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Globalisierte Geologie
Georg Fischer

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs galt Brasilien als eines der eisenreichsten Länder der Erde. Damit verbunden war die Wahrnehmung... Weiterlesen
Kartonierter Einband, 328 Seiten  Weitere Informationen
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Beschreibung

Am Vorabend des Ersten Weltkriegs galt Brasilien als eines der eisenreichsten Länder der Erde. Damit verbunden war die Wahrnehmung des Landes als strategischer Rohstofflieferant, aber auch als Großmacht der Zukunft. Doch wie kam es zu der Assoziation von Eisenreichtum und Macht? Und wie entstand überhaupt das Wissen über Natur, auf dem derartige Vorstellungen basierten? Georg Fischer untersucht den Bedeutungswandel des Eisens im Kontext der Globalisierung von wissenschaftlichen Praktiken, Industrialisierungsvisionen, materiellen Knappheitsängsten und der wachsenden Bedeutung technischer Experten in staatlichen Institutionen und transnationalen Investorennetzwerken. Globalgeschichte: Herausgegeben von Sebastian Conrad, Andreas Eckert und Margrit Pernau

Autorentext
Georg Fischer, Dr. phil., ist Assistant Professor für Brasilienstudien am Institut für Globale Studien an der Universität Aarhus.

Leseprobe
1.Einleitung: Die Globalisierung des Wissens über Natur 1.1. Das brasilianische Eisenzeitalter Vor ungefähr 3,5 Milliarden Jahren setzte im Ozean des Archaikums ein neuer chemischer Prozess ein. Das Eisen, das durch submarine vulkani-sche Aktivität in großen Mengen im Wasser gelöst war, reagierte mit dem von Mikroalgen produzierten Sauerstoff. Es bildete Eisenoxidverbindun-gen, fällte aus und lagerte sich in gelartigen Sedimenten am Grund des Ozeans ab. Dieser Prozess dauerte fast zwei Milliarden Jahre an, Zwi-schenschichten aus Kalk, Quarz und Kieselsäuregestein bildeten sich und trugen zur gebänderten Form der entstehenden Eisenformationen bei. Dann stoppte der Prozess. Das Eisen im Ozean war ausgefällt, und immer mehr Sauerstoff konnte in die Atmosphäre entweichen. Alle Bändererze der Welt stammen aus dieser Phase des Präkambriums und wurden in den nächsten Jahrmilliarden in ihrer Form, ihrem Gehalt und ihren Beziehungen zu Nachbargesteinen durch Metamorphose, Verwitterung, Anreicherung und zahlreiche andere Prozesse verändert. Alle großen Eisenformationen Australiens, Nord- und Südamerikas, Afrikas und Eurasiens sind in demselben Zeitraum durch dieselben metallogenetischen Prozesse entstanden. So weiß man heute. Sucht man den Begriff "Bändererz" in einem aktuellen geologischen Wörterbuch, findet man einen Querverweis auf "Itabirit", ein "festes, massiges bis dünnbankiges, präkambrisches Eisenerz (ca. 68 Prozent Fe)". Der Itabirit und ähnliche Bändererztypen in anderen Weltregionen "zeich-nen sich oft durch große Mächtigkeit und weite Ausdehnung aus". Der Itabirit wurde 1822 von dem Bergingenieur Wilhelm von Eschwege nach einem Ort in der brasilianischen Provinz Minas Gerais benannt. Neben der mineralogischen Beschreibung seiner Bestandteile "Eisenglimmer, Eisenglanz, meist dichter, auch blättriger, hin und wieder magnetischer Eisenstein und wenig Quarz" findet sich in Eschweges Geognostischem Gemälde von Brasilien die kleingedruckte Anmerkung: "Aus diesem ungemein großen Vorkommen des Eisensteins, kann man mit Gewissheit folgern, daß, so lange die Welt besteht, von hier aus sie mit Eisen versorgt werden kann." So begegnet uns das brasilianische Eisenerz 3,5 Milliarden Jahre später: der Itabirit als weltweiter Repräsentant von Sedimenterzen, Ausgangsgestein massiver Hämatitlagerstätten aus chemisch nahezu purem Eisenoxid mit bis zu 70 Prozent Fe-Gehalt, die Berge von Minas Gerais als unerschöpfliche Eisenquelle für die Welt bis an deren Ende und eine proterozoische Ablagerung, die sich tief in die brasilianische Moderne des 20. Jahrhunderts eingeschrieben hat. Die Geschichte Brasiliens wird oft als Abfolge von Produktzyklen er-zählt. Zucker, Gold, Kaffee sind die Hauptzyklen, Tabak oder Kautschuk kommen als sekundäre Zyklen hinzu. Besonders markant brachte der marxistische Wirtschaftshistoriker Caio Prado Júnior diese Interpretationslinie auf den Punkt: "Wenn wir auf die Essenz unserer Entstehung blicken, sehen wir, dass wir uns in Wirklichkeit einzig zum Zwecke der Belieferung des europäischen Handels mit Zucker, Tabak und anderen Produkten konstituiert haben; später mit Gold und Diamanten; danach mit Baumwolle, gefolgt von Kaffee. Das ist alles." Eine ähnliche Interpretation findet sich in dem fast zeitgleich erschienenen Werk des österreichischen Emigranten Stefan Zweig. Er wähnte das Land in den frühen 1940er Jahren an der Schwelle eines neuen Zyklus, des Eisenzyklus: "Noch wissen wir die Lage der Städte kaum, die der nächste Umschwung, die Erzgewinnung, [] zu plötzlichem Wachstum bringen wird." Auch wenn die Periodisierung nach Produktzyklen als zu homogenisierend und deterministisch kritisiert worden ist, hat sich Zweigs Vorahnung, was das Eisen angeht, bewahrheitet. Eisenerz ist im heutigen Brasilien ein wichtiger, aber im öffentlichen Bewusstsein wenig präsenter Rohstoff. In dem Land wurden 2012 knapp über 400 Millionen Tonnen Eisenerz gefördert. Brasilien produzierte 13 Prozent des weltweit gehandelten Eisenerzes und nahm damit hinter China und Australien den dritten Platz weltweit ein. Zwischen 1997 und 2012 hat sich der Eisenerzexport mehr als verdoppelt. 2012 lag der Anteil des Eisenerzes an den brasilianischen Gesamtexporten mit rund 13 Prozent vor Öl und Soja an erster Stelle. Sein Anteil am Wert der gesamten mineralischen Rohstoffproduktion Brasiliens, die noch 50 weitere Mineralien umfasst, lag 2010 bei ungefähr 50 Prozent. Im gleichen Jahr machte das Eisenerz knapp 82 Prozent der exportierten Bergbauprodukte aus. Allein die beiden Erzverladehäfen Tubarão in Vitória im Bundesstaat Espírito Santo und Ponta da Madeira in São Luís im Bundesstaat Maranhão, die durch den weltweit größten Eisenerzproduzenten, den brasilianischen Konzern Vale, betrieben werden, wickelten im Jahr 2011 knapp ein Viertel des gesamten maritimen Frachtumschlags Brasiliens ab. Der Eisenerzabbau im großen Maßstab begann im Jahr 1942 mit der Gründung der staatlichen Companhia Vale do Rio Doce (CVRD). Im Zeichen des Zweiten Weltkriegs, an dem Brasilien mit Kampftruppen und als Ressourcenlieferant auf Seiten der Alliierten teilnahm, traf die brasili-anische Regierung eine weit reichende rohstoffpolitische Entscheidung: Unverhüttetes, unbehandeltes Eisenerz wurde erstmals ohne Rücksicht auf seine Endlichkeit als Exportgut behandelt und die Frage nach seiner Nutzung von industriepolitischen Erwägungen abgekoppelt. Gleichzeitig errichtete man mithilfe amerikanischer Kredite das Stahlwerk der staatlichen Companhia Siderúrgica Nacional (CSN) in Volta Redonda im Bundesstaat Rio de Janeiro. Eine Jahrzehnte währende Debatte, in der die mineralischen Rohstoffe des Landes stets mit nationalen Industrialisie-rungsbemühungen in Verbindung gebracht und immer wieder Ängste vor imperialistischer Landnahme durch die nordatlantischen Industrienationen geschürt worden waren, war plötzlich beendet. Den Erzexport, der anfangs noch als eine Notwendigkeit in Zeiten des Krieges gegen die Tyrannei gedeutet wurde, stellte auch in Friedenszeiten kaum jemand mehr infrage. Eisenerz, sein Export in den nordatlantischen Raum und ab den 1970er Jahren nach Asien sowie seine industrielle Weiterverarbeitung im eigenen Land, war ein Kernelement des brasilianischen desenvolvimentismo des 20. Jahrhunderts, jener einflussreichen ökonomischen Denkfigur, die einen durch einen interventionistischen Staat forcierten Industrialisierungsprozess anstrebte. Der Entwicklungsdiskurs hat sich seit den 1990er Jahren massiv verändert, und die enge diskursive Assoziation zwischen Staat und Industrie wurde in Brasilien, Lateinamerika und weltweit im Zeichen der neoliberalen Wende gelöst. Die CVRD wurde 1997 privatisiert, und heute zahlen Unternehmen im Eisenerzbergbau gerade einmal zwei Prozent ihres Nettoumsatzes als Royalties an den brasilianischen Staat. Die Erwartungen an das Eisenerz als Instrument zur Modernisierung von Wirtschaft und Gesellschaft sind gesunken, während die Produktion für den Export fast jährlich neue Rekorde bricht. Eisenerz ist ein wichtiger Faktor für die seit den 2000er Jahren zu beobachtende Reprimarisierung der brasilianischen Wirtschaft. 2014 wuchs die brasilianische Eisenerzproduktion um knapp acht Prozent, obwohl die Preise um 50 Prozent einbrachen. Eisenerz ist heute ein Kernelement dessen, was in der jüngeren sozialwissenschaftlichen Literatur als "Neoextraktivismus" bezeichnet wird - ein Entwicklungsmodell, in dem Primärgüterexporte die materielle Grundlage eines Staates sichern, der zur Bereitstellung öffentlicher Güter für breite Bevölkerungsschichten ohne strukturelle Umverteilung von gesellschaftlichem Reichtum in der Lage ist. Seit den 1940er Jahren hat der Eisenerzbergbau viele Landschaften Brasiliens einschneidend verändert. Die Stadt Itabira im Bundesstaat Minas Gerais steht wie keine andere für Brasiliens Eisenzeitalter. Die Berge Conceição und Cauê am Rande der Stadt sind nach 70 Jahren Grubenbetrieb verschwunden. In der Zeit der "Mutter" CVRD dominierte die Erzgewinnung die Wirtschaft und die Topographie der Region und durchsetzte die Luft mit Staubpartikeln. Mit der für 2025 vorhergesagten Erschöpfung der Lagerstätten zeichnet sich langsam ein "drittes Itabira" ab, eine Stadt ohne Erzzüge und Großmuldenkipper, mit vielleicht renaturierten Tagebauen, aber auch ohne den wichtigsten Arbeitgeber der Region. In den 1970er Jahren wurde das "eiserne Viereck" von Minas Gerais um die Abbauregion Carajás im amazonischen Bundesstaat Pará, Mitte der 1980er Jahre die größte Eisenerzmine der Welt, ergänzt. Dieses Projekt wurde bereits weniger im Spannungsfeld zwischen Rohstoffexport und nationaler Industrialisierung diskutiert, sondern wurde zu einem der wichtigsten Fixpunkte der entstehenden brasilianischen und internationalen Umweltbewegung und zum Symbol einer autoritären Entwicklungs-politik. In Itabira wie in Carajás überschreiten die von dem Eisenerz-bergbau ausgelösten sozio-ökologischen Dynamiken die Grenzen der Montanregion bei Weitem. Die Eisenbahntrassen der Estrada de Ferro Vitória a Minas (EFVM) und der Estrada de Ferro Carajás verbinden die beiden weit im Binnenland gelegenen Tagebauregionen mit den Atlantik-häfen von Vitória (550 Kilometer) und São Luís (900 Kilometer). Durch die EFVM hat sich das Doce-Tal, das den Binnenstaat Minas Gerais mit der Küste verbindet, von einer kaum besiedelten Pioniergrenze in einen Exportkorridor verwandelt. Mit neuen Erzgruben entstanden immer neue Infrastrukturen, Mitte der 1970er Jahre etwa die Erzschlammleitung, welche die Gruben des Unternehmens Samarco im Munizip Mariana über eine Distanz von 400 Kilometern mit dem Hafen von Ubu verband. Durch diese Pipeline wurden die mit Unmengen von Wasser zu einer Eisenpaste verwandelten Erze zur Küste gepresst, bis am 6. November 2015 ein Rückhaltebecken mit Bergbaurückständen an der Eisengrube Fundão barst, eine toxische Schlammlawine Dörfer und Menschen unter sich begrub und im Doce-Tal die größte Umweltkatastrophe der Geschichte Brasiliens auslöste. Die Position Brasiliens auf den Welteisenmärkten folgte den Globalisierungsdynamiken seit dem Zweiten Weltkrieg. Europa verwendete brasilianisches Erz für den Wiederaufbau, die Bundesrepublik Deutschland und Japan für ihre jeweiligen "Wirtschaftswunder", und in den letzten Jahren stand die brasilianische Erzexportstatistik stark unter dem Einfluss chinesischer Wachstumsraten. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, dem Untersuchungszeitraum dieser Arbeit, hatten die Welteisenmärkte bei Weitem nicht den Grad an Verdichtung und die geographische Reichweite von heute. So kann man um 1900 nicht von einem "globalen" Eisenmarkt sprechen. Der Handel, die Industrialisierung einiger - vor allem nordatlantischer - Volkswirtschaften sowie die Erschließung neuer Regionen und Ressourcen mithilfe neuer Kommunikations- und billigerer Transportsysteme gelten zwar als wichtige Faktoren für die besondere Dynamik der Weltwirtschaft um 1900. Zunächst waren die Handelsströme aber noch von landwirtschaftlichen Gütern und Edelmetallen dominiert. Transport über sehr weite Entfernungen, wie er beispielsweise bei Getreide, Kautschuk, Baumwolle oder seit der Einführung der Kühlinfrastruktur auch bei Fleisch üblich war, war bei den Industrieerzen noch die Ausnahme. Der globale Handel mit "bulky goods", jenen schwerindustriellen Inputs, deren Wert im Verhältnis zu ihrem Gewicht und Volumen sehr gering ist, wuchs nur langsam. Die Wahl von Industriestandorten hing wiederum stark von den Transportkosten ab. 1913 kamen 82 Prozent des weltweit gehandelten Kaffees und 38 Prozent des Silbers aus Lateinamerika. Bei mineralischen Rohstoffen, die keine Edelmetalle waren, beteiligte sich die Region nur bei den Nitraten (98 Prozent), Zinn (20 Prozent) und Kupfer (neun Prozent) in signifikanter Weise an der Produktion für die Weltmärkte. Im gleichen Jahr wurden fast 99 Prozent des weltweit produzierten Eisenerzes in Europa und Nordamerika gefördert, der Rest kam zum Großteil aus Kuba und Algerien. Die langsame Integration Lateinamerikas in die Weltmärkte für Industrieerze war vor allem den hohen Transportkosten geschuldet, die wiederum von der vorhandenen Infrastruktur abhingen. Für die in der Tradition der Modernisierungstheorien stehende Wirtschaftsgeschichte ist die Transportinfrastruktur eine der wichtigsten Variablen für Wachstum, ihr Fehlen überließ ganze Regionen der "Tyrannei der Entfernung". Obwohl Industrieerze nicht wie heute globalisierte Waren waren, verortet sich diese Arbeit im Feld der Globalisierungs- und Global-geschichte. Der Begriff der Globalisierung ist trotz einiger Kritik immer noch hilfreich, um Verflechtungen, Waren-, Kapital- und Migrationsströme sowie sich verändernde Weltbilder in unterschiedlichen historischen Zeiträumen zu erfassen. Mittlerweile ist allgemein akzeptiert, dass "Globalisierung" kein linearer Langzeitprozess ist, der letztendlich in ein homogenes Weltganzes mündet. Vielmehr versucht die Globalisierungsgeschichte, neben den Verdichtungen von Verflechtungs- und Transferbeziehungen die Momente des Bruchs, der Reterritorialisierung und der Grenzen weltweiter Interaktion in den Blick zu nehmen. Insbesondere die Jahrzehnte zwischen 1880 und 1914 gelten als Phase zunehmender und sich vertiefender weltweiter Verbindungen. Allerdings operieren Vertreterinnen und Vertreter der Wirtschaftsgeschichte häufig mit einem recht diffusen und modernisierungstheoretisch überformten Globalisierungsbegriff, der etwa auf Wachstum, Handelsregime oder auch Preiskonvergenzen abzielt. So attestieren beispielsweise Luis Bértola und Jeffrey G. Williamson Lateinamerika ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts gar eine "Deglobalisierung", weil die Region im internationalen Maßstab ein hohes Zollniveau aufwies. Analog dazu hat sich die Globalgeschichte der Industrialisierung bislang vorrangig für Themen wie langfristige Wachs-tumsraten, vergleichende Faktoranalysen von "industriellen Revolutionen" und Technologietransfer interessiert. Die Globalisierung eines Rohstoffs im Kontext von Industrialisierungsprozessen spielte sich aber nicht nur auf der Ebene des materiellen Austauschs ab, sondern durchlief Phasen, in der die sich verändernden materiellen gesellschaftlichen Grundlagen mit neuen Formen kognitiver Welterzeugung einhergingen. Die Industrialisierung einiger Regionen der Welt und die Produktion neuen Wissens über die materielle Natur und die Geschichte des Planeten, über Räume des Potentials und Infrastrukturen der Zukunft, waren in der Globalisierungsphase um 1900 eng miteinander verflochten. Industrieerze wurden nicht nur in einem wachsenden Radius abgebaut und über größere Distanzen transportiert. Sie wurden auch gesellschaftlich produziert. Das Ziel dieser Arbeit ist es, die Zusammenhänge und Mechanismen dieser Wissensproduktion am Beispiel des brasilianischen Eisenerzes aufzuzeigen. So gehe ich davon aus, dass natürliche Rohstoffe nicht im Sinne eines apriorischen Ressourcendenkens "einfach da" sind. Sie sind historisierbar, indem wir sie nicht als stumme Materie und als statistische Fördergröße betrachten, sondern indem wir die Ideen, die Netzwerke, Projekte und Planungen untersuchen, durch die sie zu Ressourcen in politischen, geschäftlichen und wissenschaftlichen Arenen in lokalen, nationalen, transnationalen und globalen Maßstabsebenen werden. 1.2. Geschichtsschreibung und stumme Materie Bislang ist das brasilianische Eisenerz von der Geschichtswissenschaft bemerkenswert unbemerkt geblieben. Die Historiographie des Bergbaus stellt nicht den Rohstoff in den Mittelpunkt, sondern thematisiert in der Regel Arbeitsbedingungen, technische Verfahren, die Organisation und den politischen Kontext von Unternehmen. Zentrale Arbeiten zur Geschichte des Bergbaus im 19. und 20. Jahrhundert konzentrieren sich zudem auf die Goldgewinnung. In der Wirtschaftsgeschichte spielen die Eisen- und Stahlindustrie besonders für die Zeit ab 1930 zwar eine wich-tige Rolle, mineralische Rohstoffe werden von ihr jedoch lediglich als abstrakte und geschichtslose Inputs behandelt. Explizit mit den politi-schen Konflikten um die Nutzung des Eisenerzes befasst sich ein großes Korpus an Publikationen von Personen, die als Geologen, Ingenieure, Technokraten, Publizisten oder Investoren an den politischen Debatten über das "Problem der nationalen Stahlindustrie" ab den 1910er Jahren beteiligt waren. Diese Memorialliteratur eignet sich bisweilen als Quelle, um Personenkonstellationen oder Gesetzgebungsverfahren im Zusam-menhang mit industriepolitischen Debatten zu rekonstruieren, sie wird aber bis heute häufig unkritisch und ohne Rücksicht auf faktische Fehler und die Verortung ihrer Verfasser benutzt. Zwar gibt es keine historischen Arbeiten, die explizit den Stoff Eisenerz in den Mittelpunkt stellen, dafür liegen jedoch einige wichtige Studien über die wirtschaftspolitischen Debatten im Kontext des "Problems der nationalen Stahlindustrie" vor. Eine Haupterkenntnis lässt sich aus dieser Forschungsliteratur ableiten: Die Geschichte der brasilianischen Industriepolitik beginnt nicht erst mit der Ära Vargas in den 1930er Jahren, im Gegenteil lässt sich der Vargas'sche Industrialismus erst verstehen, wenn man die früheren Kontroversen über die Nutzung von industriellen Rohstoffen mitberücksichtigt. An zentraler Stelle stehen dabei die Konflikte zwischen brasilianischer Politik und ausländischen Investoren um die Inwertsetzung der Eisenerzlagerstätten, die zu den weltweit größten gezählt wurden. Diese Literatur verdankt ihren Anstoß einer 1976 veröffentlichten Arbeit des Soziologen Luciano Martins, die der Frage nach den strukturellen Mechanismen der "konservativen Modernisierung" Brasiliens im Kontext peripherer Abhängigkeit nachgeht. Martins argumentiert, der brasilianische Staat sei von einer Entwicklung gekennzeichnet, in der eine Koalition aus Agrar-, Industrie-, Handels- und Bürokratieelite die Trans-formation vom Primärgüterexportland zur Industrialisierung geschafft habe, ohne die grundlegenden Formen der Herrschaftsausübung zu verändern. Neue Eliten seien in den Herrschaftsapparat integriert worden, während den alten die Machtressourcen nicht entzogen worden seien. Martins zufolge nutzten die neuen "technischen Kader" die ab 1909 einsetzende Debatte über das Eisenerz und die nationale Stahlindustrie zur "Konsolidierung ihrer Position innerhalb des Systems politischer Entscheidungen". Während es Martins primär um die Mediationsebene zwischen struktureller Dependenz und kollektiver Handlungsmacht sowie um Verschiebungen innerhalb des Elitengefüges ging , untersuchte William Stuart Callaghan dieselben wirtschaftspolitischen Kontroversen in einer 1981 vorgelegten Dissertation unter entgegengesetzten Vorzeichen, indem er nach den Gründen für das "Scheitern" Brasiliens fragte, schon im frühen 20. Jahrhundert einen Entwicklungspfad hin zur Errichtung einer Schwerindustrie einzuschlagen. Neben strukturellen Determinanten wie Kapital- oder Brennstoffmangel machte Callaghan, der Martins' Arbeit nicht rezipierte, in seiner empirisch überaus reichen Studie vor allem kulturelle Faktoren wie fehlenden Unternehmergeist und störrischen Nationalismus dafür verantwortlich, dass Brasilien "so lange im Limbo des Unterentwickelten verharrte". Die Wirtschaftshistorikerin Gail Triner konzentriert sich in einer 2011 erschienenen Studie mit institutionengeschichtlichem Analyserahmen auf die Rolle, welche die Eigentumsrechte in der Entwicklung des brasiliani-schen Bergbausektors seit dem 18. Jahrhundert gespielt haben. Die Debatten über das Eisenerz während der Ersten Republik interpretiert sie als konstitutive Erfahrung, welche die Vargas'sche Industrialisierungs- und Nationalisierungspolitik sowie die ökonomischen Ideen im Brasilien der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts - etwa den Strukturalismus und die starke wirtschaftliche Rolle des Staates - geprägt habe. Die Arbeiten von Martins und Callaghan nimmt sie nicht zur Kenntnis, obwohl ihre Frage-stellung der Callaghans und ihre Schlussfolgerungen denen Martins' stark ähneln. In seiner Dissertation von 2011 gelingt Gustavo Barros die bisher genaueste Rekonstruktion der brasilianischen Debatte über das Erz und seine Verhüttung. In einer doppelten Perspektive auf wirtschaftliche Entwicklungen und diskursive Konstellationen sowie größtenteils gestützt auf Publikationen der einstmaligen Akteure arbeitet er heraus, dass die Gegenüberstellung "nationaler" und "ausländischer" Interessen, jeweils symbolisiert durch das Stahlwerk der CSN in Volta Redonda und die Itabira Iron Ore - jenem 1911 von Briten gegründeten und ab 1919 von dem amerikanischen Investor Percival Farquhar geführten Konsortium, das zum Inbegriff der ausländischen Imperialgelüste wurde -, in Wahrheit eine ex-post-Interpretation ist, welche die Vielzahl der Sprecherpositionen, technischen Lösungsvorschläge und regionalen Interessen überdeckt, die die Debatte der 1910er und 1920er Jahre prägten. Indem er die politische Produktivität der Kontroverse betont, entwickelt Barros, ebenfalls ohne die Arbeit von Callaghan zu rezipieren, ein wirksames Gegennarrativ zu dessen Teleologie. So zeigt sich, dass es inzwischen eine rege historiographische Debatte über Eisen und Stahl "vor Vargas" gibt, deren Teilnehmer es bislang jedoch versäumt haben, sich auf den jeweiligen Vorredner zu beziehen. Insbesondere die Bedeutung der rohstoff- und industriepolitischen Debat-ten für die brasilianische Wirtschaftspolitik scheint mir hinreichend nach-gewiesen. Und doch fehlt eine Perspektive, die explizit das Eisenerz in den Mittelpunkt stellt. Folgt man nämlich den Akteuren und Netzwerken, die in der formativen Phase der brasilianischen Eisenfrage mit diesem Rohstoff befasst waren, so ergeben sich neue Fragestellungen, die zeitlich, räumlich und in ihrem Erkenntnisinteresse weit über den Interpretations-rahmen der bisherigen Forschungen hinausweisen. So stieß ich bei meiner Archivarbeit auf bisher im Zusammenhang mit der Geschichte Brasiliens unbekannte Akteure, die nicht nur in der Eisenfrage eine wichtige Rolle spielten, sondern die jahrzehntelang an einer Neuausrichtung der internationalen geologischen Forschung entscheidend mitgewirkt hatten. Löst man sich von der Ebene nationaler politischer Kontroversen und wendet sich stattdessen einer Wissensgeschichte des brasilianischen Eisenerzes während der Hochphase der Globalisierung um 1900 zu, findet man sich unversehens auf dem Terrain des Wandels globaler Wissensordnungen im Zuge wirtschaftlicher Transformationen wieder. Es zeigt sich, dass eine solche Herangehensweise nicht nur neue Perspektiven auf Brasilien in der Welt ermöglicht, sondern dass sie auch die Ökonomie zurück in die historische Globalisierungsforschung holt, ohne sich deterministische Antworten auf klassische Fragen der Wirtschaftsgeschichte (Wer entfesselte wann wo den Prometheus? Warum sind manche so arm und andere so reich?) zu eigen zu machen. 1.3. Stoffe, die nicht "einfach da" sind Das Eisenerz eignet sich besonders gut für eine Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Globalisierung, Rohstoffen und Transformati-onen des Wissens im Zuge der "zweiten wirtschaftlichen Revolution", weil in den sich daran anlagernden Wissensbeständen besonders viele politisch-zivilisatorische Zukunftsvisionen kristallisierten. Eisenerz war in einer Zeit globaler Wirtschaftsverflechtungen, in der sich das Ideal einer von der Schwerindustrie geprägten, arbeitsteiligen, im besten Fall auch militärisch hochgerüsteten Gesellschaft in Elitekreisen weltweit verbreitete, weit mehr als nur eine mineralische Ressource. Es war auch eine gesellschaftliche Ressource, die eindrang in nationale Selbstverständigungsprozesse und in die diskursiven Strategien neuer Berufsgruppen, die um ihren Status im Staat und in der Produktion kämpften. Das Öl wirkte sich wenige Jahrzehnte später vielleicht noch tiefgreifender auf Institutionen, Individuen und Infrastrukturen aus und regte Debatten über die Abhängigkeit und Unabhängigkeit national gefasster Gesellschaften an. Doch die symbolische Aufladung des Eisens reichte weiter, da man seine Nutzbarmachung im menschheitsgeschichtlichen Maßstab mit dem Erreichen einer neuen Zivilisationsstufe gleichsetzte. Gleichzeitig war es eine globalisierende Ressource, da an ihr neue Formen der kooperativen Wissensproduktion erstmals erprobt wurden. Lagerstättenkunde, Bergwirtschaftslehre und praktische Geologie nutzten die durch die Internationalisierung der Wissenschaften bereitgestellten institutionellen Vehikel und schufen vorgestellte globale Ressourcenräume, in denen sich die mit dem Eisenerz befassten Akteure fortan bewegten. Diese Arbeit macht also den Vorschlag, eine Geschichte von Stoffen zu schreiben, die nicht "einfach da" sind, eine Geschichte, die nicht einem apriorischen Ressourcendenken verhaftet ist. Im apriorischen Ressourcendenken ist die Geschichte des Erzes zunächst Gegenstand der Geologie und dann eine Fußnote in der Geschichte von Metallverarbeitung und Stahlindustrie, also der Technik- und Wirtschaftsgeschichte. Um diesem Denken zu entgehen, eignet sich eine wissenshistorische Perspektive, die nach jenen Konstellationen fragt, in denen eine natürliche Ressource als solche konstruiert und zur gesellschaftlichen Ressource wird. Diese Arbeit untersucht daher die Netzwerke von Wissenschaftlern, Ingenieuren, Politikern und Investoren im Kontext globaler Wissenstransformationen und transnationaler Wissenstransfers am Beispiel des Eisenerzes im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais. Neben den Bewegungen von Wissens-beständen über nationale Grenzen hinweg und zwischen den räumlichen Maßstabsebenen stehen die Bewegungen von Wissensträgern zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Arenen, insbesondere Wissenschaft, Markt und Staat, im Mittelpunkt. So befasst sich die Arbeit mit Bereichen, die weit über die Geschichte Brasiliens hinausweisen und an aktuelle Fragen der Globalisierungsgeschichte anknüpfen. Welche neuen Wissensbestände etablierten sich im Zuge der Hoch-phase nordatlantischer Industrialisierung im ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhundert? Welche Grenzverschiebungen zwischen Wissenschaft, Markt und Staat lassen sich feststellen? Wie drückten sich diese auf der Ebene des Nationalstaats und der Region aus? Wie reagierten technische und wissenschaftliche Eliten in Brasilien auf die in den transnationalen Arenen produzierten Wissensbestände? In welchen sozialen Räumen wurde Wissen über Eisenerz produziert, transferiert und nutzbar gemacht? Welche Bedeutung hatten Wissen und Expertise für die Etablierung und Stabilisierung von transnationalen Unternehmernetzwerken? Welcher diskursiver Muster und Strategien bedienten sich Techniker, Ingenieure und Geologen, um in den regional, national und international geführten Debatten über das brasilianische Eisenerz zu intervenieren und ihren sozialen Status zu legitimieren? Inwieweit eignet sich ein Rohstoff als Ausgangspunkt für die Untersuchung von Modalitäten und Maßstabsebenen globaler Wissensproduktionen und -zirkulationen?

Inhalt
Inhalt 1.Einleitung: Die Globalisierung des Wissens über Natur7 1.1.Das brasilianische Eisenzeitalter7 1.2.Geschichtsschreibung und stumme Materie15 1.3.Stoffe, die nicht "einfach da" sind18 1.4.Globale Wissenschaftsgeschichte, Wissensgeschichte und Expertentum21 1.5.Vorschau: Verwobene Maßstabsebenen34 2.Internationale Geologie zwischen Wissenschaft und Anwendung39 2.1.Eisen und Stahl als Symbole der Moderne45 2.2.Industrialisierung und Rohstoffnachfrage47 2.3.Die Internationalisierung der Geologie52 2.4.Die Globalisierung der praktischen Geologie63 2.5.Globale Rohstoffinventur: Der Stockholmer Eisenerzbericht84 2.6.Fazit93 3.Geologie, Staat und Wirtschaft in Brasilien, 1876-191498 3.1.Region, Nation und Wirtschaftspolitik im späten Kaiserreich und in der frühen Republik101 3.2.Die Ingenieurs- und Bergbauschulen105 3.3.Die ersten geographischen und geologischen Kommissionen110 3.4.Internationale Ausstellungen122 3.5.Expertenwissen und Bergrecht128 3.6.Kritik des "pedantischen Szientismus"134 3.7.Eisenerz und internationale Öffentlichkeit140 3.8.Nationales Expertentum und brasilianische Industriepolitik145 3.9.Fazit163 ? 4.Transatlantische Wissenszirkulationen: Investoren, Expertise und der Staat, 1910-1914165 4.1.Netzwerkbildung: Barings und die Brazilian Iron and Steel171 4.2.Netzwerkkonsolidierung: Expertenhabitus, Referenzen und Repräsentation178 4.3.Netzwerkverknüpfung: Expertenwissen und die Artikulation britisch-amerikanischer Geschäftsinteressen190 4.4.Eisennarrative: Cecil Baring in Brasilien212 4.5.Fazit225 5.Verselbstständigung des Expertentums im Gelände: Der Eisenwettlauf in Minas Gerais, 1908-1914228 5.1.Aggressive Amateure233 5.2.Autonome Agenten238 5.3.Konkurrierende Sachwalter248 5.4.Übersetzungsprobleme: Die Wisconsin-Schule zwischen Wissenschaft, Markt und Staat261 5.5.Die brasilianische Wahrnehmung ausländischer Prospektoren273 5.6.Fazit276 6.Schluss: Globalgeschichte des Industrialisierungswissens280 Abkürzungsverzeichnis292 Quellen und Literatur293 Dank327

Produktinformationen

Titel: Globalisierte Geologie
Untertitel: Eine Wissensgeschichte des Eisenerzes in Brasilien (1876 - 1914)
Autor: Georg Fischer
EAN: 9783593508153
ISBN: 978-3-593-50815-3
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Campus
Genre: Regional- und Ländergeschichte
Anzahl Seiten: 328
Gewicht: g
Größe: H213mm x B140mm
Jahr: 2017

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