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Aufbruch der entsicherten Gesellschaft

20 Jahre nach der deutschen Einigung handeln die Menschen in Ostdeutschland immer noch unter dem Einfluss der Ost-West-Differenz u... Weiterlesen
Fester Einband, 491 Seiten  Weitere Informationen
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Beschreibung

20 Jahre nach der deutschen Einigung handeln die Menschen in Ostdeutschland immer noch unter dem Einfluss der Ost-West-Differenz und anhaltender Unsicherheit. Das Buch zeichnet die Entwicklungslinien des Einigungsprozesses sowie den internationalen Kontext seit 1989/90 bis heute nach. Es bündelt die Erträge des Forschungsverbunds "Gesellschaftliche Entwicklungen nach dem Systemumbruch" der Universitäten Jena und Halle, der weltweit einzigen Großforschung, die sich über zehn Jahre interdisziplinär und vergleichend entlang der Themen Eliten, Arbeit, Regionalität und Partizipation der Transformationsforschung widmete.

Autorentext

Heinrich Best ist Professor für Empirische Sozialforschung und Sozialstrukturanalyse an der Universität Jena. Everhard Holtmann ist Professor für Systemanalyse und Vergleichende Politik an der Universität Halle-Wittenberg.



Zusammenfassung
Aufbruch der entsicherten Gesellschaft "Die Lektüre lohnt sich ohne Einschränkung ... Die Präzision, mit der gearbeitet wird, macht die Aussagefähigkeit der Texte unangreifbar." (Das Parlament, 26.11.2012)

Leseprobe
In Zeiten wie diesen wird, wie es der Soziologe Hans Braun exemplarisch für die 1950er Jahre der alten Bundesrepublik formuliert hat, das generelle Bedürfnis, Sicherheit herzustellen, zu einer beherrschenden gesellschaftlichen Zielvorstellung (Braun 1978: 280). Es gehe darum, so Braun, jene "Unsicherheitsfelder" einzudämmen, die aus der Dynamik eines beschleunigten sozialen Wandels hervorgehen. Hierfür sind individuelle Handlungsanleitungen und kollektive Strategien gleichermaßen vonnöten (ebd.: 279). Ganz ähnlich hatte Jahrzehnte zuvor, mit Blick auf das anlaufende Demokratieprojekt im nachnationalsozialistischen Deutschland im Jahr 1945, Brauns US-amerikanischer Kollege Talcott Parsons die psychologischen Voraussetzungen für einen kontrolliert verlaufenden Wandel der Gesellschaft (Controlled Institutional Change) beschrieben. Um eine grundlegende Modernisierung von Politik und Gesellschaft durchzusetzen, müssen, so Parsons, alte Verhaltensmuster gegen neue ausgetauscht werden. Indes tendierten die eingeschliffenen Institutional Patterns der alten Zeit zur Selbsterhaltung, wobei ihnen das Beharrungsvermögen alter Netzwerke (Vested Interests) zugute käme. Um deren blockierende Wirkkräfte zu neutralisieren, müsse man sie - sei es mit Anreizen, sei es durch Ausüben von Druck - zu "Redifinitionen" sozialer Strukturbildungen und Handlungsmuster bewegen. Zum anderen sei es angezeigt, Bündnisse zu schmieden mit den Pionieren der gesellschaftlichen Modernisierung, die in Zeiten des Wandels ebenfalls bereit stünden und ihre Chance suchten: "There are 'allies' within the social system itself which can be enlisted on the side of change in any given direction" (Parsons 1993 [1945]: 397ff.). Diese Konstellation, die Parsons idealiter beschrieb, wird in den Abläufen der beiden jüngeren deutschen Systemwechsel zur Demokratie, demjenigen von 1945/49 in Westdeutschland und jenem von 1989/90 in Ostdeutschland, gut erkennbar. Allerdings jeweils mit zeittypischen Ausprägungen: Während im westlichen Nachkriegsdeutschland einerseits nationalsozialistisch belastete Angehörige der neuen Positions- und Werteliten vielfach unbehelligt weiter in Amt und Würden blieben, andererseits aber in der Gesellschaft früh ein formales Einverständnis mit der Demokratie entstand, das Eliten und Bevölkerung vereinte und in den 1970er Jahren sich in der Richtung wachsender politischer Partizipation materiell erweiterte (Almond/Verba 1963; Gabriel 1987), waren umgekehrt in Ostdeutschland nach 1990 die neuen Führungsschichten in Politik, Verwaltung und Wirtschaft nicht vergleichbar korporativ politisch vorbelastet und fanden auch bemerkenswert schnell zu einer professionell konvergenten Grundhaltung. Andererseits hat sich in den neuen Bundesländern hinsichtlich der Bewertung zentraler politischer und gesellschaftlicher Fragen seit der Einigung die Kluft zwischen "unten" und "oben" teilweise verbreitert (Aderhold u.a. 2010a). Auch stagniert das bürgerschaftliche und politische Engagement auf niedrigerem Niveau oder entwickelt sich inzwischen sogar rückläufig (vgl. Bundesministerium 2010). Der diachrone Vergleich macht zudem deutlich, wie unterschiedlich beide deutschen Transformationsgesellschaften mit der elementaren Herausforderung, Unsicherheit in neuerliche Sicherheit zu verwandeln, umgegangen sind. Für die westdeutsche Nachkriegsgesellschaft wurde, nachdem die der Währungsreform von 1948 folgende Stabilisierungskrise abgeflaut war, ein Lebensgefühl sozial konstitutiv, das, wie Helmut Schelsky beobachtete, "in einer unwahrscheinlichen Arbeitsenergie [und] in einem breiten Aufstiegs- oder Wiederaufstiegsstreben" zum Ausdruck kam (Schelsky 1965 [1955]: 407; vgl. Schelsky 1965 [1953]; neuestens Holtmann 2012c). Der eineinhalb Jahrzehnte anhaltende wirtschaftliche Aufschwung der Wirtschaftswunderjahre entlohnte diese individuelle Anstrengung mit materiellen Gratifikationen, die das Gros der Gesellschaft absicherte (siehe die Daten

Inhalt

Inhalt

Einleitung

Die langen Wege der deutschen Einigung: Aufbruch mit vielen Unbekannten 9

Heinrich Best und Everhard Holtmann

IAufrisse

Von der KSPW zum SFB 580 - Vorgeschichte und Basiskonzept

des Sonderforschungsbereich43

Rudi Schmidt

IIBruch, Kontinuität, Zirkulation - Karrieren,

Lebensverläufe und Einstellungen von Eliten

Die DDR-Gesellschaft als Ungleichheitsordnung:

Soziale Differenzierung und illegitime Statuszuweisung 63

Heinrich Best, Ronald Gebauer, Dietmar Remy und Axel Salheiser

Zweimal Deutsche Vereinigung: System- und Sozialintegration

der politischen Eliten nach 1871 und 1990 im Vergleich 85

Heinrich Best und Lars Vogel

Vom sozialistischen Leiter zum mittelständischen Unternehmer -

Ostdeutsche Unternehmensleiter nach zwei Jahrzehnten

der Transformation 104

Bernd Martens und Ralph-Elmar Lungwitz

So nah - und doch so fern? Lokale Eliten im Spannungsfeld von

Transformation und politischer Professionalisierung 123

Jens Aderhold, Katrin Harm, Everhard Holtmann und Tobias Jaeck

"Die Anderen" - Parteifreie Akteure in der lokalen Risikogesellschaft 150

Everhard Holtmann, Kristine Khachatryan, Adrienne Krappidel,

Rebecca Plassa, Christian Rademacher und Maik Runberger

Ostdeutsche Generationen als Einwanderer in der Bundesrepublik

und die Perspektiven der Wendekinder als Generation 172

Tanja Bürgel

IIIInterne und externe Arbeitsmärkte: Aufbruch in

"flexible" Beschäftigungsverhältnisse

Der Beitrag des Arbeitsrechts zur Strukturbildung im

demografischen Umbruch 189

Wolfhard Kohte, Mirka Burkert und Anja Schika

Ostdeutsche Betriebe im demografischen Umbruch 202

Holle Grünert, Thomas Ketzmerick, Burkart Lutz und Ingo Wiekert

Generalisierung von Unsicherheit? Transformationen des

ost-westdeutschen Arbeitsmarktes222

Alexandra Krause, Christoph Köhler, Olaf Struck, Alexandra Böhm,

Susanne Gerstenberg und Stefan Schröder

IVRegionalität und Geschichtlichkeit:

Territoriale Fußabdrücke im Transformationsprozess

Die regionale Kultur unternehmerischer Selbstständigkeit im

Transformationsprozess 239

Michael Fritsch, Elisabeth Bublitz, Alina Rusakova,

Yvonne Schindele und Michael Wyrwich

Regionale Kulturmuster langer Dauer als Hintergrund von

Umbruchserfahrungen: das Beispiel des thüringischen Eichsfeldes 260

Anita Bagus

Transformationsprozesse der Kinder- und Jugendhilfe in

Deutschland nach 1989 280

Karl Friedrich Bohler, Anna Engelstädter, Tobias Franzheld und Bruno Hildenbrand

VIndividuelle Bewältigung und Selbsttätigkeit in Zeiten

von Strukturbruch und Strukturbildung

Sozialer Wandel und subjektives Wohlbefinden: Die Rolle von

Anforderungen, Bewältigung, Ressourcen und Kontexten 305

Rainer K. Silbereisen, Martin J. Tomasik und Matthias Reitzle

Mitmachen und Mitreden: Sozialmoralische Orientierungen

von bürgerschaftlich Engagierten im Ost-West-Vergleich 328

Michael Beetz, Michael Corsten, Hartmut Rosa und Torsten Winkler

Bewährungsproben für die Unterschicht: Wirkungen aktivierender

Arbeitsmarktpolitik 347

Melanie Booth, Klaus Dörre, Tine Haubner, Kai Marquardsen,

Karin Scherschel und Karen Schierhorn

Vom "verdienten Ruhestand" zum "Alterskraftunternehmer"?

Bilder des Alter(n)s im gesellschaftlichen Wandel nach dem

Systemumbruch 369

Tina Denninger, Silke van Dyk, Stephan Lessenich und Anna Richter

"Jeder nach seinen Fähigkeiten, Jedem nach seinen Bedürfnissen!" -

Rehabilitation und Pflege nach dem Systemumbruch 388

Johann Behrens, Christiane Becker, Almuth Berg, Steffen Fleischer,

Gero Langer, Katrin Parthier, Michael Schubert, Yvonne Selinger,

Markus Zimmermann und Andreas Weber

VISynopse

Institutionelle Transformation - Habituelle Irritation -

Sozialstrukturelle Petrifikation: Empirische Befunde und

transformationstheoretische Schlüsse zur deutschen Vereinigung 417

Steffen Schmidt und Hartmut Rosa

Gesamtliteraturverzeichnis 442

Forschungsprojekte des Sonderforschungsbereichs 580 (2008-2012) 487

Autorinnen und Autoren 489

Produktinformationen

Titel: Aufbruch der entsicherten Gesellschaft
Untertitel: Deutschland nach der Wiedervereinigung
Editor: Heinrich Best Everhard Holtmann
Schöpfer: Jens Aderhold Anita Bagus Christiane Becker Michael Beetz Johann Behrens Almuth Berg Heinrich Best Karl Friedrich Bohler Alexandra Böhm
EAN: 9783593397740
ISBN: 978-3-593-39774-0
Format: Fester Einband
Herausgeber: Campus Verlag GmbH
Genre: Medien & Kommunikation
Anzahl Seiten: 491
Gewicht: 806g
Größe: H243mm x B164mm x T35mm
Jahr: 2012
Auflage: 1. Aufl. 10.2012

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