

Beschreibung
Ein atmosphärisch dichter und unbeschreiblich zarter Roman über zwei Schwestern, die nach jahrelangem Schweigen wieder zueinanderfinden. Agathe lebt als Drehbuchautorin in New York, als Véra Kontakt mit ihr aufnimmt. Fünfzehn Jahre lang haben sich die Schweste...Ein atmosphärisch dichter und unbeschreiblich zarter Roman über zwei Schwestern, die nach jahrelangem Schweigen wieder zueinanderfinden.
Agathe lebt als Drehbuchautorin in New York, als Véra Kontakt mit ihr aufnimmt. Fünfzehn Jahre lang haben sich die Schwestern nicht gesehen, doch jetzt kehrt Agathe nach Frankreich ins Périgord zurück, um gemeinsam mit Véra ihr Elternhaus auszuräumen. In den neun Tagen, die sie miteinander verbringen, müssen sie ausloten, was von ihrer einst so engen Verbindung noch übrig ist, und eine neue Sprache miteinander finden, denn Véra spricht nicht. Früher hatte Agathe das Reden für ihre kleine Schwester übernommen, doch nach den Jahren ihrer Abwesenheit steht sie einer selbstständigen und erwachsenen jungen Frau gegenüber, die gelernt hat, für sich selbst einzustehen. Schritt für Schritt tasten die beiden Schwestern sich vor, nähern sich einander an und schrecken wieder zurück, denn in der vertrauten Umgebung kommt Agathe nicht umhin, den Erinnerungen endlich wieder Raum zu geben und sich der Frage zu stellen, warum sie damals überhaupt fortgegangen ist.
Autorentext
Elisa Shua Dusapin wurde 1992 in Sarlat-la-Canéda (Frankreich) als Tochter eines französischen Vaters und einer südkoreanischen Mutter geboren und wuchs zwischen Paris, Seoul und Porrentruy (Schweiz) auf. Sie hat am Literaturinstitut in Biel studiert und erhielt für ihren Debütroman Winter in Sokcho zahlreiche Preise, darunter den Robert-Walser-Preis sowie den National Book Award für Übersetzungen. Der Roman wurde verfilmt und an zahlreichen Festivals gezeigt. Ihre insgesamt vier Romane wurden in mehr als 35 Sprachen übersetzt. Bei Kein & Aber erscheint ihr neuster Roman Damals waren wir unzertrennlich sowie im Taschenbuch Winter in Sokcho.
Leseprobe
November
Vor lauter Regen habe ich das Ortsschild verpasst. Die Täler vernebeln, die Spurrillen verschwinden, als ich kaum noch etwas sehe, fahre ich auf den Seitenstreifen und halte an. Wie das Wasser auf die Kühlerhaube klatscht. Begonnen hat das Unwetter schon gestern. Seit der Abfahrt von der Autobahn bin ich niemandem begegnet. Im Radio wurde davor gewarnt, die Straßen zu benutzen, aber ich hatte keine Wahl. Es ist siebzehn Uhr, der Himmel anthrazitgrau. Ich konnte die Sitzlehne nicht verstellen. Sehr aufrecht sitze ich da, vom Prasseln ganz benommen. Immerhin wirkt der Transporter stabil. Er sieht aus wie die orangenen Wagen vom Straßenbauamt. Ich wollte bei der Autovermietung vor allem etwas Praktisches.
Eine Stunde vergeht. Endlich lässt der Regen nach. Ich fahre weiter. Das Navi führt mich tief in den Wald. Bald dringt weder Regen noch Licht durchs Blätterdach. Ich schalte das Fernlicht ein. Das Lenkrad klebt. Ich fahre kilometerweit in langsamem Tempo, suche meinen Weg auf zugerankten Pfaden, bis zu einer steilen Auffahrt. Das Tor weiter oben steht offen. Zum ersten Mal mache auch ich die Bewegungen meines Vaters. Schalte in den ersten Gang, beschleunige, die 7 Räder drehen auf dem Schotter kurz durch, ich halte die Spur, stelle vor dem Haus den Motor ab. Das automatische Licht springt an. Ein Kaninchen flieht davon.
Das Gebäude wirkt müde, das Dach hängt auf den Mauern wie ein vom Efeu erstickter Riese. Am Haselstrauch ist ein Auto geparkt. Der Farn sprengt die Stufen der Außentreppe. Durchs Fenster erahne ich Licht. Ich drücke mein Auge an den Spion, weiche sofort zurück. Mit dem Gesicht meiner Schwester habe ich nicht gerechnet, gewaltige Stirn, weit auseinanderstehende Brauen, Glupschaugen, meine Schwester riesig aufgebläht vor der Linse, die mein Vater angeblich mit Absicht andersherum eingebaut hatte. Wir haben nichts zu fürchten noch zu verbergen, so seine Worte, unser Reichtum ist innerlich, und jeder soll wissen, dass hier die schönsten Menschen wohnen.
»Hallo.«
Meine Stimme klingt lauter als beabsichtigt. Véra antwortet mit einem Lächeln, das zu groß für ihren Mund ist. Sie nimmt mir den Koffer aus der Hand, stellt ihn in der Küche unten an die Treppe. Ich sehe den Steinfußboden wieder, die Holzmöbel, die Badezimmertür im Schatten des offenen Kamins. So die Feuerstelle voller Bücher habe ich ihn noch nie gesehen. Über dem Esstisch hängt anstelle des Leuchters ein Vogelkäfig. Hinter den Gitterstäben stapelt sich Käse.
Véra deutet zur Treppe und wendet sich der Arbeitsplatte zu, ich soll mich einrichten, während sie das Essen vorbereitet. Früher war sie furchtbar chaotisch. Ich mache ihr ein Kompliment. Sie tippt in ihr Handy und zeigt mir das Display:
Damit du dich wie zu Hause fühlst.
Etwas brüsk antworte ich, wir sind ja Schwestern, das ist auch mein Zuhause, und solche Höflichkeiten können wir uns sparen. Hastig stellt sie den Gasherd an. Ich kann mir nicht verkneifen, noch hinterherzuschicken:
»Vor allem, weil wir eh nichts behalten.«
Die Treppe quietscht unter meinen Socken. Ich muss aufpassen, nicht auszurutschen. Die Tür zum Schlafzimmer unserer Eltern steht halb offen. Ich bleibe auf der Schwelle stehen, in der Zugluft der undichten Fenstertür. Schwarzes Parkett. Mitten im Zimmer das große Bett, die nackte Matratze, ohne Laken, ohne Decke. Ich frage mich immer noch, wie meine Eltern ohne Wand und Kopfteil schlafen konnten. Irgendwie erleichtert schließe ich die Tür. Ich weiß nicht, was ich mehr gefürchtet habe, in diesem Bett hier zu schlafen oder mit meiner Schwester im alten Kinderzimmer, jetzt, wo wir erwachsen sind.
Ihr süßliches Parfüm schnürt mir die Kehle zu. Sie hat unser Stockbett behalten. Heute Abend macht mich der Anblick wehmütig. Das Gestänge scheint zu fragil, um uns beide zu tragen. Kommode und Schreibtisch stehen an ihrem Platz, bauchig und lachsfarben, genau wie früher. Ich schaue, ob ich Empfang habe. Neun Tage werde ich hier verbringen und muss für meine Kollegen erreichbar sein. Nur ein Balken. Manchmal verschwindet er.
Als ich mich aus dem Fenster lehne, sehe ich den Transporter. Das Orange bringt mich zum Lachen. Das Fahrzeug sieht aus wie eine dicke Hummel. Und wirkt hier so befremdlich wie das Wiedersehen mit meiner Schwester, dem ersten seit dem Tod meines Vaters vor fünf Jahren.
Véra hat Wein in die Kristallgläser geschenkt. Gestresst von diesem Zeremoniell, erkläre ich, dass ich nicht trinke. Sie zieht die Brauen hoch, gießt den Wein zurück in die Flasche, etwas geht daneben, ich wische mit dem Ärmel darüber, ziehe dann den Pulli aus, mir ist warm. Das Bambusgeschirr ist für mich fremd. Stolz zeigt mir Véra die Käseverpackung mit den darauf abgebildeten Esskastanien, dann auf den Kamin: Das ist Räucherkäse. Ich vertreibe den Gedanken, dass er aus Rohmilch gemacht ist. Sie hat einen Chicorée-Salat mit Feigen und Walnüssen gemacht. Ich frage, ob sie darüber nachgedacht hat, wie wir in den nächsten Tagen zusammen vorgehen sollen, ich nämlich noch nicht, ich habe viel zu tun gehabt. Sie tippt drauflos:
Glückwunsch zu deinem Preis.
Ich murmele, das ist nett.
Keine Ahnung, was sie von den Drehbüchern weiß,die ich geschrieben habe. Das letzte wurde auf einem italienischen Festival ausgezeichnet, aber ich konnte nicht hingehen, und so oder so hatte ich sie nicht eingeladen.
»Hast du was von Octave gehört?«, frage ich in möglichst neutralem Tonfall.
Sie nickt, natürlich, und deutet auf die Feigen und Nüsse, die sind von ihm ... Ich unterbreche sie. Für mich ist nichts dabei, was ich behalten will. Sie soll sich aussuchen, was sie will, den Rest bringen wir zur Müllkippe. Ihre Finger klammern sich um ihr Handy. Mit dem Kinn deutet sie hinüber zum Schrank, zur Küche, zum Bad. Ich verdrehe die Augen, wir werden da drin ja wohl nicht rumwühlen. Der Schein ihres Displays erhellt ihr Gesicht:
Wie du willst.
Etwas versöhnlicher sage ich, dass ich zu tun habe. Und bin spät dran. Ich werde mich zurückziehen müssen, um zu schreiben. Mit einer Selbstverständlichkeit, die mich verunsichert, zeigt sie mir wieder ihr Display:
Wie du willst.
Dann fragt sie, was g…
