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Abschied von den Kriegsteilnehmern

  • Kartonierter Einband
  • 352 Seiten
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Leseprobe
In "Abschied von den Kriegsteilnehmern" erzählt Hanns-Josef Ortheil von der Flucht eines jungen Mannes nach Amerika, wo ... Weiterlesen
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Beschreibung

In "Abschied von den Kriegsteilnehmern" erzählt Hanns-Josef Ortheil von der Flucht eines jungen Mannes nach Amerika, wo er den Bildern von Krieg und Nachkrieg entkommen will, die ihn seit dem Tod seines Vaters obsessiv verfolgen. Zum Mississippi, nach New Orleans und in die Karibik führt diese immer manischer werdende und Schrecken auslösende Flucht, bis der Sohn wieder den Weg nach Europa findet, wo mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 gerade die "Vater-Epoche" zu Ende geht. "Abschied von den Kriegsteilnehmern" ist eine große Elegie auf die deutsche Nachkriegszeit: Ein Roman über Väter und Söhne, über Bilder und Vorbilder.

Ortheil bringt das Kunststück fertig, Zeitgeschichte in einen Roman einfließen zu lassen.

Autorentext
Hanns-Josef Ortheil wurde 1951 in Köln geboren. Er ist Schriftsteller, Pianist und Professor für Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus an der Universität Hildesheim. Seit vielen Jahren gehört er zu den beliebtesten und meistgelesenen deutschen Autoren der Gegenwart. Sein Werk wurde mit vielen Preisen ausgezeichnet, darunter dem Thomas-Mann-Preis, dem Nicolas-Born-Preis, dem Stefan-Andres-Preis und zuletzt dem Hannelore-Greve-Literaturpreis. Seine Romane wurden in über zwanzig Sprachen übersetzt.

Klappentext

In "Abschied von den Kriegsteilnehmern" erzählt Hanns-Josef Ortheil von der Flucht eines jungen Mannes nach Amerika, wo er den Bildern von Krieg und Nachkrieg entkommen will, die ihn seit dem Tod seines Vaters obsessiv verfolgen. Zum Mississippi, nach New Orleans und in die Karibik führt diese immer manischer werdende und Schrecken auslösende Flucht, bis der Sohn wieder den Weg nach Europa findet, wo mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 gerade die "Vater-Epoche" zu Ende geht. "Abschied von den Kriegsteilnehmern" ist eine große Elegie auf die deutsche Nachkriegszeit: Ein Roman über Väter und Söhne, über Bilder und Vorbilder.




Zusammenfassung
In Abschied von den Kriegsteilnehmern erzählt Hanns-Josef Ortheil von der Flucht eines jungen Mannes nach Amerika, wo er den Bildern von Krieg und Nachkrieg entkommen will, die ihn seit dem Tod seines Vaters obsessiv verfolgen. Zum Mississippi, nach New Orleans und in die Karibik führt diese immer manischer werdende und Schrecken auslösende Flucht, bis der Sohn wieder den Weg nach Europa findet, wo mit der Öffnung des Eisernen Vorhangs im Jahr 1989 gerade die Vater-Epoche zu Ende geht. Abschied von den Kriegsteilnehmern ist eine große Elegie auf die deutsche Nachkriegszeit: Ein Roman über Väter und Söhne, über Bilder und Vorbilder.




Leseprobe
Überall suchten ihn meine Augen, aber er kam mir nicht wieder. Und ich haßte alle Dinge, weil sie ihn mir nicht wiederbringen konnten, weil sie mir nimmer sagen konnten: sieh, da kommt er, wie früher wohl in den Tagen seines Lebens, da er fort war und wiederkommen sollte. Und mir selber ward ich zum großen Rätsel...
Augustinus, Confessiones

... Als ich aber aus der kleinen Leichenhalle des Dorfes ins Freie trat, schlugen mir die Sonnenstrahlen gerade ins Gesicht, und während ich geblendet weiterging und weiter versuchte, ruhig, langsam und sicher aufzutreten, aufzutreten auf dem noch feuchten Kies, in dem ich jeden einzelnen Stein zu erkennen glaubte, dachte ich immer nur, daß es nichts sei, dies hier, gar nichts, nichtiges Gehen, sonst nichts, und so ging ich mit diesem verschleppten Gang hinter dem auf dem kleinen Karren vor mir dahinschwankenden Eichensarg her, in dem die Leiche meines Vaters liegen mußte.
Ich konnte mich in diesen Momenten nicht an meinen Vater erinnern, ja, ich versuchte es nicht einmal, sondern ging, wie ich mir befahl, nur langsam und ruhig hinter dem Sarg her und versuchte, alle Erinnerung aus meinen Gedanken fortzuschaufeln, um nichts, rein gar nichts zu empfinden. Nein, dachte ich nur, in diesem Sarg liegt nicht die Leiche meines Vaters, nein, mein Vater ist irgendwo, jedenfalls nicht in diesem Sarg, wie sollte er denn auch in diesen Sarg gelangt sein, wer hätte ihn hineingelegt, und wenn überhaupt..., dann hätte er ja zuvor gestorben sein müssen. Neinnein, dachte ich weiter, natürlich ist Vater nicht gestorben, noch nicht jetzt, irgendwann wird er sterben, aber noch lebt er ja, er lebt, vielleicht nicht ganz gesund, vielleicht mit seinen geringen Alterskräften, er lebt oben in dem kleinen Haus, das er sich auf der höchsten Erhebung der Gegend, gerade unter dem trigonometrischen Punkt erbaut hat, er lebt in diesem seinem eigenen Denkmal, in diesem Haus eines Vermessers, eines Geodaten, das nur ein Haus gerade unterhalb eines trigonometrischen Punktes sein konnte. Dort würde er in irgendeinem Sessel sitzen und lesen, so dachte ich, und der Eichensarg, der hier vor mir über den feuchten Kies geschoben wurde, war nur irgendein Sarg, jedenfalls keiner, in dem sich etwas befand, was auch mich anging, und erst recht nicht mein Vater.
Die Sonnenstrahlen blendeten mich so stark, daß ich dauernd auf den Boden schauen mußte, und auf dem Boden glitzerten plötzlich die Kieselsteine als feurige Spektren und tanzten mir ihre Farben vor, und ich stierte nur auf diesen unter mir dahinfließenden Teppich, den irgendwer nun auch seitwärts, da, wo meine Mutter vor sich hin stolperte, entlangzog, so daß ich sie am Arm nahm, meine Mutter, die aus unerfindlichen Gründen neben mir ging, weil sie dem schlimmen Wahn verfallen war, in dem vor uns dahinholpernden Eichensarg befinde sich die Leiche meines Vaters. Schon oft hatte meine Mutter mich mit solchen Irrtümern verstört, in den letzten Jahren hatte sie es geradezu darauf angelegt, mich immer wieder zu irritieren, indem sie mich an den entlegensten Orten angerufen hatte, um mir mitzuteilen, daß es meinem Vater nicht gut gehe, daß es ihm schlecht, schlechter, miserabel gehe, daß der Tod bevorstehe, daß der Tod angekündigt, aufgeschoben, verdrängt, abgespeist sei, und jedesmal hatte ich sie noch beruhigen können, manchmal freilich nur dadurch, daß ich in das Haus unterhalb des trigonometrischen Punktes gefahren war, in mein Elternhaus also, in dem ich zu den Zeiten meiner Aufenthalte das obere Stockwerk mit dem unendlichen Blick in die Landschaft bewohnte, einem geradezu überwältigenden Blick, in dem es kaum Einzelheiten, sondern nur den Rachen der Weite gab.
Dort hatte ich meist einige Tage zugebracht, treppauf, treppab, immer dem Mienenspiel meines Vaters auf der Spur, seinen Stimmungen ergeben, seinen Launen folgend, mit dem Blick nicht in die Weite, sondern in das immer schärfer, prägnanter und asiatischer werdende Gesicht meines Vaters, und ich hatte wie selbstverständlich damit gerechnet, daß sich das Befinden meines Vaters in meiner Gegenwart bessern würde. Und so war es immer wieder gekommen, natürlich, ich hatte allein durch mein Dasein meinem Vater immer wieder auf die Beine geholfen, aufgestanden war er wie ein frischer Mann, wie der Mann also, der mit mir monatelang allein unterwegs gewesen war, früher, in den Tagen, als ich "sein einziger Sohn" war.
Auch jetzt war ich noch immer "der einzige Sohn", und daß mein Vater mich so nannte, hatte damit zu tun, daß er sich fünf Söhne gewünscht hatte, von diesen fünfen jedoch nur noch ich am Leben war, so daß er mich den "einzigen Sohn" nannte, freilich hätte er mich auch den letzten Sohn nennen können, denn ich war von diesen fünf Söhnen der jüngste und letzte und trug die anderen vier, die längst gestorben waren, auf meinem Buckel. Ich trug sie auf meinem Buckel, obwohl ich keinen von ihnen je gekannt hatte, denn sie waren alle vor mir gestorben, mir vorausgestorben, und das war um so schlimmer, denn hätte ich sie noch lebend erlebt, so hätte ich mich an irgendeine Erinnerung klammern können, so war es aber mit diesem Halten und Klammern nichts, ich war das Phantombild meiner verstorbenen Brüder, und deshalb nannte mich mein Vater, um doch zumindest etwas Spott für diesen schwierigen Zustand zu finden, deshalb nannte mich mein Vater seinen "einzigen" oder auch seinen "letzten" Sohn.
Ja, dachte ich weiter, ich bin der "einzige" und auch der "letzte" Sohn, nach mir kam nichts mehr, und die, die mir vorauslebten, lebten mit ihren abgebrochenen Leben auf mich zu, vielleicht lebten sie ja weiter in mir, tobten sich aus in meinem Leben, wer wußte das schon genau, oder sie ließen sich durch mich vertreten, hier und da tauchte ich als ihr Stellvertreter auf und meldete mich zur Stelle. Jedenfalls hatte mein Vater mich in manchen Augenblicken mit diesem oder jenem meiner verstorbenen Brüder verwechselt, er hatte mich mit falschem Namen gerufen, und meist hatte ich so getan, als hätte ich diesen falschen Ruf ganz überhört, denn er konnte ja niemand anderen meinen als mich mit seinem Rufen. Außerdem sprach mein Vater nur selten von meinen Brüdern, er tat, als habe er sie vergessen und als genüge es ihm nach all dem schwer ertragenen Leid über den Tod dieser Brüder vollends, wenigstens noch einen Sohn am Leben zu wissen, den "einzigen" und "letzten".
Ich aber hatte viel Zeit meines Lebens damit zugebracht, mich an meine Brüder zu erinnern und mich mit ihnen zu vergleichen, so daß ich sagen konnte, sie gingen mir fast täglich im Kopf herum, und auch wenn ich nicht ausdrücklich an sie dachte, erschienen sie mir nahe, manchmal wie gütige Helfer, dann aber als lästige Alleswisser, denen gegenüber mein Leben sich eigentlich erübrigte. Ja, manchmal dachte ich, daß sich mein Leben wirklich erübrigte, ich lebte doch nur als eine Art Zeichen des unbändigen Lebenswillens meiner Eltern, ich stand lächelnd, gesund und ohne Widerrede bereit, ich gab mir Mühe, sie mit meinen wechselnden Kunststücken zu erfreuen, aber in all diesen Bemühungen diente ich vor allem dem Andenken meiner Brüder, nicht mir selbst, folgte ich vor allem diesen Befehlen aus dem Jenseits, nicht aber meinen eigenen, wie ich ja auch, hätten meine Brüder es fertiggebracht, am Leben zu bleiben, nicht, niemals geboren worden wäre.
Nein, ich wäre niemals geboren worden, irgendein anderer wäre vielleicht noch zur Welt gekommen, nicht aber ich, den sechs Jahre vom Ende des letzten Krieges trennten, sechs lange Jahre, in denen meine Mutter sich von meinen toten Brüdern zu befreien versucht hatte, von ihren Umarmungen und frühen Lauten, sechs lange Jahre, in denen die Kraft meiner Mutter langsam erloschen war, so sehr, daß sie am Ende beinahe stumm geworden war, bis meine Geburt sie aus der lebensgefährlichen Stummheit herausgerissen hatte.
Auch während meiner ersten Jahre war sie immer wieder in diese Stummheit zurückgefallen, ich erinnerte mich gut an diese Anfälle des Stummseins, denn mit meinem Lallen und Sprechen hatte ich sie von diesem Stummsein zu befreien, was mir in vielen Momenten, aus denen ich mein ganzes Glück zog, auch gelungen war.

Produktinformationen

Titel: Abschied von den Kriegsteilnehmern
Untertitel: Roman
Autor:
EAN: 9783442734092
ISBN: 978-3-442-73409-2
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: BTB Tb.
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 352
Gewicht: 348g
Größe: H188mm x B118mm x T24mm
Jahr: 2005
Land: DE