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Das vierte Leben

  • Kartonierter Einband
  • 584 Seiten
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quot; Ich glaube, die meisten Menschen wissen, wie weit sie gehen dürfen. Und nur ganz Wenige - so wie Sie - wissen, wie weit sie ... Weiterlesen
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Beschreibung

quot; Ich glaube, die meisten Menschen wissen, wie weit sie gehen dürfen. Und nur ganz Wenige - so wie Sie - wissen, wie weit sie gehen müssen! " Wie weit darf, wie weit soll man sich aus dem Fenster lehnen, wenn das Glück eines verheirateten Mannes außerhalb von Ehe und Familie, oder - für einen sich gerade beruflich etablierten Arzt - das Wohl eines Patienten jenseits zugelassener Behandlungsmethoden liegt? Wieder sind es offenbar zufällige Begegnugen, die auch den Helden von Dieter Klingers zweitem Roman dazu veranlassen, die bewährten Wege und Werte zu hinterfragen und sich immer mehr aufs Glatteis zu wagen.

"Es ist die authentische, sehr genaue Sicht auf die Zeitgeschichte, von der dieser Roman lebt."

Autorentext
Irina Korschunow, geboren und aufgewachsen in Stendal, veröffentlichte zahlreiche erfolgreiche Romane. Darüber hinaus ist sie eine der bekanntesten Kinder- und Jugendbuchautorinnen Deutschlands. Ihre Bücher werden weltweit übersetzt. Die vielfach ausgezeichnete Autorin lebt in der Nähe von München.

Zusammenfassung
Sie ist in der Blüte ihrer Jugend. Doch seit ihrem Fehltritt im Roggen ist Freda von Rützow eine gebrochene Frau. Das Kind jener romantischen Stunden hat sie auf Drängen ihres Vaters weggegeben. Jahrelang lastet die Erinnerung an die wenigen Minuten, die sie mit ihrem Baby verbringen durfte, auf ihr. Unter der Schreckensherrschaft der Nazis bekommt Freda Gelegenheit, ihre Schuld zu sühnen. Sie hält einen jüdischen Jungen in ihrer Wohnung versteckt, betreut und erzieht ihn. So befreit sie sich von der Last der Vergangenheit und findet in düsterer Zeit doch noch Glück und Liebe. Irina Korschunow ist mit packenen Schilderungen von Menschen und Milieu bekannt geworden. Welt am Sonntag




Leseprobe
Freda, die eigentlich Friederike hieß, Friederike von Rützow, war siebzehn, als sie in den Roggen geriet. Eine Katastrophe nannte es ihr Vater, doch des einen Eule ist des anderen Nachtigall, und Harro Hochberg, der damals noch mit seinen Rasseln und Klötzchen spielte, wird ihrem Fehltritt eines Tages seine Rettung verdanken. Zwei Geschichten, die eine hier, die andere dort, viel Zeit noch, bis beide sich mischen. Aber sie gehen aufeinander zu.
Es begann im Juli 1923, kurz vor der Ernte, der Roggen stand hoch. Gelber Roggen, wohin man sah, Klatschmohn und Kornblumen dazwischen, die Sommerfarben der Mark, und dass so etwas hier und in seiner Familie passieren könne, erklärte Herr von Rützow, liege an der Unordnung, die um sich greife nach dem verlorenen Krieg. Der Kaiser im Exil, das Reich zur Republik verludert, und nun dies.
»Und nun dies«, schrie er in seinem Zorn, der schnell hochschoss und wieder zusammenfiel, man kannte es und nahm es hin. Er war der Herr in Großmöllingen, alles seins, die Felder und Koppeln, die Scheunen und Remisen, das Schloss im Park, die niedrigen Katen an der Dorfstraße, eigentlich auch die Leute darin, obwohl jeder gehen konnte, falls es ihn juckte, nach Berlin oder Amerika. Die meisten jedoch blieben, wie ihre Väter und Großväter, weiterhin unter den Dächern des Herrn Baron, ein guter Herr im Allgemeinen, aufbrausend, aber gerecht und zugänglich für Sorgen und Nöte, wenn sie ihre Arbeit taten und den roten Agitatoren keine Chance gaben, die gewohnte Ordnung in Großmöllingen durcheinander zu bringen. Denn nur die Ordnung, so sein Credo, halte die Welt zusammen, im Großen wie im Kleinen. Und nun seine Tochter und dies.
Gewalt, stammelte Freda und erzählte etwas von einem fremden Streuner, der sie in den Roggen gezerrt habe, lauter Lügen, Friedrich von Rützow glaubte kein einziges Wort. Doch weil der entschwundene Kindsvater als Ehemann ohnehin jenseits jeder Debatte stand, sparte er sich die Mühe, hinter ihm her zu forschen, sondern tat das in solchen Fällen Übliche. Schweren Herzens, er liebte diese Tochter, wenn auch auf seine Weise, preußisch, doch es gab nur den einen Weg, um das Schlimmste abzuwenden, und Freda fügte sich. Das Schlimmste, wird sie ihm irgendwann sagen, habe ihr seine Ordnung angetan. Aber noch senkte sie den Kopf und schwieg, was sonst auch nach den Jahren unter seiner Alleinherrschaft, immer nur du sollst, nie ich will.
Fraglich, ob die kleine Friederike von Gurrleben, kurzzeitig Frau von Rützow, den Mut besessen hätte, mildernd in die väterlichen Erziehungsprinzipien einzugreifen. Mit siebzehn war sie ins Großmöllinger Schloss gekommen, zehn Monate später auf den Friedhof, wo ein weinender Engel über die toten Rützows wachte. Freda kannte sie nur als Bild im Kaminzimmer, dunkle Augen, dunkles Haar, Rosen am Gürtel, deine Mutter. Der neuen Frau von Rützow, fast ebenso jung, gelang es nicht, die Vakanz zu füllen, und gut, dass Katharina Hook, deren Säugling gestorben war, das Schlosskind an ihrer Brust genährt und gehätschelt hatte und vorläufig blieb. Katta, rund, weich und tröstlich in den ersten Jahren. Lass man, Kleene, wird schon wieder, murmelte sie, wenn etwas wehtat außen oder innen, eine magische Formel auch noch späterhin, dank der Stiefmutter, die ihr, nach Fredas sechstem Geburtstag, das Kommando in der Näh- und Bügelkammer anvertraute, nur eine Treppe höher als der Kindertrakt.
Statt ihrer war Mademoiselle Courrier dort eingezogen, eine dürre Pariserin, durch deren Hände bereits mehrere Mädchen der Verwandtschaft gegangen waren. Sie erschien im April 1912, blieb sieben Jahre und vermittelte, während des Ersten Weltkriegs als Herr von Rützow als Major seinem Kaiser diente, Freda die nötigen Kenntnisse im Schreiben, Lesen, Rechnen, anschließend noch das Pensum der ersten Klassen einer höheren Töchterschule sowie diese und jene Fertigkeit im Sticken, Malen und am Klavier, das Übliche eben. Vor allem aber brachte sie ihr in galoppierendem Französisch bei, was man tun und sagen durfte und was nicht, wie man aß, saß, ging, stand, lachte, weinte und dergleichen, mit dem Ziel, sie für die nächste Etappe in Form zu bringen: das Potsdamer Elisenstift, jene altehrwürdige Anstalt, wo junge Mädchen von Familie seit Generationen auf ihre Konfirmation und die künftige Rolle in der Gesellschaft vorbereitet wurden. Auch kaiserliche Hofdamen hatten hier den letzten Schliff erhalten, und wahrhaftig ein Hohn, dass die Saat zu dem, was Herr von Rützow Katastrophe nannte, ausgerechnet in diesem Haus gelegt werden sollte.
Zu Beginn des Schuljahrs 1919, nur wenige Monate nach dem verlorenen Krieg, wollte er Freda dort der Pröbstin übergeben, ein Ereignis, dem sie mit Unbehagen entgegensah, seitdem Katta die Stiftsuniformen aus der Truhe geholt hatte, um wenigstens die Röcke zu stutzen. Dickes braunes Winterzeug, hellblaue Sommerkleider und rosa für die Feiertage, sackartige Gebilde, schon von Tanten und Großtanten getragen, nur dass Rützowtöchter durchweg etwas klobig gerieten und die zierliche Freda darin versank. Egal eigentlich, Eitelkeit war im Stift ohnehin verpönt. Beim Blick in den Spiegel jedoch schien plötzlich alles Feste zu zerfließen, wie im Albtraum. Sie fing an zu weinen, gegen die Gebote, mit dreizehn weint man nicht mehr, und Katta nahm sie in den Arm, lass man, Kleene, wird schon wieder, der alte Zauberspruch. Doch dann, als sie in vorschriftsmäßigem Rosa der Pröbstin übergeben wurde, war der Zauber dahin.
Sie fürchtete sich vor der hochgewachsenen Frau in Schwarz mit dem strengen Lächeln, deren »Willkommen, mein Kind, ich hoffe, du wirst deiner lieben Mutter nacheifern« wie eine Drohung klang, fürchtete sich vor der dunklen Halle, der Stille im Haus und dem, was dahinter lauerte, wusste indessen, dass man solche Regungen nicht zeigen durfte, es außerdem zwecklos war. Also lieferte sie ihren Knicks nebst Handkuss ab und wurde zum Elisenmädchen, ein Attribut, das den Absolventinnen der Anstalt lebenslang erhalten blieb, ob es ihnen gefiel oder nicht.
Das Stift, ein Stadtpalais mit hübscher Rokokofassade im Umfeld von Sanssouci, war von dem Donator, einem Grafen Pail, anno 1738 den adligen Töchtern des Landes gewidmet worden zur Erinnerung an seine Frau Elise, und immer noch galt das von ihm verordnete Bildungsideal: protestantische Frömmigkeit, preußische Tugenden und gesellschaftliche Contenance, dazu die Unterweisung der jungen Damen in Wissenschaften und schönen Künsten. Dies zum Wohle späterer Ehegatten und der Kinder, wie es in der Stiftungsurkunde hieß, die alljährlich bei einem feierlichen Gedenken verlesen wurde.
Früher hatte die Kaiserin der Versammlung höfischen Glanz verliehen. Jetzt jedoch, da die erste Dame des Reichs irgendeine Frau Soundso war, zog man es vor, unter sich zu bleiben, die ehemaligen und gegenwärtigen Elisenmädchen samt Eltern, Lehrern, dem sonstigen Personal sowie Freunden und Förderern der Anstalt, Letztere leider in schrumpfender Zahl. Ein Menetekel für die Herren vom Kuratorium. Das Vermögen nämlich, das Graf Pail seiner Stiftung beigegeben hatte, um die Türen auch für verarmte junge Damen mit makelloser Ahnenreihe offen zu halten, war im Laufe des Krieges und der schleichenden Geldentwertung ebenfalls geschrumpft. Kaum noch die Rede von Freistellen, im Gegenteil, alle Gebühren wurden erhöht und Mädchen akzeptiert, die anstelle von Ahnen nur zahlungskräftige Väter besaßen.
Sogar ein Fräulein Löwenthal war neuerdings im Gespräch, gänzlich konträr dem Willen des Stifters, und vielleicht hätte Herr von Rützow bei näherem Hinsehen Freda gleich wieder ins sichere Großmöllingen zurückbeordert. Aber seine Groß- und Urgroßmütter waren hier erzogen worden, seine Schwestern, Frauen, Cousinen, Tanten, Nichten, noch schien es undenkbar, dass sogar hinter diesen Mauern die Unordnung nisten sollte. Allein die bröckelnden Fassaden nahm er zur Kenntnis, und weil solch äußerer Verfall sich beheben ließ, spendete er eine größere Summe als ursprünglich vorgesehen für diesen Zweck, guten Glaubens, die Dinge damit ins Lot zu bringen.
Ein Irrtum, obwohl, was die Erziehung der Mädchen betraf, nach wie vor Graf Pails eherne Regel galt, dass Bescheidenheit eine Tugend sei, Luxus Sünde und Libertinage aller Laster Anfang. Gehorsam also hieß das Gebot, bei karger Kost und harten Betten und Pflichterfüllung von morgens bis abends und der zementierte Ablauf, begleitet von frommen Gesängen, zumal in den beiden Jahren vor der Konfirmation, deren Stille nur heimlich durchbrochen werden durfte. Graf Pails Gesetz. Aber das Geld folgte seinen eigenen: Es ließ die Mauern durchlässig werden, mischte falsche Elisenmädchen unter die echten und schickte schließlich alle gemeinsam in die Turbulenzen der sich immer schneller drehenden Welt.
Der private Unterricht im Stift nämlich, mit sechs Klassen und dem Höhere-Töchter-Programm, bisher Garant für das geschlossene System, hatte sich schon bald nach Fredas Ankunft als nicht mehr finanzierbar erwiesen, so dass die Mädchen fortan in die nächstgelegene öffentliche Schule geleitet wurden, mit Eskorte und uniformiert. Ein täglicher Spießrutenlauf, der jedoch aus der Enge in freiere Luft führte. Denn das neunklassige Helene-Lange-Lyzeum hatte den gleichen Lehrplan wie ein Gymnasium, ermöglichte das Abitur und galt darüber hinaus als Vorzeigeprojekt der jungen Republik, nicht ohne Konsequenzen für den Geist dieses Hauses. Die Lehrerinnen etwa wurden weder an Frömmigkeit, Kaisertreue noch Demut gemessen. Sie kamen von der Universität, gelegentlich sogar mit einem Doktortitel, und auch bei den Schülerinnen zählten andere Tugenden als die aus Graf Pails Katalog.
Höchst bedenklich dies alles in den Augen mancher Eltern, vor allem der Name der Anstalt. Die sattsam bekannte Helene Lange, konnte man im Rundbrief eines empörten Vaters lesen, gehöre immerhin zu jenen marktschreierischen Frauenriegen, die bereits unter dem Kaiser nicht nur Gymnasien, sondern sogar die Öffnung der Universitäten für Mädchen gefordert hatten, mit geringem Erfolg in Preußen glücklicherweise, und kaum verständlich, dass die Wahl der doch allseits hochverehrten Pröbstin nun ausgerechnet auf dieses Institut gefallen sei. Er bat um Unterstützung, worauf es Proteste gab, auch einige Abmeldungen. Doch selbst Herr von Rützow hatte dem Wechsel schließlich zugestimmt, im Vertrauen auf den ordnenden Einfluss des Stifts und in der Annahme, dass alles, was nach Abitur roch, seiner Tochter ohnehin fern läge. Wieder ein Irrtum, der größte und folgenreichste überhaupt: Sie entdeckte die Lust am Lernen.
Der Impuls kam von Ulrica Moll, einer Kaufmannstochter aus Bremen, die Medizin studieren wollte, sämtlichen Dingen auf den Grund ging und Fredas erste Freundin wurde, die richtige zur richtigen Zeit, wenngleich Herr von Rützow es anders sah. Aber als er erkannte, was dieses falsche Elisenmädchen in Bewegung gebracht hatte, war es zu spät.
Wie hätte er auch damit rechnen können. Früher, unter der Fuchtel von Mademoiselle Courrier, des örtlichen Pastors sowie eines pensionierten Mathematikprofessors, hatte Freda sich schnell abgewöhnt, den Stoff, den man ihr vorwarf, nochmals hin und her zu drehen. Lernen, ohne zu fragen, der schnellste Weg, um diese öden Stunden hinter sich zu bringen. Jedes Warum verlängerte die Prozedur, und Hauptsache, sie könne ordentlich rechnen und schreiben und nett Klavier spielen, sagte Herr von Rützow. Seine Tochter habe nun mal nicht das Zeug zum Blaustrumpf, und das sei gut so.
Jetzt jedoch, auf der neuen Schule, mit den neuen Lehrern, der neuen Freundin, wollte sie mehr wissen. Frage und Antwort, das neue Spiel. Der Eifer dieser Schülerin reiche weit über das geforderte Pensum hinaus, besagte das Jahreszeugnis, zur Freude der Pröbstin, deren strenges Lächeln in Fredas Nähe milder wurde, und Herr von Rützow schenkte ihr, obwohl sie sich vor Pferden fürchtete, eine hübsche braune Stute, in der Annahme, damit die Lust am Reiten zu wecken. Er wusste noch nicht, dass Ulrica Moll seine Tochter bald ganz und gar von dem entfernen würde, was ihm gefiel.
Verstehst du, warum wir das tun?«, hatte sie gefragt, als Freda zum ersten Mal mit ihr durch den Park von Sanssouci getrottet war, wo die Elisenmädchen in wohl geordneten Zweierreihen der Bevölkerung vorgeführt wurden, »die Gänse«, sagte man, »seht mal, da sind wieder die Gänse«.
Beide waren tags zuvor im Stift angekommen, fast gleichzeitig. Ihre Schränke und Betten standen nebeneinander, und schon beim Auspacken hatte Ulrica nach einigen Blicken auf die Nachbarin »ich glaube, ich mag dich« gesagt, ohne Umschweife, wie immer, wenn ihr etwas wichtig schien, während Freda erschrocken zurückwich. Gefühle, hatte Mademoiselle Courrier ihr eingeschärft, behalte man für sich, und davon abgesehen war Ulrica Moll einen ganzen Kopf größer als sie, strohblond und robust, genau wie die meisten Mitglieder der Rützowsippe. Sie selbst dagegen, klein, schmal, dunkelhaarig, schlug nach der mütterlichen Seite, und mit den Gurrlebens, hatte ihr die Cousine Melanie ausgerechnet zum siebten Geburtstag um die Ohren gehauen, sei nichts los, die hätten zwar viel Geld, lebten aber nicht lange, und sie werde bestimmt auch mal so jung sterben wie ihre Mutter, das sagten alle, eine Prophezeiung, die hin und wieder noch durch Fredas Träume spukte. Kein Wunder, dass sie vor zu viel Direktheit erschrak.
Ulrica indessen ließ sich nicht abweisen, und so sah man beide fortan nur noch nebeneinander, die Große mit dem hellen Haar, die Kleine mit dem dunklen, im Stift, bei den Andachten oder nachmittags im Park, wo Freda zum ersten Mal Ulricas »Warum« gehört hatte, »verstehst du, warum wir das tun müssen?«
Ein Schulterzucken, »weil es immer so gewesen ist«, kein Argument für Ulrica, weder jetzt noch sonst wann. Warum, fragte sie und nahm Freda mit auf die Suche nach den Antworten. Warum ist Afrika so heiß und die Sonne so hell, warum die Pröbstin so streng und der Pastor so müde, warum haben wir den Krieg verloren, warum soll man glauben, dass Gott gut ist eine Reise von dem, was sich im Lexikon nachlesen ließ, bis an die Grenze der Geheimnisse hinter Menschen, Worten, Taten, ob zu Fredas Glück oder Unglück, wer kann es sagen, wenngleich man vermuten muss, dass sie ohne Ulrica eine andere geworden wäre, eine Rützowtochter nach dem Geschmack ihres Vaters, statt in den Roggen zu geraten. Und ganz gewiss hätte es sie nicht nach Hünneburg verschlagen, die Stadt, in der Harro Hochberg geboren wurde, etwa um die Zeit, als sie mit ihrem Abschlußzeugnis ins Zimmer der Pröbstin trat, diesem ebenso glänzenden wie überflüssigen Dokument. Denn wozu die Obersekundareife, die vielen »Sehr gut«, die Beteuerung, wie gern man die begabte Schülerin zum Abitur geführt hätte. Alles nur für die Schublade, Papier, sonst nichts.
Es war im Frühling 1922, Gründonnerstag, noch eine Nacht, dann musste sie das Stift verlassen. Der Abschied von der Schule lag schon hinter ihr, die mitfühlenden Blicke und Wünsche, das eindringliche »Denk daran« der Zeichenlehrerin, der es um mehr als die Handhabung von Stift und Pinsel gegangen war. »Denk daran, auch die Abseite der Dinge zu suchen«, sagte sie noch einmal, doch Freda hatte sich abgewandt.
Und nun die Pröbstin. Sie stand neben ihrem Schreibtisch, groß und schwarz wie damals am ersten Tag, aber nicht mehr furchterregend. Ein langer Blick auf das Zeugnis. »In der Tat bedauerlich, dass du nicht länger bleiben kannst«, und Freda sagte: »Ich würde so gern studieren.«
Die Pröbstin lächelte, jenes besondere Lächeln, das Freda schon kannte, studieren, ja, sie könne es verstehen, das hätte ihr auch gefallen, außerordentlich sogar, aber damals vor vierzig Jahren sei allein der Gedanke unmöglich gewesen.
Sie nestelte an der schwarzen gerüschten Haube, das Zeichen ihres Amtes, jede der Vorgängerinnen, die nun in stummer Würde zu Porträts geronnen waren, trug es auf dem Scheitel. »Nein, kein Gedanke daran, absolut unmöglich in unseren Kreisen, sonst wäre ich gewiss über alle Hürden gegangen. Gut, dass es anders geworden ist.«
»Nicht für meinen Vater«, sagte Freda, und die Pröbstin nickte, »ich weiß, gleich nach dem Weihnachtsfest hat er es mir geschrieben. Er meint, ich müsste dich auf die rechte Bahn zurückbringen. Aber das, was er dafür hält, gibt es nicht mehr.«
Weihnachten in Großmöllingen, der zweite Feiertag, die Familie im blauen Zimmer beim Tee. Sie sitzen um den runden Tisch herum, auf Stühlen, deren Bezüge irgendeine Rützowfrau gestickt hat im fernen Biedermeier, und nun stickt die Stiefmutter an einem Gobelin, hastig, ohne Pause, als fürchtete sie, ihr Leben wäre nicht lang genug für die Jagdgesellschaft mit Rittern, Damen, Hündchen und Hirschen, und der kleine Stiefbruder rutscht ungeduldig hin und her, weil unterm Baum die neuen Spielsachen warten. Er ist Stammhalter, Erbe und Augapfel, seitdem die Diphterie den Erstgeborenen geholt hat. »Ich will aufstehen«, ruft er weinerlich, aber »Kinder mit'n Willen krich wat uff de Brillen«, lautet eine der Spruchweisheiten hierzulande, und so wendet Herr von Rützow sich Freda zu, »schade, morgen verlässt du uns schon wieder«, und Freda sagt, dass sie lieber noch länger im Stift bliebe, bis zum Abitur.

Produktinformationen

Titel: Das vierte Leben
Autor:
EAN: 9783990577516
ISBN: 978-3-99057-751-6
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Morawa Lesezirkel
Genre: Sonstige Literatur
Anzahl Seiten: 584
Gewicht: 839g
Größe: H208mm x B146mm x T40mm
Jahr: 2017
Auflage: 1