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Das grüne Akkordeon

  • Kartonierter Einband
  • 672 Seiten
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Leseprobe
Die Odysse eines Akkordeons durch 100 Jahre amerikanische Geschichte. Ein grünes Akkordeon, 1890 in Sizilien gefertigt, gelangt mi... Weiterlesen
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Beschreibung

Die Odysse eines Akkordeons durch 100 Jahre amerikanische Geschichte. Ein grünes Akkordeon, 1890 in Sizilien gefertigt, gelangt mit seinem ersten Besitzer nach Amerika. Fast 100 Jahre lang erlebt es eine Odyssee durch den Kontinent, wird gestohlen, verkauft, verpfändet und verschenkt und begleitet die Nachfahren verschiedener Einwanderersippen auf ihrer Suche nach einem besseren Leben. Der Roman, voll Musik und Leidenschaft, voll Schmerz und Gewalt, erzählt von der Geschichte Amerikas und vom Schicksal der Menschen, die es schufen.

"Proulx lässt die Hintertüren zu hundert Jahren amerikanischer Geschichte und Befindlichkeit so richtig bunt, episch und unterhaltsam quitschen."

Autorentext
Annie Proulx, 1935 in Connecticut geboren, lebt heute in der Nähe von Seattle. Für ihre Romane und Erzählungen wurde sie mit allen wichtigen Literaturpreisen Amerikas ausgezeichnet, dem PEN/Faulkner Award, dem Pulitzerpreis, dem National Book Award, sowie dem Irish Times International Fiction Prize. Außerdem wurde sie in die American Academy of Arts and Letters aufgenommen. Die Verfilmung ihrer Kurzgeschichte »Brokeback Mountain« wurde 2005 mit drei Oscars ausgezeichnet.

Klappentext

Die Odysse eines Akkordeons durch 100 Jahre amerikanische Geschichte.

Ein grünes Akkordeon, 1890 in Sizilien gefertigt, gelangt mit seinem ersten Besitzer nach Amerika. Fast 100 Jahre lang erlebt es eine Odyssee durch den Kontinent, wird gestohlen, verkauft, verpfändet und verschenkt und begleitet die Nachfahren verschiedener Einwanderersippen auf ihrer Suche nach einem besseren Leben. Der Roman, voll Musik und Leidenschaft, voll Schmerz und Gewalt, erzählt von der Geschichte Amerikas und vom Schicksal der Menschen, die es schufen.




Zusammenfassung
Die Odysse eines Akkordeons durch 100 Jahre amerikanische Geschichte.

Ein grünes Akkordeon, 1890 in Sizilien gefertigt, gelangt mit seinem ersten Besitzer nach Amerika. Fast 100 Jahre lang erlebt es eine Odyssee durch den Kontinent, wird gestohlen, verkauft, verpfändet und verschenkt und begleitet die Nachfahren verschiedener Einwanderersippen auf ihrer Suche nach einem besseren Leben. Der Roman, voll Musik und Leidenschaft, voll Schmerz und Gewalt, erzählt von der Geschichte Amerikas und vom Schicksal der Menschen, die es schufen.




Leseprobe
Das Instrument

Sein Auge war wie ein Ohr, in dem es jedesmal knisterte, wenn er einen Blick auf das Akkordeon warf. Es lag auf der Werkbank, der Lack schimmernd wie frisches Harz. Licht träufelte über Perlmutt, die neunzehn blanken Knöpfe, blinkte in zwei kleinen ovalen, schwarzumrandeten Spiegeln, Augen, die sich gegen Augen stemmten, gegen das giftige Starren eines jeden, der den malocchio besaß, bereit, den bösen Blick ins böse Auge zurückzuwerfen.
Das Verdeck hatte er mit einer Diamantsäge aus einer Messingblechplatte geschnitten, mit einem Muster von Pfauenfedern und Olivenlaub. Die Haspen und Schloßbleche, mit denen das Gehäuse auf beiden Seiten am Balgrahmen befestigt war, die Messingschrauben, den Stimmstock aus Zink, die empfindlichen Wellen und die Zungen selbst, aus Stahl, das gut abgelagerte tscherkessische Walnußholz für das Gehäuse, all dies hatte er gekauft. Aber alles andere hatte er selbst angefertigt: die V-förmigen Drahtfedern mit den Spirallöchern, die unter den Knöpfen steckten und sie wieder in die Ausgangsposition schnellten, sobald die Finger vorübergetanzt waren, die Knöpfe, die Hebeldrähte. Der gefältelte Balg, die ledernen Luftklappen und Dichtungen, die eingeschnittenen Eckversteifungen, die Klappendeckel, dies alles stammte von einer Ziege, der er selbst die Kehle durchschnitten und deren Haut er mit Aschenkalk, Hirn und Talg gegerbt hatte. Der Balg hatte achtzehn Falten. Die Holzteile, aus harter Walnuß, die sich auch bei Feuchtigkeit nicht verzog, hatte er zurechtgesägt und geschmirgelt, den
schädlichen Staub dabei eingeatmet. Das Gehäuse ließ er nach dem Aufleimen sechs Wochen antrocknen, bevor er die Arbeit fortsetzte. Gewöhnliche Akkordeons zu bauen interessierte ihn nicht. Er hatte seine eigene Theorie, seine Vorstellung davon, wie ein gutes Instrument gebaut sein mußte, und mit diesem hier als Muster gedachte er in La Merica sein Glück zu machen.
Mit einer Stimmgabel und nach Gehör stellte er die Quarten und dann die Quinten ein, so daß ein wenig Dissonanz blieb, schneidend und doch wohltuend.
Auf sein Ohr war Verlaß, er konnte Harmonien im Knarren von Türangeln hören. Die Knöpfe öffneten und schlossen die Klappen ohne Verzug, mit einem leisen Klicken wie von Würfeln in der Hand eines Spielers. Aus einiger Entfernung klang das Instrument schrill und klagend, es ließ die Hörer an die Brutalitäten der Liebe denken und an mancherlei Hunger. Die Töne kamen beißend scharf, der Zahn, der zubiß, schien von Schmerz ausgehöhlt zu sein.

Die Welt ist eine Treppe

Der Akkordeonbauer war behaart und muskulös und hatte einen dichten schwarzen Schopf über dem hübschen Gesicht, Ohren wie Zuckergußkringel; die Iris der Augen bernsteinfarben. In seiner Jugend hatte er unter dem Spitznamen >Hühnerauge< zu leiden. Mit zwanzig kündigte er seinem Vater, einem Grobschmied, den Gehorsam auf, ging aus dem Dorf weg nach Norden und fand Arbeit in den Akkordeonwerkstätten von Castelfidardo. Sein Vater verfluchte ihn, und sie redeten nicht mehr miteinander.
Er kam zurück, als seine Verlobte Alba ihm Nachricht gab, sie könnten ein Stück Land pachten, mit einem schmalen Streifen Weingarten und einem winzigen Häuschen. Der Abschied von der Stadt fiel ihm leicht, denn er hatte sich auf eine riskante Affäre mit einer verheirateten Frau eingelassen. Seine Behaarung zog die Blicke der Frauen an. Später warf ihm seine Frau von Zeit zu Zeit Untreue vor, und einigemal hatte sie Grund. Akkordeons und Körperhaar reizten nun mal die Frauen, was konnte er dafür? Sie wußte es selbst; seine Musikalität hatte sie mit Macht angezogen, sein seidiges Fell, das Gekräusel, das aus seinem Hemdkragen quoll.
Er verkühlte sich leicht, bibberte schon, wenn die Sonne nur kurz hinter einer Wolke verschwand. Seine Frau war warm; wenn er dicht bei ihr stand, konnte er die Hitze spüren, die von ihr ausstrahlte wie von einem kleinen Ofen. Ihre Hände packten alles mit demselben warmen Griff an, ob Kinder, Teller, Hühnerfedern oder Ziegeneuter.
Die Reben auf dem gepachteten Land, Calabrese, Negro d'Avola und Spagnolo, trugen einen sauren Wein ohne Namen, der zum Verschnitt ins Ausland verkauft wurde. Man ließ den Most eine Woche lang auf der Maische mit den Schalen angären, wodurch der Wein seinen herben Charakter und seine purpurn schwärzliche Farbe gewann. Rein getrunken, kratzte er in Mund und Kehle, und wie vielen anderen adstringierenden Getränken sagte man ihm deshalb heilende Wirkungen nach. Die fremden Aufkäufer zahlten dafür nur sehr wenig, und die Winzer konnten nicht protestieren, weil diese Einnahme ihr einziger Gelderwerb war. Der Mangel an Land, Geld und Besitz und die schwelende Wut der Leute schufen eine Atmosphäre von Intrigen und Vetternwirtschaft, von Mauscheleien, Verschwörungen und nackter Gewalt. Wie sollte man sich anders durchschlagen?
Außer dem Weingarten pachteten der Akkordeonbauer und seine Frau noch fünf alte Olivenbäume und einen an die Hauswand spalierten Feigenbaum, und ihr Leben drehte sich nur um Kinder und Ziegen, Harken und Beschneiden, Schleppen der Traubenkörbe. Nachts wurde die Armut des Landes hörbar im Pfeifen des Windes durch die trockenen Rebstöcke und im Scharren der ächzenden Feigenäste. Sich auf ihrem Grundstück zu halten fiel ihnen immer schwerer, weil der Besitzer, der in Palermo in einem Haus mit Kupferdach wohnte, Jahr für Jahr den Pachtzins erhöhte.
Die Werkstatt des Akkordeonbauers war am Ende des Gartens, eine Hütte, die früher als Stall für kranke Ziegen gedient hatte, die Bodenfläche nicht viel größer als ein Doppelbett. Auf einem Regal standen Lackdosen, eine Schachtel Schellackblättchen, verschiedene Arten Leim und Kleister, Perlmuttkarrees, zwei verkorkte kleinfingergroße Phiolen mit Bronzefarbe. Darunter lagen Feilen, Schaber, Meißel - einer aus einem Feuersteinspan, den er aus dem Boden gegraben hatte -, Bohrer, Hohlmeißel, Prägestempel, metallene Zungen und Haken, Stahlfederdraht und Haarzangen, Greifzirkel und Winkelmesser, Kneifzangen, Locheisen und Klampen - vieles davon gestohlen aus der Werkstatt in Castelfidardo, denn woher sonst hätte er all diese unentbehrlichen Dinge bekommen sollen? Mit einem Zierpinsel aus wenigen Zobelhaaren malte er Schnörkel und Notenschlüssel auf, Girlanden von Triolen zwischen Taktstrichen mit bronzenen Dornen. Er verkaufte die Instrumente einem Händler im nächsten Marktflecken, der, ähnlich wie die Weinhändler, fast nichts dafür bezahlte, eben genug vielleicht für das Hühnerfutter.
Als er sein Handwerk mit der Zeit immer besser beherrschte, begann er an ein Leben zu denken, wie es in diesem verfluchten Dorf nicht möglich war, wohl aber in dem fernen Land, das ihm immer öfter in den Sinn kam: La Merica. Er stellte sich ein neues Leben vor, frisch und unverbraucht, sah das Geld, das wie Birnen an den hohen Bäumen der Zukunft hing. Brummelnd und flüsternd redete er nachts auf seine Frau ein. Sie sagte: »Niemals!«
»Hör mal!« sagte er wütend und so laut, daß das Baby wach wurde. »Du weißt doch, was dein Bruder geschrieben hat.« Dieser Holzkopf von Alessandro hatte einen Brief mit roten Soßenflecken und Abdrücken seiner schmutzigen Finger geschickt, in dem stand, kommt rüber, kommt rüber und nehmt euer Schicksal selbst in die Hand, verwandelt euer Elend in Glanz und Jubel.
»Die Welt ist eine Treppe!« fauchte der Akkordeonbauer im Dunkeln. »Manche steigen rauf und manche runter. Wir müssen rauf.« Sie wollte ihm nicht recht geben, hielt sich die Ohren zu und stöhnte auf, als er ihr das Datum der Abreise nannte. Später, als er den großen Koffer mit den metallenen Ecken heimbrachte, zog sie das Kinn hoch und verdrehte die Augen wie ein vergiftetes Pferd.

Die Lähmung der Generalin

Was den Männern ins Auge fiel, war die Haltung des Akkordeonbauers, die eine mühsam beherrschte Gewaltsamkeit und Kampflust zu verraten schien. In seinen kaputten schwarzen Schuhen stand er auf dem leicht vorgeschobenen linken Fuß, den rechten wie zum Ausholen zurückgezogen. Sein Charakter strafte dieses Erscheinungsbild Lügen; er wirkte tückisch und gefährlich, ohne es zu sein. Probleme packte er nicht gern selbst an. Er verließ sich darauf, daß seine Frau alle Schwierigkeiten ausbügelte. Von ihm kamen die hochgespannte Erwartung, die optimistische Idee, sie sorgte dafür, daß alles seinen geregelten Gang nahm - bis jetzt.
Wie viele erwachen wohl eines Nachts, strecken die Hand nach der schlafenden Gefährtin aus und stoßen an eine Leiche? Am Abend hatte die Frau des Akkordeonbauers ein bißchen geweint und über die drohende Reise geklagt, aber nichts, kein Zeichen hatte auf die Paralyse vorausgedeutet, die sie ein paar Stunden später oberhalb der Rippen packte, ihre Gelenke verholzte, die Zunge lähmte, das Gehirn einfror und die Augen glasig werden ließ. Die Finger des Akkordeonbauers tasteten sich zitternd den stocksteifen Rumpf entlang, den versteinerten Arm, den harten Hals. Er dachte, sie sei tot. Er zündete die Lampe an, rief sie beim Namen, klatschte ihr auf die marmorkalten Schultern. Doch ihr Herz schlug noch, pumpte das Blut durch die Adern, bis der Rippenbogen vibrierte, und das machte ihm Mut zu glauben, es sei nur ein flüchtiger Anfall, der bei Tagesanbruch vergehen werde, aber ihr Zustand änderte sich nicht.
In den nächsten Tagen wurde klar, daß diese Lähmung ein Übel war, mit dem eine erzürnte fremde Macht sie geschlagen hatte, ein feindlicher Wille, der nicht erlaubte, daß sie ihr Dorf jemals verließ. Sie war immer gesund gewesen, bis auf einen Schwindelanfall dann und wann, seit ihrer Kindheit, und ein getrübtes Auge, das ihr von ihrer Hochzeit geblieben war, als ihr beim Tanzen eine Mandel hineinsprang. Sie wurde nie krank, war nach den Entbindungen binnen einem Tag
wieder auf den Beinen und hatte ihren Haushalt streng im Griff. Ihre kräftige Altstimme war wie geschaffen zum Befehlen. Als sie noch klein war, hatte ihr Vater sie >die Generalin< genannt. Eine solche Frau hat Feinde.
Der Akkordeonbauer war bereit, sich von einer Klippe zu stürzen oder in die Wildnis hinauszurennen - wenn ihm nur jemand sagte, was er tun sollte. Er fragte seine Schwiegermutter.
Die Mutter der gelähmten Frau verschränkte die Arme. Es war, als spräche ein bärenstarker Zwerg mit Baßstimme aus ihrer schlaffen, gelblichen Haut. »Geh los! Für drei Jahre. Verdiene Geld und komm wieder. Wir sorgen für sie. Besser, der Mann geht erst mal allein.« Ihre feuchten Olivenaugen wandten sich ab.
Der alte Schwiegervater nickte ein paarmal, um zu bekräftigen, wie gut dieser Rat war. Ihr ältester Sohn, Alessandro, war vor zwei Jahren ausgewandert, und
- nun schickte er aus New York Briefe mit Geldscheinen, - beschrieb ihnen seine feinen Kleider, seine Stellung, seine schöne neue Badewanne (dieselbe, in der er einige Jahre später von einem Böhmen umgebracht wurde, der vor Wut außer sich war, weil Alessandro seinem Sohn, der auf der Treppe Radau machte, einen Tritt versetzt hatte, selbst dann noch wollten die alten Leute nicht wahrhaben, daß auf ihrer Familie ein Fluch lag).
Die Töchter des Akkordeonbauers maulten, weil sie nicht auf dem Schiff nach La Merica mitfahren durften, sie wurden jede bei einer anderen Tante untergebracht. Silvano, der einzige Junge - er war an einem Sonntag gezeugt worden -, war schon elf, alt genug, sich durch Arbeit nützlich zu machen; er allein würde den Vater begleiten. Die Mädchen betrachteten ihn voll Haß.
Wer noch unter diesen Ereignissen zu leiden hatte, war die jüngere Schwester der Gelähmten, selbst noch ein Kind, der nun die Aufgabe zufiel, ihr den Brei durch die starren Lippen zu schieben, die stinkenden Tücher unter ihren undichten Öffnungen zu entfernen, die Kranke immer wieder in eine neue, die wundgelegenen Stellen schonende Lage zu wälzen und ihr klares Wasser in die trockenen, blicklosen Augen zu träufeln.

Der hilfsbereite junge Mann

Morgens, beim Licht der verblassenden Sterne, machten Vater und Sohn sich auf den Weg, mit Sprungschritten den steilen Pfad hinunter, fort von der erstarrten Frau und den besorgten Blicken ihrer Verwandten, von den erbitterten Mädchen, an dem bienenstockförmigen Stein vorüber, der die Dorfgrenze markierte. Mit einer Art Tragegurt, der aus einem Seil mit vielen Knoten bestand, trug der Akkordeonbauer den Koffer auf dem Rücken, seine Werkzeuge und das Instrument. Der Junge schleppte schwer an einem zusammengerollten Schaffell, einer grauen Decke und einem Segeltuchsack voller Käse und Brotlaibe. Keine siebzig Schritte, und das Dorf war für immer außer Sicht.
Sie marschierten zwei Tage lang, setzten mit einer Fähre über glitzerndes, weißgetüpfeltes Wasser und stapften weiter bis zur Bahnstation. Auf dem ganzen Weg sagte der Vater kaum etwas, dachte zuerst tränenverschleierten Blicks an seine Frau, die ihm so nah gewesen war wie das Hemd auf dem Leibe, wie der Speichel im Mund, legte sich dann die Situation anders zurecht, nach Männerart und dem derben Sprichwort, wonach das beste Stück kaltes Fleisch im Haus des Mannes die tote Frau ist. Leider war seine Frau weder tot noch lebendig. Der Junge, hoch aufgeschossen, durch das Schweigen des Vaters gedemütigt, stellte keine Fragen mehr, aber wenn sie sich einem Dorf näherten, steckte er sich Kiesel in die Taschen, um sie nach knurrenden Kötern zu werfen.
Sizilien schien auszulaufen wie Mehl aus einem kaputten Sack. In der Bahnstation wimmelte es von Leuten, die brüllten und fuchtelten, Koffer und hölzerne Kisten herumschleiften, sich dichtgedrängt vom Eingang bis auf den Bahnsteig schoben, wo Knäuel von Verwandten einander umschlangen und an die Brust drückten, ein wogendes Meer von Textilien, die dreieckig gefalteten und unterm Kinn verknoteten Kopftücher der Frauen geometrische Zeichen, leuchtend vor der Masse schwarzer Rücken.
Vater und Sohn bestiegen den Zug und warteten in Gesellschaft summender Fliegen und rein- und rausdrängender Passagiere auf die Abfahrt. Sie schwitzten in ihren wollenen Anzügen. Auf dem Bahnsteig schienen die Leute überzuschnappen. Frauen weinten und reckten die Arme gen Himmel, Väter tätschelten ihren scheidenden Söhnen die Schultern und Oberarme, Kinder brüllten und klammerten sich an entschwindende Röcke, daß die Nähte rissen, Babys zerrten an den Haaren ihrer Mütter. Die Schaffner, die Bahnbeamten brüllten und drängten alle zurück, die keine Fahrkarte hatten. Den ganzen Zug entlang beugten sich die Fahrgäste aus den offenen Fenstern, zum letztenmal Hände drückend oder küssend, die Münder verzerrt vor Kummer.
Der Akkordeonbauer und Silvano saßen still auf ihren Plätzen und ließen die Blicke über die Szene schweifen. Als der Zug anfuhr, stieg vom Bahnsteig
ein Schrei auf, die Zurückbleibenden sahen die Waggons davongleiten und die Gesichter ihrer Lieben jetzt schon in die unerforschlichen Masken von Fremden verwandelt.
Ein älterer Mann, klapperdürr, in verschlissenem Anzug, löste sich aus der Menge und rannte neben dem Zug her. Seine Blicke hakten sich an Silvano fest.
Fremde schauten den Jungen oft an, mit seinen breiten Wangen und den tief eingesunkenen, rotumrandeten Augen - ein ungewöhnliches Gesicht für ein Kind, mit einem spanischen oder maurischen Einschlag. Der Mann rief ihm etwas zu, wiederholte es, rief und rannte, während der Zug an Fahrt gewann, rannte mit
seinen spindeldürren Beinen über den holprigen Boden neben dem Gleis, und als das Gleis abbog und der Zug in die Kurve ging, blickte der Junge zurück
und sah den Mann immer noch rennen, weit hinter dem Zug inzwischen, und zuletzt lag er auf allen vieren reglos im niedersinkenden Rauch der Lokomotive.
»Was hat er gesagt?« fragte sein Vater.
»Er hat gesagt, ich soll Silvano sagen - ich dachte erst, er meint mich -, soll einem anderen Silvano sagen, er soll ihm Geld schicken. Er hat gesagt, er muß sterben, wenn er nicht weg kann.«
Der Akkordeonbauer knirschte mit den Zähnen und bekreuzigte sich. Es war ihm unheimlich, daß ein Fremder seinen Sohn beim Namen rief und Geld wollte. Aber der Fremde links von ihm, ein kräftiger junger Mann, der eben erst eingestiegen war, ein häßlicher Bursche mit einer Lücke zwischen den Schneidezähnen und platter Nase, zupfte ihn am Ärmel.

Produktinformationen

Titel: Das grüne Akkordeon
Untertitel: Roman
Übersetzer:
Autor:
EAN: 9783442734238
ISBN: 978-3-442-73423-8
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: BTB Tb.
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 672
Gewicht: 571g
Größe: H190mm x B121mm x T35mm
Veröffentlichung: 01.03.2006
Jahr: 2006
Land: DE