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Elefantengedächtnis

  • Fester Einband
  • 208 Seiten
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Leseprobe
Wut und Haß, ätzende Kritik, boshafte Ausbrüche ins Phantastische, Skurrile und Komische - in Lobo Antunes' Erstling spricht ... Weiterlesen
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Beschreibung

Wut und Haß, ätzende Kritik, boshafte Ausbrüche ins Phantastische, Skurrile und Komische - in Lobo Antunes' Erstling spricht einer, der sich an der Welt reiben muß, um nicht an ihr zugrunde zu gehen. Und in nuce enthält dieser autobiographische Roman, dessen Titel auf die Mutter des Autors zurückgeht - "Er hat ein Elefantengedächtnis", sagt sie oft über den Sohn -, sämtliche Themen und sprachlichen Techniken des späteren weltweit gefeierten Literaten. Erzählt wird ein Tag im Leben eines Psychiaters in Lissabon und wie er versucht, die verschiedenen Dämonen, die ihn heimsuchen, auszutreiben. Als da sind: die Arbeit in der Irrenanstalt Miguel Bombarda, sinnlos und menschenunwürdig; die Erinnerungen an die Familie, ein Paradebeispiel der portugiesischen Bourgeoisie samt ihrem zuckersüßen und gleichzeitig repressiven Katholizismus; die Ehe, eine geradezu tragische Mischung aus großer Liebe, einer qualvollen Geschichte des Scheiterns als Ehemann und Vater und dem kläglichen Versuch, die Trennung aufzuarbeiten; die Erfahrung im Krieg in Angola, die sich nicht ad acta legen läßt. Am Ende des Tages der Dämonen wird klar, daß es für diesen Mann nur einen Weg geben kann, den Kontakt mit der Welt zu halten: das Schreiben - weil es für ihn gleichbedeutend ist mit der Fähigkeit, am Leben zu sein.

"Einen besseren Einstieg in das gewaltige Werk des zu Unrecht immer noch nicht Nobelpreis-prämierten Autors kann man sich nicht denken."

Autorentext

António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren. Er studierte Medizin, war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das mittlerweile mehr als zwanzig Titel umfasst und in vierzig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den "Großen Romanpreis des Portugiesischen Schriftstellerverbandes", den "Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft" und den Camões-Preis.



Klappentext

Wut und Haß, ätzende Kritik, boshafte Ausbrüche ins Phantastische, Skurrile und Komische - in Lobo Antunes' Erstling spricht einer, der sich an der Welt reiben muß, um nicht an ihr zugrunde zu gehen. Und in nuce enthält dieser autobiographische Roman, dessen Titel auf die Mutter des Autors zurückgeht - Er hat ein Elefantengedächtnis, sagt sie oft über den Sohn -, sämtliche Themen und sprachlichen Techniken des späteren weltweit gefeierten Literaten. Erzählt wird ein Tag im Leben eines Psychiaters in Lissabon und wie er versucht, die verschiedenen Dämonen, die ihn heimsuchen, auszutreiben. Als da sind: die Arbeit in der Irrenanstalt Miguel Bombarda, sinnlos und menschenunwürdig; die Erinnerungen an die Familie, ein Paradebeispiel der portugiesischen Bourgeoisie samt ihrem zuckersüßen und gleichzeitig repressiven Katholizismus; die Ehe, eine geradezu tragische Mischung aus großer Liebe, einer qualvollen Geschichte des Scheiterns als Ehemann und Vater und dem kläglichen Versuch, die Trennung aufzuarbeiten; die Erfahrung im Krieg in Angola, die sich nicht ad acta legen läßt. Am Ende des Tages der Dämonen wird klar, daß es für diesen Mann nur einen Weg geben kann, den Kontakt mit der Welt zu halten: das Schreiben - weil es für ihn gleichbedeutend ist mit der Fähigkeit, am Leben zu sein.





Leseprobe
Das Krankenhaus, in dem er arbeitete, war dasselbe, in das er als Kind häufig seinen Vater begleitet hatte: ein altes Kloster mit einer Bürgermeisteramtsuhr an der Fassade, ein Hof mit rostigen Platanen, Kranke in Uniform, die, von Beruhigungsmitteln schwindlig, aufs Geratewohl herumstreiften, das breite Lächeln des Pförtners, der die Lippen hochzog, als würde er gleich abheben: Hin und wieder tauchte dieser Jupiter mit seinen wechselnden Gesichtern an der Ecke der Station mit einer Plastikmappe unter dem Arm vor ihm auf und streckte ihm ein fordernd-flehendes Stück Papier hin:
Der Beitrag, bitte schön, Herr Doktor.
Scheiß auf die in Polizeiwachen organisierten Psychiater, dachte er immer, wenn er die hundert Escudos im Durcheinander der Brieftasche suchte, scheiß auf die Großtempel der Psychiatrie, auf die aufgeblasenen Etikettierer des Leidens, auf die Schwachköpfe mit der einzig widerlichen Form der Verrücktheit, die darin besteht, auf das Strafgesetzbuch der Lehrbücher gestützt, die Freiheit fremden Wahnsinns zu überwachen und zu verfolgen, scheiß auf die Kunst der Katalogisierung der Angst, scheiß auf mich selber, schloß er, während er das bedruckte Viereck einsteckte, denn ich mache mit, indem ich zahle, anstatt in den Eimern mit dem verbrauchten Verbandszeug und in den Schreibtischschubladen der Ärzte Bomben zu verteilen, um in einem triumphalen Atompilz einhundertfünfundzwanzig Jahre Überwachungsidiotie seit Pina Manique explodieren zu lassen. Der intensiv blaue Blick des Kassierer-Pförtners, der, ohne zu wissen, wie ihm geschah, eine Ebbe des Aufbegehrens erlebte, die über seinen Horizont ging, hüllte ihn in den beruhigenden Heiligenschein mittelalterlicher Engel ein: Eines der geheimen Projekte des Arztes war, mit einem Satz in die Bilder Cimabues zu springen und sich in den verblichenen Ockertönen einer Zeit aufzulösen, die noch nicht von Resopaltischen oder Sãozinha-Heiligenbildchen infiziert war: als strahlender Seraph verkleidet, im Fasanensturzflug an den Knien von heiligen Jungfrauen vorbeizusausen, die auf merkwürdige Weise den Frauen von Delvaux glichen, Schaufensterpuppen nackten Schreckens in Bahnhöfen, die niemand bewohnt. Ein ersterbender Rest Wut kreiselte im Abflußrohr seines Mundes:
Senhor Morgado, wenn Ihnen Ihre eigenen und meine Eier lieb sind, dann nerven Sie mich ein Jahr lang nicht wieder mit diesen beschissenen Beiträgen, und bestellen Sie der Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie und ähnlichen kleinhirnigen Schreibern, daß sie sich mein Geld schön aufgerollt und mit Vaseline versehen dahin stecken sollen, wo sie schon wissen, herzlichen Dank, und das war's, amen.
Der Kassierer-Pförtner lauschte respektvoll (der Kerl muß beim Militär der Lieblingsgeheimpolizist des Feldwebels gewesen sein, entdeckte der Arzt) und erfand die Mendelschen Gesetze mit seinem zu zwei Viertel aus Küchenwissen bestehenden Intellekt aufs neue:
Man merkt doch gleich, daß Sie der Sohn vom Herrn Doktor sind, Herr Doktor. Einmal hat Ihr Herr Vater den Aufsichtsbeamten an den Ohren aus dem Laboratorium hinauskomplimentiert.
Während er den Blick wieder auf das Buch mit den Eintragungen lenkte und ein Delvauxscher Busen in einer Gedankenecke verflog, wurde dem Psychiater plötzlich klar, welche Bewunderung die kriegerischen Heldentaten seines Erzeugers hier und da in der sehnsuchtsvollen Erinnerung bestimmter grauhaariger Bäuche hinterlassen hatten. Jungs, nannte sie der Vater. Als sein Bruder und er vor zwanzig Jahren im Fußballclub Benfica mit dem Rollhockey anfingen, hatte der Trainer, der mit dem Vater glorreiche Aljubarrotasiege und Hiebe auf den Kopf geteilt hatte, die Trillerpfeife aus dem Mund genommen, um sie ernst zu ermahnen:
Ich hoffe doch, ihr kommt nach João, der, wenn Santos dran war, was austeilen konnte. 1935 sind vom Spielfeld in der Gomes Pereira drei vom Verein Académica da Amadora ins São José eingeliefert worden.
Und er fügte leise, in süßer Erinnerung schwelgend hinzu:
Schädelbruch, in einem Tonfall, mit dem man intime Geheimnisse adoleszenter Leidenschaft enthüllt, die in der Schublade der Erinnerung verwahrt werden, welche für den nutzlosen Ramsch vorgesehen ist, der einer Vergangenheit ihren Sinn gibt.
Ich gehöre zur Sorte der sanften Stiere, die hinter die Bande flüchten, da ist nichts zu machen, überlegte er, als er seinen Namen in das Buch schrieb, das ihm der Pförtner hinstreckte, ein glatzköpfiger, von der merkwürdigen Leidenschaft der Bienenzucht erfüllter Alter, ein an einem Insektenriff gestrandeter Taucher mit Netz, zur Klasse der hoffnungslos Sanften, die hinter die Bande flüchten und vom Stierzwinger des mütterlichen Uterus träumen, dem einzig möglichen Raum zum Verankern ihres angstbedingten Herzrasens. Und er fühlte sich wie ausgestoßen und weit weg von einem Haus, dessen Adresse er vergessen hatte, weil es ihm sinnloser vorkam, sich mit der Taubheit der Mutter zu unterhalten, als die Tür zu einem verschlossenen Zimmer mit den Fäusten zu bearbeiten, trotz der Bemühungen des Sonotone-Hörapparats, über den sie einen verzerrten und wirren Kontakt zur Außenwelt unterhielt, der aus Echos von Schreien und den weit ausholenden, erklärenden Gebärden eines dummen Augusts bestand. Um die Kommunikation mit diesem Ei der Stille aufzunehmen, führte der Sohn eine von rhythmischen Schreien begleitete Art Zulu-Stampftanz aus, hüpfte auf dem Teppich herum und verformte sich in Gummigrimassen, klatschte in die Hände, grunzte, warf sich schließlich erschöpft in ein Sofa, das einem diätabgeneigten Diabetiker glich, und dann hob die Mutter, vom pflanzlichen Tropismus einer Sonnenblume bewegt, das unschuldige Kinn von der Strickarbeit und fragte:
Hä?, hielt dabei reglos die Nadeln über dem Knäuel wie ein Chinese bei einem unterbrochenen Mittagsmahl seine Stäbchen.
Sorte der hoffnungslos Sanften, Sorte der hoffnungslos Sanften, Sorte der hoffnungslos Sanften, wiederholten die Stufen, während er sie hinaufstieg und sich ihm wie einem fahrenden Zug das Pissoir auf dem Bahnhof die Krankenstation näherte, deren Chefin eine heilige Kuh war, die, um die Wirksamkeit der Beschimpfungen zu erhöhen, wenn sie ihre Untergebenen zusammenstauchte, das künstliche Gebiß aus dem Mund nahm, wie jemand, der seine Ärmel aufkrempelt. Das Bild der Töchter, die er sonntags beinahe so eilig besuchte, als hätte er Urlaub aus der Kaserne, durchquerte diagonal seinen Kopf wie ein Bündel jenes staubigen Lichts, das die Luken eines Dachbodens in eine traurige Art Fröhlichkeit verwandeln. Er ging mit ihnen immer in den Zirkus, um ihnen seine Bewunderung für die Schlangenmenschen zu vermitteln, die sich in sich selbst verknoten wie die Initialen auf der Ecke einer Serviette und die nicht greifbare Schönheit des Gazeatems besitzen, der in den Flughäfen den Start der Flugzeuge ansagt und den Mädchen mit Rüschenröcken und weißen Stiefeln eigen ist, die auf der Rollschuhbahn im Zoologischen Garten rückwärtsgleitend Ellipsen zeichnen, und ihr eigentümliches Interesse an den zweifelhaften Damen mit blondem Haar und angegrautem Ansatz, die melancholisch gehorsame und gleichaussehend grauenhafte Hunde dressierten, oder an dem kleinen sechsjährigen Jungen, der mit dem oberflächlichen Lächeln eines Bodyguards im Knospenstadium, eines zukünftigen Mozarts der Stockhiebe, Telefonbücher zerriß, enttäuschte ihn wie ein Verrat. Die Schädel dieser beiden winzigen Wesen, die seinen Nachnamen trugen und die Architektur der eigenen Züge fortführten, kamen ihm so geheimnisvoll undurchdringlich vor wie die Probleme mit den Wasserhähnen in der Schule, und ihn erschreckte, daß unter den Haaren, die den gleichen Geruch wie seine hatten, andere Gedanken keimten als jene, die er in langen Jahren voller Zaudern und Zweifel mühsam gehortet hatte. Ihn überraschte, daß die Natur sich nicht bemüht hatte, ihnen außer den Ticks und Gesten als Bonus die Gedichte von Eliot mitzugeben, die er auswendig konnte, die Umrisse von Alves Barbosa, wie er in den Penhas da Saúde herumradelte, und die Lehre im Leiden, die er bereits absolviert hatte. Und hinter ihrem Lächeln machte er beunruhigt den Schatten zukünftiger Sorgen aus, so wie er in seinem Gesicht, wenn er beim morgendlichen Rasieren genau hinsah, die Gegenwart des Todes erkannte.
Er suchte am Schlüsselring nach dem Schlüssel, der die Tür zur Krankenstation aufschloß (meine Haushälterinnenseite, murmelte er, der Teil von mir, der Proviantmeister auf erfundenen Schiffen ist und sich mit den Ratten um den Schiffszwieback aus dem Laderaum streitet), und er trat in einen langen Flur, der von dicken Grabmalsschwellen begrenzt wurde, hinter denen auf zweifelhaften Bettdecken Frauen lagen, die ein Übermaß an Medikamenten zu schlafwandelnden verstorbenen Infantinnen gemacht hatte, denen die erdrückende Düsternis ihrer Gespenster Krämpfe verursachten. Die Oberschwester setzte sich in ihrem Kabinett des Dr. Mabuse das künstliche Gebiß wieder in die Gaumen ein, majestätisch wie Napoleon, als er sich selber die Krone aufsetzte: Die Backenzähne klapperten, als sie aufeinandertrafen, matt wie Plastikkastagnetten, als handelte es sich bei den Kiefergelenken um eine mechanische Schöpfung zur Erbauung von Gymnasiasten oder von Besuchern der Geisterbahn auf der Feira Popular, wo der Geruch nach gegrillten Sardinen sich subtil mit dem Kolikenjammern der Karussells verbindet. Ein blasses Morgengrauen schwebte ständig im Flur, und die von den ramponierten Deckenlampen erleuchteten Gestalten erhielten die Textur von gasförmigen Wirbeltieren des Rive-gauche-Gottes aus dem Katechismus, von dem er sich immer vorstellte, daß er aus der Strafkolonie der zehn Gebote ausbrach, um in den Nächten der Stadt die biblische Haarpracht eines ewigen Ginsberg ungehindert auszuführen. Ein paar alte Frauen, die die Maulkastagnetten Napoleons aus steinernen Lethargien geweckt hatten, schlurften aufs Geratewohl von Stuhl zu Stuhl und wirkten dabei wie schlaftrunkene Vögel auf der Suche nach einem Busch, auf dem sie sich niederlassen konnten: Der Arzt versuchte vergebens, in ihren Runzeln, die ihn an das geheimnisvolle Netzwerk der Risse auf den Bildern von Vermeer erinnerten, Jugendzeiten mit gewachsten Schnurrbärten, Musikpavillons und Prozessionen zu lesen, die, was die Kultur betraf, von Gervásio Lobato, von den Ratschlägen der Beichtväter und von den Gelatinedramen des Dr. Júlio Dantas genährt wurden, der Fadosängerinnen und Kardinäle in gereimter Ehe vereinigte. Die Achtzigjährigen richteten farblose Glasaugen auf ihn, die leer waren wie Aquarien ohne Fische und in denen der zarte Algenflaum eines Gedankens mühsam im trüben Wasser nebliger Erinnerungen kondensierte. Die Oberschwester scheuchte, mit Ausverkaufsschneidezähnen blitzend, diese arthritische Herde mit beiden Händen in einen kleinen Raum, in dem der Fernseher in einem solidarischen Harakiri mit den wackligen, an den Wänden stehenden Stühlen und mit dem Radioapparat kaputtging, der zum Glück nur in seltenen Anwandlungen das lange phosphoreszierende Geheul eines in der Nacht eines Landgutes verlorenen Hundes anstimmte. Die Alten beruhigten sich allmählich wie Hühner, die der Brühe entgangen waren, in ihrem Stall, mümmelten eifrig wiederkäuend das Kaugummi ihrer Wangen unter einem frommen Öldruck, auf dem die Feuchtigkeit die Heiligenscheinkekse der Heiligen, dieser frühen Landstreicher eines himmlischen Katmandus, verschlungen hatte.
Das Sprechzimmer bestand aus einem heruntergekommenen Schrank, der dem Dachboden eines enttäuschten Alteisenhändlers entrissen worden war, aus zwei oder drei wackligen Sesseln, deren Füllung aus den Rissen der Sitze wie Haare aus einer Mütze hervorquoll, aus einer Krankenliege, die aus der Zeit der heroischen, schwindsüchtigen Epoche des Dr. Sousa Martins stammte, und aus einem einer riesigen, von einem zu großen Fötus gequälten wurmstichigen Wöchnerin gleichenden Schreibtisch, der in der Höhlung, die für die Beine gedacht war, einen riesigen Papierkorb beherbergte. Auf einem fleckigen Zierdeckchen war eine Papierrose in ihre Plastikvase gerammt wie eine ferne Flagge des Kapitän Scott ins Eis des Südpols. Eine Krankenschwester, die der Königin Dona Maria II. der Banknoten in einer Campo-de-Ourique-Version ähnelte, schob dem Psychiater eine am Vortag eingelieferte Frau am Ellenbogen entgegen, die er sich noch nicht angesehen hatte und die jetzt vor lauter Spritzen im Zickzack lief und deren Hemd den Körper umflatterte wie bei einem Geist von Charlotte Brontë, der im Dunkeln durch ein altes Haus schwebt. Der Arzt las »paranoide Schizophrenie, Selbstmordversuch« auf den Einlieferungspapieren, blätterte schnell die von der Notaufnahme verschriebenen Medikamente durch und suchte in der Schublade nach einem Block, während sich unvermittelt die Sonne fröhlich an die Fensterrahmen heftete. Unten im Hof, zwischen den Gebäuden der 1. bis 6. Männerstation, onanierte frenetisch, die Hose auf Kniehöhe, an einen Baum gelehnt ein Schwarzer, während ihm eine Gruppe Krankenpflegerhelfer feixend zuschaute. Ein Stück weiter, in der Nähe der 8. Station, öffneten zwei Typen in weißem Kittel die Kühlerhaube eines Toyota, um das Funktionieren seiner fernöstlichen Eingeweide zu überprüfen. Die gelben Gauner haben mit Krawatten aus dem Bauchladen angefangen, jetzt kolonisieren sie uns bereits mit Radios und Autos, und irgendwann machen sie aus uns die Kamikaze zukünftiger Pearl Harbors; Knauser, die im Sommer haufenweise vor dem Hieronymuskloster auftauchen und Banzai sagen, während Hochzeiten und Taufen im ratternden Rhythmus eines mystischen Maschinengewehrs aufeinanderfolgen. Die Kranke (wer hier hereinkommt, um Pillen zu geben, Pillen zu nehmen oder nazarenergleich die Opfer der Pillen zu besuchen, ist krank, urteilte der Psychiater innerlich) wies mit den von Tabletten vernebelten Augen auf seine Nase und bildete mit schneidender Entschlossenheit die Worte:
Sie Scheißkerl.
Dona Maria II. zuckte mit den Schultern, um den Kanten der Beschimpfung die Schärfe zu nehmen:
Die ist so drauf, seit sie hierhergekommen ist. Wenn Sie den Aufstand miterlebt hätten, den sie mit ihrer Familie gemacht hat, würden Sie sich bekreuzigen, Herr Doktor. Kurz und gut, sie hat uns mit allen nur möglichen Schimpfworten bedacht.
Der Arzt schrieb auf seinen Block: Scheißkerl, alle nur möglichen Schimpfworte, zog einen Strich darunter, als wollte er eine Summe bilden, und fügte in Großbuchstaben SCHEISSE hinzu. Die Krankenschwester, die ihm über die Schulter schaute, wich einen Schritt zurück: Schußfeste katholische Erziehung, nahm er an, während er sie abschätzend ansah. Schußfeste katholische Erziehung und Jungfrau aus Familientradition: Die Mutter hatte wahrscheinlich zur heiligen Maria Goretti gebetet, als sie gezeugt wurde.
Charlotte Brontë wies, am Rande eines chemischen K. o. schwankend, mit einem Fingernagel, von dem der Lack abplatzte, zum Fenster:
Haben Sie jemals die Sonne da draußen gesehen, Sie Mistkerl?
Der Psychiater kritzelte SCHEISSE + SCHEISSKERL = GROSSE KACKE, zerriß die Seite und gab sie der Krankenschwester.
Alles klar? fragte er. Ich habe das bei meiner ersten Handarbeitslehrerin gelernt, ganz ehrlich und nebenbei gesagt, die beste Klitoris von ganz Lissabon.
Die Frau richtete sich in respektvoller Empörung auf:
Sie sind scheint's ziemlich gut drauf, Herr Doktor, aber ich habe noch andere Ärzte, denen ich assistieren muß.
Der Mann bedachte sie mit einer ausholenden Urbi-et-orbi-Geste, die er einmal im Fernsehen gesehen hatte.
Gehe hin in Frieden, sprach er, jeden Buchstaben mit italienischem Akzent. Und vergiß meine päpstliche Botschaft nicht, ohne sie zuvor den Bischöfen, meinen lieben Brüdern, zum Lesen gegeben zu haben. Sursum corda und Deo gratias oder vice versa.
Er schloß vorsichtig die Tür hinter ihr und setzte sich wieder an den Schreibtisch. Charlotte Brontë maß ihn mit kritischem Auge:
Ich habe mich noch nicht entschieden, ob Sie ein sympathischer oder ein antipathischer Scheißkerl sind, aber wie auch immer, Sie Mutterficker.
Mutterficker, meditierte er, was für ein angemessener Ausruf. Er bewegte ihn mit der Zunge im Mund herum wie ein Karamelbonbon, spürte seine Farbe und den lauwarmen Geschmack, ging in der Zeit zurück, bis er ihn in den Klos des Gymnasiums mit Bleistift zwischen erklärenden Zeichnungen, Einladungen und Versen und der Erinnerung an die Übelkeit nach den heimlichen Zigaretten fand, die er einzeln in der Papelaria Académica bei einer griechischen Göttin kaufte, die den Ladentisch mit ihren übergroßen Brüsten fegte und den leeren Statuenblick auf ihm verweilen ließ. Eine magere Frau mit unterwürfigem Aussehen stopfte in einer dunklen Ecke Laufmaschen, angekündigt durch ein mit der Schablone geschriebenes Schild im Schaufenster (LAUFMASCHEN PERFECKT UND SCHNELL) wie die Schilder an den Gitterstäben im Zoologischen Garten, die auf die lateinischen Namen der Tiere hinweisen. Es roch beharrlich nach Stiften der Marke Viarco und nach Feuchtigkeit, und die Damen aus der Umgebung kamen mit ihren in Zeitungspapier eingewickelten Einkäufen vom Markt, um sich bei den hellenischen Damen unter traurigem Gemurmel über ihr eheliches Elend zu beklagen, das voller perverser Maniküren und Nachtclubfranzösinnen war, die ihre Männer verführten, indem sie die erfahrene Nacktheit ihrer Hüften zum aphrodisierenden Rhythmus des Mitternachtswalzers zusammenfalteten.

Produktinformationen

Titel: Elefantengedächtnis
Untertitel: Roman
Übersetzer:
Autor:
EAN: 9783630871776
ISBN: 978-3-630-87177-6
Format: Fester Einband
Herausgeber: Luchterhand Literaturverlag
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 208
Gewicht: 378g
Größe: H221mm x B144mm x T21mm
Jahr: 2004