

Beschreibung
1990 wurden zwei Staaten mit unterschiedlichen Traditionslinien vereint - die DDR und die Bundesrepublik. Massive Auswirkungen auf die politische, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Verfasstheit Deutschlands waren die Folge. In diesem Band stellen s...1990 wurden zwei Staaten mit unterschiedlichen Traditionslinien vereint - die DDR und die Bundesrepublik. Massive Auswirkungen auf die politische, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Verfasstheit Deutschlands waren die Folge. In diesem Band stellen sich 25 renommierte Expertinnen und Experten der Frage, wo Deutschland heute tatsächlich steht. Anhand von kontrastierenden Begriffspaaren, die öffentlich diskutierte Spannungslinien abbilden (etwa Zentralismus/föderale Vielfalt, Normalisierung/Sonderweg, Innovation/ Stagnation, Religiosität/Konfessionslosigkeit, Wirtschaftswachstum/ Nachhaltigkeit), wird die politische Wirklichkeit im vereinten Deutschland auf den Prüfstand gestellt. Welche Gegensätze sind heute vorhanden, welche schwächen sich ab oder lösen sich gar auf? Und wie vereint sind die Deutschen wirklich?
Autorentext
Manuela Glaab, Dr. phil., ist Leiterin, Michael Weigl, Dr. phil., ist Mitarbeiter der Forschungsgruppe Deutschland am Centrum für angewandte Politikforschung (C·A·P) in München. Prof. Dr. Dr. h. c. Werner Weidenfeld ist Inhaber des Lehrstuhls "Politische Systeme und Europäische Einigung" des Geschwister-Scholl-Instituts für Politikwissenschaft der LMU München und Direktor des C·A·P.
Leseprobe
20 Jahre nach der Wiederherstellung der deutschen Einheit haben Bilanzen des Einigungsprozesses Konjunktur. Schon Anfang der neunziger Jahre erschien eine Vielzahl von Titeln, die in zeitgeschichtlicher Perspektive den Weg zur deutschen Einheit nachzeichneten. Die Sozialwissenschaften beschäftigten sich in den folgenden Jahren intensiv mit dem Prozess der inneren Einheit, da sich eine "Mauer in den Köpfen" der Deutschen aufzutun schien. Aus ökonomischer Sicht war vor allem die Frage zu klären, unter welchen Voraussetzungen und mit welchen Konsequenzen die wirtschaftlichen Weichenstellungen vorgenommen wurden. In der Gesamtschau fällt auf, dass das Thema deutsche Einheit im Fünfjahresrhythmus eine Belebung erfährt. Auch für den vorliegenden Band ist ein Jahrestag - 20 Jahre deutsche Einheit am 3. Oktober 2010 - der Anlass, sich noch einmal der epochalen Zäsur anzunehmen. Allerdings soll hier keine neue Einheitsbilanz im herkömmlichen Sinne geliefert, sondern übliche Schemata bei der Bilanzierung der inneren Einheit Deutschlands überwunden werden. Verfolgt man die oft emotional geführten öffentlichen Debatten zum Stand der Einheit, drängt sich zuweilen der Eindruck auf, dass scharfe Kontraste die deutsche Gesellschaft durchziehen, sich Ost und West bis heute fremd sind. Vom "Supergau Deutsche Einheit" (Uwe Müller) oder von "gescheiterter" Einheit (Jens Bisky) ist hier die Rede. Das vorliegende Buch dagegen stimmt nicht ein in solche Kritik, sondern hinterfragt gerade diese vermuteten Kontraste auf ihren Realitätsgehalt. Leiten lassen sich die Autorinnen und Autoren von dem Grundgedanken, dass sich die Frage, wo Deutschland heute steht, nicht pauschal beantworten lässt, sondern nur differenziert. Ziel ist es, nicht allein mögliche Kontraste zwischen Ost und West zu behandeln. Vielmehr wird der Vielschichtigkeit des Einigungsprozesses Rechnung getragen, indem nach Beeinflussungen, Überlagerungen und Überschneidungen von Ost-West-Unterschieden mit anderen Gegensätzen Ausschau gehalten wird. 1. Was sind deutsche Kontraste? Gesucht wird nach den kontrastierenden Momenten, die die deutsche Lebenswirklichkeit in den vergangenen beiden Jahrzehnten geprägt haben, die Gegenwart bestimmen und auch in Zukunft Prägekraft besitzen. Grundidee des vorliegenden Bandes ist es, solche Kontraste zu untersuchen, die im Zentrum der öffentlichen, politischen wie auch akademischen Debatte stehen. Es geht also nicht darum, eine umfassende Bilanz des Einigungsprozesses (z.B. in den verschiedenen Politikfeldern oder Einstellungsdimensionen) vorzulegen. Vielmehr soll den prägenden Grundfragen unserer Zeit in den Bereichen Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur nachgegangen werden. Die identifizierten Kontraste sind daher auch auf durchaus unterschiedlichen Ebenen angesiedelt, betreffen Aspekte der Sozialstruktur ebenso wie den außenpolitischen Standort oder die Innovationsfähigkeit des Landes. In der Summe soll so das Profil des vereinten Deutschland in möglichst scharfen Konturen abgebildet werden. Wenn im Folgenden von Kontrasten die Rede ist, so liegt dem eine pragmatische Begriffskonzeption zugrunde: Es handelt sich um einen heuristischen Begriff, anhand dessen die Entwicklung im vereinten Deutschland abgebildet und eingeordnet werden soll. Um möglichst große, auch interdisziplinäre Offenheit zu erreichen, wurde darauf verzichtet, einen in der politikwissenschaftlichen Forschung bereits eingeführten, theoretisch bestimmten Begriff wie zum Beispiel Konfliktlinien oder cleavages (Seymour Martin Lipset, Stein Rokkan) zu benutzen. Der auch im Alltag geläufige Kontrastebegriff wurde der Fachsprache der Optik entlehnt. Hier bezeichnen Kontraste den Unterschied zwischen den hellen und den dunklen Bereichen eines Bildes. Es handelt sich um ein Unterscheidungsmerkmal für den Helligkeitsverlauf einer Abbildung beziehungsweise zwischen zwei Bildpunkten. So lassen sich Intensitätsunterschiede zwischen dem hellsten und dunkelsten Punkt eines Bildes messen. Ein hoher Kontrastumfang liefert eine hohe Schärfe, was zum Beispiel durch den gewählten Hintergrund oder die Beleuchtung vom Fotografen beeinflusst werden kann. Auch in der Malerei gibt es Techniken, um Gemälde kontrastreicher oder -ärmer zu gestalten. Übertragen auf den Gegenstand des vorliegenden Buches geht es also darum, vorhandene Unterschiede, Trennlinien und Gegensätze im vereinten Deutschland auszuleuchten und deren Intensität zu bestimmen. Beim Blick auf die Phase nach 1990 soll nicht eine "Schwarz-Weiß-Kontrastierung" vorgenommen werden, vielmehr gilt es, auch Grautöne abzubilden und dynamische Helligkeitsverläufe herauszuarbeiten. Das Untersuchungsinteresse richtet sich auf die Bereiche Politik, Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur. Die ausgewählten - und im folgenden Abschnitt erläuterten - Begriffspaare bilden nicht notwendigerweise Dichotomien ab, also miteinander unvereinbare oder genau entgegengesetzte Merkmale. Allen Begriffspaaren ist jedoch gemeinsam, dass sie in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen, das politische, gesellschaftliche, ökonomische oder kulturelle Richtungsfragen aufwirft. 2. Politik: Ausgangslage und Grundfragen Die deutsche Einheit wurde durch den Beitritt der Länder der DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes vollzogen. Das politische System der Bundesrepublik Deutschland war das Modell, das sich seit 40 Jahren bewährt hatte und so auch für Gesamtdeutschland tragfähig erschien. Das einstmalige Provisorium wurde zur Verfassung aller Deutschen. Die Ende 1991 eingesetzte Gemeinsame Verfassungskommission von Bundestag und Bundesrat nahm nur einige wenige, aufgrund der Einigung erforderliche Anpassungen vor, ließ die Grundarchitektur jedoch unangetastet. Gleichwohl mehrten sich in den Folgejahren die Stimmen, welche Reformen der Ordnungsstrukturen anmahnten. Insbesondere das föderale System wurde zunehmend als reformbedürftig eingestuft, ja es geriet zu einem Kristallisationspunkt der Performanzkrise. Einerseits bildet die föderale Vielfalt das Fundament des Staatsaufbaus, aber auch des regionalen Selbstverständnisses sowohl in den alten wie auch in den neuen Ländern. Andererseits hat der kooperative Föderalismus bundesdeutscher Prägung in eine "Politikverflechtungsfalle" (Fritz W. Scharpf) geführt. Die Blockademöglichkeiten der Länder im Bundesrat werden deshalb ebenso kritisiert wie der Dauerwahlkampf durch die häufigen Landtagswahlen. Mit Berlin verfügt das vereinte Deutschland zudem über eine Metropole, in der sich politische, mediale und zunehmend auch wirtschaftliche Macht konzentriert. So lässt sich die Kritik an deutscher "Kleinstaaterei" auch als Tendenz hin zu einer Zentralisierung in der "Berliner Republik" deuten. Gleichzeitig jedoch habe…
