

Beschreibung
Als einer der weltweit größten Emittenten von Treibhausgasen zählt die Europäische Union zu den Hauptverursachern des Klimawandels. Sie sieht sich daher in der Verantwortung, der globalen Klimaänderung entgegenzuwirken, und strebt in der internationalen Klimas...Als einer der weltweit größten Emittenten von Treibhausgasen zählt die Europäische Union zu den Hauptverursachern des Klimawandels. Sie sieht sich daher in der Verantwortung, der globalen Klimaänderung entgegenzuwirken, und strebt in der internationalen Klimaschutzpolitik eine Führungsrolle an. Inwieweit sie hier tatsächlich als Vorreiter aufgetreten ist, hinterfragt Alexandra Lindenthal mithilfe einer politiktheoretischen Aufbereitung des Begriffs »Leadership«.
Autorentext
Alexandra Lindenthal, Dr. phil., ist wiss. Mitarbeiterin im SFB 597 »Staatlichkeit im Wandel« an der Universität Bremen.
Klappentext
Als einer der weltweit größten Emittenten von Treibhausgasen zählt die Europäische Union zu den Hauptverursachern des Klimawandels. Sie sieht sich daher in der Verantwortung, der globalen Klimaänderung entgegenzuwirken, und strebt in der internationalen Klimaschutzpolitik eine Führungsrolle an. Inwieweit sie hier tatsächlich als Vorreiter aufgetreten ist, hinterfragt Alexandra Lindenthal mithilfe einer politiktheoretischen Aufbereitung des Begriffs »Leadership«.
Leseprobe
3. Hegemonie und Leadership in den Internationalen Beziehungen In den Internationalen Beziehungen werden die analytischen Begriffe Hegemonie und Leadership oftmals synonym verwendet, wodurch fälschlicherweise der Eindruck entsteht, die Bedeutungsinhalte beider Termini seien kongruent. Diese Begriffsverwirrung geht auf die ursprüngliche Formulierung und spätere Handhabung der Theorie hegemonialer Stabilität zurück, welche von neorealistischen Vertretern der Internationalen Beziehungen einerseits genutzt wurde, um das Zustandekommen und den Zerfall der Ordnung des internationalen Systems zu erklären und andererseits verwendet wurde, um die Entstehung und den Niedergang internationaler Regime zu begründen. Die Theorie hegemonialer Stabilität lässt sich auf die Arbeiten Charles P. Kindlebergers zurückführen, der die Stabilität der Weltwirtschaftsordnung von der Existenz einer staatlich ausgeübten wohlwollenden Form der ökonomischen Führung abhängig machte. Dieser Gedanke wurde von den Internationalen Beziehungen mit der Theorie hegemonialer Stabilität absorbiert, wobei der benevolent leadership im Sinne des (neo-)realistischen Theorieverständnisses eine coercive leadership gegenübergestellt wurde. Anders als gemeinhin angenommen handelt es sich bei wohlwollender und erzwingender Leadership nicht um "zwei Seiten derselben Medaille", sondern um zwei disparate theoretische Konzeptionen, welche im Kontext der Theorie hegemonialer Stabilität diskutiert werden: Leadership und Hegemonie. Um im vierten Kapitel dieses Buches überprüfen zu können, ob die EU im internationalen Regime zum Klimaschutz Leadership ausgeübt hat, ist es erforderlich, zuvor eine Begriffsbestimmung von Leadership zu formulieren, welche sich eindeutig von Hegemonie und damit von coercive leadership abgrenzen lässt. Dies soll mit einer Definition von Leadership gelingen, welche an den Entwurf einer wohlwollenden Leadership in der Tradition Kindlebergers anknüpft. Erst eine präzise Abgrenzung von Hegemonie gestattet es, die spezifischen Charakteristika von Leadership herauszuarbeiten und somit einen Beitrag zur Weiterentwicklung von Leadership als eine eigenständige und aussichtsreiche theoretische Konzeption in den Internationalen Beziehungen zu leisten. Fernerhin ermöglicht die Entfaltung eines theoretischen Leadership-Konzeptes eine differenziertere Analyse von Untersuchungsgegenständen der Internationalen Beziehungen. Die Herausstellung eines sich eindeutig von Hegemonie abgrenzenden Verständnisses von Leadership soll es zum Ende dieses Kapitels zulassen, plausible Formen sowie Wirkmechanismen von Leadership zu generieren. Auf dieser Grundlage ist im vierten Kapitel zu überprüfen, ob die EU im internationalen Regime zum Klimaschutz Leadership ausgeübt hat. Nur wenn es gelingt, Leadership und Hegemonie eindeutig voneinander abzukoppeln und Leadership mit einem individuellen Bedeutungsgehalt zu versehen, ist die Frage nach einer Leadership der EU im internationalen Klimaregime sinnvoll. Zunächst wird auf den Ausgangspunkt der Theorie hegemonialer Stabilität, der in den Arbeiten des Wirtschaftshistorikers Charles P. Kindleberger zu sehen ist, rekurriert und dessen Verständnis von Leadership dargelegt (3.1.1), um zu dokumentieren, dass es ihm ursprünglich daran gelegen war, eine wohlwollende Form von Leadership zu konstruieren. Anschließend wird die Theorie hegemonialer Stabilität, welche die Idee von Leadership absorbiert, in den Blick genommen und deren Prämissen offengelegt. Es wird argumentiert, dass die Theorie hegemonialer Stabilität mit benevolent leadership und coercive leadership zwei unterschiedliche Ansätze umfasst, die in den Internationalen Beziehungen herangezogen werden, um die Entstehung, Stabilität und Aufrechterhaltung einer internationalen Ordnung zu erklären. Den genannten Ansätzen liegt eine jeweils unterschiedliche Auslegung von Leadership zugrunde. In diesem Abschnitt soll nachgewiesen werden, dass die erzwingende Version von Leadership einem neorealistischen Theorieverständnis entspricht (3.1.2). Sodann wird demonstriert, dass die erzwingende Leadership Eingang in die neorealistische Regimeforschung gefunden hat (3.1.3). Ausgehend von den nunmehr gewonnenen Erkenntnissen über coercive leadership werden Attribute eines neorealistischen Hegemonieverständnisses herausgestellt (3.2), von denen sich Leadership in der Folge eindeutig differenzieren lässt (3.3). Dieser Abschnitt, in welchem eine Begriffsbestimmung für Leadership verfasst wird, fragt abschließend danach, inwiefern Leadership mit konstruktivistischen Annahmen übereinstimmt und über welches Potenzial die handlungstheoretische Perspektive des Konstruktivismus verfügt, um ein möglichst kohärentes und vollständiges Bild von Leadership zu zeichnen. Da das Forschungsinteresse dieses Buches der Leadership in internationalen Regimen gilt, erfolgt daraufhin eine Bestandsaufnahme und kritische Würdigung bisheriger Gedankengänge zu Leadership in der Regimeforschung (3.4). Auf der Grundlage der dargelegten Definition von Leadership sollen anschließend unterschiedliche Formen und Wirkmechanismen von Leadership als theoretische Idealtypen (vgl. Weber 1973: 201) herausgearbeitet werden (3.5), anhand derer im vierten Kapitel die Analyse einer EU-Leadership im internationalen Klimaschutzregime erfolgen wird. Das dritte Kapitel endet mit einer Zusammenfassung sowie einem Ausblick auf den Untersuchungsgegenstand vor dem Hintergrund der theoretischen Vorüberlegungen. 3.1 Die Theorie hegemonialer Stabilität Die ursprüngliche Formulierung der Theorie hegemonialer Stabilität geht auf Charles P. Kindleberger zurück, dessen Entwurf einer Gestaltung der internationalen Wirtschaftsbeziehungen die spätere Diskussion in den Internationalen Beziehungen sowohl über die Entstehung und Aufrechterhaltung einer internationalen Ordnung als auch über die Gründung und den Niedergang internationaler Regime maßgeblich beeinflusste. Im Folgenden wird in den Blick genommen, welches Verständnis von Leadership Kindleberger vorschwebte und welche Folgen die Absorption von Leadership in den Internationalen Beziehung für dessen Bedeutungsgehalt hat. 3.1.1 Die ursprüngliche Formulierung der Theorie hegemonialer Stabilität In ihrer ursprünglichen Formulierung leitete die Theorie hegemonialer Stabilität aus der "globalen Machtverteilung im internationalen System Aussagen über die Gestaltung der internationalen ökonomischen Beziehungen" ab (Efinger u.a. 1990: 267), sie diente dazu, die Dynamiken der Weltwirtschaft zu erklären (Grunberg 1990: 431). Die Theorie hegemonialer Stabilität lässt sich auf Kindleberger zurückführen, der in seiner 1973 publizierten ökonomisch-historischen Untersuchung The World in Depression 1929-1939 die Ursachen und den Verlauf der Weltwirtschaftskrise analysierte. Der Wirtschaftshistoriker betrac…
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