

Beschreibung
Der polnische Anthropologe Bronislaw Malinowski lebte um 1920 mehrere Jahre als sogenannter teilnehmender Beobachter in der Gemeinschaft der Trobriander. Er veröffentlichte seine umfassenden Forschungsergebnisse 1929: 'The sexual life of savages'. Da...Der polnische Anthropologe Bronislaw Malinowski lebte um 1920 mehrere Jahre als sogenannter teilnehmender Beobachter in der Gemeinschaft der Trobriander. Er veröffentlichte seine umfassenden Forschungsergebnisse 1929: 'The sexual life of savages'.
Darin beschrieb er eine matriarchalische Gesellschaft mit freier Entwicklung der Kinder und Jugendlichen im Übergang zum Patriarchat: die Trobriander. Man nannte sie Wilde, denn bis Ende des 19. Jahrhunderts blieben sie von westlicher Zivilisation unberührt. Ihr gesellschaftliches Leben entpuppt sich bei näherem Hinsehen als zivilisiert und lustvoll, während unsere Zivilisation barbarisch wild ist.
1929 erschien Malinowskis ethnologische Untersuchung. Darin beschrieb er eine noch matriarchalische Gesellschaft mit freier Entwicklung der Kinder und Jugendlichen: die Trobriander. Er nannte sie Wilde, bis Ende des 19. Jahrhunderts blieben sie von Zivilisation unberuhrt. Er lebte um 1920 mehrere Jahre in der Gemeinschaft der Trobriander. Dieses Buch faszinierte Wilhelm Reich, weil er als Psychotherapeut mit massivem sexuellen Elend konfrontiert war und uber die Unterdruckung der Sexualität forschte. Er fand bei Malinowski den vielleicht wichtigsten Baustein zu seiner Theorie, die Durchsetzung des Patriarchats, und schrieb: Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Wir veröffentlichen die entscheidenden drei Kapitel des Buches von Malinowski, in denen Kindheit und Jugend der Trobriander dargestellt werden, in neuer Übersetzung. Eine Zusammenfassung des Buches von Wilhelm Reich zum Thema Die Unterdruckung von Sexualität und die Entwicklung auf den Trobriand-Inseln seit der Ankunft christlicher Missionare mit dem Titel Hundert Jahre Zivilisierung der Wilden begleiten diesen Basistext.
Autorentext
Der polnische Anthropologe Bronislaw Malinowski (1884-1942) lebte um 1920 mehrere Jahre als sogenannter teilnehmender Beobachter in der Gemeinschaft der Trobriander. Er veröffentlichte seine umfassenden Forschungsergebnisse 1929: The sexual life of savages . Er gilt als Begründer der Feldforschung und wendet sich gegen den Eurozentrismus von Anthropolopgen und Ethnologen. Er wurde international bekannt durch sein Werk "Argonauts of the western pacific" (1922).
Leseprobe
"Durch das Spielen mit Kindern unterschiedlichen Alters haben die kleineren Kinder die Möglichkeit, von den größeren zu lernen. Die Kinder werden nicht dazu angehalten, zu bestimmten Uhrzeiten zu schlafen, sondern schlafen ein, wenn sie müde sind." "Es ist üblich, dass die Jugendlichen die Hütte ihrer Eltern früh verlassen, die Jungen ziehen in das Junggesellenhaus "bukumatula", die Mädchen zu einer ihrer Tanten. Die Jugendlichen beginnen nun, die Gesellschaft des anderen Geschlechts zu suchen und sind bis zu ihrer Heirat völlig ungebunden. Schon bei ca. 15-jährigen Jugendlichen wird die Sexualität aktiv gefördert, indem ihnen die Eltern ein Junggesellenhaus errichten, in welchem sie ungestört sexuelle Erfahrungen sammeln können.""Im Bukumatula finden keine Orgien statt, es wird von jedem erwartet, dass andere anwesende Paare nicht beobachtet oder gestört werden. Wenn die Jugendlichen genügend Erfahrungen mit verschiedenen Partnern gesammelt haben, heiraten sie und haben - bis auf Ausnahmen, z. B. innerhalb bestimmter Rituale - nur mit ihrem Ehepartner Geschlechtsverkehr.""Die Entwicklung der eigenen Sexualität beginnt bei den Trobriandern bereits im Kindesalter in Form von Erkundung der eigenen Geschlechtsteile und sexuellen Spielen mit anderen Kindern, woran sie von Erwachsenen nicht gehindert werden. Auch die Jugendlichen erfahren keine sexuellen Einschränkungen. Auch heute noch darf ein Mädchen bis zu ihrer Heirat jeden Mann lieben, anschließend nur noch den Ehepartner. Eine Ausnahme bildet das Erntefest; in dieser Zeit ist der Frau wieder erlaubt, jeden Mann zu lieben."
Die Forscher haben also bestätigt, was Malinowski schon beobachtet hatte. Manches geben sie als neue Erkenntnis aus, was er schon wusste (ein "zunächst permissiver Erziehungsstil, der mit zunehmendem Alter des Kindes leitender und restriktiver wird", "Dass bei den vorehelichen Liebesbeziehungen keine Eifersucht auftritt, gilt in der heutigen Forschung als widerlegt", "keine sexuellen Übergriffe Erwachsener gegenüber Kindern", keine "ritualisierten Formen homosexueller Beziehungen mit Jugendlichen").
Was Malinowski nicht erfuhr, war das Wissen der Trobriander über Verhütung. Sie verwendeten einen Pflanzentrunk aus einem Acanthus-Gewächs, der ein Jahr lang schützte. Bei einer medizinischen Untersuchung 1962 fand man im Gebärmutterhals vieler Frauen Gebilde aus zusammengerollten Blättern, die Schwangerschaften verhüten.
Bei einer Gesamtbevölkerungszahl von 12 000 gab es 1964 insgesamt 60 nichteheliche Kinder. Gebärmutterhalskrebs, Eierstockentzündungen und Myome sind bei ihnen extrem selten. Unbekannt sind Syphilis, Bluthochdruck, Herzinfarkt.
Inhalt
BRONISLAW MALINOWSKI Das sexuelle Leben von Wilden Seite 23 - 173 Vorwort von HAVELOCK ELLIS zu Malinowskis Forschung Seite 23 - 27 93 Schwarzweiß-Fotografien Malinowskis von den Trobriand-Inseln Seite 28-120 Malinowski: Das sexuelle Leben von Wilden Seite 121-175 GERD STANGE Die Unterdrückung von Sexualität (nach Wilhelm Reich) Seite 7-21 Hundert Jahre Zivilisierung der Wilden oder Was aus den Trobriandern wurde Seite 176-183