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Das Ministerium für besondere Fälle

  • Kartonierter Einband
  • 448 Seiten
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Kaddisch Poznan, Jude und Sohn einer Hure, hat es im Leben zu nichts Rechtem gebracht. Sein Sohn Pato verachtet ihn, und seine Fra... Weiterlesen
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Beschreibung

Kaddisch Poznan, Jude und Sohn einer Hure, hat es im Leben zu nichts Rechtem gebracht. Sein Sohn Pato verachtet ihn, und seine Frau Lillian verdient in einer Versicherungsagentur das Geld für die Familie. Eines Tages wird Kaddischs Sohn verhaftet, und binnen kürzester Zeit verliert sich Patos Spur in der anonymen Apparatur der argentinischen Militärdiktatur. Immer wieder werden Kaddisch und seine Frau im "Ministerium für besondere Fälle" vorstellig, doch niemand fühlt sich zuständig, niemand will ihnen weiterhelfen...

Buenos Aires um 1970: Kaddisch Poznan, Jude und Sohn einer Hure, hat es im Leben zu nichts Rechtem gebracht. Sein Sohn Pato verachtet ihn, und seine Frau Lillian verdient in einer Versicherungsagentur das Geld für die Familie. Eines Tages wird Kaddischs Sohn verhaftet, und binnen kürzester Zeit verliert sich Patos Spur in der anonymen Apparatur der argentinischen Militärdiktatur. Immer wieder werden Kaddisch und seine Frau im "Ministerium für besondere Fälle" vorstellig, doch niemand fühlt sich zuständig, niemand will ihnen weiterhelfen ...

Autorentext
Nathan Englander wurde 1970 in New York geboren und wuchs in einer jüdischen Gemeinde in Long Island auf. Er studierte in Jerusalem und in New York Englische Literatur und Jüdische Geschichte und lebt mit Frau und Tochter in Brooklyn. Zu seinen Werken gehören der Roman »Das Ministerium für besondere Fälle« und der Erzählband »Worüber wir reden, wenn wir über Anne Frank reden«, der mit dem Frank O'Connor Short Story Award ausgezeichnet wurde und auf der Shortlist des Pulitzerpreises stand.

Michael Mundhenk geb. 1954 in Berlin, Studium der Architektur, Romanistik und Anglistik, ist der Übersetzer von u.a. Margret Atwood, Allen Ginsberg, Barry Lopez, David Adams Richards.

Leseprobe
Die Juden bestatten sich so, wie sie leben: Noch im Tod hocken sie aufeinander und nehmen sich gegenseitig den Platz weg. Die Grabsteine standen dicht an dicht, die Toten darunter lagen Ellbogen an Ellbogen und Kopf an Fuß. Kaddisch führte Pato auf der Seite des Wohltätigen Ich über buckligen Boden, zwischen schiefen Reihen hindurch. Um das Licht zu dämpfen, hielt er die Hand über das Auge der Taschenlampe. Seine Finger glühten orange, in den Zwischenräumen rot, während er mit der Faust über die Stirnseite eines Steins fuhr.
Die beiden waren auf der Suche nach Hezzi Doppelklinges Grab, und es dauerte nicht lange, bis sie es fanden. Seine Grabstelle stieg steil an. Sein Stein neigte sich nach hinten. Es kam Kaddisch vor, als hätte der alte Knabe versucht, sich in die Freiheit zu wühlen. Außerdem sah es so aus, als hätte Doppelklinges Tochter, hätte sie nur noch einen Winter gewartet, Kaddisch Poznan überhaupt nicht anheuern müssen.
In Marmor, hatte Kaddisch herausgefunden, meißelt man nicht, weil er hart, sondern weil er weich ist. So wie die übrigen Marmorsteine auf dem Friedhof der »Gesellschaft des Wohltätigen Ich« hatte auch Hezzis Grabstein Krater und Risse, und die Buchstaben verblassten zunehmend. Die meisten anderen Steine waren aus Granit gehauen. Wurden sie nicht durch Witterung und Umweltverschmutzung in Mitleidenschaft gezogen, dann von den örtlichen Rowdys. Schon oft hatte Kaddisch Hakenkreuze weggeschrubbt und zerbrochene Steine wieder zusammengefügt.

Er spürte, wie stabil der Stein auf Doppelklinges Grab war. »Als wenn man gegen einen losen Zahn schlägt«, sagte Kaddisch. »Ich weiß gar nicht, warum wir uns überhaupt damit abgeben - dauert nicht mehr lange, dann ist davon nichts mehr übrig.«
Doch Kaddisch und Pato wussten ganz genau, warum sie sich damit abgaben. Sie begriffen sehr gut, warum die Familien sich jetzt mit solcher Dringlichkeit an sie wandten. Man schrieb das Jahr 1976 in Argentinien. Unsicherheit und drohendes Chaos bestimmten das Leben. Entführungen und Erpressungen waren in Buenos Aires schon lange an der Tagesordnung. Überall herrschte Terror, ständig wuchs die Zahl der Morde. Niemand wollte aufallen, weder Gojim noch Juden. Und die Juden hatten nahezu ausnahmslos das Gefühl, sich durch ihr Jüdischsein schon mehr als genug von den anderen zu unterscheiden.
Kaddischs Kunden waren diejenigen, die etwas zu verlieren hatten: der angesehene, erfolgreiche Teil der jüdischen Gemeinschaft, dessen Familien keine so ehrenhafte Vergangenheit vorzuweisen hatten. In ruhigeren Zeiten hatte es gereicht, diese zu ignorieren und zu leugnen. Als der Letzte der Generation des Wohltätigen Ich verstummt war, als alle Grabstellen auf ihrer Seite belegt waren, hatten die Nachkommen dieser unanständigen Sippe eine ihrer Meinung nach anständige Frist verstreichen lassen und den Friedhof für immer dichtgemacht.

Als er das Grab seiner Mutter besuchen wollte und das Tor verschlossen fand, bat Kaddisch die anderen Kinder des Wohltätigen Ich um den Schlüssel. Sie stritten jegliche Verstrickung ab. Sie waren überrascht, von der Existenz des Friedhofs zu erfahren. Und als Kaddisch sie darauf hinwies, dass ihre Eltern dort begraben lägen, erwiesen sie sich als genauso außerstande, sich an die Namen ihrer eigenen Eltern zu erinnern.
So hart diese Haltung auch war, geboren wurde sie aus einer entsetzlichen Scham.
Die Gesellschaft des Wohltätigen Ich war nicht nur in Buenos Aires ein Skandal, zu ihrer Glanzzeit in den zwanziger Jahren war sie für jeden argentinischen Juden eine Schande sondergleichen gewesen. Wer von ihren Verleumdern freute sich nicht, wenn seine Morgenzeitung ein gutes Bild von einem Alphonse in Handschellen brachte, von einem Katan-Mitglied bei einer polizeilichen Gegenüberstellung; wer hatte nicht das Gefühl, seine Schmähreden seien gerechtfertigt, wenn er die berühmten jüdischen Zuhälter von Buenos Aires zusammen mit ihren schmolllippigen jüdischen Huren sah. Doch das war 1950, als Kaddisch plötzlich ausgesperrt vor dem Tor stand, längst vorbei. Als jüdisches Geschäft war dieses furchtbare Gewerbe damals schon zwanzig Jahre stillgelegt. Die Gebäude, die der Gesellschat des Wohltätigen Ich gehörten, waren schon lange verkaut, die Schul der Zuhälter verlassen. Nur ein Teil der Liegenschat würde nie und nimmer unter mangelnder Nutzung leiden. Unter Baufälligkeit schon. Und auch unter Verwahrlosung. Doch - so die Rätselfrage - was ist das Einzige, was von Menschenhand gebaut und garantiert immerfort benutzt wird? Die Toten benutzen einen Friedhof ewig.
Außerdem war jener Friedhof die einzige von den Zuhältern und Huren von Buenos Aires gegründete Einrichtung, die mit Zustimmung der aufrechten Juden gebaut worden war. Hartherzig, wie jene Juden waren, wenn es um das Wohltätige Ich ging, im Tod konnten sie sich nicht abwenden. Der Vorstand der in den Kinderschuhen steckenden Vereinigten Jüdischen Gemeinden von Argentinien kam zusammen und geriet in eine Sackgasse. Kein Jude sollte, so helfe ihnen Gott, als Goi begraben werden müssen. Andererseits sollten die feinen Juden von Buenos Aires aber auch nicht unter Huren liegen müssen. Sie besprachen ihr Dilemma mit Talmud-Harry, der, als Oberhaupt des Wohltätigen Ich, seinem eigenen Vorstand vorsaß. »Ihr liegt bei ihnen, wenn sie leben«, sagte Harry, »wieso solltet ihr euch dann nicht auch zusammenkuscheln, wenn sie tot sind?«
Schließlich einigte man sich. Im hinteren Teil würde eine zur
Friedhofsumfassung passende Mauer errichtet werden, wodurch ein zweiter Friedhof entstand, der im Prinzip zum ersten dazugehörte - technisch, aber nicht halachisch gesehen. Genau auf diese Art und Weise lösen Juden jedes Problem, mit dem sie konfrontiert werden.
Die bestehende Mauer war bescheidene zwei Meter hoch, eine zweckmäßige Barriere zur Abgrenzung eines heiligen Ortes. Die Gründung eines jüdischen Friedhofs in einer von ihren Toten besessenen Stadt hatte ein Maß an Akzeptanz signalisiert, von dem die Vereinigten Gemeinden nur träumen konnten. Seine Gestaltung hatte ihre Unbefangenheit zeigen sollen.
Doch an einem Tag akzeptiert zu werden heißt noch lange nicht, dass man auch noch am nächsten willkommen ist - die Juden von Buenos Aires konnten der Versuchung nicht widerstehen, für dunkle Zeiten vorauszuplanen. Und so war auf jener bescheidenen Mauer noch ein weiterer, zwei Meter hoher schmiedeeiserner Zaun angebracht worden, dessen Stangen oben je eine bourbonische Lilie trugen. Diese vielen Spitzen und Zacken in vier Meter Höhe vermittelten einen abweisenden, unbezwingbaren Eindruck; eine Mauer, deren schierer Anblick einem bereits die Hosen zerriss.

Produktinformationen

Titel: Das Ministerium für besondere Fälle
Untertitel: Roman
Übersetzer:
Autor:
EAN: 9783442732432
ISBN: 978-3-442-73243-2
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: BTB
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 448
Gewicht: g
Größe: H187mm x B118mm
Jahr: 2010
Land: DE