

Beschreibung
Die Konstitution zweigeschlechtlicher Subjekte als Effekt von Machtverhältnissen zu begreifen stellt mittlerweile kein theoretisches Neuland mehr dar. Die Rolle des Staates dabei blieb bislang in der feministischen Staatstheorie sowie der Queer Theory weitgehe...Die Konstitution zweigeschlechtlicher Subjekte als Effekt von Machtverhältnissen zu begreifen stellt mittlerweile kein theoretisches Neuland mehr dar. Die Rolle des Staates dabei blieb bislang in der feministischen Staatstheorie sowie der Queer Theory weitgehend ausgeblendet. An dieser Leerstelle setzt Gundula Ludwig an: Im Anschluss an Gramsci, Foucault und Butler zeigt sie, inwiefern das Verhältnis von staatlicher Macht und vergeschlechtlichten Subjekten sich gegenseitig bedingt: Über die Vergeschlechtlichung schreibt sich staatliche Macht in einer körperlichen und psychischen Form in die Subjekte ein, wodurch erst eine historisch spezifische Form staatlicher Machtausübung möglich wird.
Autorentext
Gundula Ludwig ist Professorin für Sozialwissenschaftliche Theorien der Geschlechterverhältnisse und Leiterin des Center Interdisziplinäre Geschlechterforschung Innsbruck an der Universität Innsbruck. Ihre Forschungsschwerpunkte sind queer-feministische Staats- und Demokratietheorie, Theorien der Subjektivierung, Körper- und Biopolitik, Gewalt und Geschlecht. Sie ist Redakteurin der Zeitschrift »Femina Politica« und Vorstandsmitglied der Österreichischen Gesellschaft für Geschlechterforschung.
Klappentext
Die Konstitution zweigeschlechtlicher Subjekte als Effekt von Machtverhältnissen zu begreifen stellt mittlerweile kein theoretisches Neuland mehr dar. Die Rolle des Staates dabei blieb bislang in der feministischen Staatstheorie sowie der Queer Theory weitgehend ausgeblendet. An dieser Leerstelle setzt Gundula Ludwig an: Im Anschluss an Gramsci, Foucault und Butler zeigt sie, inwiefern das Verhältnis von staatlicher Macht und vergeschlechtlichten Subjekten sich gegenseitig bedingt: Über die Vergeschlechtlichung schreibt sich staatliche Macht in einer körperlichen und psychischen Form in die Subjekte ein, wodurch erst eine historisch spezifische Form staatlicher Machtausübung möglich wird.
Leseprobe
Wissenschaftliche Lexika und Wörterbücher spiegeln das Selbstverständnis und die Grenzen einer Disziplin wider und schreiben sie fest. Ein Blick in einschlägige politikwissenschaftliche Nachschlagewerke lässt auf den ersten Blick den Schluss zu, dass weder das moderne Subjekt noch dessen Verhältnis zum Staat Gegenstand der politischen Theorie ist, da das Subjekt nicht als relevante Figur des Kanons politisch-theoretisch relevanter Themenfelder ausgewiesen wird (für den deutschsprachigen Kontext stellvertretend: Görres-Gesellschaft 1985; Nohlen/Schultze 1985 und 1999; für den anglo-amerikanischen Raum: Hammond 2009; Hawkesworth/Kogan 1992; Miller/Coleman/Connolly/Ryan 1987). Vielmehr gelten innerhalb der wissenschaftlichen Arbeitsteilung die Philosophie, Psychologie, Semiotik, Literaturwissenschaft und Soziologie als relevante Disziplinen für die Theoretisierung des Subjekts (Zima 2000: ix). Ein zweiter Blick zeigt jedoch, dass das Subjekt in der politischen Ideengeschichte und Theorie keineswegs abwesend ist, vielmehr dient sein Wesen insbesondere in den modernen Vertragstheorien als bis in die Gegenwart gültige Begründung des modernen Staates. So sind beispielsweise bei Thomas Hobbes (1984) die naturgegebenen Leidenschaften und Eigenschaften des Subjekts die Begründung dafür, dass die Unterwerfung aller unter den modernen Staat die einzig legitime Form des Zusammenlebens darstellt (ähnlich u.a. Locke 1974 und Rousseau 2000). Das Subjekt gilt in der politischen Theorie als Begründung und Ursprung für den modernen Staat, die moderne Gesellschaft, das Projekt der Moderne überhaupt, da aus seinen Eigenschaften universelle Werte und Rechte der modernen, westlichen Gesellschaft abgeleitet werden: Da das moderne autonome, sich selbst transparente und souveräne Subjekt zu rechtlicher und moralischer Verantwortlichkeit befähigt sei, müsse die moderne politische und gesellschaftliche Ordnung ihre Legitimation darauf ausrichten. Die Aufgabe des Staates bestehe lediglich darin, den natürlichen Eigenschaften gerecht zu werden und diese zu zähmen. Konsequenterweise gilt das Subjekt auch als vorstaatlich - worauf nicht zuletzt die Leere in den politischen Lexika verweist. Im Gegensatz zu dieser Abwesenheit des Subjekts als eines expliziten Gegenstands der politischen Theorie finden sich innerhalb der feministischen Theorie zahlreiche Arbeiten zum modernen Subjekt. So haben einerseits Simone de Beauvoir (1985), Regina Becker-Schmidt (1991), Jane Flax (1993), Nancy Hartsock (1990), Luce Irigaray (1977), Andrea Maihofer (1995), Susan Moller Okin (1979) und viele mehr aufgezeigt, dass das souveräne, moderne Subjekt eine maskulinistische Imagination ist (zum eurozentrischen Subtext des modernen Subjekts vgl. u.a. Minh-ha 1989, Mohanty 1991). Andererseits haben Judith Butler (GTr; BtM), Donna Haraway (1987), Teresa de Lauretis (1993) und Monique Wittig (1992) überhaupt die Vorstellung eines naturgegebenen vergeschlechtlichten Seins der Subjekte dekonstruiert, indem sie die Vergeschlechtlichung der Subjekte als Effekt einer heteronormativen Machtformation vorführten. Diese zwei Stränge der feministischen Theorie sind in der feministischen Staatstheorie in unterschiedlichem Ausmaß wirksam geworden: Während Arbeiten zur maskulinistischen Ausgestaltung des modernen Subjekts breite Rezeption fanden und vielen feministischen staatstheoretischen Arbeiten als Grundstock dienten, befindet sich die Integration dekonstruktivistischer Arbeiten zur vergeschlechtlichten Subjektkonstitution noch in den Kinderschuhen. Daran setze ich in diesem Buch an: Ich möchte ein queer-feministisches, dekonstruktivistisches Verständnis von vergeschlechtlichter Subjektkonstitution als Effekt von Macht in die feministische Staatstheorie integrieren und das Verhältnis von staatlicher Macht und vergeschlechtlichter Subjektkonstitution untersuchen. Ausgehend von der Voraussetzung, dass keine Naturgegebenheit eines weiblichen oder männlichen Geschlechts angenommen werden kann, interessiert mich die Theoretisierung des Verhältnisses von modernem Staat und vergeschlechtlichter Subjektkonstitution. Dabei fokussiere ich auf den modernen Staat in westlichen Gesellschaften. Damit ist die Problemstellung dieses Buches benannt. Dieser Problemstellung liegt die Prämisse zugrunde, dass sich mit der Moderne in westlichen Gesellschaften nicht nur die Wirkweise staatlicher Machtausübung verändert, sondern sich auch die Vorstellung sowie die Bedeutung von Geschlecht für die Konstitution der Subjekte fundamental wandeln. Diese neue Definition von Geschlecht sowie dessen Bedeutung für Subjekt-Sein stellte die Grundlage für die Neuvermessung der Geschlechterverhältnisse in der Moderne dar.
Inhalt
Inhalt Vorwort 11 I. Einleitung 14 I.1. Staatstheoretisches Ausgangsinteresse 14 I.2. Historische Verschiebungen 16 I.3. Staatstheoretische Anreicherungen 20 I.4. Theoretische Werkzeugkisten 24 I.5. Theoretische Verortungen 33 I.6. Theoretische Bewegungen 44 II. Staat und Subjektkonstitution: Hegemonie- und gouvernementalitätstheoretische Annäherungen 50 II.1. Hegemonietheoretische Annäherungen 50 II.1.1. Vorbemerkung: Eine Neuformulierung marxistischer Theorie als Philosophie der Praxis 50 II.1.2. Die Erweiterung des Staates 53 II.1.3. Staat und Subjektkonstitution aus einer hegemonietheoretischen Perspektive 68 II.1.4. Rückblick und Ausblick 81 II.2. Gouvernementalitätstheoretische Annäherungen 86 II.2.1. Vorbemerkung: Von der Staatsphobie zur Regierung 86 II.2.2. Vom Problemdreieck Sicherheit - Territorium - Bevölkerung zur Serie Sicherheit - Bevölkerung - Regierung 93 II.2.3. Staat und Subjektkonstitution aus einer gouvernementalitätstheoretischen Perspektive 106 II.2.4. Vom Außen des Staates zum Staat als Praxis 127 II.2.5. Die Genealogie des modernen Staates als Genealogie des modernen Subjekts 132 II.2.6. Rückblick und Ausblick 134 II.3. Umrisse eines hegemonie- und gouvernementalitäts-theoretischen Staatsverständnisses 139 II.3.1. Vorbemerkung: Hegemon…
