-Hotels auf der Domplatte, wie peinlich, einen solchen Wagen in aller Öffentlichkeit und aus diesem Anlaß hier zu parken, im schlimmsten Fall wird er sich sofort einen anderen Wagen zulegen müssen, etwas Gesetzteres, in Schwarz oder höchstens in einem dieser Metallic-Töne, die gerade in Mode sind, verdammt, er ruft sich zur Raison, er wird jetzt hineingehen und absolut die Ruhe bewahren, er wird die Sache durchstehen, man muß die überhitzten Emotionen striegeln wie Pferde nach dem Ausritt, man muß sie abkühlen lassen und langsam durch das Nadelöhr in die Boxen schleusen, so einen Unsinn hat Gary damals in San Francisco gesagt, Gary ist später auf die Militärakademie von West Point gegangen, er war einer von denen, die einfach nicht genug bekommen konnten von all diesem Katastrophen-Nonsense.

Das Nadelöhr, denkt Georg von Heuken, als die Glastür des Hoteleingangs vor ihm aufspringt, dahinter empfängt ihn die smarte, heimlichtuerische Dunkelheit, die Grand-Hotels im Rezeptionsbereich gern zelebrieren, im Aufenthaltsraum zur Linken sitzen bereits ein paar ältere Gäste in den Sesseln und haben sich die neuesten Zeitungen geschnappt, von Heuken hat gleich den Verdacht, daß es Menschen mit Schlafstörungen sind, die sich so früh wie nur möglich über das Frühstücksbuffet hergemacht haben, um sich im Ausgleich für den fehlenden Schlaf mit so schwerer Kost wie geräuchertem Lachs, Eiern und Speck zu versorgen. Die beiden jungen Empfangsdamen, die wie zwei Schwestern dicht nebeneinander stehen, schauen zu ihm auf, erkennen ihn aber nicht, sie halten ihn für einen Gast, der jetzt sein Anliegen vortragen wird, von Heuken geht direkt auf sie zu und bleibt dicht vor ihnen stehen, um sie gut fixieren zu können.


Produktinformationen

Titel: Die geheimen Stunden der Nacht
Untertitel: Roman
Autor:
EAN: 9783442736393
ISBN: 978-3-442-73639-3
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: BTB Tb.
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 384
Gewicht: 315g
Größe: H187mm x B119mm x T26mm
Jahr: 2007
Land: DE