

Beschreibung
Mitte fünfzig ist Karoline und seit Jahren erfolgreich als Zahnärztin in eigener Praxis, als die Diagnose Parkinson in ihr Leben kracht. Ihre Freunde, die Familie, ihr behandelnder Arzt alle wissen, wie sie sich zu verhalten hat. Doch der Seitenwechsel von der...Mitte fünfzig ist Karoline und seit Jahren erfolgreich als Zahnärztin in eigener Praxis, als die Diagnose Parkinson in ihr Leben kracht.
Ihre Freunde, die Familie, ihr behandelnder Arzt alle wissen, wie sie sich zu verhalten hat.
Doch der Seitenwechsel von der Ärztin zur Patientin trifft sie hart.
Aus der großen Gruppe der Gesunden an den Rand katapultiert.
Aussortiert.
Für den Rest des Lebens.
Fünf Jahre lang sucht Karoline einen Weg aus dem Chaos, das die Diagnose in ihrem Leben anrichtet.
Wo ist er, der Leitfaden zum Verhalten bei unheilbaren Krankheiten?
Und wer bestimmt die Normen für das Akzeptieren des Unabänderlichen?
Wird Karoline es schaffen, das Schicksal anzunehmen, das die Krankheit ihr auferlegt hat?
»Man sollte dieses Buch zur Pflichtlektüre in der neurologischen Facharztausbildung erklären, denn viele Kollegen haben keine Ahnung davon, was diese Krankheit in einem auslöst.«
Stephan Rinnert, Professor für Notfallmedizin, Parkinson-Patient
Autorentext
Anette Lucius, 1961 in Mecklenburg geboren, arbeitete siebenunddreißig Jahre als Zahnärztin, dreißig davon in ihrer eigenen Praxis. Nach der deutschen Wiedervereinigung erfüllt sie sich einen Kindheitstraum: Wochenlange Arbeitsaufenthalte in afrikanischen Ländern werden zu den Abenteuern ihres Lebens. Mit sechsundfünfzig Jahren durchkreuzt eine unheilbare Krankheit ihre Zukunftspläne, zwingt sie zur Praxisaufgabe und in die Frührente. Wie weit der Weg bis zur Annahme eines unabänderlichen Schicksals sein kann davon erzählt sie in diesem Buch.
Leseprobe
Mittwoch, 11. Januar 2023
»Karoline, hast du mal darüber nachgedacht, deinen Weg abzukürzen? Oder willst du ihn bis zum Ende gehen?« »Ich versteh deine Frage nicht, Kai-Olaf. Meinst du, ob ich mich umbringen will, oder was?« »Ja genau. Das meine ich.«
TEIL 1
Donnerstag, 15. Februar 2018, 19 Uhr, im Wohnzimmer meiner Eltern
»Ich habe Darmkrebs«, hörte ich meinen Vater sagen. »Und ich hab Parkinson«, flüsterte ich. Ratlos starrte ich von einem zum anderen. Meine Mutter, die fast taub ist, hatte es wieder einmal nicht verstanden, sodass ich laut und deutlich wiederholen musste: »Ja, Mama, es stimmt. Ich habe wirklich Parkinson.« Fast schrie ich es aus mir heraus. In die daraufhin einsetzende Stille flüsterte ich irgendwann: »Papa, was sollen wir denn jetzt machen?« Mein Vater sah mich lange an mit seinem gütigen Blick. »Na, kämpfen, Lina. Was denn sonst?« Dann stand er langsam auf von seinem Lieblingsplatz auf dem Sofa und kam auf mich zu. Er nahm meine Hand, schaute sie an und schüttelte sie. »Na, siehst du. Geht doch. Du zitterst ja gar nicht. Da hat sich die Schwester wohl geirrt.« »Es war nicht die Schwester, Papa. Ich war beim Professor.« »Na, dann hat sich eben der Professor geirrt«, sagte mein Vater, nahm mich in den Arm und hielt mich ganz fest. In diesem Moment wurden wir zu Komplizen.
Das Jahr 2016
Zwei Jahre vor der Diagnose
Kapitel 1
Ulrike. Ein Geschenk.
Sonntag, 3. Januar 2016
Seit Stunden schneit es. Von der Rezeption aus kann ich durch die Glasfassade der Praxis bis zu den Häusern meiner Patienten sehen, und wenn ich aufstehe, sogar bis an den Waldrand. Wie verzaubert sieht die Welt da draußen aus. Mein Blick bleibt am Korkspindelstrauch vor der Eingangstür hängen. Die Schneekristalle auf seinen Zweigen glitzern in der Sonne. Im Personalraum riecht es nach Glühwein. Ich kippe das Fenster an und stelle mir den Teller mit den Weihnachtsplätzchen an die Anmeldung neben den Computer. Bevor ich die Post aus dem Briefkasten hole, gieße ich den afrikanischen Bleistiftbaum im Wartezimmer und mache mir einen Kaffee. Heute ist der erste Sonntag im neuen Jahr. Schreibtischtag. An der Rezeption ist es hell und warm, mein Lieblingsplatz, wenn ich allein in der Praxis bin. Die tief stehende Wintersonne fällt auf das große Wandbild im Wartezimmer, ein Geschenk meines Künstlerfreundes zur Praxiseröffnung vor neunzehn Jahren. Ich wusste, dass ich diesen Neuanfang nie bereuen würde. Alles ist genau richtig, wie es jetzt ist, und es soll bitte so bleiben, auch in diesem Jahr. Das ist mein einziger Neujahrswunsch, an wen auch immer.
Acht Stunden später brennen meine Augen, mein Rücken tut weh, und ich fühle mich alt. Ich werfe einen Blick in das Bestellbuch und finde kaum einen freien Termin im Januar. Seit dem letzten Herbst werden wir von Neupatienten geradezu überrannt. Draußen hauche ich Nebelwölkchen in die klare Luft und wandere eine Runde durch das Wohngebiet. Nur eine Zahnarztpraxis gibt es hier, und das ist meine. Ich fege den Schnee von der Frontscheibe meines Wagens, und bevor ich einsteige, schaue ich noch einmal zu den Praxisfenstern hoch. Nebenan in den Wohnzimmern läuft der Sonntagabendkrimi. Erschöpft, als hätte ich einen harten Tag am Behandlungsstuhl hinter mir, fahre ich nach Hause.
Mein Name ist Karoline, doch fast alle nennen mich Lina. Ich bin Zahnärztin aus Leidenschaft. In die Stadt meiner Kindheit zurückzukehren, stand nicht auf meinem Lebensplan. Es ergab sich so, damals, vor einunddreißig Jahren. Meine Mitarbeiterinnen behaupten, sie wollten in keiner anderen Praxis arbeiten und zugleich, dass sie es hin und wieder nicht leicht hätten mit mir. Kann sein, sie meinen damit meinen Hang zur Perfektion. Nur gut zu sein, reicht mir nicht. Ich orientiere mich an den Besten meines Faches, und auf einigen Gebieten bin ich selbst vorn mit dabei.
Es ist Freitagmittag, fünf Minuten vor Sprechstundenschluss. Die Patientin, die vorn an der Anmeldung steht, kenne ich nicht. Sie hält Unterlagen in der Hand und bittet um eine Zweitmeinung. Miriam begleitet sie ins Behandlungszimmer. Zusammen schauen wir uns die mitgebrachten Röntgenaufnahmen an. Die Entzündung an der Wurzel ihres Schneidezahnes ist so groß wie eine Linse und im Wurzelkanal sieht man eine verunglückte Wurzelfüllung. »Mein Zahnarzt sagt, der Zahn muss raus.« Hoffnungsvoll schaut die Patientin mich an. Miriam holt schon mal das Bestellbuch. »Wir können versuchen, den Zahn zu retten. Alles Weitere bespricht die Helferin mit Ihnen. Miriam, ich brauche eine Stunde für den nächsten Termin.« »So lange?« Die Patientin guckt überrascht. »Der größte Feind der Qualität ist die Eile. Stimmts, Miriam?« Meine Helferin lächelt hinter ihrem Mundschutz un…