Willkommen, schön sind Sie da!
Logo Ex Libris

Ach, Afrika

  • Leinen-Einband
  • 384 Seiten
(0) Erste Bewertung abgeben
Bewertungen
(0)
(0)
(0)
(0)
(0)
Alle Bewertungen ansehen
(16) LovelyBooks.de Bewertung
LovelyBooks.de Bewertung
(8)
(7)
(1)
(0)
(0)
powered by 
Leseprobe
Bartholomäus Grill, seit vielen Jahren Afrika-Korrespondent der "Zeit", zeigt die tiefgreifenden Folgen des Sklavenhande... Weiterlesen
20%
34.90 CHF 27.90
Auslieferung erfolgt in der Regel innert 2 bis 3 Wochen.
Bestellung & Lieferung in eine Filiale möglich

Beschreibung

Bartholomäus Grill, seit vielen Jahren Afrika-Korrespondent der "Zeit", zeigt die tiefgreifenden Folgen des Sklavenhandels und der Kolonialherrschaft, widerlegt aber zugleich die postkolonialen Verschwörungstheorien, die alle Schuld an der Misere bei der Ersten Welt suchen. Die Hauptverantwortung liege bei den Afrikanern selbst, bei despotischen Präsidenten und plündernden Eliten. Die Modernisierung Afrikas, so Grills provozierende Kernthese, musste scheitern, weil die Afrikaner sich ihr verweigert haben. Das alte Afrika ist gestorben, das neue noch nicht geboren. Grill beschreibt einen zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Kontinent. Die Welt im Süden der Sahara befindet sich in einem Umbruch wie Europa während des Dreißigjährigen Krieges. Staaten zerfallen, Bürgerkriege flammen immer wieder auf, Millionen von Menschen irren heimatlos umher. Aids rafft ganze Völkerschaften hin. Es könnte Jahrzehnte dauern, ehe sich zwischen Khartum und Kapstadt eine stabile Ordnung herausbildet. Afrika ist eine Welt der Widersprüche, geprägt durch die reiche Vorstellungswelt seiner Menschen, ihre sozialen Regeln und Rituale, ihre Träume und Tabus, ihre Machtstrukturen und Glaubenssysteme. Diese Welt erscheint oft roh und gewalttätig, dann wieder zeitlos heiter und gelassen. Bartholomäus Grill hat sie uns erschlossen.

"Das beste deutschsprachige Afrika-Buch der vergangenen Jahre."

Autorentext
Bartholomäus Grill, 1954 in Oberaudorf am Inn geboren, studierte Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte. Seit 1993 berichtet er als Korrespondent großer deutschsprachiger Zeitungen aus Afrika. Er veröffentlichte u.a. "Safina" (1999), eine Tierfabel für Kinder, "Gott, Aids, Afrika: das tödliche Schweigen der katholischen Kirche" (2007) sowie zuletzt "Laduuuuuma! Wie der Fußball Afrika verzaubert" (2009). Grill lebt seit vielen Jahren in Südafrika.

Klappentext

Bartholomäus Grill, seit vielen Jahren Afrika-Korrespondent der Zeit, zeigt die tiefgreifenden Folgen des Sklavenhandels und der Kolonialherrschaft, widerlegt aber zugleich die postkolonialen Verschwörungstheorien, die alle Schuld an der Misere bei der Ersten Welt suchen. Die Hauptverantwortung liege bei den Afrikanern selbst, bei despotischen Präsidenten und plündernden Eliten. Die Modernisierung Afrikas, so Grills provozierende Kernthese, musste scheitern, weil die Afrikaner sich ihr verweigert haben.
Das alte Afrika ist gestorben, das neue noch nicht geboren. Grill beschreibt einen zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Kontinent. Die Welt im Süden der Sahara befindet sich in einem Umbruch wie Europa während des Dreißigjährigen Krieges. Staaten zerfallen, Bürgerkriege flammen immer wieder auf, Millionen von Menschen irren heimatlos umher. Aids rafft ganze Völkerschaften hin. Es könnte Jahrzehnte dauern, ehe sich zwischen Khartum und Kapstadt eine stabile Ordnung herausbildet.
Afrika ist eine Welt der Widersprüche, geprägt durch die reiche Vorstellungswelt seiner Menschen, ihre sozialen Regeln und Rituale, ihre Träume und Tabus, ihre Machtstrukturen und Glaubenssysteme. Diese Welt erscheint oft roh und gewalttätig, dann wieder zeitlos heiter und gelassen. Bartholomäus Grill hat sie uns erschlossen.



Zusammenfassung
Bartholomäus Grill, seit vielen Jahren Afrika-Korrespondent der »Zeit«, zeigt die tiefgreifenden Folgen des Sklavenhandels und der Kolonialherrschaft, widerlegt aber zugleich die postkolonialen Verschwörungstheorien, die alle Schuld an der Misere bei der Ersten Welt suchen. Die Hauptverantwortung liege bei den Afrikanern selbst, bei despotischen Präsidenten und plündernden Eliten. Die Modernisierung Afrikas, so Grills provozierende Kernthese, musste scheitern, weil die Afrikaner sich ihr verweigert haben.
Das alte Afrika ist gestorben, das neue noch nicht geboren. Grill beschreibt einen zwischen Tradition und Moderne zerrissenen Kontinent. Die Welt im Süden der Sahara befindet sich in einem Umbruch wie Europa während des Dreißigjährigen Krieges. Staaten zerfallen, Bürgerkriege flammen immer wieder auf, Millionen von Menschen irren heimatlos umher. Aids rafft ganze Völkerschaften hin. Es könnte Jahrzehnte dauern, ehe sich zwischen Khartum und Kapstadt eine stabile Ordnung herausbildet.
Afrika ist eine Welt der Widersprüche, geprägt durch die reiche Vorstellungswelt seiner Menschen, ihre sozialen Regeln und Rituale, ihre Träume und Tabus, ihre Machtstrukturen und Glaubenssysteme. Diese Welt erscheint oft roh und gewalttätig, dann wieder zeitlos heiter und gelassen. Bartholomäus Grill hat sie uns erschlossen.



Leseprobe
m afrikanischen Wechselbad
Annrungen an einen fragilen Kontinent

Welchen Weg sollen wir nehmen? Den nach links oder den nach rechts? Oder doch den in der Mitte? Alle Wege sehen gleich aus. Ratlos stehen wir an der Gabelung zwischen Lisala und Gemena, irgendwo im Herzen des Kongobeckens, in einem unermesslichen Waldmeer, das von namenlosen Flssen durchrt wird.
Wir sind zu fnft in unserer Reisegesellschaft. Adam, der Besitzer des Gelewagens, wohnhaft in Tansania, sein kongolesischer Chauffeur, der behauptet, jede Ecke seines Landes zu kennen, der Fotograf aus Paris, ein Marabut, ein heiliger Mann aus dem Tschad, der kein Wort sagt und immerzu sardonisch grinst, und, neben meiner Wenigkeit, noch eine hbsche Strahlenschildkrte, die dem Fahrzeughalter gehrt. Unser Ziel, Bangui, die Hauptstadt der Zentralafrikanischen Republik, ist noch weit entfernt. Seit frhmorgens um sechs sind wir unterwegs und haben bis hierher knapp zweihundert Kilometer geschafft. Ungef siebzehn Kilometer pro Stunde. Die Stra, wenn man sie so nennen will, besteht aus Myriaden von Schlaglchern, Schlammrillen, Kratern und Wasserlachen, die stellenweise zur Gr von Fischweihern angeschwollen sind; sie gleicht einem grnen Tunnel, der schier endlos durch den Urwald mdert. Wir fahren in drigem Licht und sehen kein Stckchen Himmelsblau. Drei Radfahrer, ein Bierlastwagen, zwei Schlangen - das sind die einzigen Begegnungen des heutigen Tages. Es ist schwl und hei die Luft liegt wie nasse Watte auf der Haut. Man schwitzt, der Staub verklebt die Augen, das lauwarme Wasser geht zur Neige. An jeder Kreuzung, jeder Abzweigung, jeder Wegzwille die gleiche Frage: Wohin sollen wir uns wenden? Die Landkarte gibt keine Auskunft, Wegweiser existieren nicht, der Chauffeur ist mit seinem Latein am Ende. Weit und breit findet sich kein Mensch, den wir fragen knnten. Jede Fehlentscheidung kann Tage kosten, denn die Pfade verlieren sich im Wald, enden an einem Sumpf oder ston auf einen unberwindlichen Fluss. Sie fhren ins Nichts oder genauer: in das, was wir fr das Nichts halten.
So wie im kongolesischen Urwald erging es mir oft in Afrika. Die Wegscheide ist ein Sinnbild der Orientierungslosigkeit: Ich fhlte mich wie ein Elementarteilchen, das durch einen riesigen Kosmos treibt. Ich kam zum ersten Mal in ein gros Land, nach Nigeria, Angola oder in den Sudan, und fragte mich: Wo anfangen? Wie einen erblick gewinnen, wo ich doch nur ein paar Splitterchen vor Augen bekommen, nur mit einem Dutzend Leute sprechen, zwei, drei Orte besuchen werde? Ich sah ein Ritual, ein Symbol, eine Geste, hrte eine Geschichte, erlebte eine Begebenheit und konnte das Wahrgenommene nicht einordnen oder begreifen. Es fehlten die historischen Kenntnisse, der religionssoziologische Hintergrund, das ethnographische Referenzsystem. Da stand ich dann und tat, was ein kluger Kopf einmal hermeneutischen Kolonialismus genannt hat: interpretieren, hineindeuten, spekulieren. Man kann sich lebhaft vorstellen, dass dabei oft Zerrbilder, Wunschvorstellungen oder Projektionen entstehen, und wir mssen zunst ber uns selber reden, ber die Fallstricke der Wahrnehmung und ber die Interessen, die unsere Erkenntnisse leiten. Aber ich will dem ersten Kapitel des Buches nicht vorgreifen.
Eine Landmasse, in der Europa zehn Mal Platz fe, 650 Millionen Menschen, vielleicht 700 Millionen oder noch mehr, fnfzig Staaten, Tausende von gron Vlkern und kleinen Ethnien, Kulturen und Religionen - ist es nicht vermessen, sich ein Urteil ber diesen Erdteil zu erlauben? Und muss es nicht geradezu anmand wirken, wenn wir ber das Wesen der Afrikaner reden und keine einzige ihrer zweitausend Sprachen sprechen? Es ist anmand - auch wenn man sich seit zwanzig Jahren mit ihrem Kontinent beschigt. Um also gleich an dieser Stelle falschen Erwartungen vorzubeugen: Dies ist kein enzyklopsches Werk, keine Monographie ber Afrika, sondern die Rckschau eines Korrespondenten, der seit 1980 versucht, diesen Kontinent zu verstehen. Es sind Depeschen aus einer Welt der Ungleichzeitigkeiten und Widersprche, Extreme und Enigmata; Momentaufnahmen von einem rauen und sanften, brutalen und feinfhligen, niederschmetternden und beglckenden Erdteil; Sequenzen aus einem schwer lesbaren Text, der immer wieder vor den Augen verschwimmt und sich in der Mannigfaltigkeit afrikanischer Ler und Landschaften, Vlker und Kulturen, Menschen und Schicksale, Sprachen und Sitten, Geister und Gtter auflst. Am Ende steht ein unvollstiges Mosaik. Es ist mein Bild von Afrika.
Die wein Flecken und Unschen auf diesem Bild haben mich am Anfang meiner Jahre in Afrika oft gewurmt. Das erte sich, als ich das Tagebuch von Michel Leiris entdeckte. Der franzsische Literat hatte an der Dakar-Dschibuti-Expedition des berhmten Ethnologen Marcel Griaule teilgenommen. Am 5. Oktober 1931 notiert er: Ich verzweifle daran, dass ich in nichts wirklich bis auf den Grund einzudringen vermag. Der Poet Leiris hat sich mit dem allwissenden Forscher Griaule berworfen, weil er mit schonungsloser Offenheit die Grenzen der vlkerkundlichen Erkenntnis beschreibt. Der Dichter will eintauchen in die ursprngliche Mentalit und muss schlieich feststellen, dass er nur ein Afrique fanterlebt und ein Gefangener des eurozentrischen Blicks bleibt. Wir knnen uns nicht selber entfliehen. Die Bekenntnisse des Michel Leiris waren ein erhellender Trost.
Wie knnten wir zum Beispiel verstehen, was in der kleinen Buschklinik von Badoh Fomantum vor sich geht? Fomantum ist ein traditioneller Heiler, ein Medizinmann, und seine Wirkste liegt im Wald hinter der Stadt Bamenda in Kamerun. Was will uns das merkwrdige Holzschild am Eingang bedeuten, auf dem wir eine Schlange mit Menschenkopf sehen? Sollen wir ernst bleiben, wenn der Wunderdoktor sagt, er msse erst einmal prfen, ob wir bse Geister mit uns fhren? Wenn er androht, dass uns, falls dem so sei, Killerbienen und Giftnattern tten wrden und auf den Fotografien nur Blut zu sehen w? Fomantum streut Erde, schaut ins Feuer, sprenkelt Wasser. Wir bestehen die Prfung. Aber dann gehen die Fragen weiter. Muss diese schmutzige, teerartige Masse, die der Meister in die schwnde Wunde am Unterschenkel eines jungen Mannes kleistert, nicht eine frchterliche Infektion auslsen? Nein, versichert der Patient, es werde von Tag zu Tag besser; er sei hier, weil man ihm im Krankenhaus vom Bamenda nicht mehr habe helfen knnen. Das leuchtet uns noch halbwegs ein. Aber was soll die seltsame Tortur auf dem Vorplatz? Warum sitzt die alte Frau, gefesselt zwischen zwei Speeren, in einem Kreis von Holzscheiten? Hexen und Zauberer haben sie irre gemacht, erkl Fomantum, gie Spiritus ber die Scheite und zndet sie an. Ein Flammenring lodert um die Patientin. Gelt vor Angst starrt sie ins Feuer. Sie zittert, schlie die Augen, betet. Oder dort hinten, ebenso relhaft, aber nicht so martialisch, die nste Behandlungsszene: vier Frauen, nackt und reglos. Helferinnen haben sie am ganzen Krper mit Lehm eingeschmiert. Fomantum beugt sich zu ihnen hinab, murmelt esoterische Formeln und drckt Schilfbler in ihre He. Zwei Stunden mssen sie in dieser Haltung verharren, jeden Tag, bis die Besessenheit aus ihnen ft.
Alles nur Mummenschanz? Afrikanische Quacksalberei? In Bamenda erzt man von den sensationellen Heilerfolgen dieses Mannes. Die Menschen frchten und verehren ihn. Wenn Schulmediziner mit ihrem Latein am Ende sind, suchen sie seinen Rat. Manchmal schicken sie scheinbar hoffnungslose Fe zu ihm in den Wald. Das Gercht, er knne auch Aids kurieren, weist Fomantum allerdings entschieden von sich. Gegen diese Viren hat niemand ein Rezept. Wir glauben, einen studierten Weiittel reden zu hren. Im nsten Moment fhrt er uns wieder an die Pforten eines Reiches, das von erischen Kren und kryptischen Gesetzen durchwaltet wird. Es liegt jenseits unserer rationalen Welt, aber wenn wir die Sache vom Ergebnis her betrachten, gilt die alte Medizinerformel Wer heilt, hat Recht. Ich erze diese Geschichte, weil der Medizinmann in gewisser Weise auch mich geheilt hat. Oder sagen wir: Er hat mir den abendlischen Erkenntniszwang ausgetrieben, den Zwang, alles gedanklich durchdringen und sezieren zu mssen. In Afrika lernt man, mit Fragezeichen zu leben. Man erkennt, was man nicht erkennen kann. Und wird im Laufe der Jahre behutsamer, vorsichtiger, vielleicht auch gnger in seinen Urteilen ber diesen Kontinent.

*

Ein kleines, frhliches Negerlein - mein Archetypus von Afrika stieg aus einem Malbuch. Ich malte das Negerlein aus, gelb die Schnabelschuhe, froschgrn die Pluderhose, himbeerrot den Fes auf seinem Kopf. Als ich des Lesens kundig war, entdeckte ich in einer Holzkiste auf dem Dachboden das Buch Unter Wilden und Seerern von Ludwig Foehle. Es enthielt Geschichten aus dem Negerreich Kilema und Bilder von wilden Kriegern, die mit Speeren durch den Busch liefen, von Krokodilen im Mangrovensumpf, von tropenbehelmten Kolonialisten in weim Kattun. Eine Szene erfllte mich mit gror Furcht: Ludwig, der wackere Sohn des Baumwollpflanzers, sucht mit dem Fernrohr den Rand des Dschungels ab und sieht, wie Buschiri, der Araberhtling und Sklavenjr, einem Missionar die Ohren abschneidet und mit einer riesigen Keule den Schl eines wachsbleichen Kindes zertrmmert. Ach, wenn die Wein tot und alles zerstrt w, dann, ja dann drften sie wieder faulenzen, und das hiebei ihnen glcklich sein, seufzt der Erzer. Er portrert natrlich auch folgsame und fleige Eingeborene wie Sam, den treuen Neger von Bagamoyo, der sich gegen die Revolte seiner blutrnstigen Brder stellt. Nicht alle Mohren haben eine schwarze Seele.
Weihnachten 1940 stand vorn im Buch. Ein Geschenk meines Groaters an meinen Vater. Der alte Grill konnte es nie verwinden, dass dem Deutschen Reich nach dem Ersten Weltkrieg die Kolonien weggenommen worden waren. Er schimpfte wie viele seiner Nazi-Genossen in der Weimarer Zeit ber den Schandfrieden von Versailles und ber die Kolonialschuldlge. Zurck die deutschen Ostgebiete! Wir wollen unsere Kolonien wiederhaben! Der Revisionismus sollte auch die nationalsozialistische Barbarei berdauern, und so fragte mein Vater mich, wie ihn sein Vater gefragt hatte: Welcher ist der hchste Berg Deutschlands? Die Zugspitze? I wo. Der Grolockner? Auch nicht. Es ist der Kilimandscharo in Deutsch-Ostafrika, und ich lernte, seine beiden Gipfel, den Kibo und den Mawenzi, zu benennen. Winnetou, der edle Apache, war der gre Held meiner Kindheit. Aber Afrika, das lockte noch viel mehr als das Amerika der Indianer. Der Kongo! Timbuktu! Sansibar! Die sagenumwobenen Mondberge! Das waren die Projektionsflen allen kindlichen Fernwehs, die Inbegriffe der Fremde, der Urnatur, der exotischen Gegenwelt. Und geradezu zwangslig sollte mich im Jahre 1980 die erste Reise nach Afrika in das Land unter dem Kilimandscharo fhren. Meine Motive waren freilich ganz andere als die der Vorvr: Ein bisschen Abenteuer und viel Solidaritmit den Verdammten dieser Erde.
Aus dem Staat, der unterdessen Tansania hie wurden revolution Dinge berichtet. Wir hrten von einem afrikanischen Sozialismus, von einem Dritten Weg zwischen dem repressiven Sowjetkommunismus und dem rerischen Kapitalismus. Wir studierten die Texte von Prdent Julius Nyerere, der ehrfrchtig mzee genannt wurde, gror Lehrer. Die Schlsselbegriffe seiner Philosophie hatten den Klang von politischen Mantras: Self reliance, mit eigenen Kren die Unterentwicklung berwinden, und ujamaa, gemeinsam leben und arbeiten, eine politische Maxime, die die Traditionen der Dorfgemeinschaft mit einem modernen Genossenschaftswesen verband. Dort unten brannte uhuru, die Fackel der Freiheit, dort mussten wir hin.
Wir, das waren neun junge Leute, Dritte-Welt-Bewegte, die in Longido, einem kleinen Nest nahe der kenianischen Grenze, von der Theorie zur Praxis schreiten und das tansanische Experiment untersttzen wollten. Unser Partner im Dorf war Estomihi Mollel, ein Masai, der in Australien Soziologie studiert und sich fr das kleine Longido gro Pl ausgedacht hatte: einen Staudamm, ein alternatives Tourismusprojekt und ein Dorfgemeinschaftshaus, bei dessen Bau wir helfen sollten. Wir machten uns also daran, Lehmziegel zu produzieren. Schon am zweiten Abend entbrannte eine lange Diskussion. Drfen wir an der Wasserstelle hinter dem Haus duschen oder war das ein europcher Luxus, der ein knappes Gut verschwendete? Die Streitfrage erledigte sich, nachdem wir feststellten, dass das Wasser an der Viehtre ununterbrochen lief, ohne dass irgendein Dorfbewohner daran Anstogenommen he. Es war die erste Desillusionierung. Auch der anfliche Enthusiasmus sollte bald schwinden, denn es erwies sich als ziemlich mhseliges Gesch, in der Gluthitze der Savanne Lehmziegel zu backen, und die Qualitunserer Produkte liezu wnschen brig. erdies half uns kein einziger Einheimischer beim Ziegelmachen. Das Ergebnis unserer Mhe war ein schiefer Hhnerstall fr Esto und seine Groamilie. Das Dorfgemeinschaftshaus aber blieb eine fixe Idee.
Anschliend reisten wir durchs Land, besichtigten Projekte, lien uns von Funktionn die Probleme auseinander setzen. Und sahen vor lauter Solidaritdie Realitnicht mehr, den allgegenwigen Mangel, die Misswirtschaft und Korruption, die repressiven Tendenzen. Schuld an den weniger erfreulichen Erscheinungen waren stets finstere Aunmte, der Kolonialismus und seine Spolgen, die ungerechte Weltwirtschaftsordnung, die obstruktive Haltung des Westens. Die schlechten Wein und die guten Schwarzen - die Misere Afrikas, daran gab es fr mich nicht den geringsten Zweifel, war zu achtzig Prozent durch exogene Faktoren verursacht. Heute sehe ich es genau umgekehrt: Die Afrikaner selber, namentlich die politischen Eliten, tragen die Hauptverantwortung fr den maroden Zustand ihres Kontinents. Als ich fnfzehn Jahre spr als Journalist nach Tansania zurckkehrte und ein Modelldorf besuchte, war von
"ujamaa" nicht mehr viel zu spren. Ich sah brachliegende Nutzflen, einstrzende Scheuern, grasberwucherte Maschinen. Das Dorf Kwalukonge - ein Spiegel von Tansania: drei Jahrzehnte unabhig, friedlich, verschlafen, heruntergewirtschaftet, mit Entwicklungshilfe berschttet wie wenig andere Ler und trotzdem kein bisschen besser dran als zum Ende der Kolonialzeit. Die Utopie des Aufbruchs war an der Wirklichkeit zerschellt. Rot leuchtete nur noch die Laterit-Erde. Und meinen Freund Esto Mollel hatte ein tragisches Schicksal ereilt; er lag querschnittsgelt in seinem Hchen in Longido - die Folge eines bsen Sturzes.
Bei meinem dritten Besuch in Longido, im Sperbst 2001, war Esto nicht mehr. Er hatte bis zuletzt an seinem Projekt gearbeitet, liesich auf seinem klapprigen Toyota-Pritschenwagen durch den Busch karren, trommelte eine Helferschar zusammen, suchte Sponsoren, sammelte Spenden. Am Eingang des Dorfes stand seine Hinterlassenschaft: ein kleines Informationszentrum ber die Masai und den Untergang ihrer Hirtenkultur. Junge Mer und Frauen verkauften Kalebassen, fertigten Schmuck aus Glasperlen oder boten Lehrwanderungen zu den "bomas" an, in denen die Masai angeblich noch wie ihre Vorvr leben. Estos khne Visionen hatten sich nicht realisiert, aber da waren immerhin ein paar Arbeitsple und eine Hand voll selbstbewusster junger Leute. Ich ging an sein Grab im Schatten der gron Schirmakazie, unter der wir einst unsere misslungenen Lehmziegel gebacken hatten. Dieser Mann hat meine Aff mit Afrika eingeflt. Er verkrpert den unerschtterlichen Optimismus der Afrikaner, ihren Humor und ihre Schlitzohrigkeit, ihren Mggang und die Kunst, mit einfachsten Mitteln zu berleben. Esto Mollel war mein "mzee", mein erster afrikanischer Lehrer. Auch seinem Andenken ist dieses Buch gewidmet.

*

Drre, Hunger und Seuchen, Krieg und Massenelend - will das denn in Afrika nie aufhren? Es gibt Tage auf diesem Erdteil, da wird man unweigerlich vom Pessimismus befallen, ja von einer lenden Depression. Man ft durch die endlosen Slums in der Ebene vor Kapstadt. Verlt sich in einem Bidonville von Dakar oder in einem Flchtlingslager im Kongo. Sieht in Malawi ein Kind am Hunger sterben, das so alt ist wie der eigene Sohn. Steht fassungslos an einem Massengrab in Ruanda. Trifft in Sierra Leone einen Mann, dem Rebellen beide Arme abgehackt haben. Man mchte verzweifeln an der unsichen Grausamkeit dieses Kontinents und kann dem Leid Afrikas und dem der Afrikaner nichts mehr entgegensetzen. Man kapituliert. Und hrt das Geraune der Untergangspropheten. "Africa nigra", verfluchter, verlorener Kontinent. Schwarzes Unheil.
Dann gibt es die anderen Tage, Tage, die heiter und hoffnungsfroh stimmen, weil sie die unbige Lebenslust und verschwenderische Schnheit des Kontinents offenbaren. Wir haben das Glck, bei den Dogon den Tanz der Masken zu erleben oder eine prtige Initiationsfeier der Bamil. Beobachten, wie sich ein gewhnlicher Urnengang in Mosambik in ein Volksfest der Demokratie verwandelt. Hren von einem Regenmacher in Guinea die verrcktesten Geschichten ber die Wettergtter. Begreifen in einer schwlen Nacht in Kinshasa, was Tanzen wirklich bedeutet. Bewundern allerorten die Kreativitder Armut, den Erfindungsreichtum der Menschen. Lernen ihre Langsamkeit, ihren unerschtterlichen Gleichmut schen, das afrikanische Amor fati, den Alltagswitz, die Lust am Palaver, am Spiel, das Lachen und Leln, das ber die Not triumphiert. Oft kommt es uns vor, als ob gerade die Kargheit und der Mangel die gre Schnheit hervorbrten. In der monotonen Graubre der Halbwste sehen wir die frhlichsten Kleiderfarben, im dunklen Regenwald die wundervollsten Skulpturen, im langweiligsten Dorf die grazilsten Tanzfiguren.
Die Schnheit kann allerdings auch tchen. Wir stehen im milchigen Frhlicht, die ersten Sonnenstrahlen fallen in die Fluchten eines Palmenhains, handtellergro Falter steigen aus dem Gras - eine Szene so unwirklich und zauberhaft wie in einem Geme von Watteau. Denken wir. Aber der Nebel weicht, es wird hell und hei zwischen den Baumreihen entdecken wir Mer mit Macheten. Es sind Lohnsklaven, und das Idyll ist eine Plantage. Die Kokospalmen wirken jetzt wie Soldaten, die getrimmt wurden fr die Erzeugerschlacht auf dem Weltmarkt.
Oft ern wir uns auch ber die Afrikaner, ber die Impertinenz von Amtspersonen, ber die Allgegenwart von Abzockern und korrupten Beamten, ber die Grobheit und Brutalitin den Metropolen, ber die Faulheit, die Schlampigkeit und die unbeschreibliche Gleichgltigkeit. Wir behausen ein schges Zimmer, Wasser tropft durch die Decke, die Toilette ist zugeschissen, und am Morgen erfrecht sich der Hotelmanager, den Preis zu verdoppeln, weil ber Nacht angeblich der Umtauschkurs gestiegen ist. Es kommt zu einem lautstarken Disput, und wir sind froh, dass uns niemand dabei beobachtet, denn sonst knnten wir fr ble Rassisten gehalten werden. Aber irgendwann ist das Problem gelst. Wir warten in der Frhstcksbaracke, Tropenregen hert auf das Blechdach, nach einer Stunde des Wartens sind wir glcklich, weil ein Spiegelei kommt und eine Tasse braunes Wasser, das hier Kaffee genannt wird. Unser Blick ft auf das kleine Aquarium neben der Anrichte. Es ist ausgetrocknet, auf dem Grund liegen Glhbirnen. Wir mssen hellauf lachen.
Afrika ist ein Kontinent, der nicht zur Ruhe kommt und zugleich in ewiger Starre gefangen scheint, der sich irgendwo auf dem Weg zwischen Tradition und Moderne befindet und am Rande dieses Weges verwirrte Menschen zurcklt. Wir erleben den Stupor der Provinz, das immer gleiche, bewegungslose Dorf, die Stille, die der Krieg gebiert, und die verheerende Aids-Pandemie. Wir sehen andererseits gewaltige Bewegungen, Millionen von Entwurzelten, die von irgendwo nach nirgendwo irren, Vlkerwanderungen vom Land in die gron Ste, verrohte Milizen und Horden von Kindersoldaten, die ganze Staaten terrorisieren. Im Bergland von Abessinien begegnete mir einmal ein Heer von Kriegsgefangenen, hunderttausend Mer in Lumpen, hunderttausend leere, schicksalsergebene Gesichter - es war wie eine surreale Erscheinung, die meine Generation nur aus den Geschichtsbchern ber den Zweiten Weltkrieg kennt.

Produktinformationen

Titel: Ach, Afrika
Untertitel: Berichte aus dem Inneren eines Kontinents
Autor:
EAN: 9783886807543
ISBN: 978-3-88680-754-3
Format: Leinen-Einband
Herausgeber: Siedler
Genre: Politik, Gesellschaft & Wirtschaft
Anzahl Seiten: 384
Gewicht: 565g
Größe: H221mm x B147mm x T32mm
Jahr: 2003
Auflage: 5. A.