

Beschreibung
Macht die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" den Betroffenen erst krank, indem sie ihn für "krank" erklärt? Wie wirkt sich eine solche Diagnose auf das Selbstbild, auf die Art und Weise, wie andere einen wahrnehmen und behandeln, aus? ...Macht die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" den Betroffenen erst krank, indem sie ihn für "krank" erklärt? Wie wirkt sich eine solche Diagnose auf das Selbstbild, auf die Art und Weise, wie andere einen wahrnehmen und behandeln, aus? Zu welchen privaten und beruflichen Konsequenzen kann sie führen? Wird durch sie aus einem vorübergehenden Zustand eine "chronische Erkrankung" gemacht? - Mit jenen spannenden Fragen setzt sich dieses Buch auseinander, das sich auf zwei offene Interviews mit einer Mutter und ihrem Sohn, die beide im jungen Erwachsenenalter als "bipolar" diagnostiziert worden sind, stützt. Unter Einbezug des Labeling Approach ("Etikettierungsansatz"), der sozial-konstruktivistischen und systemischen Sichtweise und der Annahme, dass Stigmatisierung zu Selbststigmatisierung führen kann, erfolgt eine hypothesengeleitete Interpretation der Interviewergebnisse. Deutlich wird, dass eine psychiatrische Diagnose mehr Probleme schaffen als lösen kann; führt sie dazu, dass die von ihr Betroffenen nur noch an die Prognose ihrer Diagnose und nicht mehr an sich selbst glauben können.
Autorentext
Charlotte Fritsch wurde 1991 in Weimar geboren. Aufbauend auf ihren Bachelor in Förderpädagogik und Germanistik studiert sie derzeit im Magister Lehramt-Förderpädagogik an der Universität Erfurt. Die Autorin absolvierte bereits 12 Praktika im sozialen, psychiatrischen und (förder-)pädagogischen Bereich und leitete für ein Jahr ehrenamtlich vier Theatergruppen zur Förderung sozialer Kompetenzen in einer integrativen Grundschule. Nicht nur im Studium und in ihrer beruflichen Praxis setzt sie sich mit dem Einfluss psychiatrischer Diagnosen auf die Betroffenen auseinander, sondern auch auf literarischem Wege - so z.B. in ihrem Jugenddrama "Zwischen mir und mir. Sommerferien in der Psychiatrie", das 2013 im Periplaneta Verlag Berlin erschienen ist.
Klappentext
Macht die Diagnose einer "psychischen Erkrankung" den Betroffenen erst krank, indem sie ihn für "krank" erklärt? Wie wirkt sich eine solche Diagnose auf das Selbstbild, auf die Art und Weise, wie andere einen wahrnehmen und behandeln, aus? Zu welchen privaten und beruflichen Konsequenzen kann sie führen? Wird durch sie aus einem vorübergehenden Zustand eine "chronische Erkrankung" gemacht? - Mit jenen spannenden Fragen setzt sich dieses Buch auseinander, das sich auf zwei offene Interviews mit einer Mutter und ihrem Sohn, die beide im jungen Erwachsenenalter als "bipolar" diagnostiziert worden sind, stützt. Unter Einbezug des Labeling Approach ("Etikettierungsansatz"), der sozial-konstruktivistischen und systemischen Sichtweise und der Annahme, dass Stigmatisierung zu Selbststigmatisierung führen kann, erfolgt eine hypothesengeleitete Interpretation der Interviewergebnisse. Deutlich wird, dass eine psychiatrische Diagnose mehr Probleme schaffen als lösen kann; führt sie dazu, dass die von ihr Betroffenen nur noch an die Prognose ihrer Diagnose und nicht mehr an sich selbst glauben können.
Leseprobe
Textprobe:
Kapitel 2.4, Die Diagnose einer psychischen Erkrankung aus personenbezogener Sicht: Personenbezogene Menschenbilder und personenbezogene Erklärungsmodelle menschlichen Verhaltens lokalisieren die Gründe für eine bestimmte Verhaltensweise immer in der Person, die dieses spezifische Verhalten zeigt (Palmowski 2007, 45).
Ein Beispiel für eine stark personenbezogene Sichtweise ist die medizinische, die psychische Erkrankungen häufig mit einer Störung des Gehirnstoffwechsels in Zusammenhang bringt. Aussagen, wie Der Signalbotenstoff (Neurotransmitter) Dopamin kommt bei ADHS-Betroffenen seltener im Gehirn vor (Onmeda-Redaktion 2012) oder Bei Depressiven funktioniert der Gehirnstoffwechsel nicht so, wie er funktionieren sollte, was unter anderem dazu führt, dass es am Glückshormon Serotonin mangelt (Dr. Georg Psota, in Stehrer 2011) demonstrieren diese Sichtweise. Genetische Faktoren würden zur Entstehung affektiver Störungen maßgeblich beitragen [...] Familienstudien zeigen eine familiäre Häufung der Erkrankungen, Zwillings- und Adoptionsstudien weisen auf genetische Faktoren als Ursache des familiären Auftretens hin (Nöthen u.a. 2004, 1).
Schenkt man solchen Studien und wissenschaftlichen Untersuchungen - die regelrecht nach Zusammenhängen zwischen psychischen Erkrankungen und einer genetischen Vorbelastung suchen - Vertrauen, so wäre die Chance sich völlig normal zu entwickeln für jemanden der aus einer Familie stammt, in der psychische Erkrankungen bzw. die Diagnose dieser bereits aufgetreten sind, von Geburt an gemindert. Liegt die Störung im Menschen - in der medizinischen Sichtweise im Gehirnstoffwechsel - so kann sie auch nur dort behoben werden (vgl. Palmowski 2007, 47). Nach dieser Logik stellt die Diagnose einer psychischen Erkrankung in vielen Fällen den Ausgangspunkt für eine medikamentöse Behandlung dar - wobei diese dem von der Diagnose Betroffenen kaum andere Optionen lässt, selbst etwas an seinem Zustand zu ändern.
Dem ICD-10 - dem Klassifikationssystem, das die Grundlage für die psychologische Diagnostik darstellt - liegen ebenfalls personenbezogene Sichtweisen zugrunde. Anhand von aufgelisteten Symptomen - Defiziten - werden verschiedene Krankheitsbilder beschrieben. Erkennt der Diagnostiker mehrere dieser Symptome bei dem, der von ihm diagnostiziert wird, so ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass dieser mit der entsprechenden Diagnose versehen wird.
Aussagen wie Persönlichkeitsstörungen treten meist in der Kindheit oder in der Adoleszenz in Erscheinung und bestehen während des Erwachsenenalters weiter (ICD-10 2013, F60) oder die meisten affektiven Störungen neigen zu Rückfällen (ebd., F30-F39) suggerieren, dass der Mensch bestimmte Eigenschaften, Veranlagungen oder eine bestimmte Persönlichkeit hat, anhand derer man Prognosen für den weiteren Verlauf erstellen könne, und wenn er diese - isoliert betrachtet - besitzt, bedeutet dies auch, dass seine Möglichkeiten, sich zu verändern begrenzt sind (vgl. Palmowski 2007, 188).
Der ICD-10 soll dazu dienen, eine psychische Erkrankung anhand gezeigter Symptome möglichst genau bestimmen zu können, da die Diagnose die Grundlage für die Finanzierung weiterer Hilfsangebote ist - Psychotherapeuten, Ärzte und Kliniken müssen gegenüber den Krankenkassen eine ICD-10-Diagnose angeben, damit die Behandlungskosten übernommen werden (Psychenet 2011). Auch sollen Diagnosen dazu dienen, die Erscheinungsform, Verursachung und Auslösung eines bestimmten Zustandes zu beschreiben, um ein geeignetes Behandlungsprogramm aufzubauen, mit dessen Hilfe Normalität angestrebt werden soll (vgl. Amelang; Schmidt-Atzert 2006, 2) - denn um eine psychische Erkrankung behandeln zu können, ist eine genaue Diagnose erforderlich (Landschaftsverband Rheinland). In jedem Falle stellt die Diagnose einer psychischen Erkrankung in personenbezogenen Theorien den Ausgangspunkt für eine Veränderung des von der Diagnose betroffenen Menschen dar: i
