

Beschreibung
Die bakteriologische Revolution in der Medizin führte um 1900 zur Medikalisierung der Grenzkontrollen an den Immigrationsstationen der USA. Die Körper der Einwanderer die »Invading Bodies« wurden klassifiziert und bewertet: Waren sie gesund und fähig, ihren Le...Die bakteriologische Revolution in der Medizin führte um 1900 zur Medikalisierung der Grenzkontrollen an den Immigrationsstationen der USA. Die Körper der Einwanderer die »Invading Bodies« wurden klassifiziert und bewertet: Waren sie gesund und fähig, ihren Lebensunterhalt zu verdienen? Diese Kontrollen, so zeigt Barbara Lüthi in ihrer Studie, dienten einerseits der Abwehr bestimmter Personengruppen, zugleich aber auch der Auswahl eugenisch wünschenswerter und »produktiver« Körper. Dabei spielte auch die »rassische« Einordnung eine Rolle: Die Kategorisierungen der Ärzte bieten interessante Einblicke in das rassistische Denken der damaligen Medizin.
Vorwort
Studien zur historischen Sozialwissenschaft
Autorentext
Barbara Lüthi, PD Dr. phil., ist Historikerin am Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt (FGZ) der Universität Leipzig.
Klappentext
Die bakteriologische Revolution in der Medizin führte um 1900 zur Medikalisierung der Grenzkontrollen an den Immigrationsstationen der USA. Die »Invading Bodies« - die »eindringenden Körper« - wurden klassifiziert und bewertet. Diese Kontrol- len, so Barbara Lüthis Ergebnis, waren keine reinen Abwehrmaßnahmen, sondern dienten auch der Auswahl eugenisch wünschenswerter und »produktiver « Körper.
Leseprobe
Einleitung Die Medikalisierung von Immigrationsprozessen Im Jahre 1912 erreicht die 21-jährige jüdische Russin Chane Wernik auf dem Passagierschiff Zeeland aus Antwerpen die Immigrationsstation Ellis Island vor New York. Alle Immigrantinnen und Immigranten werden dort - vor den üblichen Pass- und Papierkontrollen - dem klinischen Blick der Ärzte auf der Suche nach möglichen Krankheiten und körperlichen Defekten unterzogen. Medizinisch auffällige Personen müssen sich anschließend einer weiteren Untersuchung unterziehen. Aufgrund der ersten provisorischen Untersuchung lautet das medizinische Gutachten im Fall Chane Wernik: "This is to certify that the above described person has this day been examined and is found to be afflicted with abdominal tumor with signs of pregnancy of about the 4th month, which affects ability to earn a living." Der hier verwendete Begriff ("Abdominal tumor with signs of pregnancy") ist eine feststehende zeitgenössische medizinische Definition für eine Schwangerschaft. Damit fällt sie in der Krankheitsklassifikation der für die medizinischen Untersuchungen zuständigen Behörde des United States Public Health Service (USPHS) unter die Class C, die "defekte oder kranke Zustände" beinhaltet. Unterschieden werden diese von den abstossenden und gefährlichen Krankheiten (Class A) und von den körperlichen Krankheiten und Defekten, die körperlich die Fähigkeit zum Selbstunterhalt einer Person beeinträchtigen können (Class B). Das Board of Special Inquiry (BSI) - ein Gremium, bestehend aus drei Beamten des Immigration Service (IS) und einem Übersetzer, das erstinstanzlich über die Zulassung oder Zurückweisung der Immigranten und Immigrantinnen bestimmt - entscheidet einstimmig, Chane Wernik auszuweisen: Es erachtet ihre finanziellen Mittel als unzureichend; ihr physischer Defekt sei von schwerwiegender Natur und hinderlich für das Aufkommen des eigenen Lebensunterhaltes. Zur Person von Chane Wernik ergeben sich bei der weiteren Befragung vor dem BSI weitere Informationen: Sie sei in Brisk, Russland, geboren worden, sei alleine gereist und alleinstehend, könne nicht lesen und schreiben. Die Überfahrt sei von ihrer Schwester und deren Mann in Newark, New Jersey, bezahlt worden, zu denen sie auch gehen wolle. Wernik sei früher Damenschneiderin ("dressmaker") und nie zuvor in den USA gewesen. Sie besitze 25 Dollar und ihre Eltern seien gestorben. Die Befragung ihrer Person und ihrer Verwandten aus Newark - in einer gerichtsähnlichen Situation vor dem BSI - widersprechen gewissen Annahmen der Behörden: Auf die Frage, ob sie schwanger sei, antwortet die Immigrantin mit nein. Ebenso verneint sie, je mit einem Mann Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, und sie willigt ein, sich einer weiteren Schwangerschaftsuntersuchung zu unterziehen. Die Schwester und deren Mann werden zu ihrer materiellen Situation und ihrem Familienstand befragt. Zudem gibt die Schwester zu Protokoll, dass Chane Wernik zuvor als Hausangestellte gearbeitet habe. Der zuständige Commissioner of Immigration auf Ellis Island, William Williams, bekräftigt gegen die Einsprache der Immigrantin den Entscheid des BSI und ergänzt das Urteil mit der Aussage: "See medical certificate on which the Board, in my opinion, very properly excluded this woman. She is a very undesirable type of immigrant." Unklar sei auch, ob sie bezüglich ihres Zustandes die Wahrheit sage, und zudem mache sie - im Gespräch mithilfe eines Übersetzers - einen ungünstigen Eindruck auf ihn. Am 27. August bestätigt der Commissioner-General of Immigration in Washington D.C., Daniel J. Keefe, die Zurückweisung. Nach der Bestätigung dieses Entscheides durch die Immigrationsbehörden in Washington D.C. wird Chane Wernik - zehn Tage nach ihrer Ankunft auf Ellis Island - wieder aus den USA ausgewiesen. Dieser Vorfall an der US-amerikanischen Grenze zu Beginn des 20. Jahrhunderts mag als Einzelfall zunächst zufällig erscheinen, gibt jedoch Aufschluss über maßgebliche Veränderungen innerhalb der Migrationspolitik der Zeit. Er fällt in eine Phase entscheidender Umbrüche in den USA, die vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf wirtschaftlicher und sozialer Ebene einen tiefgreifenden Wandel erlebt. Die großen Veränderungen dieses langen Jahrhunderts betreffen zunächst einmal die Industrialisierung des Landes. Damit geht eine rapide Urbanisierung einher. In diesem Zusammenhang spielt auch die Einmischung der amerikanischen Regierung ins weltpolitische imperiale Geschehen eine wichtige Rolle. Die Dynamiken der Industrialisierung und die expansionistische Politik beschleunigen die Begegnungen von amerikanischen Bürgern und Bürgerinnen mit Menschen anderer Nationalitäten im In- und Ausland. Wie der Historiker Matthew Frye Jacobson betont, hinterlässt die Begegnung mit diesen Menschen deutliche Spuren in der Ausformung des amerikanischen Nationalismus - begleitet von neuen Erzählungen nationaler grandeur und Idiomen nationaler Überlegenheit wie auch eines xenophobischen Antagonismus. Was in diesem Kontext bezüglich der Immigration neu erscheint, ist nicht so sehr die Ankunft der sogenannten new immigrants aus Süd- und Osteuropa, auch wenn sich die Zusammensetzung der ethnisch-religiösen Gruppierungen der Neuankommenden seit dem Beginn des 19. Jahrhunderts stark verändert hat und in den Augen der Zeitgenossen deutlich wahrgenommen wird. Neu sind vor allem die größere Anzahl von Menschen und die weltweiten rapiden Veränderungen in der Wirtschaft und Politik dieser Zeit. Auch Chane Wernik ist vermutlich eine dieser vielen, die im Zuge der Arbeitsmigration und - aufgrund der diskriminierenden Politik gegen Juden im zaristischen Russland - in der Hoffnung auf ein besseres Leben in den Westen auswandert. Ebenso gibt aber ihre Ankunft auf Ellis Island eine vage Vorstellung vom Umfang, der Expertise und der Macht der sich neu entwickelnden Regierungsbürokratien zur Kontrolle und Lenkung dieser Menschenmassen. In einer komplexen Wechselwirkung von sozialen Ängsten, zunehmend zentralisierten institutionellen Bestrebungen einzelner Behörden nach einer Kontrolle der Menschenmassen sowie individuellen professionellen Ansprüchen tritt ein Aspekt besonders deutlich hervor: Bei der Beschäftigung mit der Migrationspolitik der USA zu Beginn des 20. Jahrhunderts kommt man nicht umhin, die Medikalisierung der Immigrationssprozesse als eine wesentliche kulturelle und wissenschaftliche Komponente zu betrachten, die zugleich im Prozess der Nationsbildung der USA prägend ist. Im Zentrum der vorliegenden Untersuchung stehen folglich die Krankheiten und der Körper der new immigrants. Spätestens seit der Institutionalisie…
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