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Ein Ungeheuer, das wenigstens theoretisch besiegt sein muß

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Was und von wem wurde mit wissenschaftlichem Anspruch während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts über Antisemitismus in Deut... Weiterlesen
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Beschreibung

Was und von wem wurde mit wissenschaftlichem Anspruch während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts über Antisemitismus in Deutschland gearbeitet und geschrieben? Welche Ansätze bot die frühe Antisemitismusforschung? Das sind die Leitfragen dieser Studie, die ein Stück Kulturund Wissenschaftsgeschichte zugleich bietet. Darüber hinaus schlägt das Buch einen Bogen zur Geschichte des Abwehrkampfs gegen den Antisemitismus bis 1933. Das Fazit: Bereits in der Weimarer Republik existierte ein tiefergehendes Wissen über den Antisemitismus, das jedoch für den Abwehrkampf gegen antisemitische und völkische Bewegungen wenig Perspektiven bieten konnte.

»Warum, so fragt man sich nach der Lektüre der Dissertation von Franziska Krah, hat es eigentlich so viele Jahrzehnte gedauert, bis sich die Antisemitismusforschung wieder ihrer Wurzeln erinnert und auf jene Texte zurückgreift, die vor der Katastrophe entstanden sind?« Stefanie Schüler-Springorum, H-Soz-Kult, 10.09.2019 »Wer sich des Gegenstands annimmt, wird dabei an diesem Buch zukünftig nicht mehr vorbeikommen.« Sebastian Voigt, Soziopolis, 05.04.2018 »Franziska Krah öffnet den Blick auf die Geschichte und die argumentative Struktur theoretischer Konzepte, die teilweise sehr dem zeitgenössischen Kontext der Zwischenkriegszeit verpflichtet waren, teilweise aber noch bis heute Anwendung finden. So wie die Studie damit Einblick in den theoretischen Stand der frühen Antisemitismusforschung gewährt, erfährt damit die Theorie selbst der Versuch theoretisierender Reflexion Würdigung als Versuch zur Bewältigung der Ohnmachtserfahrung, die der Antisemitismus den Juden aufzwang.« Fabian Weber, Medaon »Eine beeindruckende und kenntnisreiche Arbeit.« Hannes Tulatz, haGalil

Autorentext
Franziska Krah promovierte am Lehrstuhl für deutsch-jüdische Geschichte der Universität Potsdam.

Klappentext

Was und von wem wurde mit wissenschaftlichem Anspruch während des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts über Antisemitismus in Deutschland gearbeitet und geschrieben? Welche Ansätze bot die frühe Antisemitismusforschung? Das sind die Leitfragen dieser Studie, die ein Stück Kulturund Wissenschaftsgeschichte zugleich bietet. Darüber hinaus schlägt das Buch einen Bogen zur Geschichte des Abwehrkampfs gegen den Antisemitismus bis 1933. Das Fazit: Bereits in der Weimarer Republik existierte ein tiefergehendes Wissen über den Antisemitismus, das jedoch für den Abwehrkampf gegen antisemitische und völkische Bewegungen wenig Perspektiven bieten konnte.



Leseprobe
I. Einleitung
Im Sommer 1924 schrieb der Philosoph Constantin Brunner einen Essay, in dem er den Judenhass als Ungeheuer bezeichnete, das wenigstens theoretisch besiegt werden müsse. Der Text trägt die Überschrift "Das Unglück unsres deutschen Volkes und unsre Völkischen" und behandelt die antisemitische Bewegung im zeitgenössischen Deutschland. Der in Potsdam lebende Brunner deutete darin an, dass er von den Angriffen der "Völkischen" selbst betroffen war. Als offensiver Kritiker des Antisemitismus, überdies mit jüdischem Hintergrund, war er ihnen ein Dorn im Auge.
Brunner beschäftigte sich spätestens seit der Jahrhundertwende mit dem Antisemitismus und brachte 1918 eine Abhandlung heraus, in der er seine Ursachen, Funktionen und Anziehungskraft beleuchtete. Neben ihm setzten sich seinerzeit auch andere Autoren auf theoretischer Ebene mit der Thematik auseinander. Mit dem Anspruch auf Objektivität versuchten sie sich in einer Analyse und Kritik des Antisemitismus, um dem Rätsel dieses irrationalen Phänomens in einer vermeintlich aufgeklärten Zeit auf die Spur zu kommen. Aus den daraus hervorgegangenen Schriften lässt sich eine gewisse Resignation herauslesen, sobald die Frage nach wirksamen Gegenstrategien gestellt wurde. Die Autoren machten die Erfahrung, dass sich der Antisemitismus weitgehend resistent gegen Aufklärungsversuche verhielt. Brunners Credo, dass man ihn aber wenigstens durch eine kritische Analyse entlarven und damit gewissermaßen theoretisch besiegen müsse, kann deshalb als charakteristisch für die Intention der Schriften seiner Zeit angesehen werden.
Die aus dieser theoretischen Beschäftigung stammenden Schriften in deutscher Sprache, die ich wegen ihres formalen und inhaltlichen Anspruchs als Antisemitismusforschung bezeichnen möchte, bilden den zentralen Gegenstand der vorliegenden Studie. Ihr Hauptziel ist es, eine Übersicht über die Erklärungsansätze zu geben, die vor 1933 entstanden und durch diverse deutsche Verlage verbreitet worden sind - bevor der Antisemitismus mit der nationalsozialistischen Machtübernahme zum Staatsprogramm erhoben und damit verstärkt gesellschaftlich bedeutsam wurde. Dabei interessieren weniger die damals tagesaktuellen, auf bestimmte Ereignisse oder Personen bezogenen Zeitungs- und Zeitschriftenartikel, sondern die analytischen und tiefgründigen Darstellungen. Als Startpunkt einer mit wissenschaftlichem Anspruch auftretenden Antisemitismusforschung gilt eine Dissertationsschrift von 1901 über Das Wesen des Antisemitismus. Der Schwerpunkt liegt allerdings auf der Zeit der Weimarer Republik, da damals die meisten Analysen erschienen.
Der Begriff "Antisemitismus" wird in der vorliegenden Untersuchung zeitlich eng gefasst. Es ist damit die spezifische Form gemeint, die seit dem 19. Jahrhundert im Zuge der Emanzipation der Juden entstanden ist und als moderner Antisemitismus bezeichnet werden kann. Im Fokus stehen demnach nicht die Erklärungsansätze für die mittelalterliche Judenfeindschaft, sondern Interpretationen des zeitgenössischen Antisemitismus, den die Autoren zu Beginn des 20. Jahrhunderts selbst erlebten. Häufig war er mit pseudowissenschaftlichen Rassentheorien verknüpft und von religiös motivierten Vorwürfen weitgehend losgelöst. Wie aber zu zeigen sein wird, waren zugleich auch andere Spielarten virulent. Eine weitere, auf den Inhalt bezogene Abgrenzung des Begriffs soll an dieser Stelle nicht erfolgen. Die damaligen Antisemitismusforscher boten hierfür eigene und zuweilen ganz unterschiedliche Deutungen an.
Historischer Hintergrund
Das antisemitische Treiben stieß von Anfang an auf offene Kritik, schließlich entwickelte sich der Antisemitismus Reinhard Rürup zufolge als Protestbewegung gegen die Ideen von 1789 und somit gegen die liberale Staats- und Gesellschaftsordnung. Diese Bewegung griff die jüdische Bevölkerung als Vertreter der modernen Entwicklung an. Es schien also naheliegend, dass sich die liberal-demokratischen Kräfte als Gegner des Antisemitismus verstanden. Denn im Zuge der bürgerlichen Emanzipation war es der Liberalismus, der die rechtliche Gleichstellung auch für Juden durchsetzte. 1930 merkte Constantin Brunner hierzu treffend an:
"Das Ereignis der Judenemanzipation ging an sich selbst gar nicht von den Juden aus, wenn auch dabei ihr Zutun [] die selbstverständliche Forderung der Staaten und Völker sein mußte. Die Judenemanzipation fällt zusammen mit der modernen Emanzipation der Staaten und wurde erst möglich durch den allgemeinen Aufschwung zur Idee des Rechtsstaats."
Max Nordau hatte bereits auf dem Ersten Zionistenkongress zu bedenken gegeben, dass die Emanzipation der Juden nicht aus einem Anflug von Humanität oder aus der Idee einer Wiedergutmachung des an Juden jahrhundertelang verübten Unrechts heraus erfolgt war, sondern auf der Basis des französischen Rationalismus, weil die Logik der Modernisierung dies erfordert habe. Er nannte dies "Principienreiterei". Hannah Arendt betonte, dass die rechtliche Gleichstellung auf dem Höhepunkt der Entwicklung des Nationalstaats durchgesetzt wurde. Letzterer habe Homogenität angestrebt und deshalb von den Juden als den "Anderen" verlangt, sich zu assimilieren.
So war mit der rechtlichen Gleichstellung die Forderung verknüpft, sich an die christliche Umwelt anzupassen. Zugleich zielte der Liberalismus darauf ab, Juden in nützlichere Glieder der bürgerlichen Gesellschaft zu verwandeln. Auch der preußische Staatsrat Christian Wilhelm Dohm hob dieses Ziel in seiner für den Emanzipationsprozess bedeutenden Schrift Über die bürgerliche Verbesserung der Juden von 1781 hervor. Darin appellierte er an die Wechselseitigkeit des Emanzipationsprozesses: Die Juden sollten sich ihre Gleichberechtigung Schritt für Schritt verdienen. Die Forderung nach Anpassung schwang in der gesamten Emanzipationsdebatte mit. Die Beibehaltung einer etwaigen "jüdischen Identität" war nicht erwünscht, und die letzte Konsequenz der Emanzipation war unausgesprochen die Taufe, mindestens aber der Austritt aus dem Judentum.
Vor diesem Hintergrund ist es weniger erstaunlich, dass die ersten größeren antisemitischen Angriffe der Neuzeit ausgerechnet aus einer sich als liberal verstehenden Strömung hervorgegangen sind. Denn die sogenannten Hep-Hep-Unruhen von 1819 wurden vor allem von Burschenschaften und Studentenverbindungen vorangetrieben. Ein Jahr darauf folgte ein antijüdischer Beschluss des Dresdner Burschentages, in dem festgelegt wurde, dass Juden nur dann in Verbindungen aufgenommen würden, wenn sie sich christlich-deutsch fürs deutsche Vaterland ausbildeten. Gleichzeitig waren es aber auch Liberale, die versuchten, dem Antisemitismus entgegenzutreten. So gründete etwa der liberale Professor Karl Biedermann 1844 den Leipziger christlich-jüdischen Emanzipationsverein, einen historischen Vorläufer im Kampf um die Emanzipation und gegen den Antisemitismus.
Einige Jahrzehnte später traten mit dem Berliner Antisemitismusstreit erneut Unstimmigkeiten der Liberalen in der sogenannten Judenfrage zutage. Losgetreten hatte ihn der nationalliberale beziehungsweise ab 1878 parteilose Historiker Heinrich von Treitschke mit einem Aufsatz von 1879. Darin warf er den Juden vor, sich nicht hinreichend an christlich-deutsche Sitten und Gedanken assimiliert zu haben und egoistisch und undankbar zu sein. Daher sei mit Recht eine "natürliche Reaktion des germanischen Volksgefühls gegen ein fremdes Element" erfolgt, stelle doch eine jüdische "Sonderexistenz" tatsächlich eine nationale Gefahr dar. Zustimmung erfuhr Treitschke von der dem Zentrum nahestehenden Zeitschrift Germania und dem antisemitischen Journalisten Wilhelm Marr. Als Aushängeschild diente Treitschke auch den Initiatoren der Studentenpetition, die, anknüpfend an die Antisemitenpetition von Bernhard Förster, Ernst Henrici und Max Liebermann von Sonnenberg, forderten, die rechtliche Gleichstellung der Juden zurückzunehmen. Erst im Zuge dieser Entwicklungen regte sich nennenswerte Kritik auf nichtjüdischer Seite. Infolge der Notabeln-Erklärung vom November 1880, in der 75 Berliner Persönlichkeiten ihren Missmut über die antisemitischen Umtriebe kundtaten, entbrannte ein öffentlicher Streit zwischen den Kollegen Treitschke und Theodor Mommsen. 1890 rief Mommsen mit anderen Unterzeichnern der Notabeln-Erklärung den Verein zur Abwehr des Antisemitismus (VAA) ins Leben. Der Verein richtete sich mithilfe von Aufrufen, Vorträgen, Wahlagitationen und einer Vereinszeitschrift gegen die emporkommenden antisemitischen Vereine und Parteien, forderte aber zugleich die Verschmelzung deutscher Juden mit der christlichen Mehrheit.
Noch vor der Vereinsgründung hatten sich 1881 zahlreiche liberale Politiker mit einer Resolution gegen die antisemitischen Umtriebe positioniert. Im Zentrum der Kritik stand dabei die antiliberale Berliner Bewegung um Adolf Stoecker, Wilhelm Marr, Bernhard Förster und Ernst Henrici. Kurz nach der Gründung des Vereins berichtete die Presse im Januar 1892 über die Vereinigung zur Bekämpfung der Rassenhetze (VBR), die sich ebenfalls den Kampf gegen den Antisemitismus auf ihre Fahnen geschrieben hatte. Ebenso wie beim Verein zur Abwehr des Antisemitismus waren die leitenden Persönlichkeiten der Vereinigung Christen, allerdings waren Letztere jünger, zum Teil sozialistisch gesinnt und kamen eher aus Künstlerkreisen. Da ihre Kundgebungen oftmals in Schlägereien mit den hinzukommenden Antisemiten ausarteten, war die Vereinigung weitgehend isoliert und bestand nur für kurze Zeit. Daneben gab es auch einzelne anti-antisemitische Aktivitäten vonseiten der SPD oder später von der überparteilichen Liga für Menschenrechte.
Jüdische Abwehraktivitäten
Von Anfang an war das Engagement gegen den Antisemitismus aufseiten jüdischer Einzelpersonen und Gruppierungen am stärksten ausgeprägt. Schon nach den Hep-Hep-Unruhen reagierten einige Juden mit der Gründung des Vereins für Cultur und Wissenschaft und mit publizistischen und pädagogischen Mitteln auf das antisemitische Treiben. Nachdem dieser Verein nur kurze Zeit existiert hatte, verlangten 1848 erneut einige Juden nach einem anti-antisemitischen Zusammenschluss. Unterdessen waren bereits einzelne Aktionen durchgeführt worden, etwa in Hannover die Publikation eines als Zeitungsinserat eingerückten Artikels, der die judenfeindlichen Angriffe einer anderen Zeitung widerlegte. Daneben klagten jüdische Einzelpersonen gegen antisemitische Veröffentlichungen. Insgesamt waren die Reaktionen jedoch eher zurückhaltend.
Nachdem einerseits die jüdische Bevölkerung 1869 beziehungsweise 1871 rechtlich gleichgestellt worden war und andererseits die antisemitischen Aktivitäten zugenommen hatten, forderten mehr und mehr Juden, von jüdischer Seite selbst dagegen vorzugehen. Zunächst wurde der 1869 ins Leben gerufene Deutsch-Israelitische Gemeindebund aktiv. Er strengte Strafverfahren an, subventionierte und verteilte Schriften, erfuhr insgesamt allerdings wenig Unterstützung. Sein Engagement war lediglich Teil seiner sonst eher auf die Gemeinden ausgerichteten Tätigkeit. Explizit als Antwort auf den Antisemitismus wurde unter der Anleitung des Berliner Völkerpsychologen Moritz Lazarus das jüdische Comité vom 1. Dezember 1880 gegründet. Es war, was seine Aktivitäten anbelangte, dem Gemeindebund nicht ebenbürtig und löste sich trotz des großen Anklangs in der jüdischen Presse, dem freilich Teilnahmslosigkeit vonseiten der Bevölkerung gegenüberstand, schnell wieder auf, nachdem es schon im April 1881 seine Tätigkeit eingestellt hatte. Das Comité beschränkte sich, abgesehen von einigen Kundgebungen und einer gescheiterten Resolution, auf nichtöffentliche Aufgaben. Ein weiterer Akteur war die deutsche Dependance der Alliance Israélite Universelle, die sich in ihrem anti-antisemitischen Engagement besonders den Ritualmordbeschuldigungen widmete, sich aber generell eher auf kulturelle Angelegenheiten konzentrierte. Publizistischen Einspruch gegen den Antisemitismus erhob vor 1900 vor allem Ludwig Philippsons Allgemeine Zeitung des Judenthums. Eine größere Aktion realisierte die Berliner jüdische Gemeinde 1885 mit ihrer öffentlichen Erklärung gegen die sogenannten Antitalmud-Aktivitäten von katholischer Seite, die Talmudstellen falsch wiedergegeben oder entkontextualisiert hatte. Ihrer Erklärung, in der sie falsche Vorstellungen über das Judentum korrigierten, schlossen sich etwa 220 jüdische Gelehrte an.
Die bedeutendste Rolle im anti-antisemitischen Kampf sollte jedoch dem Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens (CV) zufallen, der 1893 ins Leben gerufen wurde und sich zur größten jüdischen Vereinigung in Deutschland entwickelte. Er bezeichnete sein Engagement als Abwehrarbeit. Diese Abwehr erfolgte vorwiegend auf juristischer und publizistischer Ebene. So gab der Verein zahlreiche von ihm selbst als Abwehrliteratur oder Apologetik titulierte Zeitungsartikel, Broschüren und Bücher heraus, die über das Judentum aufklärten und antisemitische Behauptungen widerlegten.
Neben dem Centralverein traten weitere jüdische Organisationen dem Antisemitismus entgegen, beispielsweise der Reichsbund jüdischer Frontsoldaten (RjF) und das Kartell-Convent (KC). Insgesamt wurden aber nur wenige Juden aktiv, bilanzierte Cornelia Hecht in ihrer Arbeit über die Darstellung des Antisemitismus in ausgewählten jüdischen Zeitungen. Sie erachtete den Centralverein deshalb als professionelle Deutungsinstanz des Antisemitismus, weil er in seiner Vereinszeitung nicht nur über antisemitische Ereignisse berichtete, sondern auch Interpretationsversuche unternahm, während sich die zionistische Jüdische Rundschau beispielsweise hierzu nur selten äußerte. Hecht beschränkte ihre Untersuchung auf die Zeit der Weimarer Republik. Es wurden aber schon etliche Jahre zuvor analytische Überlegungen zu den Hintergründen des Antisemitismus publiziert.
Anfänge einer kritischen Antisemitismusanalyse
1840 hieß es in einer Broschüre über die Ritualmordlüge: "So ist der Mensch; er ist oft geneigt, an Andern Das [sic!] zu hassen und zu verfolgen, wozu er selbst ein heimliches Gelüsten in sich trägt." Den Ritualmordvorwurf, mit dem die Juden beschuldigt wurden, menschliche Blutopfer darzubringen, führte der Autor Karl Corvé auf eine unterdrückte oder verbotene Sehnsucht der Christen nach einem solchen Opfer zurück. Anhand dieses Beispiels stellte er einen Allgemeinsatz über die Funktionsweise der menschlichen Psyche auf.
Besonders im Kaiserreich, wo der Antisemitismus Einzug in die Politik hielt und infolgedessen stärker ins öffentliche Bewusstsein trat, beschäftigten sich einige Gegner der Antisemiten mit seinen Ursachen. Ulrich Wyrwa zufolge haben in der Zeit von 1879 bis 1914 besonders die jüdischen Beobachter über einen klaren Begriff des Antisemitismus verfügt. Obwohl sie ihn als Relikt aus dem Mittelalter einschätzten, seien sie zu "genauen Einsichten über die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Ursachen des Antisemitismus" gelangt.
Tatsächlich existieren unterschiedliche Zeugnisse aus jener Zeit, die einige interessante Überlegungen enthalten. So schrieb Leopold Auerbach bereits 1893 in seiner Broschüre Wie ist die Judenhetze mit Erfolg zu bekämpfen?, dass die Abwehr durch Vorträge, Flugblätter oder Schriften ergebnislos bleiben müsse, weil die Antisemiten überhaupt nicht aufgeklärt werden wollten. Angesichts der antisemitischen Beharrlichkeit könne nur ein Rechtsschutz gegen judenfeindliche Verleumdungen helfen. Wenige Jahre später referierte das jüdische Gründungsmitglied des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus Charles Hallgarten über die Verbreitung des Antisemitismus: "Judenhasser" gebe es nicht nur in ausgesprochen antisemitischen, sondern in sämtlichen Parteien. Hinzu kämen diejenigen, die gar nicht wüssten, dass sie Antisemiten seien. Hallgarten zitierte in diesem Zusammenhang die Formulierung "Ich bin kein Antisemit, aber " und meinte, das "aber" enthalte bereits das Bekenntnis zum Antisemitismus. Selbst bei einigen seiner Vereinskollegen beobachtete er antisemitische Tendenzen. Als Beweggründe vermutete er allein psychische, nämlich Neid und Hass.
Auch nichtjüdische Autoren brachten kritische Überlegungen zum Antisemitismus vor. So regte der Rouffacher Schuldirektor Peter J. Fiedler 1891 an, dass nicht über die Juden und eine von ihnen ausgehende Bedrohung diskutiert werden müsse, sondern über die "Antisemitenfrage", die tatsächlich eine Gefahr darstelle. Da man diese Bedrohung nicht unterschätzen dürfe, forderte Fiedler alle "Klassen der Bevölkerung" auf, sich zu engagieren. Als erste Voraussetzung hierfür benötige man ein klares Verständnis der Ursachen und Folgen der antisemitischen Bewegung. Hier wird bereits deutlich, wie stark der Abwehrkampf mit dem Verlangen nach analytischer Durchdringung dieses Phänomens verbunden war.
Auch von sozialdemokratischer Seite erschienen um die Jahrhundertwende einige Schriften gegen den Antisemitismus. Darin wurde er vornehmlich als reaktionäres Manipulationsmittel eingeschätzt. So meinte August Bebel in seiner für die SPD maßgebenden Rede "Vorschlag einer Resolution zum Thema Antisemitismus und Sozialdemokratie", dass der Antisemitismus Bauernfängerei sei und unerfüllbare Versprechungen mache, um an Wählerstimmen zu gelangen. Eine Gefährdung der Juden sah Bebel nicht, da sich der Hass in Wirklichkeit nicht gegen sie, sondern gegen die Modernisierung, Demokratie und Arbeiterbewegung richte. Ähnlich deutete Friedrich Engels den Antisemitismus 1890 "als eine Reaktion mittelalterlicher, untergehender Gesellschaftsschichten gegen die moderne Gesellschaft", die in kapitalistischen Ländern wie Deutschland keine Zukunft habe.
In der Weimarer Republik stieg die Zahl der Schriften über den Antisemitismus erheblich an - sowohl von antisemitischer als auch von gegnerischer Seite. Beispielhaft seien hier zwei Abwehrschriften des Centralvereins genannt. In einer Broschüre von 1921 erklärte Abraham Loewenthal: "Wir Juden fühlen, daß der Antisemitismus eine Krankheit ist. Aber nicht nur diejenigen sind befallen, welche sich offen Antisemiten nennen, sondern recht häufig auch solche, die als Antisemiten nicht gelten wollen." Das ist ein neuerlicher Hinweis darauf, dass die Menschen sich ihrer antisemitischen Äußerungen nicht unbedingt bewusst waren. Loewenthal verstand den Antisemitismus als Krankheit, also als psychische Erscheinung. Eine ähnliche Überlegung findet sich in der zweiten Broschüre, die 1922, von Binjamin Segel verfasst, herauskam. Er führte den Antisemitismus als "Massenleidenschaft" unter anderem darauf zurück, dass die Masse triebhaft nach jemandem verlange, an dem sie sich abreagieren könne. Die Juden, so der Autor, böten sich als Sündenbock an. Praktisch leitete er die antisemitischen Behauptungen aber nicht von ihnen oder ihrem Verhalten her.
Anhand der zahlreichen kritischen Schriften, die in der Weimarer Republik erschienen, lassen sich die unterschiedlichsten Perspektiven der zeitgenössischen Autoren nachvollziehen. Cornelia Hecht hielt in ihrer Untersuchung fest, dass auf jüdischer Seite viel über die Bedeutung und das "Wesen" des Antisemitismus gestritten wurde:
"Welche dieser Wirklichkeitskonstruktionen die richtige sei, geriet im Laufe der Weimarer Republik zur innerjüdischen Machtfrage. Dabei waren die innerjüdischen Kontroversen bereits darin angelegt, dass die weltanschaulichen Strömungen sich weder einig waren, worin die Ursachen des Antisemitismus bestanden, noch, wie und ob überhaupt ein Kampf gegen ihn sinnvoll und angezeigt war."
Diesem zeitgenössischen Kampf gegen den Antisemitismus widmen sich bereits einige historische Studien. Im Zentrum stehen dabei der Centralverein und sein praktisches Engagement.
Forschungsstand
Einen wichtigen Forschungsbeitrag zu den Aktivitäten des Centralvereins lieferte Arnold Paucker. Seine Veröffentlichungen beschäftigen sich mit dem jüdischen Abwehrkampf vom ausgehenden 19. Jahrhundert bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme. Avraham Barkai untersuchte den Centralverein bis zu seinem Verbot 1938. Über den jüdischen Abwehrkampf im Kaiserreich gibt es überdies einige ältere Studien von Ismar Schorsch, Jehuda Reinharz, Marjorie Lamberti und Sanford Ragins. Sie konzentrieren sich auf die Gründung von Vereinen, auf deren Entwicklung und Aktivitäten sowie das jüdische Selbstverständnis. Eine europäische Perspektive des jüdischen Abwehrkampfes bietet Ulrich Wyrwas Sammelband von 2010. Näheres zum publizistischen Engagement des Centralvereins arbeitete Susanne Urban-Fahr in einer Abhandlung über den vereinseigenen Philo-Verlag heraus. Mit den jüdischen Vorläufern dieses Vereins und den Abwehrschriften aus dem 19. Jahrhundert setzte sich Jacob Borut auseinander. Auch über jüdische Zeitungsdebatten liegen einige Arbeiten vor, die die Wahrnehmung des Antisemitismus thematisieren. Obschon der nichtjüdische Verein zur Abwehr des Antisemitismus alles in allem weniger stark in den Fokus der Forschung gerückt wurde, gibt es auch zu ihm einige Publikationen. Wie sich die Sozialdemokraten zum Antisemitismus positionierten, beleuchten ältere Forschungsarbeiten.
In den Studien über das anti-antisemitische Engagement vor 1933 wurden bereits einige antisemitismustheoretische Veröffentlichungen genannt. Urban-Fahr erwähnte die entsprechenden Broschüren und Bücher des Philo-Verlags, beschäftigte sich jedoch nicht näher mit den darin formulierten Analyseansätzen. Hecht untersuchte zwar das auf jüdischer Seite verbreitete Bild des Antisemitismus, zog aber keine ausführlichen Auseinandersetzungen, wie sie in Broschüren und Büchern zu finden sind, heran. Daher lässt sich in ihrem Werk der Standpunkt etlicher Publizisten zum Antisemitismus sehr gut nachvollziehen, wohingegen unbeantwortet bleibt, inwieweit die damaligen grundlegenden Forschungsarbeiten plausible Erklärungsversuche zu seiner Entstehung und Wirkungsart oder zu seiner Anziehungskraft formulierten.
In einem zehnseitigen Kapitel über die "Abwehr-Argumente" in Pauckers Arbeit von 1968 über den jüdischen Abwehrkampf fasste der Autor neben den üblichen, allein der Abwehr dienenden Argumentationen des Centralvereins einige Deutungsversuche aus der anti-antisemitischen Literatur der Weimarer Zeit zusammen. Am Beispiel einer Broschüre des SPD-Landtagsabgeordneten Erich Kuttner konstatierte er etwa, dass damals schon Überlegungen zum pathologischen Charakter des Antisemitismus angestellt wurden, in denen er als Neurose derjenigen, die unter Minderwertigkeitskomplexen litten, und als sexualpathologische Erscheinung gedeutet wurde. Paucker würdigte auch Kuttners Entlarvung des antisemitischen Judenbildes, das die Juden einerseits mit verachtungswürdigen, andererseits mit übermenschlichen Zügen ausstatte. Darüber hinaus bezog er sich auf eine Broschüre des Pädagogen Michael Müller-Claudius, der den Antisemitismus in erster Linie als deutsche Gefahr bezeichnete und damit der Annahme widersprach, dass er nur Juden tangiere.
In der Bibliographie gab Paucker neben Kuttner und Müller-Claudius weitere Schriften an, die sich auf analytischer Ebene mit dem Antisemitismus auseinandersetzten. Da die Frage nach den Erklärungsansätzen bei ihm aber nicht im Vordergrund stand, ging er auf die darin formulierten Interpretationsversuche nicht weiter ein. Dennoch attestierte Paucker - wie Sanford Ragins - der Zeit des Kaiserreichs ein "ungenügendes Verständnis der gesellschaftlichen Funktionen des Antisemitismus [und] seiner tieferen religiösen und psychologischen Wurzeln". Auch für die folgenden Weimarer Jahre bilanzierte er, dass die Gegner des Antisemitismus den Kern des Judenhasses verkannt, das Bestehen einer "objektiven Judenfrage" bestritten, an "Heilung" geglaubt und dem "naiven Fortschrittsglauben des 19. Jahrhunderts" angehangen hätten. Ihr mangelndes Wissen um die Hintergründe des Antisemitismus habe sich negativ auf die Abwehrarbeit ausgewirkt und deren Effizienz beeinträchtigt. Ulrich Wyrwa dagegen sprach in seiner Studie zwar ebenfalls von einem "jüdischen Fortschrittsoptimismus", schätzte die damaligen Kenntnisse über den Antisemitismus aber als recht umfassend ein.
Veröffentlichungen, die sich vor 1933 dem Antisemitismus mit dem Anspruch näherten, ihn kritisch zu analysieren, werden in der Forschungsliteratur über den jüdischen Abwehrkampf vernachlässigt. Noch seltener finden diese Arbeiten im wissenschaftsgeschichtlichen Rahmen Erwähnung. Eine Ausnahme stellt Reinhard Rürup dar, der in einer Aufsatzsammlung von 1975 der Entwicklung der modernen Antisemitismusforschung elf Seiten widmete, auf denen er die verschiedenen Strömungen innerhalb dieses Forschungsbereichs aufzeigte. Dabei bezog er sich nicht nur auf Arbeiten jüngeren Datums, sondern auch auf Veröffentlichungen aus der Zeit vor 1933, etwa auf eine Essaysammlung von Arnold Zweig, die 1927 unter dem Titel Caliban oder Politik und Leidenschaft erschien, und Fritz Bernsteins Studie Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung von 1926. Wegen seines Aufsatzcharakters ging Rürups Beitrag allerdings kaum über Namensnennungen hinaus.
Werner Bergmann und Mona Körte behaupteten in ihrem Übersichtsband zur Antisemitismusforschung in den Wissenschaften dagegen, dass sich eine moderne Antisemitismusforschung erst nach 1945 - und zwar unter dem Eindruck der Judenvernichtung - herausgebildet habe. Sie zeigten daher lediglich auf, wie sich die Forschung nach 1945 entwickelte. Auch in Samuel Salzborns Abhandlung über die Antisemitismusforschung, in der er empirische und gesellschaftstheoretische Ansätze zusammenfasste und miteinander verknüpfte, wurden Forschungsansätze aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus nicht berücksichtigt.
Diese Lücke in der Antisemitismusforschung haben jüngst Olaf Kistenmacher und Hans-Joachim Hahn zu füllen versucht. Ihr Sammelband über die Beschreibungsversuche der Judenfeindschaft behandelt Erklärungsversuche aus der Zeit von 1800 bis 1944. Durch den weit gesteckten Zeitrahmen und den Verzicht auf räumliche Begrenzung gewähren die Aufsätze interessante Einblicke in diverse Denkströmungen und Interpretationsstränge. Da die einzelnen Ansätze je für sich untersucht werden, vermisst man zuweilen die Bezüge zwischen ihnen. Das Fritz Bauer Institut arbeitet derzeit an einer zweibändigen Quellenedition zur Geschichte der Antisemitismusforschung, in der ausgewählte Quellentexte aus der Zeit von 1794 bis 1931 präsentiert und mit kontextualisierenden Kommentaren versehen werden. Der erste Band ist 2015 erschienen und stellt unter anderem Auszüge aus Texten Heinrich Heines, Arnold Zweigs und Constantin Brunners vor. Die Edition leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Entwicklungsgeschichte der Antisemitismusforschung.
Untersuchungsgegenstand
In der vorliegenden Studie soll dieses Wissen vertieft und erweitert werden. Im Gegensatz zu den soeben erwähnten Publikationen, dem Sammelband und der Quellenedition, werden die Forschungsansätze innerhalb des abgesteckten Rahmens stärker zueinander in Beziehung gesetzt. Außerdem sollen neue Perspektiven für die Bewertung des Abwehrkampfs vor 1933 eröffnet werden. Während Paucker und andere Autoren die Leistungen und den erstaunlichen Ideenreichtum des Abwehrkampfs dokumentierten, fokussiert diese Arbeit auf die Leistungen und den Ideenreichtum der zeitgenössischen Antisemitismusforscher. Ich untersuche folglich nicht die Frage, was die breite Bevölkerung über den Antisemitismus dachte, sondern versuche herauszufinden, welche kritisch-analytischen Konzepte damals entwickelt wurden. Im Zentrum der Aufmerksamkeit steht die Ideen-, nicht die Mentalitätsgeschichte. In meiner Auswahl liegt der Schwerpunkt auf Texten, die sich mit den Ursachen, der Entstehung und Anziehungskraft des Antisemitismus befassen, wohingegen rein historisch-beschreibende Abhandlungen über die Judenfeindschaft unberücksichtigt bleiben. Die Mehrheit der herangezogenen Autoren versuchte dabei möglichst objektiv und wissenschaftlich vorzugehen, dennoch wird bei der Lektüre deutlich, dass es ihnen nicht allein um ein wissenschaftliches Interesse ging. Durch die Enträtselung des Antisemitismus wollten sie letztlich einen Weg zu dessen Überwindung aufzeigen. Insofern ähneln die Texte zuweilen den klassischen Abwehrschriften, in denen die "wirklichen" Juden gegen das antisemitische Judenbild verteidigt wurden. Der entscheidende Unterschied liegt aber in der Intention. Arnold Zweig schrieb hierzu in seiner Essaysammlung:
"Aber diesen Komplex [das heißt den Antisemitismus] prüfen - heißt selbstverständlich nicht, über jüdisches Wesen nachdenken; wer sich so wenden wollte, wäre der Suggestion von vornherein erlegen, die sein Gegenstand über ihn stülpen möchte. Nicht, was der Jude ist, gedenken wir in dieser Untersuchung zu erfahren, sondern was der Antisemitismus ist, woher er kommt, wohin er will und was er anzeigt - in einer Analyse, welche nicht vom unterdrückten Tone der Entrüstung erzittert."
Mein Untersuchungszeitraum erstreckt sich auf die Jahre 1901 bis 1933. Diese Begrenzung ist keine willkürliche, sondern resultiert aus dem inhaltlichen Ausschlusskriterium für die Publikationen, die Gegenstand dieser Arbeit sind. Naheliegenderweise konnte die Antisemitismusforschung erst einsetzen, nachdem sich der moderne Antisemitismus herausgebildet hatte, also im Laufe des 19. Jahrhunderts. Viele der Schriften, die vor 1900 zur Thematik erschienen sind, beziehen sich auf die Diskussion über die "Judenfrage", das heißt über die Frage nach der rechtlichen Gleichstellung der jüdischen Bevölkerung, und konzentrieren sich weniger darauf, den Antisemitismus zu analysieren. Bei den analytischen Publikationen über den aufkommenden Antisemitismus, die daneben entstanden, handelt es sich zumeist um kurze Texte, die teils aus Vorträgen hervorgegangen sind und entsprechend appellierenden Charakter haben. Einige interessante Überlegungen enthält auch die 1893 vom österreichischen Schriftsteller Hermann Bahr herausgegebene Artikelsammlung Der Antisemitismus. Ein internationales Interview. Seine einleitenden Worte ragen besonders heraus. Mit ihnen erklärte er nämlich, dass der Antisemitismus kein Mittel zum Zweck sei, sondern vielmehr als Gefühl der Leidenschaft beziehungsweise des Hasses sich selbst diene. Zugespitzt konstatierte er: "Die Reichen halten sich an Morphium oder Haschisch. Wer sich das nicht leisten kann, wird Antisemit. Der Antisemitismus ist der Morphinismus der kleinen Leute." Gäbe es keine Juden, so Bahr weiter, müssten die Antisemiten sie erfinden. Ferner bezweifelte er, dass man dem Antisemitismus wirksam entgegentreten könne, weil immer wieder neue antisemitische Behauptungen in die Welt gesetzt würden. Bahrs Überlegungen sind allerdings so knapp, dass sie durch mein Analyseraster fallen.
Das erste umfassende Werk, das in die Studie aufgenommen wird, ist die bereits erwähnte Doktorarbeit von Heinrich Coudenhove. Sein Freund Sigmund Münz und sein Sohn Richard Coudenhove-Kalergi steuerten mit ihren biographischen Skizzen einige Informationen zum Leben Coudenhoves bei. Auch seine Enkeltochter erwähnte ihn in ihrer Autobiographie. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit seiner Antisemitismusanalyse erschien bislang nicht.
Die umfangreichste antisemitismusanalytische Literatur vor 1933 stammt von Constantin Brunner. Sein Hauptwerk zur Thematik trägt den unprätentiösen Titel Der Judenhaß und die Juden. Brunner gehörte zu den wenig beachteten Philosophen des 20. Jahrhunderts. Jürgen Stenzel fasste 2003 die systemphilosophischen Gedanken Brunners in einem Buch zusammen, nachdem wenige Jahre zuvor eine Einführung von Hendrik Matthes erschienen war. Ausführlicher, wenn auch nur am Rande ist von Brunners Antisemitismusanalyse in Stenzels Doktorarbeit Philosophie als Antimetaphysik die Rede. Stärkere Aufmerksamkeit wurde ihr in einem 2014 erschienenen Sammelband über Brunner zuteil. Darüber hinaus gibt es noch einige ältere Werke über Brunners Philosophie, in denen seine Antisemitismusanalyse nur nebenbei Erwähnung fand. Lediglich in zwei zeitgenössischen Broschüren wurde sie gewürdigt.
Arnold Zweig ist in dieser Untersuchung zweifelsohne der bekannteste Autor. Über den "Vorzeigeschriftsteller" der Deutschen Demokratischen Republik gibt es eine Fülle von Literatur, die sich mit seinem Leben, seinem lyrischen Werk und seinem Verhältnis zum Judentum, zum Zionismus oder zur Psychoanalyse beschäftigt. Zweigs Ausführungen zum Antisemitismus kommen dabei selten zur Sprache. Ursula Schumacher widmete sich dem Caliban in einem Kapitel ihres Buches über Zweig und sein Judentum. Intensiver setzte David Midgley sich in seiner Doktorarbeit und in einem Aufsatz mit ihnen auseinander. Außerdem reflektierte Detlev Claussen in einigen Aufsätzen über Zweigs Erklärungsansatz.
Weitgehend unbekannt ist dagegen der Autor von Der Antisemitismus als Gruppenerscheinung - Fritz Bernstein. 1962 erschien zwar eine hebräischsprachige Biographie über ihn und seine politische Laufbahn in Israel. Über das Leben des ehemaligen deutsch-niederländischen Autors vor seiner Auswanderung ist indes wenig bekannt. Abgesehen von einem Aufsatz im Sammelband von Hahn und Kistenmacher sowie einem kurzen Überblick in jüngsten Studien von Stefan Vogt existieren auch keine nennenswerten Beiträge zu Bernsteins Antisemitismusanalyse.
Noch weniger Informationen lassen sich über Michael Müller-Claudius ermitteln, der ab Mitte der 1920er Jahre etliche Aufsätze und Essays gegen den Antisemitismus schrieb. Für die Antisemitismusforschung vor 1933 ist insbesondere sein Buch Deutsche Rassenangst. Eine Biologie des deutschen Antisemitismus von 1927 relevant.


Inhalt
Inhalt
I. Einleitung 7
II. Von der Erfahrung zur Theorie 31
1. Biographische Hintergründe 31
2. Erfahrung des Antisemitismus 63
3. Stil und Rhetorik der Schriften 74
III. Antisemitismustheorien revisited 85
1. Babel der Terminologie 85
2. Geschichte(n) der Judenfeindschaft 92
3. Vom religiösen Ursprung des Antisemitismus 113
4. Antisemitismus als Gruppenphänomen 134
5. Juden als Fremde 157
6. Antisemitismus als Aberglaube 181
7. Psychologische Erklärungsversuche 202
8. Verstrickungen von Nationalismus
und Antisemitismus 244
9. Kritik an den Rassentheorien und Bezüge zur Rassenkunde 276
10. Zusammenfassung der Erkenntnisse 319
IV. Von der Theorie zur Praxis 337
1. Zur Gefahreneinschätzung 337
2. Überlegungen zu Handlungsmöglichkeiten 352
3. Zur zeitgenössischen Bedeutung der Forschung 393
V. Ausblick 411
Abkürzungen 427
Quellen und Literatur 428
Danksagung 457
Personenregister 459

Produktinformationen

Titel: Ein Ungeheuer, das wenigstens theoretisch besiegt sein muß
Untertitel: Pioniere der Antisemitismusforschung in Deutschland
Autor:
EAN: 9783593506241
ISBN: 978-3-593-50624-1
Format: Fester Einband
Hersteller: Campus
Herausgeber: Campus
Genre: 20. Jahrhundert (bis 1945)
Anzahl Seiten: 466
Gewicht: 674g
Größe: H213mm x B140mm x T32mm
Jahr: 2017
Untertitel: Deutsch
Land: DE
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