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Schiffsmeldungen
Annie Proulx

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E. Annie Proulx, die mehrfach preisgekrönte amerikanische Autorin, erzählt in ihrer herb-poetischen Sprache die Geschichte eines M... Weiterlesen
Taschenbuch (kartoniert), 416 Seiten
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Beschreibung

E. Annie Proulx, die mehrfach preisgekrönte amerikanische Autorin, erzählt in ihrer herb-poetischen Sprache die Geschichte eines Mannes in den Dreißigern. Quoyle, der äußerlich wenig ansehnliche Held des Romans, hat weder Glück im Beruf noch in der Liebe. Als er wieder einmal vor dem Nichts steht, läßt er sich dazu überreden, zum Herkunftsort seiner Familie, zu der Felseninsel Neufundland im Osten Kanadas, zurückzukehren. Trotz widriger Bedingungen gelingt es ihm hier, Fuß zu fassen. Quoyle wird Reporter für die "Schiffsmeldungen" beim Lokalblatt.

Eine unvergessliche, tragikomische Geschichte, erzählt von der mehrfach preisgekrönten Autorin Annie Proulx, in deren herb-poetischer Sprache jene fremde Gegend zum Sehnsuchtsland wird. "Schiffsmeldungen" fürs Lokalblatt soll Quoyle jetzt schreiben. Quoyle, der ewige Versager und Pechvogel, den es aus dem Staat New York auf die Felseninsel Neufundland im Osten Kanadas verschlagen hat. Quoyle, der immer schon panische Angst vor dem Wasser hatte. Und doch findet er hier in dieser kargen Landschaft, wo seine Vorfahren siedelten, so etwas wie Glück und für sich und seine beiden Töchter so etwas wie ein Zuhause ... Der Roman, der Annie Proulx berühmt machte!

"Dunkel und geradezu abrupt ihre Sprache, mit hämmernden Satzfolgen, die sich am Ende in überraschenden Bildern entladen."

Autorentext
Annie Proulx, 1935 in Connecticut geboren, lebt heute in der Nähe von Seattle. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie mit allen wichtigen Literaturpreisen Amerikas ausgezeichnet, dem PEN/Faulkner Award, dem Pulitzerpreis, dem National Book Award, sowie dem Irish Times International Fiction Prize. Außerdem wurde sie in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. Die Verfilmung ihrer Kurzgeschichte »Brokeback Mountain« wurde 2005 mit drei Oscars ausgezeichnet.

Leseprobe
1.
Quoyle
Quoyle: Taurolle

»Eine Flämische Scheibe ist eine spiralige Rolle in einer einzigen Ebene. Sie wird in dieser Art auf Deck gemacht, so daß man, wenn nötig, drüber gehen kann.«

DAS ASHLEY-BUCH DER KNOTEN

Im folgenden ein Bericht über einige Jahre im Leben von Quoyle, geboren in Brooklyn und aufgewachsen in einem Sammelsurium öder Städte im Norden des Staates New York.
Übersät mit Quaddeln, die Eingeweide in Aufruhr vor Gasen und Krämpfen, überlebte er die Kindheit; an der Universität überspielte er, die Hand vorm Kinn, Qualen mit Lächeln und Schweigen. Stolperte durch seine Zwanziger in die Dreißiger, lernte seine Gefühle von seinem Leben zu trennen, rechnete auf nichts. Er aß ungeheuer viel, mochte Eisbein, Butterkartoffeln.
Seine Tätigkeiten: Auffüller von Süßigkeitenautomaten, Nachtverkäufer in einem rund um die Uhr geöffneten Laden, drittklassiger Reporter. Mit sechsunddreißig, verwitwet, voll Kummer und glückloser Liebe, steuerte Quoyle davon nach Neufundland, zu dem Felsen, der seine Vorfahren gezeugt hatte, an einen Ort, wo er nie gewesen war noch jemals hatte sein wollen.
Ein Ort am Wasser. Quoyle hatte Angst vor Wasser, konnte nicht schwimmen. Immer wieder hatte sein Vater seinen Klammergriff gelöst und ihn in Becken, Bäche, Seen und Gischt geworfen. Quoyle kannte den Geschmack von Brackwasser und Wasserpest.
In der Unfähigkeit seines jüngsten Sohnes, schwimmen zu lernen, sah der Vater anderweitige Unfähigkeiten sich ausbreiten wie eine Explosion ansteckender Zellen - Unfähigkeit, deutlich zu sprechen, Unfähigkeit, gerade zu sitzen, Unfähigkeit, morgens aufzustehen, Unfähigkeit, sich durchzusetzen, Unfähigkeit, Ehrgeiz und Talent zu entwickeln, ja zu allem. Seine eigene Unfähigkeit.
Quoyle schlurfte, war einen Kopf größer als die Kinder um ihn herum, war weich. Er wußte es. »Ach, du Trampel«, sagte der Vater. Aber selber kein Pygmäe. Und Bruder Dick, Vaters Liebling, tat, als würde er sich erbrechen, wenn Quoyle ins Zimmer kam, zischte: »Speckarsch, Rotzgesicht, Ekelschwein, Warzensau, Blödian, Stinkbombe, Furztrog, Fettsack«, boxte und trat ihn, bis Quoyle sich, Hände über dem Kopf, schniefend, auf dem Linoleum krümmte. Alles kam von Quoyles schlimmster Unfähigkeit, der Unfähigkeit, normal auszusehen.
Ein großer feuchter Laib von Leib. Mit sechs wog er siebzig Pfund. Mit sechzehn war er unter einem Gehäuse aus Fleisch begraben. Der Kopf wie eine Melone, kein Hals, rötliche, nach hinten gewellte Haare. Gesichtszüge so verkniffen wie sich berührende Fingerspitzen einer Hand. Augen wie Plexiglas. Das monströse Kinn, ein grotesker Vorsprung, der aus der unteren Gesichtshälfte ragte.
Im Augenblick seiner Zeugung hatte irgendein anomales Gen gezündet, wie manchmal ein einzelner Funke aus mit Asche belegten Kohlen sprüht, hatte ihm das Kinn eines Riesen mitgegeben. Als Kind erfand er Strategien, um starrende Blicke abzulenken; ein Lächeln, gesenkter Blick, die rechte Hand schoß nach oben, um das Kinn zuzudecken.
Sein frühester Eindruck von sich selbst war eine ferne Gestalt: Dort im Vordergrund stand seine Familie; hier an der äußersten Sichtgrenze stand er. Bis vierzehn hegte er die Vorstellung, daß er in der falschen Familie gelandet war, daß sich irgendwo seine echten Verwandten, mit dem Wechselbalg der Quoyles geschlagen, nach ihm sehnten. Dann, als er in einer Schachtel mit Schnappschüssen von einem Ausflug wühlte, fand er Fotos von seinem Vater neben seinen Geschwistern an einer Reling. Ein Mädchen, etwas abseits von den anderen, schaute aufs Meer hinaus, die Augen zusammengekniffen, als könnte sie tausend Meilen im Süden den Bestimmungshafen sehen. Quoyle erkannte sich in Haaren, Armen und Beinen aller wieder. Dieser verschlagen aussehende Klotz im eingelaufenen Pullover, die Hand am Schritt - sein Vater. Mit blauem Stift auf die Rückseite gekritzelt: »Abschied von Zuhause, 1946«.
Auf der Universität besuchte er Seminare, die er nicht begriff, schleppte sich hin und wieder fort, ohne mit jemandem zu reden, fuhr am Wochenende zu Spott und Kritik nach Hause. Schließlich ging er von der Universität ab und suchte sich Arbeit, behielt die Hand über dem Kinn.
Nichts war dem einsamen Quoyle klar. Seine Gedanken stampften wie das unförmige Ding, das die alten Seeleute, wenn sie ins Halblicht der Arktis trieben, Seelunge nannten; wogendes Treibeis unter Nebel, wo Luft und Wasser verschwammen, wo Flüssiges fest war, wo Festes sich auflöste, wo der Himmel gefror und Licht und Dunkel ineinanderquollen.
Ins Zeitungsgewerbe verschlug es ihn, als er gemütlich bei einem fettigen Würstchen und einem Stück Brot saß. Das Brot war gut, ohne Hefe hergestellt, nur aus Sauerteig gegangen und in Partridges im Freien stehenden Ofen gebacken. Partridges Hof roch nach verbranntem Maismehl, gemähtem Gras, Brotdampf.
Das Würstchen, das Brot, der Wein, Partridges Gequassel. Deswegen verpaßte er die Gelegenheit, eine Stelle zu bekommen, die seinen Mund vielleicht an die stramme Brust der Bürokratie gelegt hätte. Sein Vater, der sich aus eigener Kraft zum Gipfel des Einkaufsleiters einer Supermarktkette hochgestrampelt hatte, hielt ihm eine mit seiner eigenen Geschichte bebilderte Predigt: »Als ich hier ankam, hab' ich Schubkarren voll Sand für den Maurer rumfahren müssen.« Und so weiter. Der Vater bewunderte die Geheimnisse der Geschäftswelt - Männer, die Papiere unterschrieben, welche sie mit ihrem linken Arm abschirmten, Konferenzen hinter undurchsichtigem Glas, verschlossene Aktenkoffer.
Aber Partridge, Öl sabbernd, meinte: »Ach, scheiß drauf.« Schnitt dunkelrote Tomaten auf. Wechselte das Thema zu Schilderungen von Orten, an denen er gewesen war: Strabane, South Amboy, Clark Fork. In Clark Fork hatte er mit einem Mann mit verkrümmter Nasenscheidewand Pool gespielt. Der trug Känguruhlederhandschuhe. Quoyle auf dem Gartenstuhl hörte zu, deckte sein Kinn mit der Hand zu. Auf seinem Anzug für das Vorstellungsgespräch war Olivenöl, auf seiner karierten Krawatte ein Tomatenkern.
Quoyle und Partridge lernten sich in einem Waschsalon in Mockingburg, New York, kennen. Quoyle war über seine Zeitung gebeugt und umkringelte Stellenanzeigen unter »Aushilfe gesucht«, während sich seine Hemden in Übergröße drehten. Partridge bemerkte, der Stellenmarkt sei dicht. Ja, meinte Quoyle, das sei er. Partridge gab eine Meinung über die Dürre von sich, Quoyle nickte. Partridge brachte das Gespräch auf die Schließung der Sauerkrautfabrik. Quoyle zerrte seine Hemden aus dem Trockner; mit einem Regen aus heißen Münzen und Kugelschreibern fielen sie zu Boden. Die Hemden waren voller Tintenflecken.
»Im Eimer«, sagte Quoyle.
»Nöö«, meinte Partridge. »Reiben Sie die Tinte mit heißer Salzlösung und Talkumpuder ein. Dann waschen Sie die Hemden noch mal, schütten einen Becher Bleichmittel dazu.«
Quoyle sagte, er wolle es versuchen. Seine Stimme zitterte. Partridge war erstaunt, die farblosen Augen des schwergewichtigen Mannes groß vor Tränen zu sehen. Denn Quoyle war unfähig zum Einsamsein, sehnte sich nach Geselligkeit, nach der Erfahrung, daß seine Gesellschaft für andere ein Vergnügen war.
Die Trockner ächzten.
»Hey, kommen Sie doch abends mal vorbei«, sagte Partridge und schrieb seine Adresse und Telefonnummer schräg auf die Rückseite eines verknitterten Kassenzettels. Auch er hatte nicht viele Freunde.
Am nächsten Abend war Quoyle da, Papiertüten unter dem Arm. Die Fassade von Partridges Haus, die leere Straße lagen in bernsteinfarbenes Licht getaucht. Eine goldene Stunde. In den Tüten eine Packung importierter schwedischer Cracker, Rot-, Rosé-und Weißwein, in Folie verpackte Dreiecke ausländischer Käsesorten. Auf der anderen Seite von Partridges Tür irgendeine heiße, hüpfende Musik, die Quoyle erregte.
Sie waren eine Zeitlang Freunde - Quoyle, Partridge und Mercalia. Die Unterschiede: Partridge, schwarz, klein, ein ruheloser Wanderer über dem Abhang des Lebens, redete die ganze Nacht; Mercalia, Partridges zweite Frau und von der Farbe einer braunen Feder auf dunklem Wasser, scharfer Verstand; Quoyle, beleibt, weiß, stolperte herum, ziellos.
Partridge blickte über die Gegenwart hinaus, hatte flüchtige Eingebungen über zukünftige Ereignisse, als würden lose Gehirndrähte kurzgeschlossen. Er war mit einer Glückshaube auf die Welt gekommen; sah mit drei einen Kugelblitz eine Feuerleiter hinunterhüpfen; träumte in der Nacht, bevor sein Bruder von Hornissen gestochen wurde, von Gurken. Er war sich seines Glücks gewiß. Er konnte perfekte Rauchringe blasen. Die Seidenschwänze machten auf ihren Zügen immer in seinem Hof Rast.
Als Partridge jetzt in seinem Hinterhof sah, daß Quoyle in einem Herrenanzug steckte wie ein Hund auf einem Witzfoto, fiel ihm etwas ein.
»Ed Punch, der Chefredakteur von der Zeitung, wo ich arbeite, sucht einen billigen Reporter. Der Sommer ist vorbei, und seine Uniratten verziehen sich wieder in ihre Löcher. Die Zeitung ist Schrott, aber vielleicht machst du's ein paar Monate, schaust dich nach was Besserem um. Was soll's, vielleicht gefällt's dir ja als Reporter.«
Quoyle nickte, die Hand überm Kinn. Wenn Partridge ihm vorgeschlagen hätte, von einer Brücke zu springen, hätte er sich zumindest über das Geländer gebeugt. Freundes Rat.
»Mercalia! Ich hab' dir den Kanten aufgehoben, schönes Kind. Ist der beste Teil. Komm raus zu uns.«
Mercalia steckte die Kappe auf ihren Füller. Müde der Wunderkinder, die sich die Nägel abbissen, um Wohnzimmerstühle kreisten und unmögliche Summen hervorsprudelten, während unter ihren stampfenden Füßen von den Orientteppichen Staub aufwirbelte.
Ed Punch redete mitten aus seinem Mund heraus. Beim Reden schätzte er Quoyle ab, bemerkte das billige Tweedsakko, so groß wie eine Pferdedecke, die Fingernägel, die aussahen wie regelmäßig an einen Schleifstein gehalten. Er witterte in Quoyle Unterwerfung, erriet, daß er Butter mit guter Streichfähigkeit war.
Quoyles Augen schweiften an die Wand zu einem Stich voller Wasserflecken. Er sah ein grobporiges Gesicht, Augen wie Glaseier, ein Haarbüschel, das aus dem Kragen ragte und über dessen gestärkten Rand quoll. War das in dem abgesplitterten Rahmen Punchs Großvater? Er machte sich Gedanken über Vorfahren.
»Das ist eine Familienzeitung. Wir bringen fröhliche Geschichten mit Schwerpunkt aus dem Gemeindeleben.«
Der Mockinburg Record war auf anbiedernde Anekdoten ortsansässiger Geschäftsleute, Profile volkstümlicher Originale spezialisiert; dieser dünne Stoff wurde mit Rätseln und Preisausschreiben, Meldungen, die gleichzeitig in anderen Zeitungen erschienen, Features und Cartoons unterfüttert. Auch einen Psycho-Test gab es: »Sind Sie Frühstücksalkoholiker?«
Punch seufzte, tat so, als träfe er eine gewichtige Entscheidung. »Ich stecke Sie zur Lokalpolitik, als Hilfe für Al Catalog. Er wird sie einweisen. Von ihm kriegen Sie Ihre Aufträge.«
Das Gehalt war erbärmlich, aber das wußte Quoyle nicht.
Al Catalog, ein Gesicht wie ein Kaninchen mit Stoppeln, feuchte Lippen, fuhr mit dem Fingernagelrücken die Auftragsliste entlang. Sein Blick rutschte von Quoyles Kinn ab wie ein Hammer von einem Nagel.
»Okay, die Planungsausschußsitzung is' 'n guter Anfang für Sie. In der Grundschule unten. Machen Sie das doch heut abend. Setzen Sie sich hinten auf ein Stühlchen. Schreiben Sie alles auf, was Sie hören, tippen's ab. Maximal fuffzich Zeilen. Nehmen Sie 'n Recorder mit, wenn Sie wollen. Zeigen Sie mir die Sache morgen früh. Daß ich sie seh', bevor Sie sie dem schwarzen Hund zum Korrigieren geben.« Der schwarze Hund war Partridge.
Quoyle hinten in der Sitzung, auf seinem Block mitschreibend. Ging nach Hause, tippte und tippte die ganze Nacht am Küchentisch. Am Morgen, Ringe um die Augen, vom Kaffee aufgeputscht, ging er ins Redaktionsbüro. Wartete auf Al Catalog.
Ed Punch, der immer als erster kam, glitt in sein Büro wie ein Aal in eine Felsspalte. Die Morgenparade begann. Der Feature-Mensch, eine Tüte Kokosnußkrapfen in der Hand; die große Chinesin mit dem gelackten Haar; der ältliche Vertriebsmensch mit Armen wie Trossen; die zwei Frauen vom Layout; der Bildredakteur mit dem Hemd von gestern, voller Flecken unter den Achseln. Quoyle hinter seinem Schreibtisch, an seinem Kinn zupfend, den Kopf gesenkt, tat so, als korrigierte er seinen Artikel. Er war elf Seiten lang.
Um zehn Uhr Partridge. Rote Hosenträger und ein Leinenhemd. Er nickte und tätschelte sich durch das Redaktionsbüro, steckte den Kopf in Punchs Loch, zwinkerte Quoyle zu, zwängte sich auf den Korrektorenplatz vor dem Computer.
Partridge wußte tausend Dinge: daß nasse Taue ein größeres Gewicht aushielten, warum ein hartgekochtes Ei besser kreiselte als ein rohes. Mit halb geschlossenen Augen, den Kopf in leichter Trance zurückgelegt, konnte er Baseballtabellen zitieren, wie die Alten Die Ilias herunterspulten. Er formte geistlose Prosa um, kratzte den Schimmel von Jimmy-Breslin-Amitationen. »Wo sind die Reporter von früher?« schimpfte er. »Die nagelkauenden, galligen, alkoholisierten Nachteulen, die wirklich gewußt haben, wie man schreibt?«
Quoyle brachte ihm seinen Text. »Al ist noch nicht da«, sagte er und schichtete die Seiten auf den Tisch, »da hab' ich gedacht, ich geb's dir.«
Sein Freund lächelte nicht. War bei der Arbeit. Las ein paar Sekunden lang, hob das Gesicht ins Neonlicht. »Wenn Edna da wäre, würde sie das zerfetzen. Wenn Al es zu sehen kriegen würde, würde er Punch raten, dich rauszuschmeißen. Das mußt du umschreiben. Hier, setz dich hin. Ich zeig' dir, was nicht stimmt. Es heißt, Reporter kann jeder werden. Du bist der Testfall.«
Das hatte Quoyle erwartet.
»Deine Aufhänger«, sagte Partridge. »O Gott!« In einem hohen Singsang las er sie laut vor.
Gestern abend stimmte die Planungskommission von Pine Eye mit großer Mehrheit dafür, frühere Empfehlungen für Zusätze zum städtischen Bebauungsplan zu überarbeiten, die die Grundstücksmindestgröße für Wohnbauten in allen Gebieten außer der Innenstadt auf drei Hektar erhöhen würden.
»Das ist ja, als würde man Beton lesen. Zu lang. Viel, viel, viel zu lang. Wirr. Keine Bürgernähe. Keine Zitate. Fad.« Sein Bleistift wütete zwischen Quoyles Sätzen, schüttelte sie durch, stellte sie um. »Kurze Wörter. Kurze Sätze. Aufbrechen. Schau hier, und dort. Hier unten hast du's. Das ist 'ne Meldung. Rauf damit.«
Er schob die Wörter herum. Quoyle rückte näher an ihn heran, glotzte, zappelte herum, begriff nichts. »Okay, versuch's damit.«
Janice Foxley, Mitglied der Planungskommission von Pine Eye, erklärte Dienstag abend in einer aufgebrachten Sitzung ihren Rücktritt: »Ich setze mich nicht hierher und sehe zu, wie die Armen in der Stadt für dumm verkauft werden«, meinte sie. Kurz vor ihrem Rücktritt hatte die Kommission mit einem Ergebnis von neun zu eins eine neue Bebauungsvorschrift gebilligt. Diese setzt die Grundstückmindestgröße auf drei Hektar fest.
»Nicht besonders packend, kein Stil und immer noch zu lang«, sagte Partridge, »aber die Richtung stimmt. Kapierst du's? Steigst du dahinter, was 'ne Meldung ist? Was du als Aufhänger brauchst? Hier, schau, was sich machen läßt. Gib dem Ganzen ein bißchen Schwung.«
Partridges Feuer brachte ihn nie auf Touren. Nach einem halben Jahr redaktioneller Eingriffe hatte Quoyle noch immer kein Gespür für Nachrichten, keine Hand für Details. Vor mehr als seinen zwölf oder fünfzehn Verben hatte er Angst. Hatte einen fatalen Hang zu umständlichen Passivkonstruktionen. »Gouverneur Murchie wurde ein Blumenstrauß von der Erstkläßlerin Kimberley Plud überreicht«, schrieb er, und Edna, die bärbeißige Korrektorin, stand auf und bellte Quoyle an: »Sie gehirnamputierter Schwachkopf. Wie zum Teufel kann man so einen Schwanz schreiben?« Quoyle war nur wieder einer von den halben Analphabeten, die heutzutage als Journalisten arbeiteten. An die Wand mit ihnen!
Quoyle saß in Versammlungen und kritzelte auf Blöcke. Es hatte den Anschein, als würde er irgendwo dazugehören. Ednas Gebrüll, Partridges Gestichel taten ihm nicht weh. Er war unter dem unbändigen Bruder aufgewachsen, der gnadenlosen Kritik des Vaters. Vom Anblick seines gedruckten Namenszugs erregt. Die unregelmäßigen Arbeitszeiten gaukelten ihm vor, er sei Herr über seine Zeit. War er nach Mitternacht von einer Debatte über die Ausformulierung einer nebensächlichen städtischen Verordnung zum Recycling von Flaschen wieder zu Hause, hatte er das Gefühl, ein Rädchen im Gefüge der Macht zu sein. Sah die Gemeinplätze des Lebens als Zeitungsschlagzeilen. MANN GEHT GEMESSENEN SCHRITTES ÜBER PARKPLATZ. FRAUEN REDEN ÜBER WETTER. TELEFON KLINGELT IN LEEREM ZIMMER.
Partridge mühte sich ab, ihn weiterzubringen. »Auch was nicht passiert, ist eine Nachricht, Quoyle.«
»Ich verstehe.« Tat nur so. Die Hände in den Taschen.
»Die Geschichte über den öffentlichen Nahverkehr im Bezirk? Vor 'nem Monat waren sie so weit, in vier Städten mit dem Busnetz loszulegen, wenn Bugle Hollow mitgemacht hätte. Du schreibst da, daß vergangene Nacht eine Versammlung war, und ganz am Ende erwähnst du so nebenbei, daß Bugle Hollow nicht mitzieht. Hast du eine Ahnung, wie viele alte Leute, Autolose, Leute, die sich kein Auto oder Zweitauto leisten können, Pendler darauf warten, daß dieser verfluchte Bus beikommt? Und jetzt passiert nichts. Nachrichten, Quoyle, Nachrichten. Du könntest ein bißchen Massel gut gebrauchen.« Eine Minute später fügte er in einem anderen Ton hinzu, daß er Freitag abend griechisch marinierten Fisch mit roten Paprika am Spieß machen würde und ob Quoyle kommen wolle.
Er wollte, überlegte aber, was eigentlich Massel war.
Gegen Ende des Frühjahrs rief Ed Punch Quoyle zu sich ins Büro, sagte ihm, er sei gefeuert. Aus seinem kaputten Gesicht heraus schaute er an Quoyles Ohr vorbei. »Es ist mehr eine Art Arbeitspause. Wenn es später hier wieder besser läuft...«
Quoyle fand eine Teilzeitstelle als Taxifahrer.
Partridge wußte, warum. Überredete Quoyle, eine riesige Schürze anzuziehen, gab ihm einen Löffel und ein Senfglas. »Seine Kinder sind von der Uni da. Die haben deinen Job gekriegt. Kein Grund zum Weinen. Ja, genau so, streich den Senf übers Fleisch. Laß ihn einziehen.«
Im August sagte Partridge, als er gerade Dill für ein russisches Rindsgeschnetzeltes mit Essiggurken schnitt: »Punch will dich wiederhaben. Wenn's dich interessiert, sollst du am Montag morgen kommen.«
Punch zierte sich. Machte viel Aufhebens, als täte er Quoyle mit seiner Wiedereinstellung einen besonderen Gefallen. Vorübergehend.
In Wahrheit war Punch aufgefallen, daß Quoyle zwar selbst wenig redete, andere aber zum Reden anregte. Sein einziger Trumpf im Lebensspiel. Seine aufmerksame Haltung, sein schmeichelhaftes Nicken lösten Sturzbäche von Meinungen, Erinnerungen, Reminiszenzen, Theorien, Einschätzungen, Darlegungen, Resümees und Erklärungen aus, preßten aus Fremden die Geschichte ihres Lebens heraus.
Und so ging es weiter. Gefeuert, Job in einer Autowaschanlage, wiedereingestellt.
Gefeuert, Taxifahrer, wiedereingestellt.
Hin und her fuhr er, landauf und landab, hörte sich das Gerangel von Abwasserkomitees und Straßenbaukommissionen an, meißelte aus Etats zur Brückenausbesserung Geschichten heraus. Die kleinen Entscheidungen örtlicher Behörden kamen ihm wie das verborgene Wirken des Lebens vor. In einem Beruf, der seine Adepten in der Niedertracht der menschlichen Natur unterwies, der das korrodierte Metall der Zivilisation bloßlegte, zimmerte Quoyle sich seine persönliche Illusion von geordnetem Fortschritt. In einer Atmosphäre von Vereinzelung und schwelender Eifersucht träumte er von vernunftbestimmten Kompromissen.
Quoyle und Partridge aßen Forelle blau und Knoblauchgarnelen. Mercalia war nicht da. Quoyle schleuderte den Fenchelsalat. Bückte sich gerade, um eine hinuntergefallene Garnele aufzuheben, als Partridge mit dem Messer gegen die Weinflasche hämmerte.
»Bekanntmachung. Betreffend Mercalia und mich.«
Quoyle grinste. Erwartete zu erfahren, daß sie ein Kind bekäme. Setzte sich bereits als Patenonkel ein.
»Wir ziehen nach Kalifornien. Reisen am Freitag ab.«
»Was?« sagte Quoyle.
»Der Grund: die Rohstoffe«, sagte Partridge. »Wein, reife Tomaten, Avocados.« Er goß sich Fumé blanc ein und erzählte Quoyle, der eigentliche Grund sei Liebe, nicht Gemüse. »Alles, was zählt, passiert aus Liebe, Quoyle. Sie ist der Motor des Lebens.«
Mercalia habe ihre Doktorarbeit hingeschmissen, sagte er, würde jetzt auf Arbeiterin machen. Reisen, Cowboystiefel, Geld, das Zischen der Luftdruckbremsen, vier Lautsprecher in der Kabine und das Uptown String Quartet aus dem Kassettendeck. In der Fernfahrerschule eingeschrieben. Summa cum laude abgeschlossen. Der Overland Express in Sausalito habe sie eingestellt.
»Sie ist die erste schwarze Truckfahrerin Amerikas«, sagte Partridge und blinzelte unter Tränen. »Wir haben schon eine Wohnung. Die dritte, die sie sich angeschaut hat.« Die habe, sagte er, eine Küche mit Fenstertüren, himmlischen Bambus als Schattenspender im Hof. Einen Kräutergarten, so groß wie ein Gebetsteppich. Wo er sich hinknien würde.
»Sie hat die Strecke nach New Orleans. Und ich geh' mit. Mach' ihr Sandwiches mit geräucherter Ente, kalte Hühnerbrüstchen mit Estragon, für unterwegs, damit sie nicht in Raststätten geht. Ich will Mercalia nicht in den Fernfahrerkneipen haben. Werd' Estragon ziehen. Irgend'nen Job find' ich schon. Korrektoren gibt's nie genug. Krieg' überall 'nen Job.«
Quoyle versuchte, ihm zu gratulieren, schüttelte Partridge schließlich unentwegt die Hand, konnte nicht mehr loslassen.
»Hör mal, besuch uns doch«, sagte Partridge. »Wir bleiben in Verbindung.« Und noch immer schüttelten sie einander die Hand, pumpten Luft, als holten sie Wasser aus einem tiefen Brunnen.
Quoyle steckte in dem heruntergekommenen Mockinburg fest. Ein Ort, der zum drittenmal starb. Innerhalb von zweihundert Jahren wurden aus Wäldern und Waldvölkern Bauernhöfe, eine Arbeiterstadt mit Werkzeugmaschinen-und Reifenfabriken. Eine lange Rezession entvölkerte die Innenstadt, machte die Einkaufszentren kaputt. Fabriken zum Verkauf. Elendsstraßen, Jugendliche mit Schießeisen in der Tasche, litaneiartiges politisches Wortgeklapper, fransig geredete Münder und zerschlagene Ideen. Wer wußte schon, wo die Leute hingingen? Vermutlich nach Kalifornien.
Quoyle kaufte Lebensmittel im A&B-Lebensmittelladen, tankte an der D&G-Tankstelle, brachte das Auto in die R&R-Werkstatt, wenn es Öl oder einen neuen Keilriemen brauchte. Er schrieb seine Artikel, wohnte in seinem gemieteten Wohnwagen, sah fern. Manchmal träumte er von der Liebe. Warum nicht? Ein freies Land. Wenn Ed Punch ihn feuerte, gönnte er sich Gelage aus Kirscheis, Dosenravioli.
Er trennte sein Leben von den Zeitläuften. Er hielt sich für einen Zeitungsreporter, las aber keine Zeitung außer dem Mockinburg Record und übersah auf diese Weise erfolgreich Terrorismus, Klimaveränderung, Regierungsumstürze, Chemieunfälle, Seuchen, Rezession und Bankzusammenbrüche, Weltraummüll, das Ozonloch. Vulkane, Erdbeben und Wirbelstürme, Sektenscharlatane, fehlerhaft produzierte Fahrzeuge und Wissenschaftshochstapler, Massen-und Serienmörder, Flutwellen von Krebserkrankungen, Aids, Zerstörung des Regenwaldes und explodierende Flugzeuge lagen ihm so fern wie Haarspangen, Rüschenhöschen und rosenbestickte Strumpfhalter. Die Wissenschaftsmagazine spuckten Berichte über mutierende Viren aus, über Apparate, die in die Beinahe-Toten Leben pumpten, über die Entdeckung, daß die Galaxien apokalyptisch auf einen unsichtbaren Großen Magneten zuströmten wie Fliegen in die Düse eines Staubsaugers. Das war Stoff aus dem Leben anderer. Er wartete darauf, daß seines anfing.
Er gewöhnte sich an, um den Wohnwagen herumzugehen und laut »Wer weiß?« zu fragen. »Wer weiß?« sagte er. Denn keiner wußte es. Alles war möglich, meinte er.
Eine kreiselnde Münze, die noch auf dem Rand schaukelt, kann in beide Richtungen fallen.

Produktinformationen

Titel: Schiffsmeldungen
Untertitel: Roman
Übersetzer: Michael Hofmann
Autor: Annie Proulx
EAN: 9783442736119
ISBN: 978-3-442-73611-9
Format: Taschenbuch (kartoniert)
Herausgeber: BTB Tb.
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 416
Gewicht: 339g
Größe: H187mm x B116mm x T29mm
Veröffentlichung: 01.04.2007
Jahr: 2007
Auflage: 3. Aufl.
Land: DE

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