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Der Gedächntissekretär

  • Fester Einband
  • 237 Seiten
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Geradezu besessen hat Herr Sohalt das zerbombte Wien während und nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert. Jetzt, Jahrzehnte nach d... Weiterlesen
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Beschreibung

Geradezu besessen hat Herr Sohalt das zerbombte Wien während und nach dem Zweiten Weltkrieg dokumentiert. Jetzt, Jahrzehnte nach dem Krieg, will er diese Bilder in einem Buch gesammelt und konserviert wissen. Er engagiert einen Gedächtnissekretär, der ihm helfen soll, die Zusammenhänge zwischen den einzelnen Aufnahmen und den Zeiten herzustellen, einen in Wien lebenden Iraner, aus dessen Sicht Hamid Sadr das Buch erzählt. Doch der nachgeborene, in der Stadt fremde Sekretär, der zunächst mit großer Distanz an seine Aufgabe herangehen kann, erliegt ihr Stück für Stück. Er wird mehr und mehr von dem Gefühl, dabei gewesen zu sein, überwältigt. Die Freiheit des Fremden ermöglicht dem iranischen Exilautor einen ganz eigenen Zugang zu unserer Geschichte.

Autorentext
Hamid Sadr, geboren 1946 in Teheran, gehört zu den großen Exilschriftstellern des Iran, seine Arbeiten wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Sein erstes Buch, "Geschichten der Gasse", erschien 1966. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit arbeitete er mit den Filmemachern Jacques Bral, Sam Fuller und Mansur Madavie zusammen. Sadr lebt seit 1991 in Wien.

Leseprobe
Zwischen Herrn Sohalt und mir existiert eine Stadt, die ich, vor Antritt meiner Arbeit für ihn, nicht gekannt hatte: Die Häuser sind (mit wenigen Ausnahmen) die gleichen geblieben, die Gassen und Plätze auch, aber (und dieses Aber ist ein merkwürdiges) ihre Farbe und ihr Klang sind anders geworden. Obwohl ich zum Beispiel immer und vom ersten Tag an die Mondscheingasse als Durchgang zur Siebensterngasse benutzt habe, blieb ich zuletzt dort öfter stehen, sah umher, als ob ich die Gasse zum ersten Mal betreten würde, und staunte. Viele Fragen tauchten auf, und als ich in der Siebensterngasse ankam, in der Herr Sohalt wohnte, schaute ich nach oben, als könnten im nächsten Moment Granatsplitter von den Dächern fallen. Genauso ging es mir an anderen Orten der Stadt: Der Kahlenberg zum Beispiel hat mit einem Mal aufgehört, jener Hügel zu sein, von dem aus ich die Hauptstadt immer bewundert hatte. Und der Volksgarten? Im Volksgarten bemerkte ich zwischen den Reihen der Rosenstöcke flüchtige Soldatenschatten, die mit der Waffe im Anschlag an frischen Gräbern Wache hielten und ab und zu gelangweilt zum Heldenplatz blickten, wo sich die Wiese in einen Kartoffelacker verwandelt hatte und wartende, abgemagerte Kinder von heißem Püree träumten. So hat die Stadt des Herrn Sohalt begonnen mein Stadtbild zu verdrängen; sie hat sich, ohne dass ich es vorerst bemerkt hätte, an Stelle der früheren Stadt ausgedehnt und langsam breit gemacht. Als ich begann, in seinem Auftrag durch die Stadt zu laufen und Fotos aus dem letzten Krieg mit den Häusern und Straßen von heute zu vergleichen, ging es vorerst um Gebäude, nicht um Menschen. Ich hatte keine Ahnung, auf welches Abenteuer ich mich da eingelassen hatte und welche Überraschungen bevorstanden. Nicht nur die Häuser und die Gassen veränderten sich allmählich, sondern auch die Bewohner dieser Stadt, später sogar die Bäume und dann auch die Donau. Die alten Schwarzweißfotos und die Notizen von Herrn Sohalt hatten die merkwürdige Eigenschaft, in meinem Kopf lebendig zu werden. In meinen Augen war Wien ich schmeichle nicht immer eine geduldige, freundliche Stadt. Warum sie als Stadt nicht an gewisse frühere Zeiten erinnert werden wollte und erbost dreinschaute, wenn ich mit einem Foto in der Hand in ihren Gassen und Straßen herumging oder in einem Oktavheft blätterte, verstand ich nicht. Ich hatte auch Herrn Sohalts Verhalten dieser Dame gegenüber (er bezeichnete Wien als Dame) zuerst als Schamgefühl gedeutet. Er möchte manche Hässlichkeiten dieser Stadt ein wenig vertuschen, dachte ich, und bohrte nicht nach. Auch seine Wortkargheit sah ich als stille, diskrete Haltung. Herr Sohalt, dachte ich, der alte Hobbyfotograf aus der Siebensterngasse, will ungern aussprechen, was er wirklich meint. In vielem überließ er es mittels der mir gestellten Aufgaben mir, herauszufinden, was mit dieser Stadt los war. Eines Tages (an einem grauen Dezembermontag) sagte er, ich solle zwischen zehn und zwölf Uhr mittags zum Stephansdom gehen und mich dort vor das Haashaus stellen. Warum? Er möchte wissen, sagt er, ob ich es auch so empfinde wie er. "Was?" frage ich. "Gehen Sie dorthin und erzählen Sie es mir dann!" Ich gehe also hin und warte von zehn bis zwölf Uhr vor der Kirche (es ist sehr kalt) und schaue mir alles genau an: den Turm, die Menschen und sogar das O5-Zeichen, das man dort in die Mauer neben das Portal geritzt hat. Vom Betrachten der Fotos weiß ich, dass nur der Turm den Bombenangriff überlebt hat, das Hauptschiff nicht. Müde und hungrig gehe ich schließlich nach Hause und verrechne wütend drei Stunden Arbeitszeit, macht 150 Schilling. "Haben Sie es bemerkt?" fragt mich Herr Sohalt, als ich ihn einige Tage später in seiner Wohnung besuche. "Was?" will ich wissen. "Na, den Unterschied." Ich schaue ihn stumm an. "Die Pummerin", sagt er, "sie läutet anders als alle anderen Kirchenglocken." Ich verstehe ihn nach wie vor nicht. "Der Klangunterschied", sag

Produktinformationen

Titel: Der Gedächntissekretär
Untertitel: Roman
Autor:
EAN: 9783552060067
ISBN: 978-3-552-06006-7
Format: Fester Einband
Herausgeber: Deuticke
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 237
Gewicht: 368g
Größe: H210mm x B134mm x T25mm
Jahr: 2005