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Affinität wider Willen?

  • Kartonierter Einband
  • 234 Seiten
Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust Hannah Arendt und Theodor W. Adorno verband eine gegenseitige Abneigung, die auc... Weiterlesen
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Beschreibung

Jahrbuch zur Geschichte und Wirkung des Holocaust Hannah Arendt und Theodor W. Adorno verband eine gegenseitige Abneigung, die auch zu einer gegenseitigen Ablehnung ihrer Schriften führte. Arendts Animosität erstreckte sich bald auch auf andere Mitglieder der Frankfurter Schule. Der Band beleuchtet dieses schwierige Verhältnis, wobei die Autoren auch auf Affinitäten stoßen. Im Fokus stehen: Unterschiede und Gemeinsamkeiten der politisch-philosophischen Theorien und Begriffe, das Verständnis des Judentums und der Ursachen des Antisemitismus, die Bedeutung des Werkes von Walter Benjamin.

Hannah Arendt und Theodor W. Adorno verband eine gegenseitige Abneigung, die auch zu einer gegenseitigen Ablehnung ihrer Schriften führte. Arendts Animosität erstreckte sich bald auch auf andere Mitglieder der Frankfurter Schule. Der Band beleuchtet dieses schwierige Verhältnis, wobei die Autoren auch auf Affinitäten stoßen. Im Fokus stehen: Unterschiede und Gemeinsamkeiten der politisch-philosophischen Theorien und Begriffe, das Verständnis des Judentums und der Ursachen des Antisemitismus, die Bedeutung des Werkes von Walter Benjamin.

Autorentext

Liliane Weissberg ist Christopher H. Browne Distinguished Professor of Arts and Sciences und Professor of German and Comparative Literature an der University of Pennsylvania.



Leseprobe
Vor einigen Jahren publizierte Elisabeth Young-Bruehl ein kleines Buch bei der Yale University Press, das gleichzeitig eine neue Buchreihe zu aktuellen Themen ankündigen sollte: Why Arendt Matters. Young-Bruehl, eine ehemalige Studentin Hannah Arendts an der New School in New York und Autorin einer eindrucksvollen Arendt-Biografie, reflektiert in Why Arendt Matters über die Wirkung von Arendts Werk. Trotz ihrer Studien zu den "Elementen und Ursprüngen totaler Herrschaft" oder zu "Macht und Gewalt", trotz ihrer Vorträge und Aufsätze über Kant und Lessing, Heidegger und Benjamin sei Arendts Werk, so Young-Bruehl, in der populären Rezeption vor allem auf vier Worte reduzierbar: "Die Banalität des Bösen". Diese Worte erscheinen nur einmal zum Ende ihres Buches Eichmann in Jerusalem, wurden aber von ihrem Verlag als Untertitel gewählt - ein Bericht von der Banalität des Bösen. Nach Young-Bruehl sind sie für viele zu einer Art obszönem Schimpfwort geworden, zu einer Art four-letter word, das die Aktualität des Arendt'schen Denkens und die angemessene Rezeption ihres Werks verstellt. Arendts Formulierung "Banalität des Bösen" löste bereits anlässlich der ersten Publikation der Arbeit im Jahre 1963 einen Skandal aus, der bis heute anzuhalten scheint. So veröffentlichte Bernard Wasserstein am 9. Oktober 2009 einen Artikel im Times Literary Supplement mit dem Titel "Blame the Victim - Hannah Arendt Among the Nazis: the Historian and Her Sources", in dem er sich sowohl auf Arendts Buch zum Eichmann-Prozess wie auch auf Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft bezieht, um zu zeigen, wie sehr Arendts Studien auf Quellen nationalsozialistischer Autoren beruhen. Nach Wasserstein internalisierte Arendt einen Antisemitismus, der schließlich auch ihre Einschätzung von Eichmanns Person und Taten beeinflussen musste. Der Begriff "Die Banalität des Bösen" sollte in diesem Kontext gesehen werden. Ron Rosenbaum veröffentlichte seine Reaktion auf Wassersteins Vorwürfe am 30. Oktober 2009 im Internet-Journal Slate, der Artikel trägt den Titel "Das Böse der Banalität" (The Evil of Banality), und Rosenbaum weist ebenso auf Arendts wissenschaftliche wie private Beziehung zu Martin Heidegger hin, der schon früh in die NSDAP eingetreten war. "Ich hoffe", schreibt er, "dass [Wassersteins] Entdeckungen weiterhin bewirken werden, eine viel zu oft benutzte, falsch und fälschlich gebrauchte pseudointellektuelle Phrase unserer Sprache zu diskreditieren, nämlich: Die Banalität des Bösen. Die Banalität der Banalität des Bösen, nämlich die Leichtsinnigkeit dieses Ausdrucks, war jedem eigentlich schon lange unverständlich, aber vielleicht wird diese Formulierung jetzt endlich auch ganz dem Bereich des Gefährlich-Verräterischen und des Unehrlichen zugeordnet werden." Ich hatte das Sommersemester 2009 gemeinsam mit einer Gruppe von Studierenden am Fritz Bauer Institut in Frankfurt am Main gerade damit verbracht, dem Ausdruck "Banalität des Bösen" die von Rosenbaum beschriebene "Leichtsinnigkeit" zu nehmen und ihn hinsichtlich des Arendt'schen Werkes und seines philosophischen und politischen Kontextes zu untersuchen. Wir hatten Young-Bruehls Feststellung im Seminar also umgekehrt und mithilfe der Formulierung "Banalität des Bösen" die Arendt'schen Interessen und Thesen ihrer politischen Theorie untersucht; der Skandal dieser sogenannten Phrase offenbarte sich - fast im Brecht'schen Sinne - als Lehrstück. Aber während das Eichmann-Buch und die dort formulierte "Banalität des Bösen" die bis heute bekannteste Instanz des Arendt'schen Werkes darstellen mögen, hinsichtlich derer sie nun verteidigt oder verurteilt werden soll, so war dies keineswegs der einzige Skandal, den Arendts uvre provozierte. Bereits einige Jahre zuvor gelang es ihr mit einer heute sehr viel weniger beachteten Arbeit, die Grenzen zwischen liberalem und konservativem Denken infrage zu stellen. Es ist ein Skandal, auf den wir in unserem Seminar nicht eingehen konnten. 1954 befand der Oberste Gerichtshof der USA, dass die Rassentrennung an öffentlichen Schulen der amerikanischen Verfassung widerspreche (Brown vs. Board of Education). Die Schulbezirke im Süden der Vereinigten Staaten wurden aufgefordert, diesem Urteil zu folgen, und das Gericht erklärte 1955, dass ihm nur durch eine Integration der Schulen gefolgt werden könne - "with all deliberate speed", in angemessener Zeit. Doch was war hier zeitlich angemessen, wenn es galt, Rechtsextremisten und Gegner der Schulintegration zu überzeugen oder zumindest Ausschreitungen gegen schwarze Bürger und Bürgerinnen zu verhindern? 1957 entschied der Oberste Gerichtshof, dass die Schulen in Little Rock, Arkansas, trotz weiterer Proteste der weißen Bevölkerung integriert werden sollten. Am 7. September des Jahres, dem ersten Schultag, wurden Krawalle erwartet, denn die konservativen lokalen Politiker riefen nach den State Troopers, welche die Schule vor der Rassenintegration schützen sollten. Die Schuladministration plante, die neun schwarzen Schüler und Schülerinnen, die nun das Gymnasium in Little Rock, die Little Rock Central High School, besuchen sollten, anzurufen und sie anzuweisen, das Gebäude aus Sicherheitsgründen durch eine Seitentür zu betreten. In acht Fällen waren diese Anrufe erfolgreich. Die Familie einer Schülerin, Elizabeth Eckford, besaß aber kein Telefon. So ging die fünfzehnjährige Elizabeth alleine zum Haupteingang des Gebäudes, unter den Beschimpfungen der weißen Bevölkerung, und wurde von bewaffneten Soldaten am Betreten der Schule gehindert. Die Bilder des Fotografen Will Counts gingen um die Welt, und die Ereignisse in Little Rock wurden emblematisch für den Kampf der schwarzen Amerikaner um Gleichberechtigung und Bürgerrechte. Die Zeitschrift Commentary, für die Arendt damals bereits regelmäßig schrieb, bat sie um einen Beitrag zu den Vorgängen in Little Rock. Arendts Artikel entstand im Oktober 1957, wurde aber trotz des Auftrags abgelehnt und erschien erst 1959 in einem anderen amerikanischen Periodikum, Dissent. Die Veröffentlichung ihrer "Reflexionen über Little Rock" machte deutlich, warum Arendts Aufsatz den Erwartungen von Commentary nicht entsprochen hatte. Denn die Politologin, die sich sonst so wortstark für die Bürgerrechte aller einsetzte, sprach sich dort deutlich und überraschend gegen eine forcierte Integration an den öffentlichen Schulen aus. Arendt bezieht sich vor allem auf eine Fotografie von Counts, in der sie Elizabeth Eckford als ein vom Mob verfolgtes Kind sieht, das wider seinen Willen in die Position des Opfers gedrängt wird. Arendt zufolge sollten Kinder nicht die politischen Auseinandersetzungen der Erwachsenen austragen müssen. Darüber hinaus verstoße das neue Gesetz zur Integration der Schulen auch gegen die Unabhängigkeit der einzelnen Bundesstaaten. Und Arendt gebraucht ein drittes Argument: Eine erzwungene Schulintegration verwechsele zwei grundsätzlich unterschiedliche Bereiche - den des Sozialen mit dem des Politischen. Nach Arendt ist ein Kind noch kein politisch Handelnder. Seine Schulerziehung soll dem privaten Raum zugeordnet werden, sie gehört in den Bereich der Familie. Seyla Benhabib und andere Politologinnen und Politologen haben Arendts Unterscheidung zwischen einem gesellschaftlichen und einem politischen Bereich bereits vielfach und ausführlich infrage gestellt. Der schwarze Schriftsteller Ralph Ellison kritisierte schon kurz nach der Veröffentlichung des Aufsatzes die "olympische Höhe", von der Arendt zu urteilen sich vermaß, und ihre Unfähigkeit, die realen Lebensbedingungen schwarzer Erwachsener wie Kinder im amerikanischen Süden zu verstehen. Arendts eigene Schriften sind außerdem hinsichtlich der politischen Rolle von Kindern und Jugendlichen nicht immer konsistent. Arendt, die bei einer anderen Gelegenheit, in einem späteren Interview mit Günter Gaus, gerade ihre ersten Erfahrungen mit dem Rassismus - dem Antisemitismus - mit ihrer eigenen Schulzeit in Verbindung brachte, entschuldigte sich in einem privaten Brief an Ellison. Sie hätte die schwarzen Eltern der Schulkinder keineswegs als Parvenüs verstehen sollen. Die Erfahrungen der Schwarzen in Amerika wären ihr eigentlich fremd. Doch während Arendt ihre Einschätzung des Eichmann-Prozesses zwischen der ersten Fassung in der Zeitschrift The New Yorker - die sie als Berichterstatterin zu dem Verfahren nach Jerusalem gesandt hatte - und der späteren Buchpublikation leicht revidierte, blieb der Aufsatz "Reflections on Little Rock" auch in weiteren Drucklegungen unverändert erhalten. Arendt versah ihn nur mit einem kurzen Anfangskommentar, der den zeitlichen Kontext anzugeben sucht. Fraglos hatte sie nicht nur ein Talent für provozierende Formulierungen. Arendt bemühte sich nicht gerade, Provokationen auszuweichen. Die beiden erwähnten Skandale rücken gewissermaßen in den Mittelpunkt, wenn wir uns mit dem Verhältnis zwischen Hannah Arendt und den Mitgliedern der Frankfurter Schule beschäftigen. Die Fragen von Schuld und ethischem Handeln, die im Mittelpunkt von Arendts Eichmann-Buch stehen, sowie die Fragen des Rassismus und der politischen Verantwortlichkeit jedes Individuums, wie Arendt sie in ihren Schriften zur Situation der Juden vor und nach dem Zweiten Weltkrieg und ebenso in den "Reflections on Little Rock" behandelt, sind Themenbereiche, die sie mit ihren Mit-Emigranten aus Deutschland - Theodor W. Adorno, Max Horkheimer, Friedrich Pollock - verbinden. Diesen jedoch gelingen weder die gleichen theoretischen oder verbalen Provokationen noch - vielleicht paradoxerweise - eine ähnliche Integration ins amerikanische öffentliche Leben. Und nur ein Mitglied der sogenannten Frankfurter Schule, ein recht marginales dazu, erhält Arendts ungeteilte Bewunderung und Aufmerksamkeit. Es ist der Cousin ihres ersten Mannes Günther Stern (Anders), Walter Benjamin. Ihm kam sie im Pariser Exil näher, das Manuskript seiner "Geschichtsphilosophischen Thesen" wurde von Arendt aufbewahrt und liegt heute zusammen mit ihren eigenen Notaten im Arendt-Archiv der Washingtoner Library of Congress. Wie steht es nun um Arendts Verhältnis zu den anderen Mitgliedern der Frankfurter Schule, und wie steht es um deren Verhältnis zu Arendt? Gibt es hier vielleicht ebenso eine scheinbare Trennung zwischen dem sozialen und dem politischen Bereich? Gerade hinsichtlich seines Verhaltens gegenüber Benjamin und seinem Werk wollte Arendt Adorno nicht vertrauen. Aber war der Walter Benjamin, den Arendt las, der gleiche, den Adorno oder andere Vertreter der Frankfurter Schule kannten? Und welche philosophischen und politischen Bedenken führten zu einem Bruch, bei dem der eine (Adorno) nicht das Haus der anderen (Arendt) betreten sollte, wie Arendt ausdrücklich verlangte, und weder die Nähe des einen Wohnortes (New York) noch die geografische Distanz des anderen (das spätere Frankfurt am Main) zu einer Annäherung führen konnten? Inwieweit ist das Verhältnis Arendts zu den Mitgliedern der Frankfurter Schule und ihren Projekten, inwiefern ist das Verhältnis Adornos und Horkheimers zu Arendt und ihren Werken wichtig für ihre eigenen Arbeiten, für die Entwicklung der politischen Theorie und kritischen Theorie dieser Autoren, oder ganz einfach für die Geistesgeschichte dieser Zeit?

Inhalt
Inhalt Liliane Weissberg Einschulung? Eine Vorbemerkung 7 Hauke Brunkhorst Die Macht der Verfassung im Werk Hannah Arendts 15 Ingeborg Nordmann Die Frage ist, wie man das Schwimmen im Strom vermeiden kann Widerstand bei Arendt und Adorno 31 Detlev Claussen Im Spiegel eines Dritten: Hannah Arendt und Theodor W. Adorno 67 Eva-Maria Ziege Arendt, Adorno und die Anfänge der Antisemitismusforschung 85 Monika Boll Konzeptionen des Judentums zwischen Säkularisierung und Marxismus: Hannah Arendt und Max Horkheimer 103 Ronald Beiner Benjamins Begriff der Geschichte als Quelle von Arendts Idee des Urteilens 119 Annika Thiem Mit und gegen Marx: Politische Ansprüche der Gesellschaftskritik bei Arendt und Benjamin 137 Liliane Weissberg Ein Mensch in finsteren Zeiten: Hannah Arendt liest Walter Benjamin 177 Burkhardt Lindner Das Politische und das Messianische: Hannah Arendt und Walter Benjamin Mit einem Rückblick auf den Streit Arendt - Adorno 209 Autorinnen und Autoren 231 Abbildungsnachweis 235

Produktinformationen

Titel: Affinität wider Willen?
Untertitel: Hannah Arendt, Theodor W. Adorno und die Frankfurter Schule
Editor:
Schöpfer:
EAN: 9783593394909
ISBN: 978-3-593-39490-9
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Campus Verlag GmbH
Genre: 20. Jahrhundert (bis 1945)
Anzahl Seiten: 234
Gewicht: 305g
Größe: H216mm x B139mm x T18mm
Veröffentlichung: 13.09.2011
Jahr: 2011
Auflage: 1. Aufl. 09.2011
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