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Einblick in die Hölle

  • Fester Einband
  • 288 Seiten
In diesem autobiographischen Roman zeigt António Lobo Antunes nicht nur die dreckige Seite des Angolakrieges, sondern klagt zudem ... Weiterlesen
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Beschreibung

In diesem autobiographischen Roman zeigt António Lobo Antunes nicht nur die dreckige Seite des Angolakrieges, sondern klagt zudem seinen eigenen Berufsstand an: die Psychiatrie. Das Buch gibt einen erschütternden Einblick in die existentiellen Qualen eines Mannes, der an der Unmenschlichkeit verzweifelt.

1973 kehrte Lobo Antunes aus dem Krieg in Angola zurück, wo er als Militärarzt über zwei Jahre lang schlimmstes Leid und Elend sah - und doch hat ihn nichts darauf vorbereitet, was er nun als Psychiater in der Irrenanstalt Miguel Bombarda erlebt. Erst hier bietet sich ihm ein "Einblick in die Hölle". Auf der Fahrt von der südlichen Algarveküste, wo er einen ärztlich verordneten Urlaub verbrachte, zurück nach Lissabon versucht er sich darüber klarzuwerden, was passiert ist. Als Kind schon wollte er Psychiater werden, um die Erwachsenen besser zu verstehen, aber von Verständnis ist er weiter entfernt denn je. Abgrundtiefer Haß erfüllt ihn: auf die Ärzte, die den Kranken jede Würde nehmen, sie mittels Elektroschock und Insulinkoma stillstellen, statt ihnen zu helfen. Und Haß auf sich selbst, weil er sich angepaßt hat. Einen Tag und eine Nacht lang fährt er durch Portugal, von der Küste durch die Berge und Dörfer des Alentejo zu den Sümpfen vor der Hauptstadt, und die Erinnerungen an die Klinik, an den Krieg, an seine gescheiterten Beziehungen zu zwei Frauen, an seine beiden Töchter stürmen immer ungeordneter auf ihn ein, vermischen sich mit den Gerüchen, Farben und Formen der Landschaft, bis die Grenze zwischen Realität und wahnhaften Gewaltvisionen verschwimmt. In seiner metaphernreichen und drastischen Sprache klagt Lobo Antunes die Unmenschlichkeit des Menschen an und evoziert zugleich ein Sein jenseits des Elends. Denn sein Haß speist sich aus einer unendlichen Liebe zu seinem Land und den Menschen.

»Hut ab! Das ist Weltliteratur.«

Autorentext

António Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren. Er studierte Medizin, war während des Kolonialkrieges 27 Monate lang Militärarzt in Angola und arbeitete danach als Psychiater in einem Lissabonner Krankenhaus. Heute lebt er als Schriftsteller in seiner Heimatstadt. Lobo Antunes zählt zu den wichtigsten Autoren der europäischen Gegenwartsliteratur. In seinem Werk, das mittlerweile mehr als zwanzig Titel umfasst und in vierzig Sprachen übersetzt worden ist, setzt er sich intensiv und kritisch mit der portugiesischen Gesellschaft auseinander. Er erhielt zahlreiche Preise, darunter den "Großen Romanpreis des Portugiesischen Schriftstellerverbandes", den "Jerusalem-Preis für die Freiheit des Individuums in der Gesellschaft" und den Camões-Preis.



Klappentext

1973 kehrte Lobo Antunes aus dem Krieg in Angola zurück, wo er als Militärarzt über zwei Jahre lang schlimmstes Leid und Elend sah - und doch hat ihn nichts darauf vorbereitet, was er nun als Psychiater in der Irrenanstalt Miguel Bombarda erlebt. Erst hier bietet sich ihm ein >>Einblick in die Hölle<<.

Leseprobe
Die Mühle am Floss.

Das Meer des Algarve ist aus Pappe gemacht wie die Kulissen im Theater, und die Engländer merken es nicht: Sie breiten gewissenhaft die Handtücher auf dem Sägespänesand aus, schützen sich mit dunklen Brillen gegen die Papiersonne, spazieren begeistert über die Bühne von Albufeira, auf der ihnen als Karnevalshippies verkleidete Beamte, auf dem Boden hockend, heimlich vom Tourismusbüro hergestellte marokkanische Ketten aufdrängen, und gehen schließlich am Spätnachmittag in künstlichen Straßencafés vor Anker, wo ihnen in nicht existenten Gläsern erfundene Getränke serviert werden, die im Mund den faden Geschmack der Whiskys zurücklassen, die Komparsen während der Fernsehdramen erhalten. Hinter dem auf der horizontalen Landschaft wie Butter auf einer verbrannten Scheibe Brot verflüchtigten Alentejo gaben ihm die Schornsteine, die so aussehen, als hätten geschickte Altersheimbewohner sie aus Klebstoff und Streichhölzern gebaut, und die Wellen, die sich in zahmer Häkelspitzengischt lautlos am Strand auflösen, das Gefühl, eine dieser Puppen auf Hochzeitstorten zu sein, ein verstörter Bewohner einer Welt aus Eiergebäck und auf Zahnstocher gespießten Kroketten, die Häuser und Straßen nachahmten. Er war einmal mit Luísa in Armação de Pêra gewesen und hatte das Hotel fast nicht verlassen können, so verblüfft war er über diese ungewöhnliche Kulissenmystifikation gewesen, die die Leute ernst zu nehmen schienen, während sie sich unter dem orangefarbenen Scheinwerfer der Sonne, die von einem unsichtbaren Elektriker durch ein Wolkenloch bewegt wurde, mit imaginären Cremes einschmierten: Von einer Absurdität, die ihn erschreckte, auf dem Balkon des Zimmers festgesetzt, begnügte er sich damit, in einen Bademantel gewickelt, der ihn wie einen besiegten Boxer aussehen ließ, bei dem Schnitte mit dem Rasierapparat die Spuren der Faustschläge ersetzten, die Gruppe der Familie dort unten zu beobachten, die um einen Berg aus Sandalen und Pantoffeln wie disziplinierte Pfadfinder um ihr rituelles Feuer versammelt war. Nachts stieß ein rostiger Ventilator den süßen, lauwarmen Atem eines diabetischen Inspizienten in seine Richtung, eine Konstellation von Lichtern hing an Drähten von Blechschiffen, die nur noch die gewichtslose Geometrie von Umrissen hatten. Auf dem Bett liegend, an Luísa geklammert, sah er, wie sich die Gardinen in der phosphoreszierenden Helligkeit einer Zellophanaurora bewegten, und fragte sich verwirrt, ob die Liebe, die er gerade machte, nur eine frenetische Übung war, die er einem nicht existenten Publikum darbot, für das er seine gestöhnten Texteinsätze mit der pathetischen Überzeugung eines Schauspielers artikulierte. Und jetzt, so viele Jahre später, als ich allein von Balaia nach Lissabon aufbrach, hoffte ich fast ungewollt, dir im Garten inmitten von blonden Ausländerinnen zu begegnen, die tragisch und reglos wie Phädren dastanden, in deren leerem Blick die resignierte Einsamkeit von Statuen und Hunden wohnt. Ich würde mich auf eine Bank zwischen die zärtlichkeitsfernen Krampfadern einer alten Deutschen und die ineinander verschränkten Schenkel von zwei Heranwachsenden setzen, die auf einem Haschischfloß dahintrieben und mit der Fröhlichkeit einer unbekannten Dimension niemand Bestimmten anlächelten, bis ich dich plötzlich auf der anderen Seite des Platzes sähe, einen Weidenkorb auf der Schulter, das Haar in der Mitte von einer Squawfrisur geteilt, kommst du wie das Mädchen von der Repimpa-Matratzen-Reklame auf mich zu, das die Greta-Garbo-Brille recycelt hat.
Die eintönige Unpersönlichkeit der Hotels verschaffte ihm ein erhebendes Freiheitsgefühl: Keiner seiner Gegenstände markierte die Möbel wie Hundeurin die Rinde der Bäume. Die langen Flure voller numerierter Türen ließen ihn von teuren Bordellen phantasieren, wie auch die kleinen Krämerläden seiner Kindheit sich in riesigen Raumstationen gleichende Supermärkte verwandelt hatten, und während er über den Teppichläufer von Zimmer zu Zimmer trabte, gefiel es ihm, sich vorzustellen, wie Männer bäuchlings eingetaucht zwischen mit Hölzern des Orients parfümierten Knien keuchten, bevor sie sich in den einander ins Gehege kommenden Wasserstrahlen der Duschkabine mit Ach-Brito-Seife wuschen. Die Angestellten am Empfang meßdienerten zwischen Büchern und Schlüsseln würdig wie Priester. Typen mit Pfeife verdösten, die Plaids der ausländischen Zeitungen auf den mageren Schößen vergessend, die Filets vom Mittagessen. Und er fühlte sich, wenn er durch die Drehtür eintrat, wie eine Roulettekugel, ebenso in der Lage, eine Norwegerin zu gewinnen, wie als Verlierer im Strandcafé zu sitzen und vor der Kohlensäure eines Ginger-ales Verbitterung wiederzukäuen.
Am Ende des Tages leckte ich deine Haut wie die Kühe die Höhlungen der Felsen, dieses weißliche Spinnennetz, das die Sonne in konzentrischen Zeichnungen über den Bauch legt wie Teer im Ebbesand und das sich bis zu den Haaren der Scham mit ihrem unerwarteten Geschmack nach Meeresfrüchten hinzieht. Das Pappmeer veränderte beim Herannahen der Nacht ganz allmählich seine Farbe, wurde von einem lila Filter illuminiert, der dem geschmacklosen Mobiliar die Melancholie von Terzetten am Meeresufer verlieh. Die letzten Leute verließen, unter Körben, Sonnenschirmen und Hockern schwankend, den Strand in einem Exodus von Kriegsflüchtlingen, den Kopf gesenkt, verfolgt von den lila, wie zufriedene Kekse strahlenden Wolken der Abenddämmerung. Die Laternen enthüllten Plastikbüsche, in denen Aufziehgrillen monoton das Weißblech ihrer Flügel zum Zirpen brachten. Und ich hörte langsam auf, dich in der Dunkelheit zu sehen, die in unwiderstehlichen Knoblauchdünsten stoßweise zum Fenster hereinkam und dich auflöste, mich zwang, dich, wie jemand, der nach dem Lichtschalter sucht, zu ertasten, voller Hoffnung, dein Lächeln würde einen hellen Spalt auf der Finsternis des Kopfkissens auftun und deine zittrigen Oktopusgesten sich zärtlich scheu an meine heranschlängeln.
Ich verließ die Quinta da Balaia auf dem Weg nach Lissabon, Balaia, dieses Touristendorf aus Mandeln und Eiweiß, in dem Plastikmenschen mit der Plastiklangeweile der Reichen Plastikferien unter Bäumen verbrachten, die Seidenpapiergirlanden glichen und von der grünen Pupille des Schwimmbades im Methylenblau des Wassers widergespiegelt wurden. Er war schon ein paarmal in diesen Marzipanhäusern aufgewacht, bei denen die Eye-Liner-Sonne die Lider der Rolläden betonte und den zerwühlten Bettlaken den grauen Farbton von Weihnachtskrippenbergen verlieh, und dann barfuß auf den Terrakottafliesen wie im Inneren eines Lichterkuchens in die Küche gegangen auf der Suche nach Weintrauben, die schwer waren wie die auf den Bildern spanischer Maler und deren weißes Fleisch im Mund den dichten Geschmack nach Blut hinterließ. Am Himmel, der wie ein Fluß aus geöffneten Händen aussah, schaukelten sanft runde Wolken von Nylonfäden herab, an den durchsichtigen Haken der Luft aufgehängt wie Zimmerschlüssel in der Eingangshalle eines Hotels. Auf dem gelackten Rasen las ein Onkel in kurzen Hosen die Zeitung, urplötzlich ohne die Würde des Anzugs, den Pomp der Krawatte, den kompetenten Winterhusten, die mageren Beine wie Besteck auf einem Teller übereinandergelegt, starrte auf die kalligraphischen Vögel, die in das zwei Linien zählende Heft der Zweige gezeichnet waren. Er war schon ein paarmal in der Stille eines reglosen Hauses aufgewacht, zwischen den körperlosen Schatten der Nacht liegend wie ein toter Schmetterling, und hatte, auf dem Bett sitzend, die undeutlichen Umrisse der Schränke angeschaut, die Wäsche, die wahllos über den Stühlen hing wie müdes Spinnengewebe, das Rechteck des Spiegels, der Blumen trank wie die Ufer der Hölle die ängstlichen Profile der Verstorbenen. Er war hinausgegangen, um in der Stille des Sommers wie in einem geheimen Bauch die Insekten rings um die Laternen zu beobachten, im warmen, heimlichen Frauenleib des Sommers, hatte den süßen, fauligen Duft des Ostwinds auf der Haut gespürt, das ungeordnete Rauschen der Akazien gehört und gedacht, Ich bin in einem Sonnenblumenfeld in der Ebene von Cassanje zwischen den Hügeln von Dala Samba und Chiquita, Ich stehe auf der durchscheinenden Ebene von Cassanje, zum fernen Meer von Luanda gewandt, dem dicken Meer von Luanda, das die Farbe vom Öl der Fischkutter und dem freien Lachen der Schwarzen hatte, hatte gedacht, Ich bin auf dem Landgut meines Großvaters, nah bei den Bänken aus bemalten Fliesen und den ruhenden Hühnerställen, wenn ich die Augen schließe, werden weiße Federn, lose, leicht wie Schnee, in meinen Schädel herniedergehen, und er hatte sich ungläubig unter das Vordach unter die Glassterne des Algarve gehockt, die, einer geheimnisvollen Geometrie folgend, an die Decke des Bühnenbilds geklebt worden waren. Und wie immer, wenn er nicht schlafen konnte, hatten die Verrückten aus seiner Kindheit, die zärtlichen, demütigen, aufgebrachten, mit den Armen wedelnden Verrückten seiner Kindheit, begonnen, einer nach dem anderen in einer elenden und zugleich prächtigen Prozession von Clowns aus der Dunkelheit herunterzusteigen, schräg angestrahlt durch den diagonalen Scheinwerfer der Erinnerung, zur alten Musik eines Dachbodengrammophons, das einen rheumatischen Walzer über die vom stumpfen Schmutz des Staubes bedeckten Holzpferde hinweggreinte.
Da war Monsieur Anatole, der französische Kupferstecher, von dem ihm der Vater erzählt hatte, Monsieur Anatole, dem er, ohne zu wissen, wieso, den weißen Haarschopf und die bleifarbene Iris von Marc Chagall verlieh, der Uhren mit Flügeln und blinde Geiger und sich umarmende Liebende aquarellierte, Monsieur Anatole, der an dem Roman Livre Plus Que Social schrieb und, wenn er gefragt wurde, ob er Kinder habe, mit angewiderter Verachtung geantwortet hatte:
Docteur, je ne fabrique pas des cadavres.
Da waren die Verrückten von Benfica, der alte Herr, der plötzlich am Schultor den Regenmantel aufmachte und den Lumpen seines Geschlechts vorzeigte, der betrunkene Florentino, der in grandioser Pose im Regen auf dem Bürgersteig saß und die eiligen Beine der Leute aus komplizierter Rotweinerregung heraus beschimpfte, die sanften Verrückten von Benfica, verblichen wie Fotos im wirren Album der Kindheit, der Glöckner, der mit seinem im Wind wie der Umhang eines Ritters im Galopp wehenden ärmellosen Habit während der Elevation in den Mittagsmessen das Lied Papagaio Loiro spielte, die Frau, die die Hostien zu Hause in der Hoffnung in einem Kästchen verwahrte, eines Tages den ganzen Körper Gottes wiedererstehen lassen zu können, die Verrückten von Benfica, die sich nachts zu einem Rudel zusammentaten wie streunende Hunde und das schreckliche Bellen ihrer Proteste in die stumme Weite der Landgüter hinausschrien.
Er kam an den Büros von Balaia vorbei, neben dem Tennisplatz und den Beeten mit den gelben Blumen, deren Blütenblätter sich langsam öffneten wie Schenkel vorm Gynäkologen, unterwürfig und reglos zwischen den behandschuhten Fingern der Sonne, und ihm fiel der Mann wieder ein, der im Park von Monsanto, in eine rostige Kinderkarre hingegossen, Zeitschriften über Quantenmechanik las, ein ordentlicher Mann mit Mantel und Brille, der unbeeindruckt von der Überraschung und Verblüffung der Leute Zeitschriften über Quantenmechanik las, und wie er, als er dessen merkwürdige Natürlichkeit beobachtete, inmitten der Verblüffung und des Gelächters und der Beunruhigung der anderen beschlossen hatte, Psychiater zu werden, um die seltsame Art zu leben der Erwachsenen besser zu verstehen (dachte er), deren Unsicherheit er manchmal hinter ihren Zigaretten und ihren in päpstlichem Ernst zur Abendbrotsuppe gebeugten Schnurrbärten erahnte. Und als er mit dem Wagen durch die Straßen der Quinta da Balaia fuhr, im Hintergrund das Meer, wie auf dem Rücken von einer hellen Lampe erleuchtet, erinnerte er sich daran, wie ein grauhaariges Geschöpf, den Regenschirm unter den Arm geklemmt und die Männerschuhe in den fleckigen Falten des Rockes verborgen, urplötzlich aus einem Busch herausgekommen war, aus zahnlosem Mund Worte brummelte, die niemand verstand, und den Kerl mit den Zeitschriften unter grauenhaftem Räderquietschen über den mit Blättern und Kiefernnadeln bedeckten Boden schob, als würde es ein unaufmerksames Kind quer durch die Stadt fahren, bis beide in der Falte eines Hügels verschwanden und nur noch das Quietschen der Räder in der Luft lag wie Parfümduft in einem leeren Bett. Damals (dachte er) hatte er beschlossen, Psychiater zu werden, um zwischen verzerrten Menschen wie jenen zu leben, die uns in den Träumen aufsuchen, und um ihre Mondsprachen und die gerührten oder haßerfüllten Aquarien ihrer Hirne zu verstehen, in denen sterbend die Fische der Angst zugange sind.
Da kamen dann die Verrückten von Benfica, der dünne Junge, der jede Menge Grillenkäfige mit sich herumschleppte und mit der Gleichgültigkeit der Gebäude redete, die geschlossenen Fenster beschimpfte, der als Karnevalsverkehrspolizist verkleidete Kerl, der voll energischer Autorität an einer Ecke den Verkehr regelte, die beiden ledigen Schwestern, hakennasig wie Kakadus, die Töchter des Piloten eines Wasserflugzeugs, dessen Bild mit Ledermütze und Fellkragen vergebens von der Wand aus die Siesta der Katze bedrohte, die Schwestern, die im Sommer nachmittags den Vorplatz der Kirche besetzten, aus der langsam der Leichenzug herauskam, und die mit ihren falschen Gebissen das Flappen der Propeller nachahmten, wie tapsige Vögel um die Leichenwagen herumtrabten, bereit, sich im schwankenden Kreiseln müder Engel über die Bäume zu erheben. Er würde die mit schwarz-goldenen Tüchern bedeckten Särge niemals vergessen, deren Pailletten in der Augustsonne wie Reflexe in einem Eimer glitzerten, einer dieser Eimer eines Strandfotografen, in denen sich unser Gesicht allmählich auf einem Stück Papier abzeichnet, die Verwandten, die die brennende Kippe aus absurder Höflichkeit hinter dem Rücken verbargen, als wenn die Leiche gleich den Deckel aufklappen und sie brüllend zur Ordnung rufen würde, niemals würde er das Schweigen der Tauben während der Beerdigungen vergessen, auch nicht die Töchter des Wasserflugzeugpiloten, die im Zickzack mit ungeschickten Fasanenhüpfern über den Akazien kreisten und in einer bizarren Motorenparodie mit den Plastikschneidezähnen klapperten.
Niemals würde er, dachte er, als das Tor der Quinta da Balaia, zur Straße nach Albufeira geöffnet, auf der Anhöhe erschien und er langsam darauf zufuhr, das Heim in einem Vorort von Lissabon vergessen, das er zu Weihnachten immer mit seinen Eltern besuchte, Flure um Flure, in denen Schritte und Stimmen beunruhigende Höhlendimensionen annahmen, riesige Säle voller regloser Frauen, starr wie in Wartehaltung gefertigte Wachsfiguren, auf Stühlen mit hohen Lehnen, und die Nonnen, die lautlos über die Fliesen auf dem Boden glitten, die übereinanderliegenden Glocken ihrer Röcke sanft wiegten und sie mit einem Neigen der gestärkten Hauben unter Gebetsgemurmel grüßten. Weihnachten war für ihn mißgestaltete Jugendliche, die sich auf Holzschemeln vollsabberten und gräßliche, zahnlose Münder öffneten und schlossen, alte Frauen in Kittelschürzen, die geziert wie Kokotten winkten, der nicht zu lokalisierende Klang eines Klaviers, das bei einem Walzer zögerte, einem Chopin die Federn ausriß wie einem lebenden Huhn. Niemals würde er das Wesen mit den farblosen Haarsträhnen und den langen Fingern vergessen, die so weiß waren wie die der Infantinnen in den Krypten, das aus einem Türrahmen herausgeschossen kam und ihnen mit den fahrigen Gesten einer Marionette die Verse von William Butler Yeats

When you are grey and old and full of sleep

mit jenem irrealen Timbre vortrug, das jedem Wort die schwindelerregende Tiefe eines Brunnens verlieh. Weihnachten war nicht der in die rote Schleife des Rasierwassers vom Onkel eingewickelte Kuß, auch nicht die ehemaligen Dienstmädchen, die sich in der Küche aufgeregt wie Insekten um die Schüsseln drängten, es war nicht die Cousinen aus Brasilien mit ihrer zittrigen Freundlichkeit von Zypressen, auch nicht die mit eucharistischem Appetit zu den Kuchen gebeugten Priester, es war nicht die Schüchternheit des Hausmeisters, der seine Mütze in den riesigen Händen zusammenknautschte, es war nicht der Regen draußen im Hof, der sich vor den Kletterpflanzen an der Mauer glasklar abhob und die zarte Traurigkeit der Glyzinien entlaubte: Weihnachten war das Heim in der Nähe von Lissabon und seine in tragischen Verrenkungen erstarrten Frauen im staubigen Licht der Kapelle, ähnlich wie die zu Boden gedrückten Umrisse der Korkeichen im Alentejo, zwischen denen hin und wieder die fahlen Augen von Tieren schweben.
Er suchte im Handschuhfach blind nach Paul Simons Kehle, führte sie in den Almosenkastenschlitz des Kassettenrekorders ein, um auf dem Weg nach Lissabon den zögernden und zärtlichen, zerbrechlichen und verletzten Appell einer Stimme zu hören, die jener so sehr glich, die sich in seinen Eingeweiden einrollte, die ihn hin und wieder mit dem merkwürdigen Gefühl überfiel, daß jedes Wort des Sängers Silbe für Silbe aus seinem geheimsten Inneren entrissen wurde, und ihn mit Scham erfüllte, weil dieser Mann ihm öffentlich und schamlos seine eigene innerste Angst zeigte, die er vergebens in die Klarsichtigkeit ohne Bitternis zu verwandeln suchte, welche in seinen besten Augenblicken an die Stelle der Freude trat. Geigenklang streifte ihn leicht wie ein Federwisch, kroch ihm die Beine und bis zur Brust hinauf wie die Gezeiten am Fluß, wenn sie den braunen Schlamm der Mauer mit einer mächtigen Wasserinspiration bekleiden:

I met my old lover
on the street last night
She seemed so glad to see me
I just smiled
And we talked about some old times
And we drank ourselves some beers
Still crazy after all these years ...

Ich bin diesem kleinen häßlichen Typ ähnlich (dachte er), und mich wundert, daß ich, wenn ich meinen Bauchnabel kratze, dort nicht fünf Gitarrensaiten vorfinde, mich wundert, daß meine Spucke, mein Urin und mein Sperma nicht nach dem lauwarmen Bierschaum der Bars der Schwarzen in Harlem schmecken, der wie eine Bluesklage die Kehle hinunterrinnt, mich erschreckt diese Pappszenerie für ausgedachte Ferien, dieser übermäßig helle Algarve, der die Verrückten und die Gespenster mit seiner Neonsonne vertreibt und den Halbschatten in eine undeutliche Geometrie aus dunklen, in den Zimmerecken angehäuften Linien verwandelt. Wie in Lissabon, stellte er fest, während er einen entzündeten Pickel am Nacken ausmachte, der einzigen Stadt der Welt, in der die Nacht nicht existiert: Es gibt Morgen, Nachmittage, Abenddämmerungen, Morgenröten, die durchscheinenden, orange-lila angehauchten Wolken des Sonnenuntergangs, die sich wie Leiber im Orgasmus in elastischem, ruhigem Jubel auseinanderziehen und ...

Produktinformationen

Titel: Einblick in die Hölle
Untertitel: Roman
Autor:
Übersetzer:
EAN: 9783630871431
ISBN: 978-3-630-87143-1
Format: Fester Einband
Herausgeber: Luchterhand Literaturverlag
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 288
Gewicht: 464g
Größe: H221mm x B146mm x T25mm
Jahr: 2003
Land: DE
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