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Wissenschaft als Leidenschaft?

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Wissenschaftliche Mitarbeiter bilden die größte Gruppe des wissenschaftlichen Personals an deutschen Universitäten. Ihre Tätigkeit... Weiterlesen
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Beschreibung

Wissenschaftliche Mitarbeiter bilden die größte Gruppe des wissenschaftlichen Personals an deutschen Universitäten. Ihre Tätigkeiten in Forschung und Lehre sind vielfältig. Sie empfinden eine starke Verbundenheit mit ihrem Fach und sind trotz ihrer unsicheren Arbeitssituation zufrieden: Sie arbeiten unter einem Sonderarbeitsgesetz, fühlen sich durch befristete Beschäftigung belastet und haben kaum Bindung zu ihrer Universität als Arbeitgeber. Freya Gassmann zeigt, wie sich diese unsicheren und widersprüchlichen Beschäftigungsbedingungen auf die Karriere und das Privatleben wissenschaftlicher Mitarbeiter auswirken.

Autorentext
Freya Gassmann ist Soziologin und wiss. Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Sportökonomie und Sportsoziologie der Universität des Saarlandes.

Leseprobe
1 Einleitung "An historischen und aktuellen Anlässen für eine Untersuchung des Systems der Nachwuchsförderung und Mittelbaubeschäftigung an bundesdeutschen Universitäten fehlt es nicht" so leitete Enders (1996) vor etwa zwanzig Jahren sein Buch "Die wissenschaftlichen Mitarbeiter" ein. Diese Eingangsworte lassen sich auf die heutige Zeit und die Situation der wissenschaftlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durchaus übertragen. Vor etwa einem Jahr im Frühjahr 2016 wurde die Novelle des Wissenschaftszeitvertragsgesetzes erlassen. Die Politik wollte durch die Veränderungen im Gesetz etwas gegen den Trend der Kurzzeitverträge tun. Ursprünglich war das Wissenschaftszeitvertragsgesetz als Sonderarbeitsgesetz für wissenschaftliche Mitarbeiter erlassen worden, um befristete Beschäftigung zu regeln und um einem möglichst großen Kreis von Personen eine Promotion im Rahmen einer befristeten Anstellung an einer Universität und damit die Chance auf einen Einstieg in die Wissenschaft zu ermöglichen (Jongmanns 2011, S. 18). Etwa zeitlich parallel dazu stieg die Zahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter in den letzten Jahren insgesamt, aber auch relativ zu den Professuren an Universitäten, an (vgl. Kapitel 3.4). Unterdessen wuchs, sowohl durch das Wissenschaftszeitvertragsgesetz sowie die Umstellung in der Hochschulfinanzierung durch zeitlich befristete Drittmittel der Anteil der befristeten Beschäftigten im Verhältnis zu den unbefristeten (Bloch & Burkhardt 2010, S. 22) und liegt aktuell bei etwa 90 Prozent (Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017, S. 126f). Dieser Anteil an unbefristeter Beschäftigung wird von zahlreichen Institutionen als zu hoch erachtet, um eine gesicherte Qualität in Studium und Lehre zu gewährleisten und verlässliche Karrierewege für wissenschaftliches Personal unterhalb der Professur zu ermöglichen (Hochschulrektorenkonferenz 2014; Deutsche Gesellschaft für Soziologie 2016, Gewerkschaften: GEW - Wittenberger Erklärung - 2016; DGB 2015; ver.di 2015) und als prekäre Beschäftigung umschrieben (Müller 2009; Kreckel 2012; journalistisch aufgegriffen u. a. in der Zeit: Groll 2015, taz: Lehmann 2014, FAZ: evah (Kürzel) 2015). Wissenschaftlichen Mitarbeitern sowie der Universität wird unterstellt, dass sie in einer bzw. mehreren Krisen stecken (Schimank & Stölting 2001, S. 7) . Der Weg in die Professur und damit in eine gesicherte Anstellung an einer Universität war historisch schon immer problematisch, wie die Ausführungen von Max Weber (2002 [1919]) und seinem Bruder Alfred Weber (1923) zeigen. Vor rund 100 Jahren im Rahmen einer wirtschaftlichen Krise in Deutschland war die Situation für den wissenschaftlichen Nachwuchs, worunter damals in der Regel habilitierte Privatdozenten fielen, überaus schwierig (vgl. Kapitel 2.5). Heute besteht keine wirtschaftliche Krise in Deutschland und auch ist es für wissenschaftliche Mitarbeiter nicht notwendig in den Semesterferien, wie damals üblich, im Straßenbau tätig zu sein, um sich und ihre Familien zu ernähren (Schreiber 1923, S. 41). Nichtsdestotrotz ist die Beschäftigung unsicher, Teilzeitstellen vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sind die Regel und Karriereaussichten unklar (Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017, S. 135f). Die Tätigkeit als wissenschaftlicher Mitarbeiter ist somit riskant, sie "ist eine Angelegenheit, die einfach Hazard ist" (M. Weber 2002 [1919], S. 477) und verlangt einen erheblichen persönlichen Einsatz. Eine der Fragen, die sich dabei stellt ist, warum dieses System, in dem wissenschaftliche Mitarbeiter unsicher angestellt sind und trotzdem viel zu leisten bereit sind, funktioniert. Erstaunlicherweise steigt die Anzahl der wissenschaftlichen Mitarbeiter in Deutschland stetig an und das trotz der beschriebenen Bedingungen, so dass das Wissenschaftsministerium bei der Vorstellung des Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017 (Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017) zu dem Schluss kommt: "Wissenschaftliche Karrieren werden immer attraktiver" (Bundesministerium für Bildung und Forschung 2017). Diese Arbeit widmet sich den Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen von wissenschaftlichen Mitarbeitern an Universitäten. Dafür soll zunächst die Universität untersucht werden, da diese die organisatorischen Prozesse der Beschäftigung bestimmt. Nach einem historischen Exkurs zur Geschichte der europäischen Universität (Kapitel 2) wird im dritten Kapitel die Universität unter heutigen Gesichtspunkten und unter anderem die aktuelle empirische Lage der Universität sowie die rechtlichen Bedingungen zur Beschäftigung von wissenschaftlichen Mitarbeitern. Diese Erkenntnisse bilden die Basis für eine organisationstheoretische Rahmung der Arbeit in Kapitel 4, welches zunächst mit der Frage eingeleitet wird, ob die Universität eine Institution oder eine Organisation ist. Danach wird beleuchtet, wie Entscheidungen getroffen werden, wie die Universität aufgebaut ist und wie sich dies auf die Arbeits- und Beschäftigungsbedingen von wissenschaftlichen Mitarbeitern auswirkt. Diese Überlegungen bilden die Basis zur Ableitung von Hypothesen zu den Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität. In Kapitel 5 werden die bis dato erschienene Studien zu den Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen dargestellt, die zum Teil wissenschaftlicher Natur sind und zum Teil aus Zusammenschlüssen von Mittelbauvertretungen, Personalräten oder Gewerkschaften entstanden sind. Darin wird das Fehlen aktueller wissenschaftlicher Studien zu den Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen deutlich gemacht. Auf die Planung und Durchführung der Datenanalyse, den Rücklauf sowie die spezielle Situation zum Zeitpunkt der Befragung an der Universität des Saarlandes wird danach eingegangen. Das empirische Kapitel gliedert sich in einen ersten Teil, in dem explorativ, beschreibend die sozioökonomischen Eigenschaften der Mitarbeiter sowie die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen dargestellt werden. Danach werden die aus der organisationstheoretischen Rahmung abgeleiteten Hypothesen empirisch geprüft. Anschließend werden in vier eigenständigen Unterkapiteln, einzelne Bestandteile der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen herausgegriffen, um diese zunächst theoretisch und danach empirisch zu untersuchen. So wird der Antrieb der wissenschaftlichen Mitarbeiter in Kapitel 7.6 untersucht, um die Frage zu beantworten, aus welcher Motivation die wissenschaftlichen Mitarbeiter ihren Einsatz im Beruf ziehen. Kapitel 7.7 widmet sich dem Führungsverhalten der Vorgesetzten der wissenschaftlichen Mitarbeiter, da diese die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen erheblich beeinflussen können. In Kapitel 7.8 wird der Arbeitseifer der wissenschaftlichen Mitarbeiter, der zum Teil im Rahmen der Anstellung in der Wissenschaft sowie durch externe Faktoren gesellschaftlicher und organisatorischer Art bestimmt wird und mitunter das Ausmaß einer Arbeitssucht annehmen kann, theoretisch betrachtet und empirisch untersucht. Der aktuelle Bundesbericht zum wissenschaftlichen Nachwuchs schenkt der Vereinbarkeit von Familie und Wissenschaft besondere Aufmerksamkeit und stellt fest, dass diese Gruppe deutlich seltener Kinder hat, was mit den Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen zusammenhängt und dann auch ein Grund für den geringen Frauenanteil in der Wissenschaft darstellen könnte (Konsortium Bundesbericht Wissenschaftlicher Nachwuchs 2017, S. 231ff). Diese Thematik wird in Kapitel 7.9 empirisch betrachtet. Die theoretischen und empirischen Ergebnisse werden in einem Schlusskapitel zusammengefasst. Die Arbeit schließt mit einem Fazit und Ausblick. 2 Soziogenese der Universität - Die Geschichte der europäischen Universität "Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben." Goethe (1998 [1819], S. 343) Es mag zunächst seltsam anmuten, dass der Untersuchung der aktuellen Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der wissenschaftlichen Mitarbeiter an deutschen Universitäten zunächst eine doch eher umfangreiche historische Rückschau vorangestellt wird. Die historische Betrachtung der Entwicklung der Universität in Europa als ältester Institution nach der katholischen Kirche (Rothblatt & Wittrock 1993, S. 1), ermöglicht zwar keine Erklärung der Organisation in Gänze, jedoch hilft sie dabei, Gründe für zahlreiche, teilweise altertümlich anmutende Bedingungen zu finden. So hält Rassem beispielsweise fest, dass die Universitäten im 19. Jahrhundert erstaunlicherweise "viel von ihren alten Eigenheiten und ihrer Struktur erhalten haben", die aus ihren Entstehungszeiten im 12. und 13. Jahrhundert herrühren (Rassem 1975, S. 15). Die Universität kann so als "institutioneller Dinosaurier der Gegenwart" angesehen werden (Wittrock 1993, S. 304). Mit jeder gesellschaftlichen Veränderung, erhielt die Universität eine neue "Schicht", jedoch ist insgesamt trotz all der Reformen eine erstaunliche Kontinuität zu beobachten (Wittrock 1993, S. 304). Obwohl in der Soziologie die Historie häufig vernachlässigt wird (Elias 1983; Schützeichel 2009, S. 277). Herrscht bei der Betrachtung der Universität Einigkeit über die Bedeutung ihrer Geschichte. So führte bereits Durkheim aus, dass die "beste Art, ihren Ursprung zu erforschen, () die Untersuchung ihrer Entstehung" ist (Durkheim 1977a, S. 74). Anerkannt scheint, dass "die gegenwärtigen Veränderungen in der Wissenschaft () nicht angemessen zu begreifen [sind], ohne ihre Geschichte und ihren Mythos" (Funken, Roffe & Hörlin 2015, S. 28). Auch Bourdieu machte in seinem Werk "Homo academicus" auf die zentrale Bedeutung der Geschichte aufmerksam (Bourdieu 1992, S. 10): "Die Objektivierung des objektivierten Subjekts läßt sich nicht umgehen: Nur indem es die historischen Bedingungen seines eigenen Schaffens analysiert (und nicht durch eine wie immer geartete Form transzendentaler Reflektion), vermag das wissenschaftliche Subjekt seine Strukturen und Neigungen ebenso theoretisch zu meistern wie die Determinanten, deren Produkt dieses sind, und sich zugleich das konkrete Mittel an die Hand zu geben, seine Fähigkeiten zur Objektivierung noch zu steigern." (ebd.) Durch diesen geschichtlichen Exkurs soll auch die Möglichkeit geschaffen werden, durch diese Sicht, wie Ellwein ausführt, eine "Distanz zu sich selbst und zu der Situation zu gewinnen, in die man eingebunden ist" (Ellwein 1985, S. 13), was sich als Mitglied einer Universität zwangsläufig ergibt. Zudem scheint das Bild, das die Mitglieder von der Universität haben, teilweise vage und von falschen "Klischees" beeinflusst zu sein (ebd., S. 9-11). Demnach wäre es geradezu sträflich bei einer Untersuchung der Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen der wissenschaftlichen Mitarbeiter, die Geschichte ihres "Arbeitsplatzes" auszulassen. Die geschichtliche Beschreibung der Universität beginnt mit ihrer Entstehung im Mittelalter in Europa, gefolgt von den Entwicklungen in der Frühen Neuzeit. Daran anschließend wird die Universität nach dem Vorbild Humboldts und Schleiermachers und das sich daraus ergebene deutsche Universitätsmodell im 20. Jahrhundert betrachtet. Der historische Exkurs schließt mit einer Zusammenfassung. 2.1 Die Universität in ihrer Entstehung im Mittelalter (1000-1500) "Wir seien gleichsam Zwerge, die auf den Schultern von Riesen sitzen, um mehr und Entfernteres als diese sehen zu können - freilich nicht dank eigener scharfer Sehkraft oder Körpergröße, sondern weil die Größe der Riesen uns zu Hilfe kommt und uns emporhebt." Bernhard von Chartres (12. Jahrhundert) Die Universität ist eine europäische Institution (Rüegg 1993a, S. 13) und ein Produkt des christlichen Westens aus dem 12. Jahrhundert (Rüegg 1993b, S. 27), die "als eine nunmehr fast tausend Jahre alte Institution [] prägend für Europa und seine Identität wurde" (Fisch 2015, S. 8) . Max Weber nennt in den Vorbemerkungen der Religionssoziologie die Universitäten als Beispiel einer rationalen Kulturerscheinung, die es als "rationalen und systematischen Fachbetrieb der Wissenschaft" nur im Okzident gab (M. Weber 1920, S. 3; vgl. Jaspers 1946, S. 124). Der Begriff Universität wurde im Mittelalter allgemein für viele Strukturen, die über ein Sonderrecht verfügten, genutzt. Die Universität im heutigen Sinne hieß damals "universitas magistrorum et scholarium", "Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden" und unterschied sich durch den Zusatz beispielsweise von der Zunft der Bäcker der "universitas pistorum" (Fisch 2015, S. 7). In Salerno, Bologna und Paris waren im 11. und 12. Jahrhundert die ersten Formen der Universität erkennbar (ebd., S. 9). Jede einzelne Universität wurde in den Anfangszeiten jeweils von einer der vier Fakultäten Medizin, Recht, Theologie oder der Artistenfakultät dominiert (ebd., S. 23). Während im italienischen Salerno, der Legende nach, vier Männer unterschiedlicher Herkunft und Glaubens (Lateiner, Grieche, Jude und Moslem) eine medizinische Fakultät gründeten, beschäftigte sich die Universität in Bologna in ihren Anfängen mit dem Römischen Recht und die Universität Paris mit der Theologie sowie der Grammatik und Logik, also mit Fächern die zur Artistenfakultät zählten (ebd., S. 9f). Die Institution in Paris entwickelte sich jedoch relativ schnell weiter, indem die Fächer Medizin und Rechtswissenschaften ergänzt wurden (Ellwein 1985, S. 23), wobei die Theologie den höchsten Rang hatte (ebd., S. 25). 2.1.1 Die Anfänge der Institution Universität Rassem beschreibt die Universität im 12. Jahrhundert zusammenfassend als "recht eigenartige(r)[n] Verein'", der keine staatliche und keine kirchliche Einrichtung war, sondern durch ein "locker organsierteres Zusammensein freier Lehrer und freizügiger Schüler" in einer "genossenschaftlichen Verfassung mit wechselnden gewählten Amtsträgern" gekennzeichnet war (Rassem 1975, S. 15). Ab dem 13. Jahrhundert vergrößerten sowohl die Kirche als auch der Staat jedoch nach und nach ihren Einfluss (ebd.). Trotz all der Informationen lassen sich das Verhältnis des Professors zu seinen Schülern (Verger 1993, S. 151) und das Berufsbild des Professors im Mittelalter nur schwer nachzeichnen, da kaum Dokumente dieser Zeit über das alltägliche Arbeiten existieren (ebd., S. 152). Die vorhandenen Schriftstücke ermöglichen es jedoch, ein Idealbild zu zeichnen (ebd.). Die Universitäten des Mittelalters glichen sich in der Ausstattung mit Privilegien, einem eigenem Rechtsraum, eigenen Normen und demokratischen Strukturen in den Räten nach dem Mehrheitsprinzip (Fisch 2015, S. 13). Das Universitätsleben war geprägt durch Gruppen von Lehrern und eine um sie "gescharte Gemeinschaft der Studierenden" (Schwinges 1993a, S. 162; vgl. auch Durkheim 1977a, S. 85; Clark 1983, S. 13). Zu Anfang waren die Universitäten Europas jedoch mitnichten grundsätzlich alle gleich organisiert, so war die Universität in Bologna, im Gegensatz zur Pariser Universität, die beide über die Bezeichnung als älteste Universität streiten, unterschiedlich strukturiert (Fisch 2015, S. 14). Die genossenschaftliche Universität in Bologna ging von den Studenten aus (ebd.), weswegen sie auch häufig als Studentenuniversität bezeichnet wird (Verger 1993, S. 52). Die Studenten waren Träger der Universität und stellten zudem den Rektor, der gewählt wurde und meist aus einer einflussreichen adeligen Familie stammte (Fisch 2015, S. 14). Darüber hinaus waren die Studenten in Bologna Erwachsene, während sie in Paris "ganz jung(en)" waren (Durkheim 1977a, S. 153). Die Pariser Universität wurde durch die Lehrenden organisiert und der Rektor stammte ebenfalls aus ihren Reihen (Fisch 2015, S. 14), wodurch sie auch schnell unabhängig vom dortigen Bischof wurden (ebd., S. 10). Im 15. Jahrhundert erreichten die Studenten in Bologna die "zeit- und sachgerechte Durchführung der Lehrveranstaltung durch Androhung von Bußen, deren Bezahlung die Professoren durch die Hinterlegung von Kautionen garantieren mussten", so wurde es den Studenten möglich, ihr Studium schneller abzuschließen. (Rüegg 1993b, S. 37). In Paris dagegen hatten die Studenten gegenüber den Lehrenden einen geringen Einfluss und konnten ihre Forderungen nicht durchsetzen. Daher zog Ende des 12. Jahrhunderts eine größere Gruppe nach England (Fisch 2015, S. 10). In Oxford fanden sie nach ihrem Auszug ihren ersten eigenen Standort, jedoch kam es etwa dreißig Jahre, also etwa eine Generation später, zu einer erneuten Unzufriedenheit und Cambridge wurde gegründet (ebd., S. 10). Fisch bezeichnet den Beginn der Universität als Institution in den Städten als "gewohnheitsrechtliche Anfänge" (ebd., S. 9). An dieser Umschreibung wird deutlich, dass die Institutionen damals nicht über Nacht entstanden, sondern in einem Prozess ihre Eigenschaften als Universitäten ihrer Zeit über Jahrzehnte herausbildeten. In den Folgejahren entstanden Universitäten in Montpellier (Mitte des 12. Jahrhunderts) mit einer medizinischen und einer juristischen Schule sowie Avignon im 13. Jahrhundert. Im 14. Jahrhundert kam es dann zu weiteren Gründungen in Frankreich und Italien (ebd., S. 11f). Der "ungesicherte Status der lernenden oder lehrenden Wissenschaftler [war] der [damalige] Anlass zur Gründung der ersten Universitäten" als Institutionen mit ihren Privilegien und Rechten (Rüegg 1993b, S. 37). Zum Schutz der Institution Universität und seiner Mitglieder verabschiedete Friedrich Barbarossa Mitte des 12. Jahrhunderts in Bologna die sogenannte "Authentica habita", ein Gesetz durch welches die Wissenschaftler und Studenten auf eine besondere Weise geschützt wurden. Sie erhielten unter anderem ein Gerichtsprivileg, durch welches sie bei einer Anklage den Richter in Form ihres Lehrers, Rektors oder des Bischofs wählen durften, was zuvor nur den Klerikern vorbehalten war (vgl. Stölting 2001, S. 29). Die besondere Schutzbedürftigkeit der Lehrenden und Lernenden ergab sich auch aus ihrer "Heimatlosigkeit", da sie in der Regel nicht aus der Universitätsstadt stammten und meist aus dem Ausland kamen (Fisch 2015, S. 19). Barbarossas Gesetz stellte den ersten Schritt bei der Privilegierung der Angehörigen von Universitäten in Form von Wissenschaftlern und Studenten dar, wobei dies erst in den darauffolgenden Jahrhunderten nach und nach realisiert wurde (Nardi 1993, S. 84). Die Ausstattung mit Privilegien war sowohl vom Ort als auch der jeweiligen Zeit abhängig, so waren die Angehörigen der Universität im 13. Jahrhundert von Steuern befreit, mussten keinen Wehrdienst leisten und ihr Eigentum durfte nicht angetastet werden (Gieysztor 1993, S. 109). Die besonderen Rechte der Universitätsangehörigen bzw. ihrer Organisation wurden durch "Herrschaftszeichen wie Szepter [sic!] und Bestätigungszeichen wie Siegel" hervorgehoben (Fisch 2015, S. 7). Die Vorrechte der Angehörigen der Universitäten betrafen nicht nur die Studenten, Magister, Doktoren und Professoren, sondern auch deren Frauen und Familien und darüber hinaus Dienstboten sowie weitere Beschäftigte der Universität, wie Papiermacher, Schreiber und Buchhändler (ebd., S. 15). Diese Selbstständigkeit und die Privilegien differenzierte die Universität von Schulen oder anderen Akademien (ebd., S. 7f; Stichweh 2013, S. 171). Die Professoren selbst hatten von ihrem Stand in Form des gewissenhaften und fleißigen Lehrers ein sehr positives Bild und stellten in Zeiten von Konflikten über den Müßiggang der Studierenden ihren berühmten Kollegen (Azzo die Porci), der nur innerhalb der Ferien krank wurde und während seines Urlaubs starb, als Idealbild entgegen (Schwinges 1993b, S. 206) . Durch seine Titel Magister und Doktor war der Professor eine Autorität innerhalb der Gesellschaft, sie stellten seinen Rang dar und damit war er ähnlich angesehen, wie ein Adliger (Verger 1993, S. 152). Das Ausmaß der Einheitlichkeit der europäischen Universitäten war im 13. Jahrhundert - verglichen mit heute - außerordentlich hoch. Dies zeigte sich u. a. daran, dass die durch die Universitäten erteilte Lehrbefugnis "licentia ubique docendi dazu befähigte, in der ganzen - papstkirchlichen - Christenheit" und damit in ganz Europa zu lehren. Zudem hatten die erworbenen Titel den gleichen Wert, unabhängig davon, von welcher Universität sie stammten (Verger 1993, S. 49). Ein Grund für diese Einheitlichkeit ist neben dem Einfluss der katholischen Kirche durch den Papst sicherlich in der gemeinsamen europäischen Sprache Latein zu finden (Fisch 2015, S. 21). Alle Universitätsangehörigen lernten Latein auf einer der speziellen Schulen in den Städten und Latein war die "alleinige Sprache der Verständigung" (ebd.). Die Einheitlichkeit der mittelalterlichen Universität Europas war so hoch, dass ein Wechsel während des Studiums jederzeit möglich war, was durch Universitätsexamen ermöglicht wurde, die dem "europäischen Rahmen" entsprachen (Ellwein 1985, S. 25). Die universitäre Organisation von Wissenschaftlern führte jedoch auch zu Nachteilen für die Wissenschaftler, der Theologe Philippe de Grève der Pariser Universität beklagte sich beispielsweise Anfang des 13. Jahrhunderts, dass der Anteil der Vorlesungen und Disputationen zurückgegangen sei und "die Zeit zum Studium in Sitzungen und Diskussionen vertrödelt" werden würde (zitiert nach Rüegg 1993b, S. 33). Die neue Organisationsform brachte somit auch soziale und temporale Kosten mit sich, die zulasten der eigentlichen Aufgabe gingen. Die Anfänge der Institution Universität erinnern damit an den Übergang von traditionalen in moderne Strukturen und damit an die Veränderung der Solidarität von einer mechanischen zu einer organischen Art und Weise (Durkheim 1977b, S. 111). 2.1.2 Die vier Fakultäten Die vier Fakultäten der damaligen Zeit waren in zwei Gruppen unterteilt. Medizin, Recht und Theologie bildeten die höheren Fakultäten und die Artistenfakultät bot eine Art Grundstudium an (Fisch 2013, S. 24f). Zwischen den Fakultäten bestanden sowohl zwischen den Studenten als auch den Beschäftigten teilweise "erhebliche Statusspannungen". In einem besonderen Maße waren diese zwischen der Artisten- und Juristenfakultät zu beobachten (Schwinges 1993b, S. 181). In der Artistenfakultät wurden die sieben freien Künste unterrichtet. Diese unterteilten sich in das trivium, "den dreiteiligen Weg zur Weisheit", "die drei sprachlichen Fächer: Grammatik, Rhetorik und Logik" sowie das quadrivium, "die vier mathematischen Fächer: Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik". Die sieben freien Künste wurden ab dem 13. Jahrhundert durch die Schriften Aristoteles um die "drei Philosophien, [nämlich] die Naturphilosophie, Ethik und Metaphysik" ergänzt (Leff 1993, S. 279; Ellwein 1985, S. 62f). Auf die Lehre in der Artistenfakultät bauten dann die drei anderen Fakultäten auf (Fisch 2015, S. 24), wobei die einzelnen sieben freien Künste nicht die gleiche Bedeutung für Recht, Medizin und Theologie hatten. Die Rhetorik spielte beispielsweise für das Recht eine größere Rolle, unterdessen waren die Logik und die Naturwissenschaften für die Medizin wichtiger (Leff 1993, S. 280). Die Inhalte und genutzten Werke der drei Fakultäten waren aus heutiger Sicht eher eingeschränkt. Während sich die medizinischen Fakultäten auf die Schriften des Mediziners Galen und des Naturwissenschaftlers Plinius konzentrierten, wurde im Recht das Buch zum Kirchenrecht und das zum Recht des römischen Zivilrechts genutzt, die Theologie verwendete die Bibel (Fisch 2015, S. 24). Fisch betont in seiner Analyse der mittelalterlichen Universität, dass das eigenständige Denken die Lehre bestimmte, als Beispiel nennt er die scholastische Theologie, in der eine Methode angewandt wurde, die "das jeweilige Pro und Contra einer Frage methodisch erörterte" (ebd.). Die Inhalte der Fächer wurden ab etwa dem 13. Jahrhundert um die Schriften von Aristoteles (Übersetzung aus dem Griechischen und Arabischen ins Lateinische) ergänzt (ebd.). Aristoteles hatte so auf die Universitäten im 13. Jahrhundert "wie zuvor auf den Islam" einen überaus starken Einfluss (Leff 1993, S. 289). Die Kirche versuchte zunächst diese neuen Inhalte zu verbieten, scheiterte jedoch an der Unabhängigkeit der Universität (Fisch 2015, S. 25). Einen gewissen Anteil der "selbstständig-kritische[n]" Denkweise der Wissenschaft (ebd.) hat die heutige Universität sicherlich der Wiederentdeckung der Schriften von Aristoteles zu verdanken.

Inhalt
Inhalt 1 Einleitung 9 2 Soziogenese der Universität - Die Geschichte der europäischen Universität 13 2.1 Die Universität in ihrer Entstehung im Mittelalter (1000-1500) 14 2.2 Die Universität der Frühen Neuzeit (1500-1800) 25 2.3 Die Universität nach der französischen Revolution - zwei gegensätzliche Modelle 36 2.4 Die humboldtsche Universität nach den Ideen von Schleiermacher 39 2.5 Die Universität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 58 2.6 Die Universität nach 1945 68 2.7 Zusammenfassung der Geschichte und der Wechselwirkungen mit anderen gesellschaftlichen Teilbereichen 76 3 Wissenschaft und Universität 86 3.1 Die Universität und die Wissenschaft in der Dauerkrise 88 3.2 Ethos der Forschung 90 3.3 Wissenschaft als kapitalistische Angelegenheit 93 3.4 Empirische Beschreibung des Universitätssystems 97 3.5 Finanzierung der Hochschulen aus Grund- und Drittmitteln 109 3.6 Das Sonderarbeitsgesetz für wissenschaftliche Mitarbeiter 116 4 Das System Universität 120 4.1 Die Universität als Institution mit Vertrauen als bindender Komponente 121 4.2 Die Universität als Organisation des Wissens 125 4.3 Der Lehrstuhl als Organisationseinheit 149 4.4 Die Universität als Arbeitgeber zwischen Organisation und Institution 163 4.5 Die Universität in Interaktion mit anderen gesellschaftlichen Teilbereichen 164 4.6 Zwischenfazit und Ableitung der Hypothesen aus der organisationstheoretischen Rahmung 166 5 Studien zur Situation der wissenschaftlichen Mitarbeiter 173 6 Methoden, Planung und Durchführung der Befragung 186 6.1 Durchführungsort der Studie 186 6.2 Das Erhebungsinstrument 188 6.3 Beteiligung interner Stakeholder 192 6.4 Datenschutz 193 6.5 Genehmigung der Studie 194 6.6 Zielgruppe der Befragung und Rücklauf 194 7 Empirische Analysen 199 7.1 Sozioökonomisches Profil der wissenschaftlichen Mitarbeiter 199 7.2 Soziale Herkunft und Fakultät 202 7.3 Mobilität 206 7.4 Exploration der Arbeits- und Beschäftigungssituation 209 7.5 Organisationshypothesen 232 7.6 Wissenschaftliche Mitarbeiter zwischen Leidenschaft und Karriere - Versuch einer Typologie 289 7.7 Führungsverhalten von Professoren aus Sicht der wissenschaftlichen Mitarbeiter 312 7.8 Arbeitssucht 356 7.9 Partnerschaft und Kinder 394 8 Zusammenfassung 427 9 Fazit und Ausblick 439 Literatur 444 Dank 482

Produktinformationen

Titel: Wissenschaft als Leidenschaft?
Untertitel: Über die Arbeits- und Beschäftigungsbedingungen wissenschaftlicher Mitarbeiter
Autor:
EAN: 9783593508917
ISBN: 978-3-593-50891-7
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Campus
Genre: Soziologie
Anzahl Seiten: 484
Gewicht: 590g
Größe: H213mm x B140mm
Jahr: 2018
Land: DE
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