

Beschreibung
Die sogenannte Kreativindustrie, die einen Großteil der Medieninhalte produziert, beruht ganz wesentlich auf flexiblen Arbeitsverhältnissen. Arbeit ist hier dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten nicht länger an einen Ort gebunden und die Grenzen zwischen Job ...Die sogenannte Kreativindustrie, die einen Großteil der Medieninhalte produziert, beruht ganz wesentlich auf flexiblen Arbeitsverhältnissen. Arbeit ist hier dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten nicht länger an einen Ort gebunden und die Grenzen zwischen Job und Privatleben sind oftmals fließend. Birgit Huber folgt in ihrer Ethnografie den Produzenten an ihre Wohn- und Arbeitsorte in der Großstadt und auf dem Land und untersucht die virtuellen sozialen Informationsräume, in denen ihre Zusammenarbeit stattfindet. Sie bildet damit die Praktiken und Milieus eines Beschäftigungszweiges ab, der, jenseits vom vermeintlichen Glamour der "Kreativen", in Klein- und Kleinstunternehmen produziert.
"Diese Studie ist aufgrund ihres satten Materials und der daraus anspruchsvoll entwickelten Theoreme (...) höchst gewinnbringend über die 'Sphäre' der Arbeitskulturenforschung hinaus, sie sei jedem empfholen, der sich mit der Arbeit in der Zukunft und Prozessen von Verunternehmerung befasst." Barbara Lemberger, Bayerisches Jahrbuch für Volkskunde, 16.10.2014
Autorentext
Birgit Huber, Dr. phil., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Max-Planck-Institut for Social Anthropology, Halle.
Klappentext
Die sogenannte Kreativindustrie, die einen Großteil der Medieninhalte produziert, beruht ganz wesentlich auf flexiblen Arbeitsverhältnissen. Arbeit ist hier dank neuer Kommunikationsmöglichkeiten nicht länger an einen Ort gebunden und die Grenzen zwischen Job und Privatleben sind oftmals fließend. Birgit Huber folgt in ihrer Ethnografie den Produzenten an ihre Wohn- und Arbeitsorte in der Großstadt und auf dem Land und untersucht die virtuellen sozialen Informationsräume, in denen ihre Zusammenarbeit stattfindet. Sie bildet damit die Praktiken und Milieus eines Beschäftigungszweiges ab, der, jenseits vom vermeintlichen Glamour der "Kreativen", in Klein- und Kleinstunternehmen produziert.
Leseprobe
1 Computer-aided Design als Erwerbstätigkeit, Designmöbelschreinerei als Lebenstätigkeit Vignette 1 Diese Reise in den Schwarzwald beginnt mit dem Ratschlag, mich nicht irritieren zu lassen. Wenn ich mehrere Firmenschilder an der Hofeinfahrt sähe, solle ich mich nicht aufhalten lassen, einfach den Hof überqueren und klingeln, erklärt Christopher am Telefon. Die verschiedenen Firmen, das sei alles er. Als ich um 7.30 Uhr ankomme, heißt mich Christopher voller Elan über die Gegensprechanlage willkommen. Auf dem ersten Treppenabsatz drücke ich eine schwere Metalltür auf und Sägemehl schwebt mir entgegen. Sägen, Bandschleifmaschinen, andere schwere Geräte, die ich nicht identifizieren kann. Entwickelt Christopher nicht als freier Mitarbeiter per Computer die Messekonzeptionen für eine kleine Design-Agentur, die ich hier in diesem Schwarzwälder Ort schon mehrmals besucht habe? Nun bin ich doch etwas irritiert. Eine Stimme kommt von oben: »Noch eins höher. Aber nicht zu weit. Sonst stehst du bei uns im Esszimmer.« Auf dem nächsten Treppenabsatz betrete ich einen weiteren großen Raum. Lang gestreckt und hell, eine Fensterreihe, die auf einen stattlichen Bau aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts schließen lässt. An der Wand lehnen klobige Holzski, den Raum teilen offene Holzregale, die nur auf den ersten Blick an IKEA erinnern, auf den zweiten Blick offenbaren sie massives Eichenholz, Regalplatten aus Naturstroh und raffinierte Details. Christopher sitzt vor dem Computer und hantiert mit einer Art elektronischem Zeichenbrett. Mit Hilfe der Computer-aided-Design-Software verrückt er auf dem Bildschirm in Sekundenschnelle virtuell dreidimensional Raumteiler und Präsentationstafeln einer lokalen Maschinenbaufirma für hochmoderne Planetengetriebe mit globalem Vertrieb. Nächste Woche, wenn sich die Messetore in Barcelona öffnen werden, muss das, was ich vor mir auf dem Bildschirm sehe, alles live und greifbar dort stehen. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Schnell eine telefonische Rückfrage bei der Druckvorstufe, ob die Folien für die Präsentationstafeln schon geplottet sind, hoffentlich hat der Fachjournalist aus dem Schwäbischen die letzten fehlenden Textteile für den Firmenprospekt direkt in die Datei eingearbeitet, auf die sie alle gleichzeitig Zugriff haben egal, ob es sich um den Webdesigner in Köln oder den Gebrauchsgrafiker im Markgräfler Land, einer Weinregion bei Freiburg, handelt. Und wenn die Maschinenbaufirma nur endlich die Daten für ihren Internetauftritt liefern würde, nach monatelanger Verspätung »typisch Kunde«, so Christopher , dann wäre der Messeauftritt perfekt. Die ganze Aktion findet im Rahmen einer Komplettbetreuung des Kunden durch eine kleine Agentur für Unternehmenskommunikation und Design statt, die am selben Ort angesiedelt ist wie Christopher. Meine Reisen in den Schwarzwald dienen dazu, die Zusammenarbeit innerhalb der Agentur und die Kontakte zu ihren freiberuflichen Mitarbeitern, wie Christopher einer ist, ethnografisch zu erfassen. Viel Zeit für Erklärungen meinerseits bleibt nicht, schon läutet wieder das Telefon. Mein Gastgeber hebt den Hörer ab und meldet sich mit »Christopher Schwarz, Agentur CI«. Ich bin verdutzt. Schließlich befindet sich CI, die Agentur, nicht hier im Haus von Christopher am Rande des Ortes, sondern im Stadtinneren. Beim nächsten Anruf begrüßt Christopher den Kunden am Telefon mit »Christopher Schwarz, Firma Formstabil«. Christopher findet seine unterschiedlichen Namensnennungen am Telefon logisch und keineswegs verwirrend. Ob mir noch nicht aufgefallen sei, dass hier in seinem Büro zwei Telefone nebeneinander stehen, fragt er mich. Am weißen Telefon melde er sich stets als Teil der Agentur CI, am schwarzen Telefon sei er »seine eigene Firma«, Firma Formstabil eben. Im nächsten Moment klingelt das schwarze Telefon. »Oh nein, die Chinesen«, flüstert Christopher mir zu, »die wollen meine Entwürfe immer besonders schnell«. Diese Chinesen seien ein gutes Beispiel dafür, wie nützlich es sei, dass im Geschoss unter seinem Büro seine Großeltern und Eltern ein handwerkliches Kleinunternehmen für die serienmäßige Anfertigung von Uhren betrieben hätten, erklärt Christopher. Die Chinesen hätten ihn und seine Entwürfe übers Internet entdeckt. Nun wolle der Kunde aus Fernost seine Uhrenentwürfe patentieren, die er für ihn vor dem Hintergrund der eigenen Familientradition neu aufleben lasse, erzählt mir Christopher strahlend. Die ganze Region hier habe einst von Uhren gelebt, erinnert er sich. Für seine eigene Familie sei das Aus für die Produktion vor wenigen Jahren gekommen, von einem Moment auf den anderen. Es ist Christopher anzusehen, wie stolz er heute noch darauf ist, damals schnell und flexibel gehandelt zu haben, wie er es nennt. Den meisten Firmen in der Region sei dies nicht gelungen, seine Familie jedoch habe den Strukturwandel überstanden. Zwei Mitarbeiter des elterlichen Betriebs konnte er sogar behalten, sie sind mit Einzelanfertigungen für Möbel beschäftigt, die Christopher entwirft, parallel zu seiner freien Mitarbeit bei der Agentur. Jeden Morgen um 7 Uhr gehe er zuerst in die Werkstatt, um dort nach dem Rechten zu sehen, bevor er sich hier in seinem Büro an die Arbeit mache, so Christopher. Finanziell sei das Entwerfen von Möbeln und ihre Einzelanfertigung eindeutig ein Verlustgeschäft. Aus dem ökonomischen Blickwinkel könne man es wohl eher als Hobby bezeichnen, sinniert er. Jetzt ist es für Christopher an der Zeit, mir stolz seine handwerklichen Produkte zu präsentieren, von denen er mir eben berichtet hat. Die Ski an der Wand, die mir gleich am Anfang ins Auge gefallen waren, seien traditionsreiche Telemarkski, die so auf dem Markt nicht erhältlich sind. Sie sind komplett von Christopher produziert, »aus massiver Esche schichtverleimt«, das sei echte Qualität, betont er. Sie sind einzeln durchnummeriert, »Spezialanfertigungen für Fanatiker«. Ein wenig fanatisch wirkt Christopher selber, als er mir erläutert, dass Telemarkskifahren …