

Beschreibung
Ein Serienmörder und die Schattenseite des Wiens der Jahrhundertwende. 1902: In Wien herrscht ein sibirischer Winter. Ein brutaler Serienmörder treibt sein Unwesen: Teuflische Verstümmelungen, eine Neigung zu geheimnisvollen Symbolen und eine scheinbar zufälli...Ein Serienmörder und die Schattenseite des Wiens der Jahrhundertwende.
1902: In Wien herrscht ein sibirischer Winter. Ein brutaler Serienmörder treibt sein Unwesen: Teuflische Verstümmelungen, eine Neigung zu geheimnisvollen Symbolen und eine scheinbar zufällige Auswahl der Opfer sind seine Markenzeichen. Inspektor Oskar Rheinhardt ist mit seinem Latein am Ende und ruft seinen Freund, den Psychoanalytiker Max Liebermann, zu Hilfe, der sich schon in seinem letzten Fall bewährte
"Ein faszinierendes Porträt einer der lebendigsten und zugleich unheimlichsten Städte des Europas am Fin-de-Siècle. Mitten darin erzählt Tallis einen enorm intelligenten Krimi."
Autorentext
Frank Tallis ist Schriftsteller und praktizierender klinischer Psychologe. Für seine Romane, vor allem für seine Erfolgsserie um den Psychoanalytiker und Detektiv Max Liebermann, erhielt er zahlreiche Preise, u. a. den »Writers' Award from the Arts Council of Great Britain« und den »New London Writers' Award«. Tallis lebt in London.
Zusammenfassung
Ein Serienmörder und die Schattenseite des Wiens der Jahrhundertwende.
1902: In Wien herrscht ein sibirischer Winter. Ein brutaler Serienmörder treibt sein Unwesen: Teuflische Verstümmelungen, eine Neigung zu geheimnisvollen Symbolen und eine scheinbar zufällige Auswahl der Opfer sind seine Markenzeichen. Inspektor Oskar Rheinhardt ist mit seinem Latein am Ende und ruft seinen Freund, den Psychoanalytiker Max Liebermann, zu Hilfe, der sich schon in seinem letzten Fall bewährte
Leseprobe
ERSTER TEIL
Der ideale Verdächtige
Der Italiener warf sich nach vorne. Er war ein kleiner, schlanker Mann, aber sehr muskulös. Was ihm an Größe fehlte, wurde durch sein scharfes Auge und seine erstaunliche Schnelligkeit mehr als ausgeglichen.
Liebermann konnte den Stoß des Floretts erfolgreich abwehren, verlor aber das Gleichgewicht. Daher gelang ihm kein unmittelbarer Gegenangriff, und sein Gegner drang erneut auf ihn ein. Die Florettspitze des Italieners kam der schützenden wattierten Jacke über Liebermanns Herz bedrohlich näher. Sein Gleichgewicht wiederfindend, beschloss Liebermann, ein passé zu wagen er warf sich hinter den Italiener und machte ein paar Schritte rückwärts. Schweiß lief seine heiße Wange hinunter. Der Italiener zuckte mit den Achseln, entfernte sich und schwang, um Gleichgültigkeit zu demonstrieren, ein paarmal sein Florett durch die Luft. Nach ein paar Schritten warf er sich herum und nahm mit arrogant erhobenem Kinn die Bereitschaftsposition ein. Liebermann näherte sich langsam.
Der Italiener schien sich zu entspannen und das Florett lockerer zu halten. Liebermann fiel diese feine Veränderung auf, und er griff an. Auf ein gewaltiges Scheppern folgte das Schrillen von aneinanderschrammendem Metall: Das Florett des Italieners gab nach, bot keinen Widerstand. Liebermann gratulierte sich, er glaubte, seinen Widersacher überrascht zu haben aber dessen Zurückweichen war nur taktischer Natur gewesen. Geschickt umschwirrte die Klinge des Italieners jene Liebermanns und drückte sie mit einem kraftvollen Hieb beiseite. Ein weiteres Mal durchdrang die Spitze seines Floretts mühelos Liebermanns Verteidigung. Dieser zog sich zurück, führte eine Reihe von Ausweichmanövern durch, die den erneuten heftigen Angriff des Italieners kaum aufhalten konnten.
Sie umkreisten einander, und ihre Klingen berührten sich hin und wieder kurz.
»Sie hätten mein froissement vorhersehen müssen, Herr Doktor«, meinte der Italiener unwillig. Er tippte sich an die Schläfe und fügte hinzu: »Nachdenken, Herr Doktor! Wenn Sie nicht nachdenken, ist alles verloren.«
Liebermann betrachtete das leere Oval von Signor Barbasettis Maske. Er war begierig, irgendeine menschliche Regung auszumachen vielleicht etwas Versöhnliches oder die Spur eines Lächelns, aber das Drahtgeflecht war undurchdringlich.
Die Florette trafen wieder aufeinander und die Sonne des frühen Tages funkelte in den Klingen. Staub wirbelte auf, wie von winzigen Zyklonen emporgesogen.
Barbasetti machte ein Täuschungsmanöver, wechselte von einer Angriffslinie zur nächsten und zwang Liebermann zurückzuweichen. Der junge Arzt verlor jedoch nicht die Fassung und konterte mit einem absichtlich misslingenden Manöver. Er forderte damit einen kraftvollen Stoß Barbasettis heraus. Liebermann wich aus und erwischte die starke Seite der Florettklinge des Italieners, als dieser an ihm vorbeistolperte, und Barbasetti verlor fast seine Waffe.
»Bravo, Herr Doktor.« Barbasetti lachte. »Ein hervorragendes falso!«
»Danke, Signor.«
Barbasetti blieb stehen und hob die Klinge. Er betrachtete sie eingehend.
»Entschuldigen Sie mich, Herr Doktor.«
Er begab sich ans andere Ende des Fechtsaals und drückte das Heft seines Floretts gegen die Platte eines ramponierten Tisches. Dann hängte er ein Eisengewicht an die Spitze und beobachtete, wie sich die Klinge durchbog. Die sanfte Neigung veranlasste den vorsichtigen Italiener zu einem unbestimmten Brummen.
»Alles in Ordnung, Signor?«, fragte Liebermann.
»Ja, ich glaube schon«, erwiderte Barbasetti. Der Italiener richtete sich wieder auf, marschierte zurück und warnte seinen Schüler: »En garde.«
Unverzüglich gingen sie zu erneutem Angriff über. Liebermanns Florett schlitterte an der Klinge seines Gegners entlang, bis ihre Handschuhe aneinanderkrachten. Der Fechtmeister stieß zu, und Liebermann wurde zurückgeschleudert. Er fiel ungeschickt, parierte jedoch eindrucksvoll.
Barbasetti trat einen Schritt zurück.
»Viel besser.«
Liebermann sah, dass die Spitze seines Floretts zitterte er war müde. Nach der Fechtstunde würde er in dem kleinen Kaffeehaus in der Nähe des Anatomischen Instituts Kaffee trinken und ein Hörnchen essen. Er musste etwas in den Magen bekommen, um durchzuhalten
»En garde!«, brüllte Barbasetti erneut. Der Italiener hatte bemerkt, dass sein Schüler unkonzentriert war. Liebermann imponierte das Gespür seines Fechtmeisters.
Wieder trafen sich ihre Klingen, und lautes metallisches Klappern füllte den Fechtsaal. Liebermann hatte den Eindruck, dass auch Signor Barbasetti allmählich ermüdete. Sein Tempo war etwas langsamer geworden, und er tänzelte weniger. Der Italiener wehrte Liebermanns Ausfall ab, gab sich dann aber eine Blöße. Liebermann sah, dass sein Brustschutz offen dalag, eine seltene Gelegenheit. Hier war seine Chance auf einen Sieg, er hob sein Florett und wollte zustoßen.
Er kam aber nicht dazu.
Erstarrt, wie gelähmt, spürte er einen unerwarteten Druck auf seinem Herz. Er schaute nach unten und betrachtete die Spitze von Signor Barbasettis Florett, die genau zwischen den Rippen fünf und sechs auflag.
Barbasetti stieß zu, und der kalte Stahl bog sich nach oben.
»Das verstehe ich nicht«, sagte Liebermann.
»Sie haben sich nicht konzentriert, Herr Doktor«, sagte der Italiener. »Mit so einem Irrtum würden Sie einen Wettkampf verlieren und natürlich, unter gewissen Umständen, Ihr Leben.«
Barbasetti senkte sein Florett und hob es dann zum Gruß.
Liebermann erwiderte die Geste höflich. Trotz der theatralischen Erklärung seines Fechtmeisters musste sich der junge Arzt eingestehen, dass er immer noch an das kleine Kaffeehaus in der Nähe des Anatomischen Instituts dachte: buttriges, knuspriges Gebäck, Pflaumenmarmelade und eine Tasse sehr starken, schwarzen Kaffees.
Kriminalinspektor Oskar Rheinhardt folgte einem ansteigenden Pfad durch eine bewaldete Parklandschaft. Er warf einen Blick über seine linke Schulter. Teile von Schönbrunn funkelten durch die Bäume. Es war ein strahlender, kalter Morgen, und das Laub war von Raureif überzogen. Es knirschte angenehm unter den Schuhsohlen.
Rheinhardt war seit Jahren nicht mehr im Zoo gewesen. Er fühlte sich an die Zeit erinnert, als seine Töchter noch sehr klein gewesen waren damals war er häufig hierhergekommen. Er erinnerte sich noch, wie Mitzi beim Herannahen eines Löwen die Augen aufgerissen …