2. Adventsüberraschung: 30% Rabatt auf Bücher (DE)! Mehr erfahren.
Willkommen, schön sind Sie da!
Logo Ex Libris

Gott und die Krokodile

  • Kartonierter Einband
  • 272 Seiten
(0) Erste Bewertung abgeben
Bewertungen
(0)
(0)
(0)
(0)
(0)
Alle Bewertungen ansehen
(2) LovelyBooks.de Bewertung
LovelyBooks.de Bewertung
(1)
(1)
(0)
(0)
(0)
powered by 
Leseprobe
Andrea Böhm nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch den Kongo. Sie führt uns in die chaotische, vibrierende Hauptstadt... Weiterlesen
30%
22.90 CHF 16.05
Auslieferung erfolgt in der Regel innert 5 bis 7 Werktagen.

Beschreibung

Andrea Böhm nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch den Kongo. Sie führt uns in die chaotische, vibrierende Hauptstadt Kinshasa. Sie folgt den Spuren eines afro-amerikanischen Missionars, der in den 1890er Jahren im Königreich der Kuba im Dschungel lebte, und begegnet mysteriösen Mayi-Mayi-Rebellen, die sich für unverwundbar halten. Sie begibt sich in die größten Diamantenfelder der Welt und in die zerrütteten Kivu-Provinzen im Osten des Landes, dem Schauplatz von "Afrikas erstem Weltkrieg". Vor allem aber erzählt Andrea Böhm die Geschichten der Menschen, die ihr begegnen: Marktfrauen, die sich als Boxerinnen ein Zubrot verdienen; Musiker, die ihr Heil in Gott und Beethoven suchen; ein Kindersoldat, der mit seiner Mutter wieder vereint wird; Bergarbeiter, die mit bloßen Händen nach Bodenschätzen graben. Sie alle werden im täglichen Ausnahmezustand zu Meistern der Improvisation.

Mitten ins Herz Afrikas Andrea Böhm nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch den Kongo. Sie führt uns in die chaotische, vibrierende Hauptstadt Kinshasa. Sie folgt den Spuren eines afro-amerikanischen Missionars, der in den 1890er Jahren im Königreich der Kuba im Dschungel lebte, und begegnet mysteriösen Mayi-Mayi-Rebellen, die sich für unverwundbar halten. Sie begibt sich in die größten Diamantenfelder der Welt und in die zerrütteten Kivu-Provinzen im Osten des Landes, dem Schauplatz von "Afrikas erstem Weltkrieg". Vor allem aber erzählt Andrea Böhm die Geschichten der Menschen, die ihr begegnen: Marktfrauen, die sich als Boxerinnen ein Zubrot verdienen; Musiker, die ihr Heil in Gott und Beethoven suchen; ein Kindersoldat, der mit seiner Mutter wieder vereint wird; Bergarbeiter, die mit bloßen Händen nach Bodenschätzen graben. Sie alle werden im täglichen Ausnahmezustand zu Meistern der Improvisation.

»Einen Pulitzer-Preis für Reportagen gibt es im deutschsprachigen Raum nicht. Sonst wäre Andrea Böhms Buch ein heißer Kandidat dafür. Eine meisterhafte Reportage.«

Autorentext

Andrea Böhm, geboren 1961, lebte über zehn Jahre als freie Journalistin in den USA und schrieb u. a. für die tageszeitung, Die Zeit und GEO. 2004 erhielt sie den Theodor-Wolff-Preis, seit 2006 ist sie Redakteurin der Zeit. Regelmäßig bereiste sie in den letzten Jahren den afrikanischen Kontinent und ist eine ausgewiesene Kennerin des Kongo. Auf ihrem Blog berichtet Andrea Böhm von ihren Reisen.



Klappentext

Mitten ins Herz Afrikas

Andrea Böhm nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch den Kongo. Sie führt uns in die chaotische, vibrierende Hauptstadt Kinshasa. Sie folgt den Spuren eines afro-amerikanischen Missionars, der in den 1890er Jahren im Königreich der Kuba im Dschungel lebte, und begegnet mysteriösen Mayi-Mayi-Rebellen, die sich für unverwundbar halten. Sie begibt sich in die größten Diamantenfelder der Welt und in die zerrütteten Kivu-Provinzen im Osten des Landes, dem Schauplatz von »Afrikas erstem Weltkrieg«. Vor allem aber erzählt Andrea Böhm die Geschichten der Menschen, die ihr begegnen: Marktfrauen, die sich als Boxerinnen ein Zubrot verdienen; Musiker, die ihr Heil in Gott und Beethoven suchen; ein Kindersoldat, der mit seiner Mutter wieder vereint wird; Bergarbeiter, die mit bloßen Händen nach Bodenschätzen graben. Sie alle werden im täglichen Ausnahmezustand zu Meistern der Improvisation.



Zusammenfassung
Mitten ins Herz Afrikas

Andrea Böhm nimmt den Leser mit auf eine Entdeckungsreise durch den Kongo. Sie führt uns in die chaotische, vibrierende Hauptstadt Kinshasa. Sie folgt den Spuren eines afro-amerikanischen Missionars, der in den 1890er Jahren im Königreich der Kuba im Dschungel lebte, und begegnet mysteriösen Mayi-Mayi-Rebellen, die sich für unverwundbar halten. Sie begibt sich in die größten Diamantenfelder der Welt und in die zerrütteten Kivu-Provinzen im Osten des Landes, dem Schauplatz von »Afrikas erstem Weltkrieg«. Vor allem aber erzählt Andrea Böhm die Geschichten der Menschen, die ihr begegnen: Marktfrauen, die sich als Boxerinnen ein Zubrot verdienen; Musiker, die ihr Heil in Gott und Beethoven suchen; ein Kindersoldat, der mit seiner Mutter wieder vereint wird; Bergarbeiter, die mit bloßen Händen nach Bodenschätzen graben. Sie alle werden im täglichen Ausnahmezustand zu Meistern der Improvisation.



Leseprobe
Dies ist kein Buch ber Afrika. Dies ist auch kein Buch von einer Wein, die ihr Herz an Afrika verloren hat und deswegen die unendliche Weite des Kontinents, dessen Sternenhimmel, unberhrte Tierwelt oder edle Massai-Krieger suchen muss.
Dies ist ein Buch ber den Kongo, eines von ber 50 afrikanischen Lern, das, zugegebenerman, eine recht gro Fle des Kontinents einnimmt.
Der Kongo ist eine schier unerschpfliche Quelle von Rohstoffen und von Klischees: Zu Ersteren zen Diamanten, Kupfer, Kobalt, Gold, Uran, Holz. Zu Letzteren: schwl, barbarisch, voller Rebellen. Wie es halt sein muss im ewigen Herz der Finsternis.
Wie alle anderen Klischees haben auch diese einen wahren Kern: die Luftfeuchtigkeit im Kongo ist unangenehm hoch. Die Verbrechen, die dort in den vergangenen Jahrhunderten begangen wurden und immer noch begangen werden, knnen einem den Schlaf rauben. Und natrlich gibt es Rebellen. Sie machen nicht einmal ein Zehntel Prozent der Gesamtbevlkerung aus, was zeigt, wie nachhaltig wenige Menschen Schicksal und Schlagzeilen eines Landes bestimmen knnen, weil sie im Besitz einer Kalaschnikow sind. Darber hinaus leben im Kongo rund 60 Millionen Nicht-Rebellen. Auch sie prn die Geschichte ihres Landes.
Wenn man beurteilen will, was ein Fremder ber ein Land schreibt, muss man wissen, wann der Autor zum ersten Mal dort gewesen ist, hat der britische Historiker und Autor Timothy Garton Ash einmal gesagt. War es vor oder nach der Revolution, Besatzung, Befreiung oder was immer die Zr des Landes darstellt? Natrlich spielen auch die Biografie und die politischen erzeugungen des Autors eine Rolle. Aber meist ist der erste Besuch der prnde.
Ich habe das Land nicht bei einer Reise ins Kriegsgebiet kennen gelernt, sondern ber die Begegnung mit den Bewohnern seiner Hauptstadt Kinshasa. Kinshasa ist der Ausgangspunkt meiner Erkundung dieses Landes, der Ort, an dem dieses Buch seinen Anfang und sein Ende nimmt und an dem ich etwas sehr Entscheidendes begriffen habe.
Auf dem Hgel des Universitgeles von Kinshasa befindet sich die morsche Anlage eines atomaren Forschungsreaktors. Der Reaktor ist schon lange nicht mehr in Betrieb, die Brennst wurden, offenbar auf amerikanisches Betreiben, vor Jahren abtransportiert. Als ich eines Tages das nicht sehr stabil wirkende Tor zu der Anlage ffnete - mal reinschauen, dachte ich, wird ja nicht verboten sein -, pfiff mich ein grimmiger, sehr drrer Wachmann zurck. Nach einigen harschen Worten ber unbefugten Zutritt wechselte seine Stimmung, und er erzte mit Stolz die Geschichte des Reaktors.
Ein belgischer Geistlicher, Universitrektor und Hobby-Nuklearphysiker namens Luc Gillon hatte noch zu Kolonialzeiten seiner Regierung die Idee eines kongolesischen Atommeilers in den Kopf gesetzt. 1959 ging der Reaktor, entworfen vom amerikanischen Konzern General Atomic, in Betrieb. Es war ein kleines Dankeschn der Amerikaner, die ihrerseits Anfang der 40er Jahre aus der belgischen Kolonie Uran fr ihr Manhattan Project und die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki geholt hatten. Stellen Sie sich vor, Madame, sagte der Wachmann, wir hen Atommacht werden knnen.
Die Begegnung mit dem Wachmann ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Nicht so sehr wegen des Grnwahns, mit dem manche Kongolesen den erblichen Zustand ihres
Landes kompensieren. Sondern weil diese Episode deutlich machte, dass der Kongo nie, wie ich anfangs geglaubt hatte, am Rande der Weltgeschichte gestanden war. Er befand sich immer mittendrin. Sei es durch die Ausbeutung seiner Bodensche, die Politik seiner Machthaber oder die Interventionen des Auslands.
Der Kongo ist weit mehr als eine belagerte Schatztruhe oder ein ewiges Katastrophengebiet. Er ist ein Schauplatz globaler Zren. Schlagworte wie Raubtierkapitalismus, Globalisierung, Rohstoffkriege, humanit Intervention, Weltrecht beschreiben Krisen und Wendepunkte unserer Zeit. Was kaum jemand wei Die Phmene, die sich dahinter verbergen, sind oft zuerst im Kongo aufgetaucht.
Hier errichtete der belgische Knig Leopold II. in seiner Privatkolonie den ersten Gulag, das erste entstaatlichte System zur Ausbeutung von Menschen und Rohstoffen. Hier begann vor gut hundert Jahren die erste moderne Menschenrechtskampagne - gegen den Monarchen und die auslischen Firmen, die von dieser Ausbeutung profitierten.
Hier setzte ein schrulliger Missionar den Bau des ersten Atomreaktors auf afrikanischem Boden durch. Anfang der 6oer Jahre kften im Kongo zum ersten Mal Blauhelme der Vereinten Nationen. Mitten in der Entkolonialisierung Afrikas wurde hier im Auftrag und unter Mithilfe westlicher Mte ein demokratisch gewter Regierungschef ermordet - Patrice Lumumba. Danach stellte das Land zwei traurige Rekorde auf: den der schlimmsten Plnderung der Staatskassen eines afrikanischen Landes durch Mobutu. Und den des schlimmsten Krieges auf dem Kontinent, an dessen Folgen bis zu fnf Millionen Menschen gestorben sind.
Inzwischen kfen China, die USA, Sdafrika, Angola und Europa um die enormen Vorkommen an Erz, Uran, Gold und Diamanten. Die EU hat sich hier 2003 erstmals als Militacht ausprobiert. Die UN, vierzig Jahre spr wieder im
Land, betreiben im Kongo ihr gres Experiment in Sachen Befriedung und Staatsaufbau (mit sehr bescheidenem Erfolg). Und in Zeiten des Klimawandels spricht sich langsam herum, dass im Kongo der zweitgre Regenwald nach dem Amazonasgebiet liegt. Der zweite Lungenflgel der Erde.
Meine Erkundung dieses Lands beginnt im Westen und fhrt nach Osten. Die Route ergibt keine historische Chronologie. Die Spuren der kongolesischen Geschichte fand ich auf diesen Fahrten, wie ein Archoge Fundstcke aus mehreren Epochen entdeckt. Spuren der Leopoldschen Herrschaft, der spn Kolonialjahre, der a Mobutu, der Sldnerheere, verschiedener Religionsbewegungen, des bewaffneten Auf- und Widerstands, der Einmischung durch nahe und ferne Mte.
Mitten in diesen Ruinen von Kolonialisierung und Globalisierung organisieren fast 60 Millionen Menschen auf bizarre, geniale, mitreinde oder kriminelle Weise ihr erleben, werden von den historischen und aktuellen Ereignissen immer wieder aus ihren Welten gerissen, reagieren mit Widerstand, Opportunismus, Improvisationskunst, Solidarit Flucht in Religiositoder Geisterwelten.
Dieses Buch erzt vor allem vom Leben dieser Menschen und von meinem Versuch, dieses Leben zu begreifen. Ob mir das immer gelungen ist, mag ich nicht beurteilen. Aber ich hoffe, ich habe ihre Geschichten mglichst genau wieder-
Kapitel 1
Kinshasa - Die Stadt der Propheten
Boulevard Lumumba
Der Amerikaner war zum ersten Mal nach Kinshasa gereist. In den USA feierte man ihn als berhmten Schriftsteller. Hier, in dieser afrikanischen Hauptstadt kannte ihn niemand. Da ihn bei seiner Ankunft auch noch heftige Magenkrfe plagten, stand der Besuch unter einem schlechten Stern. Da ist man nun am Rand des Herzen der Finsternis, in der alten Kapitale von Joseph Conrad's Horror, einst das teuflische Leopoldville, Zentrum des Sklaven- und Elfenbeinhandels, schrieb Norman Mailer 1974, und man betrachtet das Ganze durch die reizbaren Augen eines Mannes mit maltrerten Geden. Hat sich jemand schon mal so sehr danach gesehnt, wieder in New York zu sein?
Ich kam 28 Jahre spr in Kinshasa an. Die Stadt hatte inzwischen zwei Plnderungswellen sowie einige Feuergefechte hinter sich und befand sich in deutlich schlechterer Verfassung. Aber im Gegensatz zu Mailer hatte mein Magen die Reise klaglos hingenommen. Vielleicht fand ich deshalb die Umste meiner Ankunft eher faszinierend als entsetzlich.
Es war bereits dunkel, am Flughafen N'djili war der Strom ausgefallen. Zllner, Polizisten, Geptrr und Geheimdienstler suchten mit der Leuchtanzeige ihrer Mobiltelefone nach geeigneten Opfern unter den Passagieren, die von der feuchten Hitze bereits leicht bett waren. Innerhalb von zwei Minuten hatte ich mir, tollpatschig nach Moskitos schlagend, Pass und Gepzettel aus der Hand nehmen lassen.
Ersteren bekam ich nach einer Viertelstunde gegen eine nicht nr beschriebene Gebhr von 20 Dollar zurck. Letzteren nach zwei Stunden mit der Auskunft, mein Koffer sei verschwunden. Um mich herum war der L auf den Pegel eines Wagnerschen Opernfinales angeschwollen. Weiuniformierte Damen von der Gesundheitsbehrde verlangten lautstark Nachweise von Impfungen gegen Krankheiten, die ich nicht kannte - ein Problem, das mit zehn Dollar zu lsen war. Zllner beugten sich wie hungrige Kater ber das pralle Gep von Kongolesinnen, die theatralisch Ohnmachtsanfe simulierten, mit der Strafe Gottes drohten oder der Rache irgendeines Ministers, den sie angeblich kannten. Mittendrin standen, eilfertig lelnd, Herren in Zivil, die sich protocol nannten und wei Passagiere gegen ein Honorar von vierzig Dollar durch den Strudel zu fhren versprachen wie Moses sein Volk durchs Rote Meer.
Nach diesem Schleudergang taumelten die Ankmmlinge ins Freie und verteilten sich je nach Status und Hautfarbe auf Gelewagen der UN, klimatisierte Luxuskarossen oder verbeulte, rostzerfressene Toyotas. Dann rollte die Karawane auf dem Boulevard Lumumba hinein in die Stadt. Als sei dem Leben nachts die Brde genommen, drten sich links und rechts der Stra tausende von Menschen zwischen den Kero- sinlampen der Marktste. Sie schleppten Krbe und Se, schen sich aus berfllten Sammeltaxis, schoben Karren und Fahrrr. Sie feilschten um Preise fr Zigaretten, Lutscher und Erdnsse, diskutierten hitzig ber korrupte Politiker, formschwache Fuallspieler und die jngsten Gerchte ber Hexereien. Sie flickten Autowracks, stampften Maniok, schaukelten sich unter dem Zeltdach einer Erweckungskirche in Ekstase oder bei Bier und kongolesischem Rumba in einen Tanzrausch. In dieser ersten Nacht begriff ich eines: Man kann sich dieser Stadt nicht nrn. Man wird von ihr geschluckt.
Zur Unabhigkeit hatte die belgische Kolonialmacht dem Kongo eine Geschichte von 75 Jahren brutaler Ausbeutung und Massenmord sowie eine ziemlich solide Infrastruktur hinterlassen. Das war 1960. Kinshasa hiedamals noch Leopoldville und hatte rund 400 000 Einwohner. Zum Zeitpunkt von Norman Mailers Besuch war deren Zahl auf zwei Millionen gestiegen. Inzwischen lebten hier ber acht, vielleicht sogar zehn Millionen Menschen in einer Stadt, in der so gut wie nichts mehr funktionierte und so gut wie alles organisiert werden konnte. Jede Mega-City hat Slums und Armenviertel, urbane Desasterzonen ohne Strom, Trinkwasser und Kanalisation, ohne funktionierende Schulen, Polizei und Feuerwehr. Aber nur im Kongo hatte der Staat sich und seine Hauptstadt so grndlich ruiniert. Kein anderes Stadtvolk musste stig so viele neue Uberlebensstrategien erfinden wie die Kinois. Und so viele Spitznamen. Aus Kin, la Belle (Kinshasa, die Schne) wurde Kin, la Poubelle (Kinshasa, die Mlltonne). Dann, je nach Aktualitanderer Katastrophen, Sarajevo, Afghanistan, Kosovo, Tschetschenien oder Bagdad. Mochte sich die Welt auch nicht um ihr Schicksal scheren, die Kinois taten einfach so, als w ihr Elend CNN-wrdig.
Eine Stadt, die einen schluckt, erweckt das Bedrfnis zu fliegen. Einmal aus der Vogelperspektive auf Kinshasa schauen und wenigstens so tun, als knnte man in diesem Moloch die ersicht behalten. Der Einzige, der bei meinem ersten Besuch einen Blick von oben bieten konnte, war ein gewisser Monsieur Mulambi, Angestellter des kongolesischen Informationsministeriums. Monsieur Mulambi war der scheinbar letzte Beamte im leer geplnderten Gebe des staatlichen Rundfunksenders. Da der Lift nicht funktionierte, stapfte ich achtzehn Stockwerke hoch in sein Bro, in dem sich aur Monsieur Mulambi noch ein ramponierter Schreibtisch und ein Telefon aus den sechziger Jahren befanden, bergab ihm schweiebadet 100 Dollar und erhielt dafr die schriftliche Erlaubnis, die
Kultur der Hauptstadt unter strengster Beachtung der menschlichen Wrde und der Gesetze der Demokratischen Republik Kongo dokumentieren zu drfen. Monsieur Mulambi, ein kleiner Herr, der seine bizarren Arbeitsbedingungen mit der pikierten Wrde eines englischen Butlers ignorierte, gewte als Zugabe einen Rundblick durch die verdreckten Brofenster auf seine Stadt: Im Westen, auf sandigen Hgeln, liegt Binza-Ma Campagne, ein Villenviertel, das in der Regenzeit alljlich ein paar Her durch Erdrutsch verliert. Im Norden, unweit der rostbraunen Fluten des Kongo-Flusses, ragt das Grand Hotel, ehemals Hotel Intercontinental, empor, in dem je nach Sicherheitslage abwechselnd Kriegsherren und Weltbank-Experten logierten. tlich davon sah ich den Fhafen, wo sich jeden Morgen Hler, Strankinder und Verhexte versammelten, um Waren ber den Fluss nach Brazzaville zu transportieren, der Hauptstadt des kleinen Nachbarlandes mit dem verwirrend lichen Namen Republik Kongo. Stadteinws wurde der Platz fr die Lebenden und Toten immer enger, in der Hitze flimmerten die Der von Matonge, dem Kneipen- und Musikviertel, und Makala mit dem berchtigten Zentralgefnis sowie die Grr des gron, lst berfllten Friedhofs von Kasa Vubu. Der Boulevard Lumumba zog sich wie ein Bandwurm Richtung Sdosten durch Massina und N'djili, im Volksmund Quartiers Chinoises genannt, die chinesischen Viertel, weil eigentlich nur in China so viele Menschen auf so engem Raum leben knnen. Tief im Sden breitete sich ber einem Hgel der Campus der UniversitKinshasa aus mit dem stillgelegten nuklearen Forschungsreaktor, der mit jedem Erdrutsch nr an einen Abgrund rckte. Im Osten erhob sich ein grauer Betonklotz, Kinshasas Stadion der Myrer, so genannt, weil Mobutu an dieser Stelle einst Oppositionelle aufhen lie Ein paar hundert Meter weiter lag das kleinere Oval des Stadions Tata Rapha benannt nach einem belgischen Missionar. Dort wurde die Stadt einst fr eine Nacht zum Mittelpunkt der Welt und Norman Mailer Zeuge eines Wunders. Und ich hrte in dieser Nacht zum ersten Mal den Namen Kinshasa.
Stadion Tata RaphaAngel Moway war gefrchtet fr ihre schnelle Fhrhand, die sie in diesem Augenblick auf meinem Kinn platzierte. Zum dritten Mal in zwei Minuten. Ihre Tochter Herveline saim Strampelanzug unter dem verdreckten Sandsack und quietschte vergngt. Es gibt in Kinshasa nicht viele Kinder, deren Mtter eine Gerade landen knnen. Angel, eine Bantamgewichtlerin mit dnn geflochtenen Zpfen, telte locker, schlug Kombinationen gegen meine Deckung, lauerte auf die nste Lcke. Sie machte ihrem Namen alle Ehre. Selbst wend des heftigsten Schlagabtausches behielt ihr Gesicht einen engelsgleichen Ausdruck sanfter Konzentration.
Es war Samstagnachmittag, in Judex' Club trudelten Boxer zum Training ein und passierten ungerhrt die Halbwchsigen, die am Eingang wild gestikulierten und schrien. Sie hatten in einem nahe gelegenen Schuppen ein ausgesetztes Neugeborenes gefunden, eingewickelt in ein zerrissenes Hemd. Jetzt wollten sie Taxigeld, um den Sling ins Waisenhaus zu bringen. Babys, Babys, Babys!, sagte Judex, ich erkl den Frauen immer: Haltet euch die Kerle vom Leib, sonst seid ihr sofort schwanger.
Dschdex! So hatte sich der Mann bei unserer ersten Begegnung vorgestellt. Ganz einfach: Coach Dschdex. Klein, drahtig, auf dem Kopf eine speckige Baseballmtze, darunter ein Vogelgesicht mit weit auseinanderliegenden Augen, als erwarte er jederzeit einen Haken von der Seite. Ich hatte Judex zufig auf einem Parkplatz entdeckt, wo er, ausgestattet mit zwei zerfledderten Boxhandschuhen und einem
Badelatschen als Schlagpratze, eine Gruppe Kfer trainierte. Darunter befanden sich zu meiner Verblffung mehrere Boxerinnen, die er als Frauennationalmannschaft vorstellte. Das war 2002. Das Land taumelte damals zwischen Krieg und Friedensgespren. Konvois von warlords, die bei Verhandlungen in Kinshasa um Ministerposten schacherten, rasten durch die Stadt. An der Bar des Hotel Intercontinental war die kongolesische Variante der Globalisierung zu besichtigen: ukrainische Waffenschmuggler, libanesische Diamantenhler, Offiziere aus Simbabwe und Angola, die Militilfe gegen Rohstoffkonzessionen anboten. Judex kmmerte das wenig. Die Kfe fanden weit weg im Osten des Landes statt, und fr Krieg und Politik interessierte er sich nur dann, wenn Putschgerchte oder Groemonstrationen seinen Trainingsplan strten. Sein Alter gab er damals mit 53 Jahren an, was er im Laufe unserer Bekanntschaft stetig nach unten korrigierte. Ansonsten waren seine Zahlen prse und konstant. Vier Mal nationaler Meister, vier Mal Afrika-Meister im Weltergewicht - 101 Kfe, 97 Siege, drei Remis, eine Niederlage. Das war die Chronologie seiner sportlichen Karriere, damals Ende der siebziger Jahre, als der Kongo noch Zaire hieund die Zeiten himmlisch schienen. Zumindest im Rckblick.
Nun, ber ein Vierteljahrhundert spr, hatte Judex endlich seinen eigenen Club: Eine ehemalige Turnhalle unterhalb der Zuschauerre des Stadions Tata Rapha Judex Boxing hatte jemand mit blauer Farbe an die Wand gepinselt. Es gab keinen Ring, keinen Kopf- und Mundschutz, die Springseile bestanden aus Wheleinen, die Handschuhe - Judex besainzwischen drei Paar - waren an den Nen aufgeplatzt.
Gegen eine Gebhr konnten Ge mittrainieren, vorausgesetzt, sie gewhnten sich an das ewige Halbdunkel, die Lcher im aufgerissenen Boden, den Geruch von Gemse, Urin und Holzkohle und an die Schattenwesen, die durch die Ge
huschten. In den Eingeweiden des Stadions wohnten Kriegsflchtlinge, deren Drfer im Osten zerstrt worden waren; Obdachlose, die sich die Mieten in den Slums von Kinshasa nicht leisten konnten; junge Boxer, die auf Meisterschaftstitel hofften. Im Laufe der Jahre hatte diese Wohngemeinschaft der Traumatisierten und der Trer die Sprossen der Turnleiter zu Feuerholz verarbeitet, morsche Barren zu Whestern und ein altes Trampolin zum Schlafplatz umfunktioniert. Nur das verblichene Plakat an der Wand, das an den glorreichsten Tag dieses Stadions erinnerte, wagte lange Zeit niemand anzurhren. 30. Oktober 1974: George Foreman vs. Muhammad Ali. Weltmeisterschaftskampf im Schwergewicht. 15 Runden. Ein Geschenk des Prdenten Mobutu an das Volk und eine Ehre fr alle Schwarzen. Judex deutete in Richtung der Sandse. Hier hat Er sich aufgewt.
Er. Der Gre. Muhammad Ali, der Schwergewichtler mit den schnellsten Beinen und dem schnellsten Mundwerk in der Geschichte dieses Sports.
Bis zu jenem 30. Oktober 1974 kannten die meisten Europ und Amerikaner den Kongo allenfalls aus Sldnerromanen oder aus Joseph Conrads Herz der Finsternis. Ich kannte das Land berhaupt nicht. Das erte sich mit dem Gong zur ersten Runde dieses Weltmeisterschaftskampfes um vier Uhr morgens im Stadion Tata Rapha- 22 Uhr an der amerikanischen Ostkste und somit beste Sendezeit fr die USA. Judex' Versionen ber seinen Aufenthaltsort wend des Kampfes variierten: Mal wollte er mit seinem Onkel mitten unter den Zuschauern gewesen sein, mal daheim in Kinshasa mit der Familie vor dem Fernseher. Wahrscheinlich war es ein Radio. Wie auch immer, Judex beteuerte, in jener Nacht dasselbe Spektakel verfolgt zu haben wie ich, gerade dreizehn, mit meinem Vater einige tausend Kilometer entfernt in unserem Mnchner Wohnzimmer: Vier, fnf Runden lang drte Foreman, der haushohe Favorit, Ali in die Seile und drosch wie ein hnenhafter Holzfer auf ihn ein. In der sechsten Runde erlahmte er. In der achten passierte das Wunder: Ali schlug ihn k. o. Mehr noch als der Kampf blieb mir der frhliche Gesang des Publikums im Gedtnis: Ali, boma ye! Ali, boma ye! Ali, tte ihn, was nicht als Aufruf zum Mord, sondern als Ausdruck der Zuneigung zu Ali gemeint war.
In jener Nacht schwor sich Judex, Boxer zu werden. Genauso zu werden wie jener Schwarze aus Amerika, der nicht nur den Weltmeistertitel erobert, sondern auch Kinshasa zur Bhne eines grandios-bizarren Welttheaters gemacht hatte. Aber Ali, der geniale Selbstdarsteller, fhrte in diesem Stck nicht Regie. Die Fn zog ein Mann, der sich fr Boxen wenig interessierte, ein Mann, der selbst nicht schlug, sondern schlagen lie
Es ist ein schwler Tag Anfang September 1974, als Ali in Kinshasa aus dem Flugzeug steigt - im Schlepptau seine riesige Entourage: Trainer, Manager, Masseur, Sparringspartner, Verwandte und Funktion der Nation of Islam, jener muslimischen Bewegung von Afro-Amerikanern, der er sich angeschlossen hat und die in den USA eine radikale Abschottung von der wein Gesellschaft vertritt.
Der Kampf gegen George Foreman ist Alis letzte Chance, den Weltmeistertitel wieder zu gewinnen, den man ihm in den USA nach seiner Wehrdienstverweigerung im Vietnam-Krieg aberkannt hat. Eine hauchdnne Chance in Anbetracht von Foremans monstrser Schlagkraft. Weil sich aur einem afrikanischen Staatschef namens Joseph Drobutu niemand bereit erkl hat, das hohe Preisgeld von zehn Millionen Dollar aufzubringen, wird der Fight in Kinshasa, der Hauptstadt von Zaire, angesetzt. Ali ist vom Austragungsort anfangs berhaupt nicht begeistert. Black Power hin oder her - was Afrika betrifft, pflegt er dieselben Klischees wie die meisten seiner wein wie schwarzen Landsleute: primitiver Urwald mit primitiven Einwohnern. The Rumble in the Jungle, das Grollen im Dschungel. So tauft er das bevorstehende Spektakel und prophezeit allen Anhern Foremans ein bses Ende im Kochtopf der Kannibalen. Mobutu und seine Minister finden Alis berhmten Sprachwitz zunst berhaupt nicht komisch.
Joseph Drobutu, ehemals Journalist, Militffizier und Armeestabschef, ist seit seinem Putsch 1965 an der Macht. Seinem Land hat er eine Kampagne der afrikanischen Erneuerung, der Authentizit, verordnet. Minircke, Krawatten, christliche Namen gelten als unafrikanisch. Westliche Ideen wie Pressefreiheit und Mehrparteiensysteme ebenfalls. Die kolonialen Namen der Ste wurden afrikanisiert, aus Loldville ist Kinshasa geworden. Das Land und den Fluss hat Mobutu in Zaire umgetauft. Sich selbst nennt er nun Mobutu Sese Seko Kuku Ngbendu wa za Banga, was in der deutschen ersetzung klingt wie der Anfang eines Karl May- Romans: Der machtvolle Krieger, der dank seiner Ausdauer und seines Siegeswillens von Eroberung zu Eroberung sehreitet und Feuer in seiner Spur hinterlt.
In den westlichen Medien spottet man ber die Propagandashow eines geltungsschtigen Autokraten. Aber hinter der Kampagne der authenticitteckt mehr: Die Unabhigkeit des Landes liegt keine anderthalb Jahrzehnte zurck, es hat zwei Sezessionskriege und eine selbst fr afrikanische Verhnisse extrem brutale Kolonialzeit hinter sich. Rund 200 ethnische Gruppen, die von den belgischen Kolonialherren geschickt gegeneinander ausgespielt wurden (oder sich gegeneinander ausspielen lien), vier Hauptsprachen und zahlreiche Regionalsprachen - all das ergibt reichlich Konfliktstoff. Mobutu will diesem jungen, zerrissenen Staat innerhalb weniger Jahre mit knstlicher Symbolik, Personenkult - und, wann immer ntig, Gewalt - verordnen, wofr europche Ler Jahrhunderte brauchten: eine nationale Identit anerkannt und respektiert von den eigenen Landsleuten und vom Rest der Welt.
Doch die ist just zu dieser Zeit mit den Folgen von krise und Watergate-Skandal beschigt und interessiert sich wenig fr das neue Zaire. Der Boxkampf samt Rahmenprogramm soll das ern.
Foreman trifft einige Tage nach Ali auf dem Flughafen N'djili mit kleinerem Gefolge ein. Er hat einen seiner geliebten Schrhunde an der Leine, was sich PR-taktisch als schwerer Fehler erweist. Der Schrhund erinnert die Kinois an die Polizeihunde der belgischen Kolonialherren. Kinshasas Sympathien liegen nun endgltig auf Seiten Alis, zumal der seine Kannibalen-Witze aus dem Programm gestrichen hat und die fentlichkeit mit launigen Auftritten unterh.
Die Nachhut der amerikanischen Invasion bildet eine geflich berladene Maschine mit den Musikstars B. B. King und James Brown an Bord samt Bhnenanlage, Instrumenten, Groupies, reichlich Whiskey und Marihuana. Dem Kampf aller Kfe soll das Konzert aller Konzerte vorausgehen, ein gemeinsamer Auftritt der amerikanischen Granden des Blues und Soul mit den afrikanischen Superstars Manu Dibango, Miriam Makeba und Tabu Ley Rochereau. er allem schwebt und wacht der gro Krieger mit seinem Leopardenkchen auf dem Kopf, dessen undurchdringliches Gesicht auf tausenden Plakaten in der Stadt zu sehen ist. Alles lt nach Mobutus Drehbuch fr diesen ersten schwarzen Mega-Event: Der gro afrikanische Staatschef hat gerufen, die amerikanischen Meister des Sports und der Musik, die Nachfahren der Sklaven, sind gekommen. Aurdem eine Armada weir Sportjournalisten. Und eben Norman Mailer, Ali-Fan und Box-Fanatiker, der, von seiner Magenverstimmung genesen, ein Buch schreiben wird ber diesen Kampf, ber diese, wie er es nennt, Krnung eines schwarzen Knigs.
Muhammad Ali, der Boxer, und Norman Mailer, sein Chronist, entdecken in den folgenden Wochen Kinshasa - und sehen vllig verschiedene Welten. Ali verwandelt sich innerhalb weniger Tage vom Sptter ber das primitive Afrika in einen staunenden Bewunderer. Aufgewachsen im Amerika der Rassentrennung, sieht er ein Land, in dem schwarze Professoren in Hrsn dozieren, schwarze Gener die Armee kommandieren, schwarze Piloten Flugzeuge steuern, Schwarze auf breiten Boulevards Mercedes fahren - und zwar als Besitzer, nicht als Chauffeure. Dass Mobutu alles andere als ein Menschenfreund ist, begreift Ali natrlich auch. Statt dessen Politik zu kommentieren, stiehlt er ihm fr einige Wochen einfach die Show. Alis Trainingsle durch die Stran geraten zu kleinen Triumphzgen. Der Prophet des Boxens und der Black Power feiert, wie blich, sich selbst. Und er feiert seine kongolesischen Brder und Schwestern, in deren Augen er zu sehen glaubt, was er bei seinen schwarzen Landsleuten in Amerika so schmerzlich vermisst: Stolz auf die eigene Hautfarbe.
Mailer sieht ein Land, in dem schwarze Gener das Volk kujonieren, schwarze Bonzen ihre Luxuskarossen zur Schau stellen, und ein schwarzer Diktator seinem Volk die Rckkehr zu afrikanischen Wurzeln verordnet, wend er in Europa Prachtvillen aufkauft und in Kinshasa rosa Champagner trinkt und Exekutionskommandos aussendet. Angeblich sogar ins Stadion Tata Rapha das damals Stadion des 20. Mai hei, weil Mobutu am 20. Mai 1967 seine Einheitspartei der Revolutionn Volksbewegung gegrndet hatte.
Welch eine Arena!, notiert Mailer fr sein Buch, das spr unter dem Titel The Fight verffentlicht wird. Achten Sie auf die Architektur. Dies ist nicht nur ein Ort, um Menschen zu versammeln, sondern auch ein Ort, um sie zu kontrollieren und, wenn ntig, zu beseitigen. Mobutu hat, davon ist Mailer berzeugt, wenige Monate vor dem Kampf fnfzig Kriminelle in den Gen des Stadions exekutieren lassen. Womglich sogar in den Umkleide-Kabinen der Boxer. Zur Abschreckung. Auf dass nicht einmal ein Taschendiebstahl das gro Ereignis beeintrtigen kann.
Mailer?, fragte Judex, als wir eines Samstag hinaus ins Stadion zum Aufwen trabten, obwohl ich das bei 30 Grad berflssig fand. Mailer? Kenne ich nicht. Wir spurteten die Treppe hoch und drehten einige Runden entlang der obersten Zuschauerre. Die Reihen boten Platz fr 40 000 Zuschauer. Damals, in der Nacht des Kampfes, hatten sich darber hinaus Zehntausende auf dem Fuallfeld um den Ring gedrt, hatten Ali wie einen Volkshelden mit Sprechchren empfangen und waren beim Anblick Foremans schlagartig verstummt. Weil er, sagte Judex, immer noch mit Ehrfurcht in der Stimme, so riesig war. Der Coach und ich starrten auf das Feld. Drei Spieler bten Elfmeter zwischen den Sandkuhlen des Strafraums. Auf den brchigen Betontreppen machten
Catcher in hautengen Spandex-Hosen Liegesttze. Eine Mhenmannschaft spielte auf dem Vorplatz Basketball. Mer mit gewlbtem Bizeps wuchteten Hanteln, montiert aus Autoachsen. Alle rannten, stemmten oder warfen mit jenem weihevollen Ernst im Gesicht, mit dem Angel boxte. Als sei der Sport ein Gottesdienst, der seine Gligen ber den Gestank und Verfall der Stadt erhob. Nur mir fehlte es an der ntigen Wrde. Ich keuchte und sehnte mich nach einem Kbel Eiswasser. Kinder johlten hinter mir her. Eine schweiriefende, schwer atmende Wei mit hochrotem Kopf - das bekamen sie nicht jeden Tag zu sehen.
Hinrichtungen sagte Judex, locker neben mir joggend, Quatsch. Hier wurde berhaupt niemand hingerichtet. Das ist ein Sportstadion, kein Gefnis. Ich bekam zu wenig Luft, um einzuwenden, dass Diktatoren in der Welt schon higer Sportstadien in Gefnisse verwandelt hatten. Aurdem konnte ich Judex' vehementen Widerspruch verstehen. Es ging um seinen Club, um seine Geschichte: Die Geschichte des kleinen Trainers Judex Tshibanda Wata, der an der Ste des historischen Triumphes des gron Muhammad Ali die erste Boxerinnen-Generation im Kongo trainierte. Dazu passten keine Massaker in Duschren.
Natalie, so hiedie erste Frau, der Judex Boxhandschuhe berstreifte. Das war 1995. Kinshasa trug lst den Spitznamen Kin, la poubelle, Kin, die Mlltonne. Mobutus Regime siechte dem Ende entgegen, seine Armee hatte zweimal hintereinander die Hauptstadt geplndert. In dieser Untergangsstimmung Frauen Leberhaken und Liegesttze beizubringen, hielten Judex' Merfreunde fr hchst bedenklich. Die haben mich fr verrckt erkl. Frauen zu Kferinnen zu machen, war in ihren Augen eine Anstiftung zur Revolution. Und Revolutionen waren das Letzte, was die Stadt jetzt noch brauchte.

Produktinformationen

Titel: Gott und die Krokodile
Untertitel: Eine Reise durch den Kongo
Autor:
EAN: 9783570551257
ISBN: 978-3-570-55125-7
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Pantheon
Genre: Politik, Gesellschaft & Wirtschaft
Anzahl Seiten: 272
Gewicht: 355g
Größe: H204mm x B128mm x T25mm
Jahr: 2011
Auflage: 3. A.
Land: DE
Zuletzt angesehen
Verlauf löschen