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Klang-Experimente

  • Kartonierter Einband
  • 230 Seiten
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Wissenschaftliche Forschung gilt gemeinhin als visuelles Unterfangen. In den exakten Wissenschaften wurde seit der Aufklärung jedo... Weiterlesen
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Beschreibung

Wissenschaftliche Forschung gilt gemeinhin als visuelles Unterfangen. In den exakten Wissenschaften wurde seit der Aufklärung jedoch auch das Gehör immer wieder als Erkenntnissinn mobilisiert. Axel Volmar rekonstruiert wesentliche Episoden auditiver Wissensproduktion, darunter die Erfindung des Stethoskops, Hörtechniken im Ersten Weltkrieg und die Geschichte des Geigerzählers als akustischem Messgerät, und leistet damit einen innovativen Beitrag zur Medien- und Sinnesgeschichte der Naturwissenschaften.

Autorentext

Axel Volmar ist Mellon Post-Doctoral Fellow am Department für Art History & Communication Studies der McGill University (Montreal).



Leseprobe
Erkenntnisform Klang-Experiment "Was ist Hören? Das Aufspüren eines Signals inmitten des Hintergrundrauschens." Michel Serres Im Jahr 1761 erschien im Verlagshaus Thomas Trattner die medizinische Abhandlung Inventum novum ex percussione thoracis humani ut signo abstrusos interni pectoris morbos detegendi. In diesem schmalen, kaum hundert Seiten umfassenden Bändchen beschreibt der Wiener Spitalsarzt Joseph Leopold Auenbrugger die von ihm entwickelte Methode der Perkussion, ein dia-gnostisches Verfahren zur Erkennung von Brustkrankheiten durch das Abklopfen des Oberkörpers. Die Vorrede beginnt mit den Worten: "Ich lege dir, günstiger Leser, ein neues von mir erfundenes Zeichen vor zur Ent-deckung der Brustkrankheiten. Es besteht dies im Anschlagen an den menschli-chen Brustkorb, aus dessen verschiedenem Widerhall der Töne sich ein Urteil über den inneren Zustand dieser Höhle gewinnen läßt. Weder der Anreiz zur Schriftstellerei noch der Überschwang der Spekulationen, sondern die siebenjährige Beobachtung war der Grund, das über diesen Gegenstand Entdeckte einzuteilen, zu ordnen und herauszugeben. [] Ich schrieb dasjenige nieder, was ich nach dem Zeugnis meiner Sinne unter Mühen und Anstrengungen immer wiederum in Erfahrung gebracht habe". Die Perkussion wird bis heute praktiziert und gilt als ein entscheidender Schritt in der Entwicklung physikalischer Untersuchungsmethoden. Viktor Fossel, der 1912 für die von Karl Sudhoff herausgegebene Reihe "Klassiker der Medizin" eine Neuübersetzung aus dem Lateinischen unternahm, schreibt in seiner Einleitung sogar zuversichtlich, die Perkussion dürfe "die bedeutendste Leistung der Heilkunde des 18. Jahrhunderts genannt werden". Fossel stellt dabei insbesondere den "naturwissenschaftliche[n] Charakter" der Methode heraus und betont, diese sei "auf dem Boden der Erfahrung und Beobachtung ausgereift und erst dann ans Licht gekommen, nachdem die Versuche die Überprüfung bestanden, das Experiment bis zur Höhe des strikten Beweises gediehen war." Der emphatische Bezug zum naturwissenschaftlichen Experiment ist in diesem Fall insofern bemerkenswert, da die Verwissenschaftlichung der ärztlichen Diagnose mit einem Rückgriff auf das Ohr als beobachtendem Sinnesorgan einhergeht. Mit anderen Worten: Die Bestimmung von Krankheit wird bei Auenbrugger zur akustischen Experimentalsituation. Mit der Perkussion kündigt sich Mitte des 18. Jahrhunderts ein spezifi-scher Erkenntnistyp an, der im Folgenden den Gegenstand dieser Studie bilden wird: Im Zuge der Verbreitung empirischer Methoden auf der epistemologischen Grundlage des wissenschaftlichen Versuchs entdecken die Naturwissenschaften das Gehör als Erkenntnisorgan. Auenbruggers "Zeichen" kann dabei modellhaft für ein breites Spektrum von Anordnungen und Praktiken stehen, die das Hören - zunehmend auch in Verbindung mit technischen Medien - zur Produktion und Interpretation experimentell erzeugter Daten nutzten. Annähernd zur gleichen Zeit wie Auenbrugger entwickelte etwa der englische Astronom James Bradley die sogenannte Auge-und-Ohr-Methode, um eine höhere Präzision bei der Messung von Sterndurchgängen zu erreichen. Mit der Erfindung des Ste-thoskops und der Auskultationsmethode durch den Pariser Arzt René Laënnec im Jahr 1816 entstand wiederum eine weitere und nicht minder revolutionäre diagnostische Hörtechnik im Bereich der Medizin. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts übernahmen Psychologen wie Wilhelm Wundt astronomische Experimentalanordnungen wie etwa die Auge-und-Ohr-Methode zur Durchführung von Reaktionsexperimenten, während in den Lebenswissenschaften das Telefon zur Beobachtung von Muskel- und Nervenströmen verwendet wurde. Diese Entwicklung setzte sich im 20. Jahrhundert fort. So entwarfen Experimentalpsychologen im Ersten Weltkrieg Apparate zur akustischen Lokalisation von Geschützen, Flugzeugen und Schiffen. Mit der Bioakustik bildete sich um die Analyse von Tierlauten ein ganzer Forschungszweig heraus. Akustische Darstel-lungen mit Geigerzählern bildeten seit den 1920er Jahren zudem einen festen Bestandteil strahlenphysikalischer Experimente zur Erforschung von Radioaktivität. Im Juni 1961, zweihundert Jahre nach der Ver-öffentlichung von Auenbruggers Traktat, berichtete der Psychoakustiker Sheridan Speeth schließlich von einem digitalen "akustischen Display", mit dem dieser unter anderem Musiker darauf trainiert hatte, in den mensch-lichen Hörbereich transponierte Seismogramme von Erdbeben und unterirdischen Atombombentests anhand ihres Klangs zu unterscheiden. Dieses Testverfahren, das zur Überwachung eines potentiellen Atom-waffensperrvertrags dienen sollte, gilt als ein wesentlicher Vorläufer der sogenannten "Sonifikation", das akustische Pendant zur wissenschaftlichen Datenvisualisierung. Seit 1992 existiert mit der International Community for Auditory Display (ICAD) eine internationale Fachgesellschaft, die sich primär mit der Erforschung von Sonifikationsverfahren und akustischer Datenrepräsentation beschäftigt. Gerade in den vergangenen zehn Jahren haben Ansätze von Wissenschaftlern, die ihr Datenmaterial zu Analysezwecken oder zur Veranschaulichung in einer akustischen Form aufbereiten und auf diese Weise etwa vulkanischer Aktivität (Geologie), Sonnenwinden und Gravitationswellen (Astronomie), simulierten Higgs-Bosonen (Teilchenphysik) oder Farbpigmenten (Restaurationswis-senschaft) lauschen, eine erstaunliche Konjunktur in naturwissenschaftli-chen Fachzeitschriften und den Wissenschaftsrubriken der Tagespresse erfahren. Das vorliegende Buch handelt von Versuchsanordnungen, die in der Geschichte der Naturwissenschaften und verwandter Gebiete dazu dien-ten, wissenschaftliche Erkenntnisse mithilfe des Gehörs und akustischer Technologien zu gewinnen. Dabei geht es explizit nicht um akustische und auditive Phänomene als Gegenstände wissenschaftlichen Erkenntnisinteres-ses (wie etwa in der Akustik oder der Stimm- und Hörphysiologie), son-dern um ihre Funktion als epistemische Werkzeuge zur Produktion von Daten und Fakten, die Schlussfolgerungen auf der Grundlage wissen-schaftlicher Kriterien erlaubten. In diesem Sinne wird im Folgenden von Klang-Experimenten die Rede sein. Sinnliche Erkenntnis Auditive Formen der Wissensproduktion werfen einige grundsätzliche Fragen auf, die den Stellenwert des Hörens in der westlichen Kultur im Allgemeinen und in der naturwissenschaftlichen Forschung im Besonderen betreffen - Formen auditiver Erkenntnisproduktion scheinen buchstäblich nicht in das Bild zu passen, das wir üblicherweise mit wissenschaftlicher Forschungspraxis verbinden. Das ist wenig überraschend, ist doch die moderne westliche Kulturgeschichte ihrer Selbsterzählung zufolge von einer "Hegemonie des Visuellen" bestimmt, die nicht zuletzt und gerade auch die Weisen der Erkenntnisproduktion betreffe. Bereits Heraklit äußerte bekanntlich die Ansicht, dass die Augen "genauere Zeugen" als die Ohren seien. Seit Platon ist die Suche nach Wahrheit und der Weg zu gesicherter Erkenntnis in visuelle Metaphern gefasst und im Bild einer "Hierarchie der Sinne" - mit dem Auge an der Spitze - verdichtet worden: Das platonische Höhlengleichnis, in dem die im Schatten lebenden Unwissenden durch die Philosophie dem bildhaften Sonnenlicht der Erkenntnis zugeführt werden sollen, die Lichtmetaphysik des Mittelalters und die Lichtmetaphern der Aufklärung sind nur einige der bekanntesten Beispiele, die fest zum Selbstverständnis der abendländischen Kultur als einer spezifisch visuellen gehören. Mit Nietzsche und Heidegger ist in der Philosophie des 20. Jahrhunderts zwar auch Kritik an einem solchen Visualprimat der Moderne laut geworden - der Historiker Martin Jay hat in diesem Zusammenhang von einem "antiokularen Diskurs" gesprochen, dessen verbindendes Element eine Verunglimpfung des Sehens ("denigration of vision") darstelle. Doch die kritische Haltung gegenüber der westlichen Fixierung auf das Visuelle scheint diese eher noch befeuert zu haben. Die große kulturhistorische These über die Differenz von Oralität und Literalität, der zufolge sich die westliche Kultur seit der Frühen Neuzeit und revolutioniert durch den Buchdruck zur symbolisch-ikonischen Kultur des bedruckten Papiers ent-wickelt habe, verlieh dieser Vorstellung in den 1960er Jahren zusätzliche Kraft. Marshall McLuhan und Walter Ong assoziieren in ihren Schriften immer wieder die Medien Schrift und Bild mit Rationalität, Fortschritt und der generellen Überlegenheit des Westens, während Klänge und auditive Kulturtechniken als Merkmale schriftloser Kulturen ausgewiesen werden und das Hören vorwiegend mit Attributen wie Irrationalität und Empfindung, Spiritualität und Primitivität belegt wird. Vorstellungen über scheinbar natürliche Aufgaben und Funktionen der Sinne durchziehen die gesamte Philosophiegeschichte und haben dazu beigetragen, dass deren Hierarchisierung bis heute beständig reproduziert wird. Das betrifft insbesondere auch epistemologische Fragen. Immer wieder ist etwa behauptet worden, dass der Hörsinn einen unmittelbaren und vor allem "subjektiven" Zugang zur Welt darstelle, während der Seh-sinn die Herstellung von kritischer Distanz und die Einnahme einer Perspektive erlaube, durch die erst ein "objektiver" und mithin wissen-schaftlicher Zugriff auf die Welt erfolgen könne. Repräsentativ für ein solches Denken ist etwa der Versuch von Hans Jonas, die antik-griechische Ordnung der Sinne in seinem 1954 erschienenen Artikel The Nobility of Sight auf eine moderne phänomenologische Grundlage zu stellen. Jonas zufolge sei das Auge in der Tat das privilegierte Erkenntnisorgan und der Mensch infolgedessen eine "pre-eminently seeing creature". Dabei artikuliert sich auch eine epistemologische Rangfolge der Sinne untereinander: Da sich nur dem Sehen die Welt in ihrer Mannigfaltigkeit und räumlichen Tiefe unmittelbar und auf einen Blick erschließe, schreibt Jonas, seien auch Konzepte wie Unendlichkeit und Objektivität in besonderer Weise mit dem Sehsinn verbunden: "Only the simultaneity of image allows the beholder to compare and interrelate: it not only offers many things at once, but offers them in their mutual proportion, and thus objectivity emerges pre-eminently from sight." Auch Wolfgang Welsch nährt noch 1993 die Vorstellung von einer onto-logischen Verfasstheit der Sinne: "Die Seinsweise von Sichtbarem und Hörbarem ist grundsätzlich verschieden. Das Sichtbare verharrt in der Zeit, das Hörbare hingegen vergeht in der Zeit. Sehen hat es mit Beständigem, dauerhaft Seiendem zu tun, Hören hingegen mit Flüchtigem, Vergänglichem, Ereignishaftem. Daher gehört zum Sehen eine Ontologie des Seins, zum Hören hingegen eher ein Leben vom Ereignis her. Aus dem gleichen Grund hat das Sehen eine Affinität zu Erkenntnis und Wissenschaft, das Hören hingegen zu Glaube und Religion." Generalisierende Bestimmungen der Sinne werden wie hier bei Welsch auffallend oft in Form von Gegensätzen und klaren Aufgabenverteilungen zwischen Auge und Ohr gefasst - Jonathan Sterne hat in seinem Buch The Audible Past vom Diskurs einer "audiovisuellen Litanei" gesprochen. Die Persistenz des Phänomens sei dafür verantwortlich, dass dem Akustischen bis heute ein prekärer epistemologischer Status eigne. Wissenschaftliche Klang-Experimente von der Perkussion bis zur aktuellen Sonifikationskultur scheinen vor diesem Hintergrund geradezu paradox: Denn wenn die westliche Kultur und mithin die Geschichte der Naturwissenschaften tatsächlich zutiefst oder gar ausschließlich auf visuellen Erkenntnisweisen und Repräsentationsformen beruhen würde, dürfte es auditive Formen der Wissensproduktion gar nicht geben. Indem epistemologische Konzepte wie Objektivität und Subjektivität direkt an bestimmte Wahrnehmungs-modi geknüpft werden, werden sie zu feststehenden, unwandelbaren Ei-genschaften der Sinne erklärt und damit essentialisiert. Neuere Arbeiten aus dem Bereich der Sensory Studies und der Sound Studies haben die Gültigkeit derartig generalisierender Klassifizierungen (Sehen = räumlich, rational, objektivierend; Hören = zeitlich, affektiv, subjektivierend) in den letzten Jahren als ideologische Verkürzungen kritisiert, weil sie den Blick auf die Historizität der Sinne verstellen. Ontologische Bestimmungen der Sinne sind daher problematisch. Autoren wie Sterne oder Eric Leigh Schmidt haben stattdessen vorgeschlagen, die kulturelle und epistemologi-sche Bedeutung der Sinne nicht auf scheinbar allgemeingültige Eigen-schaften zu reduzieren, sondern stattdessen die Kultur- und Wissensge-schichte konkreter Sinnes- und Medienpraktiken zu untersuchen und dabei insbesondere vermeintlich selbstverständliche Annahmen über den Sinn der Sinne zu hinterfragen. Historisch betrachtet stellt etwa wissen-schaftliche Objektivität keine feststehende Kategorie dar, sondern entstand, wie die neuere Wissenschaftsgeschichte gezeigt hat, als Effekt spezifischer Forschungspraktiken und "epistemischer Tugenden", die sich im Laufe der Zeit immer wieder veränderten. Ebenso auffällig wie suspekt ist auch die Abwesenheit von Medialitätsfragen im Diskurs der audiovisuellen Litanei. Wissenschaftliche Erkenntnisproduktion wird nicht durch den Gebrauch einer bestimmten Sinnesmodalität legitimiert, sondern von einer materiellen Kultur getragen, die die wissenschaftlichen Sinne durch Instrumente, Apparaturen und medientechnische Verfahren ergänzt, transzendiert oder substituiert. Allerdings herrscht selbst in der Wissenschaftsgeschichte ein okularzentrischer beziehungsweise "planozentrischer" Diskurs vor. So hat insbesondere das Problem der Repräsentation seit den 1980er Jahren zu einer verstärkten Auseinandersetzung mit visuell-grafischen Strategien der Erzeugung und Darstellung wissenschaftlicher Fakten, der Signifikanz von Inskriptionsprozessen und der lokalen Situiertheit wissenschaftlicher Erkenntnisproduktion geführt. Peter Galison hat in seinem Buch Image and Logic die zentrale Bedeutung von visueller Darstellung und Datenproduktion in der apparativen Kultur der Teilchenphysik aufge-zeigt. Ihre Geschichte des Objektivitätsbegriffs haben Galison und Lor-raine Daston ebenfalls primär am Beispiel des wissenschaftlichen Sehens und Bildermachens untersucht. Bruno Latour hat die basalen Tätigkeiten wissenschaftlicher Praxis sogar explizit als ein "thinking with eyes and hands" charakterisiert, während Michael Lynch wissenschaftliche Visualisierungen als die "externalisierte Retina" der Naturwissenschaften bezeichnet hat. In ihrem Sammelband zur Geschichte der wissenschaftlichen Beob-achtung heben Lorraine Daston und Elizabeth Lunbeck die Bedeutung des Zusammenspiels von wissenschaftlicher Wahrnehmung und technischen Werkzeugen hervor: "Observation is the most pervasive and fundamental practice of all the modern sciences, both natural and human. Its instruments include not only the naked senses but also tools such as the telescope and microscope, the questionnaire, the photographic plate, the notebook, the glassed-in beehive, and myriad other ingenious inventions designed to make the invisible visible, the evanescent permanent, the abstract concrete." Obwohl allerdings die Praxis wissenschaftlicher Beobachtung hier zu-nächst auf die Sinne im Allgemeinen - "the naked senses" - bezogen wird, handelt es sich bei den im Anschluss angeführten Beispielen ausnahmslos um (zumeist technische) Verfahren, die das Unsichtbare sichtbar machen sollen. Ebenso verhält es sich bei Galison und Latour. Das Sehen als primärer Sinn wissenschaftlicher Erkenntnis sowie der Rückgriff auf Bildgebungs- und Aufschreibeverfarhen im Rahmen von Forschungsprozessen gilt sowohl in den Naturwissenschaften selbst als auch in den mit ihnen befassten Metadisziplinen als offenbar ebenso selbstverständlich wie alternativlos. Die auditive Kultur der Naturwissenschaften Zweifelsohne nehmen der Sehsinn, optische Instrumente und grafisch-visuelle Repräsentationsverfahren eine zentrale Stellung bei der Produktion wissenschaftlicher Erkenntnis ein. Die Studie hat daher auch nicht die Absicht, die Bedeutung des Visuellen in der Wissenschaftsgeschichte zu relativieren oder gar zu bestreiten. Es geht ihr vielmehr darum, die Aufmerksamkeit auf Forschungspraktiken jenseits der visuellen Kultur der Wissenschaften zu lenken. Wissenschaftler sind ihren Gegenständen je nach Problemlage und Forschungsfrage von jeher mit allen zur Verfügung stehenden Sinnen und technischen Beobachtungs- und Darstellungsmitteln entgegengetreten. Die epistemologischen Implikationen von Hörpraktiken und akustischen Darstellungsformen sind jedoch bisher noch nicht in einem größeren historischen Zusammenhang untersucht worden. Akustische Phänomene und Hörwahrnehmungen wurden in der Wissenschaftsgeschichte vor allem im Rahmen von Historiografien der wissenschaftlichen Akustik und akustischer Medientechnologie behandelt. Hinsichtlich ihrer möglichen Funktion als epistemisches Werkzeug sind der Klang und das Hören erst innerhalb der letzen Jahre gezielter thematisiert worden. So hat etwa Cyrus Mody die akustischen Gegebenheiten in den Laboren von Ober-flächenphysikern analysiert und dabei beobachtet, dass wiederholt auftre-tende Geräusche, die etwa von der verwendeten Messtechnik verursacht werden, die Entstehung leiblich gebundenen Handlungswissens fördern, durch das die Forschenden intuitiv mit ihren Laborinstrumenten agieren. Neuere Veröffentlichungen aus dem Bereich der Wissenschaftsgeschichte und den Science and Technology Studies haben darüber hinaus gezeigt, dass das Ohr auch in der Geschichte der Naturwissenschaften immer wieder als Erkenntnisorgan rekrutiert wurde und häufig enge Verbin-dungen zwischen der naturwissenschaftlichen Forschung und der jeweils aktuellen Musikkultur und bestanden. Klang-Experimente erzählt im Anschluss an diese Vorarbeiten eine Ge-schichte des Hörens, in der das Auditive nicht als das Andere, sondern als fester Bestandteil naturwissenschaftlicher Forschungspraxis begriffen wird. Die Studie versucht daher zu zeigen, dass neben der visuellen auch eine facettenreiche auditive Kultur der Naturwissenschaften existiert. Sie wird von der These geleitet, dass zweckgerichtete Techniken des Hörens und akustische Darstellungen schon seit der Aufklärung zur Produktion wis-senschaftlicher Erkenntnis vewendet wurden, diese jedoch nur unter be-stimmten Voraussetzungen genutzt und erfolgreich in die wissenschaftliche Forschungspraxis integriert wurden. Das Ziel der Studie besteht darin, diese Bedingungen herauszuarbeiten und dadurch einen Beitrag zur Sinnes- und Mediengeschichte der Naturwissenschaften zu leisten. Die Arbeit versteht sich somit auch als Komplementärgeschichte zu den existierenden wissenschaftshistorischen Arbeiten zur visuellen Kultur der Naturwissenschaften. Wie aber schreibt man eine Geschichte epistemischer Klänge und wis-senschaftlicher Hörpraktiken, von denen in der Regel keine Schallaufzeichnungen existieren und damit auch keine akustischen Archive? Wie lassen sich Verfahren auditiver Erkenntnisproduktion konkret untersuchen, beschreiben und analysieren? Um nicht in die Falle transhistorischer Essentialismen zu gehen, zielt die Studie nicht auf einen allgemeinen Vergleich von Seh- und Hörsinn beziehungsweise von Bildern und Klängen, sondern untersucht Hörpraktiken und akustische Apparaturen in konkreten wissenschaftlichen Forschungszusammenhängen. Praktiken und Technologien der auditiven Erkenntnisproduktion, die im Rahmen von Klang-Experimenten zum Einsatz kamen, bezeichne ich im Rückgriff auf Steven Feld im Folgenden als akustemische Verfahren. Als "Acoustemology" hat Feld einen methodischen Zugang beschrieben, der primär über das Ohr des im Feld befindlichen Ethnologen erfolgen soll. Aus epistemologischer Sicht lässt sich unter dem Begriff der akustemischen Verfahren die Gesamtheit auditiver Praktiken und akustischer Verfahren und Technologien subsu-mieren, die der Erzeugung von Spuren, Daten, Fakten und anderen For-men von Wissen dienen können. Die Forschungskultur der Naturwissen-schaften stellt dabei ein besonders geeignetes Untersuchungsfeld dar, um Fragen hinsichtlich einer auditiven Produktion von Wissen zu behandeln und gleichzeitig die vermeintlich allgemeingültigen Funktionen der Sinne und ihre kulturellen Zuschreibungen zu hinterfragen, da gerade in den so-genannten exakten Wissenschaften die Ideale von Rationalität und Objek-tivität sowie die praktische Fabrikation "objektiver" Fakten einen privile-gierten Platz einnehmen. Daher werden historische Fallbeispiele auditiver Erkenntnisproduktion untersucht, die bereits über längere Zeiträume hin-weg mehr oder weniger erfolgreich in der Praxis eingesetzt wurden. Die Studie schließt an theoretische und methodische Ansätze aus dem Bereich der neueren Wissenschaftsgeschichte und der Science and Technology Studies an. Zahlreiche Arbeiten zur sozialen Konstruktion von Wissen, aus dem Bereich des Neuen Experimentalismus und der historischen Epistemologie haben auf die soziale und situative Bedingtheit der Wissensproduktion verwiesen. Die Bedeutung von Phänomenen und ihren medialen Repräsentationen in wissenschaftlichen Forschungsprozessen kann nur im Spiegel spezifischer historischer und lokaler Umstände, sozialer Beziehungen und technischer Übersetzungsketten sinnvoll erklärt werden. Die Gegenstände der sinnlichen Wahrnehmung entfalten ihre epistemische Wirkmächtigkeit in experimentellen Forschungsprozessen nur zu einem geringen Teil aufgrund vermeintlich essentialistischer Gegebenheiten, sondern wesentlich durch das komplexe Zusammenwirken soziokultureller, lokaler, technischer und ästhetischer Kontexte, die historisch gewachsen und kontingent sind. Forschungsprozesse sind immer schon Sonderfälle, die von konkreten Umständen und vor allem von Hindernissen geprägt sind. Im Anschluss an Michel Foucault lässt sich die Nutzung des Ohrs als Erkenntnisorgan in vielen Fällen auf konkrete, wenn auch zumeist lokale "Notstände" zurückführen, die den Prozess der Wissenserzeugung unter-brechen oder erschweren und die Forscher dazu zwingen, ihr Experimen-talsystem, das Dispositiv der wissenschaftlichen Beobachtung und Daten-produktion, durch die Integration von neuen epistemischen Praktiken zu modifizieren. Klang-Experimente entstehen bevorzugt unter dem Ein-druck vorherrschender Un-Sichtbarkeiten, das heißt in Situationen, in de-nen aus den unterschiedlichsten Gründen ein visueller Zugang zu den epistemischen Objekten versperrt oder deren Repräsentation mittels Visu-alisierung oder Inskription nicht möglich ist, so dass die Wahl alternativer Zugriffe begünstigt wird. Als Folge solcher Un-Sichtbarkeiten, so die The-se, bildeten sich spezifische Konfigurationen aus, die zu räumlich und zeitlich begrenzten Konjunkturen auditiver Erkenntnisproduktion führten. Um dem methodischen Problem der "Flüchtigkeit" von Klängen zu begegnen, bilden die primären Untersuchungsgegenstände der Fallanalysen nicht nur akustische (auf Schall bezogene) und auditive (auf die Hörwahrnehmung bezogene) Phänomene, sondern vor allem die loka-len soziotechnischen Konstellationen und Übersetzungsketten, in denen akustemische Verfahren klar bestimmbare Systemstellen besetzen. Die Bedeutung auditiver Erkenntnisweisen erschließt sich auf diese Weise weniger über die Klänge selbst als vielmehr über ihren Ort und ihre Funktion im epistemischen Netzwerk oder Experimentalsystem. Insbesondere Bruno Latours frühe Schriften bieten hier Ansatzpunkte. In seinem Aufsatz Drawing Things Together hat Latour die fundamentale Bedeutung von Papier und anderen physischen Inskriptionsflächen und Zeichenträgern für die Geschichte der Herstellung, Stabilisierung und Durchsetzung von Wissen herausgestellt. In seinem Essay The "Péofil" of Boa Vista beschäftigt sich Latour außerdem mit der Nutzung wissenschaftlicher Bilder und Inskriptionsverfahren zur Produktion von "Referenzketten". Er beschreibt den wissenschaftlichen Forschungsprozess als ein beständiges Überführen von Dingen in Worte, als eine Kette der Übersetzungen und Transformationen von Phä-nomenen aller Art in Anordnungen, Inskriptionen und Zeichen. Zum Abstraktionsprozess jeder Übersetzung gehöre, dass man immer etwas opfern müsse (Materie), um etwas Neues hinzugewinnen zu können (Symbolisches). Nur auf diesem Wege könnten sich neue Sichtweisen auf die Ausgangssituation und damit einhergehend auch neue Einsichten ergeben. Bilder und Inskriptionen entfalten ihr erkenntniserzeugendes Potential also nicht aufgrund ihrer visuellen Verfasstheit als solcher - wie es etwa Wolfgang Welsch nahelegt -, sondern kraft ihrer Eigenschaft, auf vorgefundene Sachverhalte zurückverweisen und so die Elemente in einer Kette von Referenzen bilden zu können. Latours Beobachtungen gehen allerdings implizit davon aus, dass wissenschaftliche "Einsichten" auch tatsächlich immer anhand von Inskriptionen (Schriften) und Visualisierungen (Bilder) gewonnen werden. Es besteht jedoch kein Grund zu der Annahme, dass Klänge nicht auf die gleiche Weise untersucht werden könnten wie Bilder und Inskriptionsverfahren. Es liegt daher nahe, die Funktionen epistemischer Klänge über die (oft intermedialen) Übersetzungs- und Operationsketten zu rekonstruieren, in die diese eingebettet sind, und dadurch ihren jeweiligen Platz innerhalb solcher Ketten zu bestimmen. Daraus ergibt sich zudem die Einsicht, dass Klänge nicht per se wissenstragend sind. Wie sich zeigen wird, waren in vielen Fällen aufwändige Übertragungen und Zuordnungsprozesse nötig, um Klänge in akustische Repräsentationen beobachteter Phänomene zu transformieren. Die Resultate solcher Konstruk-tionsprozesse schlagen sich in spezifischen Repertoires aus Klangzeichen, Taxonomien und Vokabularien sowie seltener auch in Form von Schall-archiven und akustischen Atlanten nieder, deren Analyse wiederum Auf-schluss über die Praktiken der Erkenntnisproduktion gibt. Michael Polanyi hat mit seinen Überlegungen zum sogenannten impli-ziten Wissen zudem darauf aufmerksam gemacht, dass mit experimenteller Forschungstätigkeit ein nicht zu unterschätzender Anteil an körperlichen und perzeptiven Praktiken verbunden ist, der den Akteuren selbst jedoch selten bewusst ist. Die Anerkennung der Bedeutung körperlichen Handlungswissens hat in den Science and Tech-nology Studies und der Wissenschaftsgeschichte zu einer stärkeren Berücksichtigung praktischer Fähigkeiten und Fertigkeiten ("skills") und zu einer zunehmenden Übertragung ethnografischer Methoden auf historische Untersuchungen geführt - ein Prozess, der seinen prominenten Ausdruck in dem Slogan "follow the actors" gefunden hat. Selbstredend sind empirischen Zugängen in der historischen Forschung durch die faktische Abwesenheit ihrer Gegenstände und Akteure Grenzen gesetzt. Praxeologische Perspektiven haben daher vorgeschlagen, im Rahmen diskurshistorischer Vorgehensweisen nicht nur die Entwicklung bestimmter Wissensformationen zu verfolgen, sondern auch die körperlichen und technischen Praktiken aus vorhandenem Quellen-material zu rekonstruieren. Im Hinblick auf akustemische Verfahren lassen sich zwei grundlegende Arten von sonischen Fertigkeiten - Trevor Pinch und Karin Bijsterveld sprechen von "sonic skills" - unterscheiden: erstens körperliche Praktiken des geschulten Ohrs und zweitens (medien)-technische Praktiken zur Hörbarmachung des Unhörbaren. Pinch und Bijsterveld unterscheiden in der Einleitung des von ihnen herausgegebenen Oxford Handbook of Sound Studies vier erkennt-nisgenerierende Hörweisen beziehungsweise "modes of listening": "Monitory listening is the kind of auditory surveillance that scientists, engineers, and physicians employ in order to check the proper functioning of instruments, machines, and patient's bodies []. Diagnostic listening refers to the mode of listening that physicians apply to identify pathologies when using a stethoscope []. Exploratory listening is listening to discover new phenomena. [] Synthetic listening, finally, focuses on the understanding of polyphonic patterns of sound, such as in the sonification of scientific data". Diese Hörmodi werden uns in der ein oder anderen Form im Folgenden immer wieder begegnen. Hörpraktiken wurden jedoch auffallend häufig auch zur Bestimmung von Richtungen, Orten, Ausdehnungen und anderen räumlichen Parametern genutzt. Einem weiteren Hörmodus, dem lokalisierenden Hören, fällt daher eine entscheidende Bedeutung bei der auditiven Produktion von Erkenntnis zu. Der Umstand, dass gerade die Produktion räumlicher Informationen einen wesentlichen Zweck akustemischer Verfahren ausmachte, zeigt, dass die gängige Vorstellung, das Hören bezöge sich primär auf zeitliche und das Sehen auf räumliche Aspekte der Wahrnehmung, ein mehr oder weniger haltloses Vorurteil darstellt, das sich aus der vorschnellen Verallgemeinerung bestimmter Beispiele erklärt. Welche Faktoren aber fördern beziehungsweise erschweren eine Ver-breitung von Klang-Experimenten als Erkenntnisform? Um diese Frage zu beantworten, werden nicht nur die Möglichkeiten, sondern ebenso die Grenzen wissenschaftlicher Hörtechniken bestimmt. Über den Erfolg und die Verbreitung wissenschaftlicher Praktiken und Theorien entscheiden wie oben angedeutet nicht nur wissenschaftsimmanente Faktoren, sondern nicht zuletzt das diskurspolitische Umfeld. Neue Erkenntnisverfahren müssen nicht nur wissenschaftlich kohärent sein, sondern auch in der wissenschaftlichen Gemeinschaft auf Akzeptanz stoßen. Daher werden nicht nur die jeweiligen Entstehungs-, sondern auch die Rezeptionskontexte akustemischer Verfahren berücksichtigt. Erfolgreiche Verfahren werden dabei genauso behandelt wie solche, die nur eine kurzfristige oder lokal begrenzte Bedeutung in der wissenschaftlichen Praxis erlangten, etwa weil sie von Fachkollegen zurückgewiesen oder von anderen Verfahren verdrängt wurden. Die Analyse dieser Dynamiken zeigt, dass sich auditive Verfahren nur dann durchsetzen können, wenn sie in das epistemische Paradigma einer wiss...

Inhalt
Inhalt Erkenntnisform Klang-Experiment7 Sinnliche Erkenntnis9 Die auditive Kultur der Naturwissenschaften 13 Kapitelübersicht19 1Mit den Ohren sehenDiagnostische Hörtechniken um 1800 22 Auenbruggers Perkussion: Patientenkörper als Resonanzraum 24 Laënnecs Stethoskop: Die akustische Vermessung des Körpers36 Geräusche und Schattenbilder46 Medizinisches Medientheater auf dem Zauberberg51 Resümee: Hörsysteme und geschulte Ohren55 2Das Unsichtbare hörbar machenDas Telefon als Instrument der Elektrophysiologie 60 "Ruft man ihm zu: Zucke! so zuckt der Schenkel" 62 Das Telefon als Elektrometer und akustische Anzeige65 "Telephonische Methode" und grafische Repräsentation76 Mediatisierte Auskultationen80 Resümee: Akustische Anzeigen im Labor85 3Das Ohr im FeldHörtechniken und Schallmessverfahren im Ersten Weltkrieg88 Hören an allen Fronten90 Formen akustischer Aufklärung93 Nach dem Krieg: Hörerfahrungen kommunizieren100 Demobilisierung des Ohrs106 Resümee: Klanglandschaften und funktionale Hörräume112 4Das Knacken des GeigerzählersAkustische Darstellung im Dienst der Strahlenphysik115 Frühe Verfahren zum Nachweis von Radioaktivität 116 Akustische Beobachtung mit dem Telefon123 Ein "Trommelfeuer von akustischen Signalen"128 Jenseits des Labors: Geigerzähler als Suchtechnologien134 Resümee: Vom Klang des Labors zum Sound der Gefahr 139 5Der Sound des Kalten KriegesSeismogramme, Psychoakustik und das Atomteststoppabkommen147 Das "Detection problem" oder: Wissenschaft macht Politik149 Ein akustisches Display für den Weltfrieden154 An der Heimatfront des Kalten Krieges 162 The method, not the man: Das zweite Team166 Resümee: Die Politik des Geräuschs174 Epistemische Klänge und wissenschaftliches Hören 179 Anmerkungen187 Abbildungsnachweise209 Literatur211 Dank229

Produktinformationen

Titel: Klang-Experimente
Untertitel: Die auditive Kultur der Naturwissenschaften 1761-1961
Autor:
EAN: 9783593502786
ISBN: 978-3-593-50278-6
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Campus Verlag GmbH
Genre: Allgemeines & Lexika
Anzahl Seiten: 230
Gewicht: 301g
Größe: H215mm x B146mm x T17mm
Veröffentlichung: 07.09.2015
Jahr: 2015

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