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Antisemitismus und andere Feindseligkeiten

  • Kartonierter Einband
  • 197 Seiten
Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust Wie verhält Antisemitismus sich zu anderen Formen gruppenbezogenen Hasses? Bishe... Weiterlesen
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Beschreibung

Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust Wie verhält Antisemitismus sich zu anderen Formen gruppenbezogenen Hasses? Bisher hat man in der Forschung vor allem die Frage nach den Unterschieden und den Ähnlichkeiten derartiger Feindseligkeiten gestellt. Dieser Band geht dagegen - anhand von zahlreichen Beispielen aus der Geschichte wie aus der Gegenwart - der Frage nach, wie sich die verschiedenen Formen gruppenbezogenen Hasses aufeinander beziehen, wie sie einander rechtfertigen, wie sie miteinander agieren und welche Funktion dem Antisemitismus in diesen Interaktionen von Ressentiments zukommt.

Autorentext

Katharina Rauschenberger, Dr. phil. ist wissenschaftliche Mitarbeiterin und Programmkoordinatorin am Fritz Bauer Institut. Apl. Prof. Dr. Werner Konitzer ist stellvertretender Direktor des Fritz Bauer Instituts.



Zusammenfassung
"Alle Beiträge stammen von guten Kennern der Materie, welche die Kontexte zu anderen Vorurteilen thematisieren." (Humanistischer Pressedienst, 02.12.2015)

Leseprobe
Einleitung Im Juni 2014 wurden drei israelische Jugendliche im Westjordanland entführt und etwa zwei Wochen später nördlich von Hebron ermordet aufgefunden. Die israelische Armee nahm auf der Suche nach den Verschwundenen 300 Personen aus dem Umkreis der Hamas im Westjordanland fest. Die Hamas reagierte darauf mit Raketenangriffen aus Gaza auf Israel. Die Situation spitzte sich weiter zu, als die israelische Armee bei systematischen Luftangriffen auf Stützpunkte und das Tunnelsystem der Hamas auch viele zivile Einrichtungen zerstörte und Zivilisten tötete. Anfang Juli wurde zudem ein palästinensischer Jugendlicher in Ostjerusalem von jugendlichen jüdischen Extremisten verschleppt und brutal ermordet. Der Nahost-Konflikt war in eine neue Phase getreten. In Deutschland und anderen westeuropäischen Staaten fanden in vielen Städten Demonstrationen statt, auf denen Sympathie mit der palästinensischen Zivilbevölkerung bekundet wurde. In kürzester Zeit jedoch wurden dabei Parolen skandiert wie "Jude, Jude, feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein", wie auf einer Demonstration in Berlin, oder man sah Transparente mit der Aufschrift "Angeblich früher Opfer - heute selber Täter" wie in Essen. In manchen Städten gab es täglich Demonstrationen und Kundgebungen gegen die israelischen Militäreinsätze; oft schlossen sich religiös-muslimische Demonstranten mit Vertretern der Partei "Die Linke" zu Aktionsbündnissen zusammen. Die Essener Synagoge, eine städtische Kultureinrichtung, und jüdische Institutionen in Essen mussten wegen konkreter Hinweise auf Gewalttaten einem besonderen Schutz unterstellt werden. In Frankfurt am Main skandierten Demonstranten Hetzparolen wie "Kindermörder Israel!". Auch in Frankreich griffen Demonstranten Synagogen an. Die Berichterstattung in der Presse wurde als parteiisch und israelfreundlich diskreditiert. Nie zuvor waren pro-palästinensische Kundgebungen in Europa mit einem so unverhohlenen Antisemitismus verbunden gewesen. Am 10. Oktober 2014 fand in der Dresdener Innenstadt eine Solidaritätskundgebung für den Kampf der auch in Deutschland verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK gegen das Vorgehen der Bewegung "Islamischer Staat" (IS) in Syrien und im Irak statt. Diese Kundgebung wurde von verschiedenen Personen zum Anlass genommen, eine Facebook-Gruppe zu gründen, aus der kurze Zeit später die Gruppe "Pegida" (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) hervorging. Sie rief zu wöchentlichen Demonstrationen gegen "die fortschreitende Islamisierung des Abendlandes", gegen "Glaubenskriege auf unseren Straßen", gegen "Political Correctness", gegen "die ständige Beschimpfung als Nazi" auf. Die Demonstrationen, die dann ebenfalls in Dresden stattfanden, erregten in der Medienöffentlichkeit vor allem deshalb großes Aufsehen, weil sie von Woche zu Woche deutlich an Teilnehmern zulegten. Waren es bei der ersten Pegida-Demonstration noch 350 Teilnehmer, nahmen anderthalb Monate später schon 3.000 Personen teil. Dieses dynamische Wachstum fand erst bei einer Zahl von 20.000 Demonstranten im Januar 2015 sein Ende. Die Dresdener Demonstration, die als Auslöser der Pegida-Bewegung fungierte, war eine Reaktion auf den Vormarsch des "Islamischen Staats" gewesen, einer radikal-islamistischen, antiwestlichen und antiliberalen Bewegung in den zerfallenden Staaten des Nahen und Mittleren Ostens und in Nordafrika. Diese Bewegung war nach der militärischen Niederwerfung des Regimes von Saddam Hussein durch amerikanische Truppen im Gebiet des Irak entstanden und in den Kämpfen des syrischen Bürgerkrieges erstarkt. Durch einen extremen Fundamentalismus wie auch durch ihre im Internet offen dargestellte und propagierte Gewalt und Grausamkeit wurde sie weltweit bekannt. Im Frühsommer des Jahres 2014 eroberte sie mit militärischen Mitteln ein zusammenhängendes Gebiet im Nordwesten des Irak und im Osten Syriens und rief am 29. Juni 2014 einen als "Kalifat" bezeichneten Staat aus. Der IS griff dann die kurdische Grenzstadt Kobane an, wandte sich gegen die in der Region lebende jesidische Bevölkerung und ermordete eine große Zahl von Zivilisten. Tausende von Frauen und Kindern wurden gefangengenommen, zum großen Teil vergewaltigt und in die Sklaverei verkauft; offen äußerten die Akteure des IS in Bezug auf die Jesiden ihre genozidalen Absichten. Während diese Bewegung, die auch viele Aktivisten aus den Ländern des Westens anzog, ihr von Massakern, Massenmorden und einer Propaganda tätlicher Grausamkeit begleitetes Vorgehen durch eine eigene Auslegung islamischen Rechts zu rechtfertigen versuchte, wandten viele Muslime sich gegen sie. Wichtige muslimische Gelehrte und Institutionen verurteilten das Vorgehen des IS und sprachen ihm jede Legitimität ab. Die Demonstration in Dresden am 10. Oktober 2014 war die letzte in einer Reihe von Demonstrationen, mit denen in Deutschland lebende Kurden, Aleviten und Jesiden auf die Verbrechen des "Islamischen Staats" reagierten. Aber es gab auch in Deutschland Unterstützer der Bewegung. In Celle und Hamburg wurden kurdische und jesidische Demonstranten von Unterstützern des IS angegriffen, es kam zu Straßenschlachten und Messerstechereien. Solche Auseinandersetzungen waren es, die die späteren Pegida-Akteure zum Anlass für ihre islam- und fremdenfeindliche Bewegung nahmen. Als in Deutschland die Diskussion über diese neue Bewegung einer islamfeindlichen Rechten allmählich Konturen annahm, wurde die europäische Öffentlichkeit durch einen Anschlag in Frankreich erschüttert. Zwei islamistische Terroristen drangen in die Pariser Redaktionsräume der Satirezeitschrift Charlie Hebdo ein, stürmten die dort gerade stattfindende Redaktionskonferenz und erschossen nahezu alle Mitglieder der Redaktion. Kurz darauf überfiel ein weiterer islamistischer Terrorist einen koscheren Supermarkt in Paris und nahm mehrere Geiseln, um durch diesen offen antisemitischen Anschlag den ersten Anschlag, der sich gegen eine ehemals linksradikale, nun vor allem antiklerikale Satirezeitschrift richtete, zu unterstützen. Die französische Öffentlichkeit reagierte mit einer breiten Solidaritätsbewegung, die sich vor allem auf die durch den Terrorakt angegriffene Satirezeitschrift bezog: Unter der Parole "Je suis Charlie" demonstrierten in Paris Hunderttausende gegen den islamistischen Terror; viele Regierungschefs, vor allem aus der westlichen Welt, nahmen an der Demonstration teil. Auch in Deutschland wurden die Ereignisse mit großer Aufmerksamkeit wahrgenommen. Die neu entstandene Pegida-Bewegung versuchte die Demonstrationen gegen den Anschlag für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, zunächst jedoch ohne nennenswerten Erfolg. Welche Bedeutung antisemitische Ressentiments und Überzeugungen in diesen verschiedenen, teils gegeneinander gerichteten Bewegungen haben, lässt sich nicht leicht ermitteln. Zwar wird inzwischen schon länger eine Diskussion darüber geführt und es gibt auch entsprechende wissenschaftliche Untersuchungen über Antisemitismus und seine langen und einflussreichen Traditionen in den verschiedenen islamistischen Strömungen; aber speziell über den "Islamischen Staat" ist wegen der Neuheit der Bewegung, auch wegen ihrer Hermetik, nicht viel zu finden. Dass diese extrem antiwestliche und antiliberale Bewegung auch antisemitisch ausgerichtet ist, darauf verweisen nicht nur die verschiedenen antisemitischen Anschläge ihrer Anhänger - so der Anschlag in Paris, aber auch der Anschlag auf das jüdische Museum in Brüssel -, sondern ebenso die starke antiisraelisch-antisemitische Ausrichtung der meisten islamistischen Strömungen. Wie sehr und in welcher Form der Antisemitismus speziell die Bewegung des IS prägt, ist jedoch nicht klar. Manche der Kräfte, die sich im Nahen Osten gegen die Bewegung richten, etwa die vom Iran militärisch unterstützten Schiiten, haben mit ihr die antiisraelische und verschwörungstheoretisch-antisemitische Grundorientierung gemein. Das gilt auch für die islamistische Szene in Deutschland. Über den Antisemitismus bei Pegida und den verschiedenen Nachahmerorganisationen (Dügida, Legida, Kögida) wurde öffentlich diskutiert; genauere Untersuchungen gibt es noch nicht. Die Umfragen von Soziologen, die diese Bewegung von Anfang an zu betrachten versuchten, wurden durch das medienfeindliche Klima, das in ihr herrschte, behindert: Die meisten Teilnehmer der Demonstrationen verweigerten ihnen jede Auskunft. Fragt man nach der Rolle, die antisemitische Ressentiments in der Pegida-Bewegung spielen, so sind eine Reihe von Ambivalenzen und Zweideutigkeiten auffällig. Einerseits gab es Versuche der Vereinnahmung und eines möglicherweise strategischen Philosemitismus. So wurden bei Demonstrationen Transparente mitgeführt, auf denen man zur Verteidigung nicht nur des christlichen, sondern ausdrücklich des jüdisch-christlichen Abendlandes gegen die Islamisierung aufrief; andererseits wurden nach Aussagen von Beobachtern zumindest bei den Demonstrationen im Westen auch antisemitische Parolen gerufen. Dass der Gründer der Bewegung auf seinem Facebook-Account ein Foto ausgestellt hatte, auf dem er mit Hitler-Bart und -Scheitel zu sehen war, lässt zumindest keine klare Distanzierung von antisemitischen Strömungen erkennen. Die Grundstimmung der Bewegung, gleichsam ihr emotionaler Konsens, ist offenbar zumindest implizit antisemitisch geprägt, das macht die Übernahme antisemitisch imprägnierter nationalsozialistischer Parolen wie der von der "Lügenpresse" deutlich: Die Überzeugung, dass alle Vermittlungsbereiche von einer Verschwörung durchdrungen und gleichsam vergiftet sind, gehört zum Kernbereich antisemitischer Vorstellungswelten. Auch wenn wir über die Beschaffenheit, Struktur und Dynamik antisemitischer Einstellungen in den verschiedenen gegenläufigen und zugleich aufeinander bezogenen Bewegungen, die den Herbst des letzten Jahres prägten, noch wenig wissen, scheint uns doch die Konstellation ein neues Nachdenken zu erfordern. In den letzten Jahren wurde in der Forschung zum Antisemitismus, wenn es um verschiedene andere Formen gruppenbezogenen Hasses ging, vor allem die Frage diskutiert, ob und wie weit diese mit Antisemitismus vergleichbar sind bzw. wo die Unterschiede, wo die Ähnlichkeiten liegen. Angesichts der besonderen Situation im Herbst 2014 schien uns eine andere Fragestellung mindestens ebenso wichtig zu werden: wie sich verschiedene Formen gruppenbezogenen Hasses aufeinander beziehen, möglicherweise einander rechtfertigen, wie sie gleichsam miteinander agieren und welche Funktion dem Antisemitismus in diesen Interaktionen verschiedener Ressentiments zukommt. Angesichts der aktuellen Entwicklung schien es uns, als ob die Rahmung, die die Diskussion über Antisemitismus in Deutschland implizit mit geprägt hatte - eine als mehr oder weniger homogen aufgefasste Mehrheitsgesellschaft definiert sich in Abgrenzung von verschiedenen Gruppen von "Fremden" und diskutiert ihr Verhalten ihnen gegenüber -, als ob diese Rahmung etwas Chimärisches hätte; zumindest aber, dass sie eher ein Reflex auf die Ausnahmesituation relativ statischer politischer Verhältnisse war, die die Diskussion in Deutschland wohl noch lange über die Zeit des Kalten Kriegs hinaus geprägt hatten. Wir entschieden uns daher, die Entwicklungsdynamik antisemitischer Strömungen in Situationen, in denen ein Konflikt zwischen großen, einander feindselig gegenüberstehenden gesellschaftlichen oder religiösen Gruppierungen das politische Klima prägte, in einer kleinen Vortragsreihe einer vergleichenden Betrachtung zugänglich zu machen. In der Hoffnung, dass historische Forschung und gegenwärtige Reflexion einander sinnvoll ergänzen, beschlossen wir, unsere Frage nach der Entwicklung von antisemitischen Strömungen in Situationen der Interaktion von Ressentiments nicht nur auf die gegenwärtige Situation zu beziehen, sondern sie auf andere, historisch weiter zurückliegende Situationen zu erweitern. Das Jahrbuch ist aus dieser Reihe entstanden; die Vorträge werden hier in ausgearbeiteter Form dokumentiert und wurden um weitere Beiträge ergänzt. Frankfurt am Main, Juli 2015 Werner Konitzer Matthaeus Parisiensis, die Mongolen und die jüdische Verschwörung Überlegungen zu Hintergründen und Wirkung eines narrativen Konstrukts Johannes Heil "Den Lauf dieser Zeiten befleckend, kamen viele der Juden aus den überseeischen Gebieten [d.i. außerhalb Englands auf dem Kontinent], besonders aus dem Reich, an einem streng geheim gehaltenen Ort zu einer gemeinsamen Verabredung zusammen, [und das] im Glauben, dass das Volk der Tartaren und Cumaner ihres eigenen [nämlich jüdischen] Ursprungs sei, welche der Herr durch Alexander [den Großen einst] in den kaspischen Bergen hatte einschließen lassen. Jener, der ihnen am weisesten und mächtigsten galt, hielt alsdann folgende Rede: Brüder, die ihr dem noblen Samen Abrahams entstammt, aus dem Weinberg des Herren Sabaoth; unser Gott Adonay ließ es lange zu, dass wir unter der Macht der Christen leiden. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, wo wir befreit werden sollen, auf dass wir nach Gottes Ratschluss umgekehrt nunmehr jene [die Christen] unterdrücken sollen. Denn aufgebrochen sind unsere Brüder, die einst eingeschlossenen Stämme Israels, damit sie sich und uns den ganzen Erdenkreis unterwerfen. Und je länger in aller Härte und Länge unser Leiden dauerte, so größer soll unser Ruhm nun sein. Lasst uns ihnen also mit wertvollen Geschenken entgegengehen und sie mit allerhöchsten Ehren empfangen. Das Gesprochene wurde dankbar aufgenommen, und sie kauften alle Schwerter, Messer und Lanzen, die sie erwerben konnten, und deponierten sie, um ihre Verschwörung (fraudem) besser zu tarnen, in eigens vorbereiteten Fässern. Dann erzählten sie den christlichen Fürsten, denen sie untergeben waren, jene [die Tartaren und Cumaner] seien Juden und tränken keinen Wein außer den von Juden zubereiteten; [ferner gaben sie vor], dass [die Tartaren] ihnen deutlich angezeigt hätten, von ihren Brüdern Wein erhalten zu wollen und einen von diesen zubereiteten forderten. Wir aber wollen, [sagten die Juden], solche unmenschlichen und gemeinen Feinde aus [unserer] Mitte entfernen und euch Christen von der drohenden Gefahr der Entvölkerung befreien; deshalb haben wir an die dreißig Fässer mit todbringend giftigem Wein bereitet, den wir ihnen schicken wollen. Das fand die Zustimmung der Christen: dass die verbrecherischen Juden den Verbrechern ein solches Geschenk zusenden würden." Kürzen wir die böse Posse hier ab und beschränken das Folgende auf eine Skizze: Beim Passieren einer Brücke in den Grenzgebieten "Alemanniens" sei dank der Wachsamkeit eines Wächters der Schwindel um den wahren Inhalt der Fässer aufgeflogen. Und nun sei, wie der Autor mit sichtlicher Genugtuung schließt, auch offenbar geworden, dass jene, "die die Christen unter sich dulden und mit denen sie Handel treiben, ja denen sie sogar die Freiheit des Zinsnehmens einräumen", nach deren Vernichtung trachteten. Diese über lange Kolumnen ausgebreitete Geschichte hat der in der Abtei von Saint Albans nördlich von London wirkende Matthaeus Parisiensis kurz nach der Mitte des 13. Jahrhunderts verfasst. Das war nur wenige Jahre nachdem die mongolischen Heere bis an die Grenzen Westeuropas vorgerückt waren und man es nach ihrem so mysteriösen wie militärisch zwingenden Auftritt für eine wunderbare Fügung Gottes halten musste, dass sie nicht bis Köln, Paris und an den Atlantik vorgestoßen waren. Von der Sorge und den Schrecken, die das Erscheinen dieser Heerscharen aus den unbekannten Tiefen des Ostens in Europa um die Jahre bis 1241 ausgelöst hatte, ist bei Matthaeus schon kaum noch etwas zu spüren. Matthaeus dürfte um 1200 geboren worden sein, 1217 trat er in die Abtei von St. Albans ein. Dem Rang nach blieb er ein einfacher Mönch, Wirkung zeigte er als Historiograph und Hagiograph. Ferner war er als Goldschmied und Illustrator seiner eigenen Handschriften tätig. St. Albans als Zentrum der englischen Historiographie fand in ihm seinen Hauptvertreter. Mit seinem Hauptwerk, der Chronica maiora, die in der 1872 bis 1883 in London herausgegebenen Fassung stattliche sieben Bände umfasst, setzte er die ebenfalls in St. Albans verfassten Flores historiarum des Roger von Wendover (gest. 1236) für die Zeit von 1234 bis 1259 fort. Die Chronica maiora ist als Universalchronik angelegt, enthält aber gleichzeitig wichtige Informationen zum damaligen Zeitgeschehen. Daneben verfasste Matthaeus auch zwei historische Abhandlungen zur Geschichte Englands, die Historia Anglorum und die Abbreviatio Chronicorum Angliae. Auch Heiligenviten (für Eduard den Bekenner, Thomas Becket, Stephen Langton) in lateinischer und altfranzösischer Sprache stammen von ihm. Parisiensis verfasste und illustrierte seine Handschriften selbst. Judenfeindschaft beschränkt sich in Matthaeus' Werk nicht nur auf die Geschichte vom jüdisch-mongolischen Plot, sie ist wie auch sonst in der englischen Historiographie der Zeit ein Grundzug seiner Darstellung. Andernorts stellte er einen Bezug zwischen der Knabenbeschneidung und der angeblich von Juden verübten Münzverfälschung mittels Beschneidung der Münzränder her und breitete ausführlich die Beispiele angeblicher jüdischer Ritualmorde aus. Neuzeitliche Historiker sind Matthaeus' Werken noch jüngst mit größter Reserve begegnet. Was und wie er berichtete, bediente kaum die Erwartungen einer an Faktentreue interessierten Geschichtswissenschaft und war zu deutlich von purer Erzählfreude und programmatischer Lenkung bestimmt. Zwar trifft das auf fast alle englischen Historiographen des 12. und 13. Jahrhunderts zu, auf ihn aber ganz besonders. Liest man ihn dagegen als Erzähler, der in seinen Werken vor allem die Vorstellungswelten seiner Zeit ausmaß und Wahrnehmungen festschrieb, so erscheint er als erstrangige Quelle. Das gilt auch für seinen Bericht von den angeblichen Vorgängen auf dem Kontinent wenige Jahre zuvor. Nirgendwo ist eine unmittelbare Vorlage für seinen Bericht vom jüdisch-mongolischen Komplott erkennbar. Die etwa zeitgleichen Marbacher Annalen bieten wohl einen Anklang in diese Richtung, wenn sie vom Freudentaumel der Juden bei Kunde von diesem herandrängenden fremden Volk berichten, und dass sie deren König Sohn Davids genannt hätten. Ähnlich klingt es in der Fortsetzung der Gesta Treverorum. Allerdings bleibt es bei diesen Anklängen, und von der Verschwörung und dem Fässerschmuggel wissen sie nichts. Es ist aber kaum anzunehmen, dass die Geschichte allein in Matthaeus' Umfeld entstanden oder in Gänze seiner Feder entsprungen wäre. Ort und Handlung deuten auf eine kontinentale Entstehung, und wahrscheinlich hatte er die Geschichte zugetragen bekommen und sie für zu gut befunden, um nicht weitererzählt und ausgiebig ausgeformt zu werden. Wie viel er davon wirklich selbst glaubte, muss dahingestellt bleiben. An anderer Stelle erwog er immerhin, dass die Tartaren Abkömmlinge der zehn verlorenen Stämme Israels seien, allerdings wüssten sie kein Hebräisch und hielten sich auch nicht an das mosaische Gesetz. In ihren Einzelheiten setzt sich Matthaeus' Geschichte aus ganz verschiedenen Elementen zusammen. Da ist einmal die Mär von den verlorenen Stämmen Israels, die Alexander der Große in Vorzeiten hinter den kaspischen Bergen und dem unüberwindbaren Fluss Sambation eingeschlossen habe, von wo aus sie dereinst wieder ausbrechen würden, um ihren Glaubensbrüdern zu Hilfe und dem Antichristen zu Diensten zu eilen. Diese Vorstellung führt einmal mehr ganz unterschiedliche Stränge zusammen; einmal aus dem rätselhaften Verschwinden der zehn israelitischen Stämme nach dem Untergang des antiken israelitischen Nordreichs, zum andern aus einem Abschnitt der bis ins 4. bis 6. Jahrhundert zurückzuverfolgenden und seit dem 12. Jahrhundert in altfranzösischen Romanadaptionen fassbaren Alexanderlegende, deren verschiedene Versionen allerdings Alexander keine Juden, sondern barbarische Völker im fernen Osten einschließen lassen. Und schließlich baut Matthaeus das Motiv der endzeitlichen Völker Gog und Magog nach der Johannesapokalypse ein (Offb. 20). Diese motivische Gemengelage wurde ab dem 12. Jahrhundert zu einer antijüdischen Erzähltradition verdichtet, in der die zehn Stämme Israels mit Gog und Magog identifiziert wurden und, wie besonders Andrew Gow herausgearbeitet hat, als künftige Gegner fester Bestandteil des endzeitlichen Geschehens wurden. Das andere zentrale Element in Matthaeus' Erzählung war zeitgeschichtlicher Natur: das Vordringen der Mongolen, von den Zeitgenossen Tartaren genannt, nach Westen. Diese bislang unbekannte und deswegen erst recht als bedrohlich empfundene Macht hatte sich seit den 1220er Jahren bemerkbar gemacht und in den Quellen entsprechende Spuren hinterlassen. Zunächst war die Kunde von den mächtigen Heeren aus dem Osten (also im Rücken der Sarazenen) bei den vor Damiette lagernden Kreuzfahrern angekommen; sie meinten, ein christlicher König David käme ihnen zu Hilfe - vielleicht auch deshalb sollen die Juden nach dem Marbacher Annalisten mit den Mongolen einen - jetzt jüdischen - König David erwartet haben. Den Höhepunkt erreichte die Entwicklung mit dem neuerlichen Vordringen der Mongolen unter Batu Khan: Im Dezember 1240 wurde Kiew eingeäschert, im April 1241 wurde ein polnisches Heer unter Herzog Heinrich von Schlesien bei Liegnitz geschlagen, wenige Tage später ein ungarisches Heer bei Mohi. Rasch wurde klar, dass die Eroberer den Anspruch erhoben, alle Reiche müssten sich ihnen unterwerfen, und diesen durch die bislang ungekannte Brutalität ihres Vorgehens unterstrichen. Dazwischen hielt sich auch die Auffassung, die Eindringlinge wollten lediglich nach Köln gelangen und die Gebeine ihrer Anverwandten, der Heiligen Drei Könige, zurückholen. Während eine Nachricht die andere jagte und die westlichen Regenten mehr oder weniger energische Anstrengungen unternahmen, sich gegen die Eindringlinge zu sammeln, zogen diese 1242 plötzlich wieder ab. Innere Gründe nach dem Tod des Großkhans hatten das veranlasst. Ein wunderbares Wirken Gottes konnten dagegen all jene im Westen vermuten, die die Umstände des Abzugs nicht kannten und auch deshalb nicht absehen konnten, wie lange die Ruhe halten würde. Von den Verheerungen, die die Züge der Mongolen gebracht hatten - Polen, Ungarn und weitere Landstriche lagen verwüstet und von Menschen entleert da -, und von den Ängsten, die diese Ereignisse ausgelöst hatten, ist in dem von Matthaeus Parisiensis nur vielleicht zehn Jahre später geschriebenen Bericht allerdings so gar nichts zu vernehmen. Dass das Auftreten der östlichen Völkerschaften und die Hoffnungen der Juden, wie er es berichtete, in einem endzeitlichen Zusammenhang gedeutet und erlebt wurden, geht bei ihm völlig unter. Was bleibt, ist die von allem Wissen unbelastet vorgetragene Kunde von einem gescheiterten, ja tölpelhaft ausgeführten Coup d'État. Lassen wir die Merkwürdigkeit dieses Befunds hier zunächst einmal so stehen und wenden uns einem anderen Geschehen in jenem Jahr 1241 zu. In Frankfurt fielen damals die Juden einem Pogrom zum Opfer. Es war die sogenannte erste Frankfurter Judenschlacht. In einem im Memorbuch der aschkenasischen Gemeinde von Saloniki erhaltenen, aber wohl ursprünglich in Frankfurt formulierten und rezitierten Klagetext wird der Opfer dieses Pogroms gedacht. Es werden Einzelheiten des Verlaufs mitgeteilt bis hin zum erfolglosen Versuch, sich in den Schutz der königlichen Besetzung des Turms auf dem heutigen Römerberg zu begeben. Über die Gründe der Mörder gibt der Text keinerlei Aufschluss. Es liegt auch nicht in der Natur der jüdischen Memorialüberlieferung, sich Gedanken über die Motive der Angreifer zu machen. Eine christliche Überlieferung zum Geschehen aus Frankfurt liegt nicht vor. In einiger Distanz zu Frankfurt nennen die Erfurter Annalen den Streit um ein taufwilliges Kind als Auslöser für das Geschehen. Auslöser vielleicht, aber war das alles, was sich über den Anlass sagen lässt? Ich will in diesem Zusammenhang auf eine weitere Quelle verweisen, nämlich auf die bereits genannte Fortsetzung der Gesta Treverorum, der Trierer Bischofschronik. Da findet sich im Anschluss an den Bericht über den Freudentaumel der Juden angesichts des Kommens der Mongolen bzw. ihres Messias und ihrer bevorstehenden Befreiung der zunächst merkwürdig klingende Satz: "denn (nam) es war damals das Jahr 1241 seit der Geburt des Herrn". So wie es dort steht, wird mit dem kurzen Wort nam die Antwort auf eine Frage eingeleitet, die der Textur nach überhaupt nicht gestellt worden war. Diese Merkwürdigkeit lässt sich auflösen, wenn man die Signifikanz des Jahres 1241 beachtet, derer sich die Zeitgenossen noch bewusst waren, und sie gleichsam umrechnet, also auch die Leerstelle, die der Text der Erfurter Annalen lässt, füllt. Dann stößt man auf das Jahr 5000 nach jüdischer Zeitrechnung. Es gibt zwar keinen Anhaltspunkt für die Annahme, dass die christliche Zeitalterlehre, die das Millennium zum endzeitlich kritischen Moment erhob, irgendeinen Widerhall im jüdischen Denken gehabt hätte und der Jahreszahl dort irgendeine Bedeutung beigemessen worden wäre. Im christlichen Denken jedoch hatte diese Zahl eine große Brisanz. Schon einmal hatte, wie Wolfram Brandes ausgeführt hat, das Jahr 5000 Besorgnis ausgelöst, nämlich im Jahr 800 a.D. Im Unterschied zur mittelalterlichen jüdischen Zeitrechnung entsprach 800 anno Domini dem christlichen Jahr 5000 anno mundi. Die Sorge darüber war spätestens nach dem Weihnachtsfest 800 verflogen, aber das Wissen um die Brisanz des 5000er-Jahres dürfte fortgewirkt haben, auch beim Fortsetzer der Trierer Bischofschronik, dem offenbar nicht entgangen war, dass der jüdische Kalender nach den erneuten Jahresrechnungen in rabbinischer Zeit vom traditionellen, nun christlichen Muster der Zeitrechnung a.m. abgerückt war und einen Aufschub von 441 Jahren auf 5000/1241 erwirkt hatte. Wenn das Ereignis mit der endzeitlichen Erwartung um das Jahr 5000 a.m. in Zusammenhang gebracht wurde, stellt sich freilich die Frage, warum die Erfurter Annalen es zu Frankfurt 1241 bei dem Hinweis auf den Streit um ein taufwilliges Kind beließen, und erst recht, warum Matthaeus Parisiensis, wo er doch die Akteure und Taten eines endzeitlichen Geschehens in der Verschwörung der Juden mit den Mongolen genau bezeichnet hatte, keine Angaben zur tieferen Bedeutung des Geschehens machte. Warum lassen auch die anderen Texte jeden Hinweis auf die endzeitliche Dimension des berichteten Geschehens aus? Die Antwort darauf ist womöglich denkbar einfach: War das brisante Jahr 1241 = 5000 erst einmal vergangen und hatten sich die Völkerscharen aus dem Osten verzogen, dann hätte sich das vorhergesehene apokalyptische Szenarium nicht realisiert. Falsche Prognosen führten auch im Mittelalter zum Verlust des guten Ansehens derer, die sie ausgesprochen hatten. Die Quellen zu endzeitlichen Bewegungen stammen meist aus retrospektiver Sicht, vom day after, nachdem die Katastrophe geschehen war. Wo die Welt Bestand hat und es keine Anzeichen gibt, dass sich das demnächst ändern sollte, werden endzeitliche Prognosen nicht getätigt. Schied also eine endzeitliche Interpretation der Mongoleneinfälle aus, blieb bei Matthaeus nur diejenige übrig, die sich auf die Juden bezog. Das ist einmal mehr eine einfache, aber in ihren Konsequenzen auch dramatische Bestandsaufnahme. Die Juden waren durch die vorangegangenen Ereignisse und ihre Deutungen als innere Gegner der Christenheit fixiert worden und blieben es auch danach. Matthaeus Parisiensis hat das ja eindrücklich vorgeführt. Ausgiebig, ja geradezu lustvoll konnte er bald nach 1241 noch immer von der mongolisch-jüdischen Konspiration berichten, und das ohne die endzeitliche Erregung dieser Zeit auch nur andeuten zu müssen. In seiner Version geriet das ganze Geschehen überhaupt zu einer rein innerweltlichen Angelegenheit. Denn sieht man genau hin, dann blendete er nicht nur den jetzt wieder weniger akuten Antichristen als vermeintlichen Messias der Juden aus. In seinem ganzen Bericht fehlen auch alle sonstigen kosmischen Instanzen, der Himmel oder eben Gott selbst. So geriet ihm seine Post-1241-Erzählung erschreckend modern, geradezu als Vorläufer der Protokolle der Weisen von Zion. So ist Matthaeus' Bericht und sein Umgang mit den Vorstellungen seiner Zeit auch ein Lehrstück über die Grundbedingungen der Existenz einer Minderheit inmitten einer mit sich selbst beschäftigten und religiös, kulturell oder ethnisch differenten Mehrheit, zumindest was die vormoderne Zeit angeht, womöglich aber mit Nachwirkungen bis in unsere Tage. Die Wahrnehmung der Juden als innere Feinde im Zusammenspiel mit wechselnden äußeren Bedrohungen soll im Folgenden in einigen grundsätzlichen Bemerkungen und anhand weiterer Beispiele genauer betrachtet werden. Immer wieder lässt sich, gerade an Beispielen aus der jüdischen Geschichte, beobachten, wie in Zeiten der Bedrohung und des Konflikts die Mehrheit zusammenrückt und die Minderheit selbst als Teil der gegnerischen Struktur wahrgenommen wird. Dabei ist es gleich, ob es sich um endzeitliche Besorgnisse, Anfechtungen durch innerchristliche Heterodoxien oder um äußere, kriegerische Bedrohungen handelt. Wenn all diese Faktoren zusammenkommen, wie eben in der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, spitzt sich die Situation nur noch zu. Schon für das 13. Jahrhundert genügen einige Eckdaten, um sich das Ausmaß der diesem Säkulum innewohnenden Spannungen vor Augen zu führen: die erbitterte Auseinandersetzung mit den Albigensern im Süden Frankreichs und nicht nur dort, das Erlahmen der Kreuzzugsbewegung mitsamt des drohenden Verlusts der Vorposten im Heiligen Land und schließlich die mongolische Invasion.

Inhalt
Inhalt Einleitung 7 Johannes Heil Matthaeus Parisiensis, die Mongolen und die jüdische Verschwörung Überlegungen zu Hintergründen und Wirkung eines narrativen Konstrukts 13 Thomas Kaufmann Luthers Judenhass im Kontext anderer Feindseligkeiten 29 Olaf Blaschke Nebensache Antisemitismus? Verhältnis und Verflechtung von Feindbildkomplexen in der Kulturkampfzeit 51 Christoph Dieckmann Die Entwicklung des Antisemitismus in Litauen bis 1944 79 Andrew Hussey Die Wiederkehr des postkolonial Verdrängten: Französischer Antisemitismus im 21. Jahrhundert 105 Yasemin Shooman Zur Debatte über das Verhältnis von Antisemitismus, Rassismus und Islamfeindlichkeit 125 Monique Eckmann Herausforderungen im Umgang mit Rassismen und Antisemitismen - Formen der Interaktion 157 Monika Schwarz-Friesel Rechts, links oder Mitte? Zur semantischen, formalen und argumentativen Homogenität aktueller Verbal-Antisemitismen 175 Autorinnen und Autoren 193

Produktinformationen

Titel: Antisemitismus und andere Feindseligkeiten
Untertitel: Interaktionen von Ressentiments
Schöpfer:
Editor:
EAN: 9783593504698
ISBN: 978-3-593-50469-8
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Campus Verlag GmbH
Genre: 20. Jahrhundert (bis 1945)
Anzahl Seiten: 197
Gewicht: 259g
Größe: H213mm x B139mm x T17mm
Veröffentlichung: 10.11.2015
Jahr: 2015
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