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Alle Farben des Schnees

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Leseprobe
Wie lebt es sich an einem Sehnsuchtsort? Ferienorte sind flüchtige Heimat. Oft verbinden sie sich mit dem Wunsch, für immer bleibe... Weiterlesen
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Beschreibung

Wie lebt es sich an einem Sehnsuchtsort? Ferienorte sind flüchtige Heimat. Oft verbinden sie sich mit dem Wunsch, für immer bleiben zu können. Und doch reisen wir ab. In der Regel. Die Reporterin und Romanautorin Angelika Overath hat sich, zusammen mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn, aufgemacht, aus einem Traum Realität werden zu lassen. Die Familie ist nach Sent ins Unterengadin gezogen. Ihr Buch erzählt, wie sich Wahrnehmungen und Lebensweise ändern, wenn das Feriendorf in den Bergen zum festen Wohnort wird. Jeder von uns hat einen Sehnsuchtsort. Aber kann man dort zu Hause sein? Was geschieht, wenn eine Familie sich entschließt, von Tübingen ins Unterengadin zu ziehen, nach Sent, ein Dorf auf einer Sonnenterrasse, 1430 Meter über dem Inn? Verbraucht sich die Schönheit? Die hohen Berge, hinter denen schon Italien liegt, sind nun Alltag, genauso wie die wunderbaren Juni-Wiesen vor dem ersten Schnitt, die Bauernhäuser mit den Sgraffito-Fassaden, die alten Palazzi der Zuckerbäcker, die Brunnen, an denen Teppiche gewaschen werden. Sechs Monate im Jahr Schnee gehören ebenso dazu wie das Erlernen einer bedrohten Sprache: Rätoromanisch, die Muttersprache der Einheimischen, für den kleinen Sohn nun die Unterrichtssprache in der Schule. Aber wie buchstabiert sich das Leben in der konkreten Utopie? Die Familie nimmt Neues wahr und wird neu wahrgenommen. Mit dem ruhigen Blick der Reporterin beobachtet Angelika Overath, wie ein vertrautes Ferienparadies zur neuen Wohnadresse wird. Es ist möglich, sein Leben zu ändern. Und vielleicht zeigt sich im andern Land eine Schnittmenge Heimat.

"Ein wunderbares Buch: unprätentiös die Autorin, heiter und neugierig die Grundstimmung, still und poetisch der Stil!"

Autorentext
Angelika Overath wurde 1957 in Karlsruhe geboren. Sie arbeitet als Reporterin, Literaturkritikerin und Dozentin und hat die Romane âNahe Tageâ, âFlughafenfischeâ und "Sie dreht sich um" geschrieben. "Flughafenfische" wurde u.a. für den Deutschen und Schweizer Buchpreis nominiert. Für ihre literarischen Reportagen wurde sie mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Sie lebt in Sent, Graubünden.

Klappentext

Wie lebt es sich an einem Sehnsuchtsort?

Ferienorte sind flüchtige Heimat. Oft verbinden sie sich mit dem Wunsch, für immer bleiben zu können. Und doch reisen wir ab. In der Regel. Die Reporterin und Romanautorin Angelika Overath hat sich, zusammen mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn, aufgemacht, aus einem Traum Realität werden zu lassen. Die Familie ist nach Sent ins Unterengadin gezogen. Ihr Buch erzählt, wie sich Wahrnehmungen und Lebensweise ändern, wenn das Feriendorf in den Bergen zum festen Wohnort wird.

Jeder von uns hat einen Sehnsuchtsort. Aber kann man dort zu Hause sein? Was geschieht, wenn eine Familie sich entschließt, von Tübingen ins Unterengadin zu ziehen, nach Sent, ein Dorf auf einer Sonnenterrasse, 1430 Meter über dem Inn? Verbraucht sich die Schönheit? Die hohen Berge, hinter denen schon Italien liegt, sind nun Alltag, genauso wie die wunderbaren Juni-Wiesen vor dem ersten Schnitt, die Bauernhäuser mit den Sgraffito-Fassaden, die alten Palazzi der Zuckerbäcker, die Brunnen, an denen Teppiche gewaschen werden. Sechs Monate im Jahr Schnee gehören ebenso dazu wie das Erlernen einer bedrohten Sprache: Rätoromanisch, die Muttersprache der Einheimischen, für den kleinen Sohn nun die Unterrichtssprache in der Schule.
Aber wie buchstabiert sich das Leben in der konkreten Utopie? Die Familie nimmt Neues wahr und wird neu wahrgenommen. Mit dem ruhigen Blick der Reporterin beobachtet Angelika Overath, wie ein vertrautes Ferienparadies zur neuen Wohnadresse wird. Es ist möglich, sein Leben zu ändern. Und vielleicht zeigt sich im andern Land eine Schnittmenge Heimat.



Zusammenfassung
Wie lebt es sich an einem Sehnsuchtsort?

Ferienorte sind flüchtige Heimat. Oft verbinden sie sich mit dem Wunsch, für immer bleiben zu können. Und doch reisen wir ab. In der Regel. Die Reporterin und Romanautorin Angelika Overath hat sich, zusammen mit ihrem Mann und dem jüngsten Sohn, aufgemacht, aus einem Traum Realität werden zu lassen. Die Familie ist nach Sent ins Unterengadin gezogen. Ihr Buch erzählt, wie sich Wahrnehmungen und Lebensweise ändern, wenn das Feriendorf in den Bergen zum festen Wohnort wird.

Jeder von uns hat einen Sehnsuchtsort. Aber kann man dort zu Hause sein? Was geschieht, wenn eine Familie sich entschließt, von Tübingen ins Unterengadin zu ziehen, nach Sent, ein Dorf auf einer Sonnenterrasse, 1430 Meter über dem Inn? Verbraucht sich die Schönheit? Die hohen Berge, hinter denen schon Italien liegt, sind nun Alltag, genauso wie die wunderbaren Juni-Wiesen vor dem ersten Schnitt, die Bauernhäuser mit den Sgraffito-Fassaden, die alten Palazzi der Zuckerbäcker, die Brunnen, an denen Teppiche gewaschen werden. Sechs Monate im Jahr Schnee gehören ebenso dazu wie das Erlernen einer bedrohten Sprache: Rätoromanisch, die Muttersprache der Einheimischen, für den kleinen Sohn nun die Unterrichtssprache in der Schule.
Aber wie buchstabiert sich das Leben in der konkreten Utopie? Die Familie nimmt Neues wahr und wird neu wahrgenommen. Mit dem ruhigen Blick der Reporterin beobachtet Angelika Overath, wie ein vertrautes Ferienparadies zur neuen Wohnadresse wird. Es ist möglich, sein Leben zu ändern. Und vielleicht zeigt sich im andern Land eine Schnittmenge Heimat.



Leseprobe
1. September
Scuol-Tarasp, Endstation der Rh schen Bahn. Ich nehme meinen Rucksack. Vom Zug sind es wenige Schritte ber den Bahnhofsplatz zur Haltestelle des Postautos nach Sent. Dr ben auf der S dseite des Tals ziehen die wei n Gipfel der Unterengadiner Dolomiten ber ein metallenes Schild aus Nachmittagsblau. Hinter dieser Bergkette beginnt schon Italien. Ich gehe durch Gruppen von sonnenm den Touristen mit Teleskopst cken, sportlich gefederten Kinderwagen, Rollkoffern. Radfahrer haben ihre Helme an die Lenker geh t und halten die Gesichter in die Sonne. Es ist warm und riecht nach Schnee. Hier m chte ich Ferien machen, denke ich. Und dann erschrecke ich f r einen Moment. Denn das ist vorbei.
Allegra, gr der Fahrer und knipst die Streifenkarte ab. Das Postauto f t durch Scuol. Am Ende des Dorfs, auf der Anh he des Hospitals, biegt es rechts in eine Bergstra ein und schraubt sich langsam einen Steilhang hinauf. Von weitem ist Sent zu sehen, kehrenweise: mit dem spitzen Kirchturm auf einem Terrassenvorsprung in den Wiesen, hoch oben ber dem Inn. Das Postauto erreicht das Gemeindegebiet des Dorfes und die Stra wird zur schattigen Allee. Ich war auf einer Reise, denke ich, und jetzt fahre ich -
Warum z gere ich vor dem Wort nach Hause ? Ich fahre dahin, wo mein Bett steht, mein Tisch, wo mein Mann liest und schreibt, wo unser j ngster Sohn zur Schule geht.
Seit gut zwei Jahren leben wir in diesem Bergdorf, das wir nur aus den Ferien kannten. Mittlerweile ist unser Alltag fl ig geworden; es gibt nicht mehr die Spitzen des erraschens. Und doch: vom Rheintal kommend beim Umsteigen in Landquart sofort die andere Luft, voll Heu, Schnee, die k rperhafte Gewi eit, nun k nne einem nichts mehr geschehen. Eine gute Stunde sp r, wenn die Rh sche Bahn durch die Felsenpforte ins Pr igau hineingefahren, oberhalb von Klosters im ged haften Dunkel des Vereinatunnels verschwunden ist und bei Sagliains wieder ins Licht st : Herzklopfen. Immer noch.

2. September
Es sind zuerst die Augen. Die opaken, gr nblauen, nach oben gekehrten Augen einer Gemse. Dahinter im Dunkel des offenen Kofferraums eine zweite Gemse. In den schmalen Mund hat ihnen der J r Edelwei gesteckt. Die Tiere liegen in einer blumenhaften Drehung da, die ihnen nur bei leblosen Beinen gegeben werden konnte. Das feste Fell ist struppig; eckige Anmut. Am Bauch zeigen die Gemsen einen roten Schnitt. An den Kehlen auch.
Die Metzger des Dorfs haben mit Kreide auf ihren Stra ntafeln frisches Wild angeschrieben.

3. September
er Nacht ist der Wald hinter dem Dorf wei auch auf den Wiesen unterhalb des Waldrands liegt Schnee. Gegen Mittag werden die H e wieder abgetaut sein. Doch bald beginnt die wei Zeit.
Mein Gem segarten ber der Stra sieht aus wie ein Dschungel. Reisen r t sich. Ich sch mich, denn in Helens Garten nebenan stehen die Salatk pfe gr n und unkrautfrei auf frisch geharkter schwarzer Erde. Ihre Akeleien bl hen duftig, hoch ragt ihr Rittersporn. Noch ihr Schnittlauch h sich gerade, w end meiner berlang sich unter rosa Bl tenkugeln biegt.
Auf meiner Seite: wuchernde Minze, monstr ser Mangold, berall und ausufernd Ringelblumen, die Wicken berwachsen den hohen Salbeistrauch, der blau bl ht; die Reihen von Koriander sind ins Kraut geschossen. Nur die Reben ranken so, als geh rten sie hierher. Ich habe Americano-Trauben aus dem Tessin gesetzt, eine robuste Sorte. Jetzt bilden sich Fr chte, manche noch gr n, aber andere schon gro und dunkelblau wie dicke Heidelbeeren. Ich koste eine, und sie ist s Ich glaube, meine Rebst cke sind die einzigen von Sent. Und bin ein bi hen stolz, da sie in meinem Garten auf einer H he von 1450 Metern tats lich reifende Trauben tragen.
Engadin: Garten des Inn. Der Inn entspringt im Oberengadin oberhalb von Maloja nahe dem Lunghin-Pa und st rzt ber Passau, wo er sich mit der Donau verbindet, ins Schwarze Meer. Er ist der Geschwisterflu der Julia, die ber den Rhein in die Nordsee flie , und der Maira, die mit dem Po zur Adria str mt. Auf dem Dach des Engadins liegt Europas wichtigste Wasserscheide. Ich habe das Engadin immer als europ ch empfunden. Schwarzes Meer. Nordsee. Adria. Wo, wenn nicht hier, grenzte wie B hmen die Schweiz ans Meer!
Du bist wieder da! sagt Helen. Sie bringt ein Sieb mit Gr nabf en f r den Kompost, den wir uns teilen. Ihr linkes Auge ist noch verklebt. Seit ihrem Unfall entz ndet es sich leicht, weil sich das Lid noch nicht selbstverst lich schlie . Sie steht da, aufrecht, und l elt. Sie hat etwas von der Anmut eines Waldtieres, denke ich, etwas Scheues, Wildes.
Wir sind zusammen Fahrrad gefahren, letzten Sommer. Helen auf dem Mountainbike immer voraus.
Sie f t noch da, wo ich kaum gehe. Von Sent aus ins Seitental Val Sinestra hinein, hoch auf eine Alp, dann steil hinunter und hin ber ber eine H ebr cke, eine Hand am Gel er, die andere das Velo tragend. Sie klettert mit dem Rad ber Felsen und f t schmale Wurzelwege, am Abgrund entlang. Unten ein zischender Gebirgsbach. Ich schiebe. Sie wartet. Sie zeigt mir Pilzpl e und wei wo wilder Spinat w st.
Im Februar schneite es stark. Helen fuhr mit dem Auto von Sent hinunter nach Scuol. Die Strecke am Steilhang hatte keine Leitplanken. Das Auto ist gegen einen Baum der Allee geknallt und hat sich den Hang hinunter berschlagen. Ein aus Scuol kommender Busfahrer hat das auf dem Dach liegende Auto in der Schneewiese gesehen und den Notarzt angerufen. Der Notarzt hat die Bewu lose ins Spital nach Scuol gebracht. Dort hat man sofort einen Rettungshubschrauber gerufen, der sie ins Krankenhaus nach Chur brachte. Es war viele Tage nicht sicher, ob Helen berleben w rde.
Ja, endlich, sage ich. Sie lacht. Sie hat ihre Locken mit einem Band im Nacken zusammengebunden. Wann gehen wir Radfahren? frage ich. Ich fahre schon, sagt sie, zur Arbeit hinunter nach Scuol und wieder hinauf.
Helen ist Sozialarbeiterin, wie ihr Mann Werner, der in Scuol die Buttega leitet, eine gesch tzte Wohn- und Arbeitsst e f r Menschen mit einer Behinderung.
Schau, sage ich, alles ist verwildert. Es geht noch, sagt Helen, und ich habe so schon von deinem Mangold geerntet.
Hier wohnen hei , hier etwas wachsen lassen k nnen.
Hinter unserem Haus haben wir noch ein winziges St ck Wiese, da, wo fr her der Heustall gegen S den unmittelbar an das alte Hotel Rezia anschlo Jetzt steht hier ein junger Kirschbaum. An der Bruchsteinmauer gegen Westen, die beim Abri des Stalls stehenblieb, bl ht ein Rosenstock. Johannisbeerb sche tragen rote, gelbe, schwarze Fr chte. Dazwischen Minze.
Immer wieder die Bemerkung: Das war aber mutig von euch. Das war doch eine Entscheidung! Und dann seid ihr da wirklich hingezogen? In ein Dorf in den Bergen?
Wir sind nach Sent gezogen, sage ich manchmal. (Und denke: Wir sind nicht in ein Dorf auf der Schw schen Alb gezogen. Und nach Z rich auch nicht. Und ist es nicht auch mutig, einfach weiterzuleben, wie man lebt?)

13. September
Mit dem Hund gehe ich die obere Dorfgasse Richtung Osten in die Wiesen hinaus. An der Weggabelung nehmen wir die mittlere Stra , die ins Val Sinestra f hrt. Nach wenigen Metern biegt rechts ein schmaler Feldweg ab. Hier beginnen die alten steilen Ackerterrassen, die heute fast alle Wiesen sind. Es gibt noch das eine oder andere Roggenfeld, Gerstenfeld. Nun sind sie abgem e, helle Streifen. Unter mir liegt der kleine Friedhof. Etwa 300 Meter tiefer flie der Inn. Je nach Windrichtung kann man sein Rauschen h ren. Der Hund ist vorausgesprungen. Sein rotes Fell blitzt durch das Gr n. Ich habe eine Robydog-T te f r Hundekot an die Leine geknotet und beobachte ihn.
Ungef hier ist die Entscheidung gefallen.
Es war ein warmer Septemberabend im Jahr 2005. Der Hund sprang voraus. Der Umbau unserer Senter Ferienwohnung in dem alten Bauernhaus war so gut wie abgeschlossen. Manfred, mein Mann, und ich gingen nebeneinander, dem Verlauf des Tals gegen Osten nach, vor uns die glei nden Schneegipfel des S-chalambert, von terreich her ein milchiger Glanz, im S den noch das blaue Licht aus Italien.
Ich sagte: Wir k nnten auch hierher ziehen.
Manfred schwieg.
Nur kurz. Dann sagte er: Ja, das k nnen wir machen. Nun schwieg ich. Er hatte das Verb im Indikativ benutzt. Im fehlenden Zungenschlag f r ein t lag unsere Zukunft im Unterengadin.
Von nun an besprachen wir nur noch den Zeitpunkt des Umzugs. Silvia, unsere Tochter, studierte schon in Hildesheim. Unser Sohn Andreas stand vor dem Abitur. Unser kleiner Sohn Matthias w rde im kommenden M sechs Jahre alt werden und sollte im Sommer in die Schule kommen. W rden wir sofort umziehen, w Andreas w end des Abiturjahrs allein in T bingen. Das wollten wir nicht. Wir entschieden uns, Matthias in T bingen einzuschulen.
Ende Juli 2007 w rden wir umziehen. Matthias sollte dann in die zweite Klasse der r romanischen Grundschule in Sent kommen.

14. September
Ich zupfe die vertrockneten Nelken in den Blumenk en. Immer noch h en tiefrote Bl ten kopf ber vor dem Wei der Fassade. Es ist eine alte Sorte: Engadiner H enelken. Sie bl hen berall im Dorf. Ihre Silhouette erscheint in den Vorh en der Bauernh er, auf Stickereien in den Stuben. Zwei, drei Wochen werden wir die K en noch drau n lassen k nnen. Wann kommt der Schnee? Unsere Nelken stehen auf den Fensterb en der Nordseite, zur Stra hin. Zwei der K en auf unserer Hausseite, drei weitere auf der breiteren Seite der Ferienwohnung.
Am Anfang sollte es nur eine Ferienwohnung sein.
Je nach Geduld unserer Zuh rer erz en Manfred und ich die Geschichte in immer neuen Varianten. Wenn wir nicht in Sent wohnten, w rden wir keine dieser Erz ungen glauben.
Es war im Herbst 1991/92. Eine ehemalige Studienkollegin hatte im Autoradio von Scuol geh rt, einem Ort im Unterengadin, der noch nicht so touristisch und teuer sei. Sie schlug ein Freundestreffen in den Winterferien vor. Aus T bingen, Heidelberg, Paris kamen wir in Scuol im Hotel Quellenhof zusammen, das mit seinem riesigen Speisesaal und den gro n, nicht modernisierten Zimmern (ausladende Badewannen, Messingarmaturen, hohe Spiegel) noch etwas vom Glanz des Kurlebens der Jahrhundertwende hatte. Der Koch war Italiener, ber wei eingedeckte Tafeln zogen sich silberne Platten mit verschiedenfarbigen Nudeln. Das Scuoler Skigebiet Motta Naluns war nicht besonders gro aber es war sch n und es gab Pisten aller Schwierigkeitsgrade. Ich erinnere mich an einen Tellerlift, der um die Ecke fuhr und mehr sportliches K nnen und Gleichgewichtssinn erforderte als jede Abfahrt. Eine 13 Kilometer lange Piste f hrte von der Gipfelstation Salaniva hinunter in das Dorf Sent. Dort sa n wir dann an der Haltestelle Sent-Sala und warteten auf den Postbus nach Scuol. Und Manfred sah zu den dicken H ern mit den Sgraffitofassaden und sagte: Wenn wir einmal Geld haben, kaufen wir hier eine Ferienwohnung.
Wenige Monate zuvor waren wir aus Griechenland zur ckgekommen. Manfred hatte an der Universit Thessaloniki Deutsche Literatur unterrichtet. Ich war begleitende Ehefrau und Reporterin gewesen. Mir fehlte Griechenland und ich h e mir auch eine Ferienwohnung auf der Peloponnes, in der Mani, vorstellen k nnen. Aber Manfred sagte, da m e man immer fliegen, und er kam mit der Hitze nicht besonders gut zurecht. Aber das Meer, sagte ich. Und sah ber die D er ins Engadinblau.
Nach diesem ersten Winter kamen wir fast jede Ferien zur ck. Im Sommer meist nach Guarda, das westlich von Scuol gelegene Terrassendorf auf 1650 Metern, Schauplatz des B ndner Kinderbuchs Schellenursli . Wir wanderten ins Tuoi-Tal hinein, sammelten Pilze, Silvia lernte Ziegen melken. Andreas schlo sich der Fu alljugend von Guarda an. Im Winter kamen wir zum Skifahren nach Scuol, Ftan oder Sent.
Die Jahrtausendwende verbrachten wir im Hotel Rezia in Sent. Ich war schwanger mit Matthias. Manfreds Mutter und meine Mutter waren schon tot; unsere alten V r aber lernten den Kleinen noch kennen. Als sie innerhalb eines Jahres starben, erbten wir so viel, da die Idee einer kleinen Ferienwohnung realistisch wurde. Wir nahmen Kontakt auf zu einem Immobilienh ler in Scuol. Es gab einige Bauprojekte, denen wir uns anschlie n wollten, die aber nicht zustande kamen. Es schien, da sich damals niemand au r uns f r eine Ferienwohnung in Sent interessierte.
Im Sommer 2002 wurden wir in Scuol an einer der Reklamefensterscheiben des Einkaufszentrums Augustin auf ein kopiertes Din-A4-Blatt aufmerksam. er die Photographie eines alten Bauernhauses war der Entwurf f r zwei Wohnungen skizziert, eine gro und eine kleinere. Hier war offensichtlich eine erbauung geplant. Wir riefen bei der angegebenen Telephonnummer an und sagten, wir w rden uns f r die kleinere der beiden Wohnungen interessieren. Mengia war am Apparat, die este von vier Geschwistern. Ihre Stimme war dunkel und freundlich. Das Bauernhaus war ihr Elternhaus, ein altes B erhaus. Es stehe leer. Die Erbengemeinschaft der Geschwister wolle es verkaufen. Mengia sagte, Mina, die j ngste Schwester, w rde uns das Haus zeigen.
Wir verabredeten uns auf den n sten Tag. Ein wei s Auto hielt vor dem Center Augustin. Mina, braungebrannt mit schwarzen, kurzen Haaren, stieg aus und gab uns die Hand. Steigt ein, sagte sie und dann fuhr sie uns, als lie sie sich von den Kurven beschleunigen, nach Sent hinauf.
Wir hielten in der Dorfmitte hinter dem Hotel Rezia. Das Haus war h ich. Rauher, auberginefarbener Putz, blaue, abbr ckelnde Fensterl n. Wie ein Balkon hing schief ein selbstgebauter Hasenstall auf mittlerer H he. Furnaria , das romanische Wort f r B erei, stand bla ber einer kleinen Holzt r. Wir gingen um das Haus herum. Mina ffnete das Eingangsportal. Wir betraten ein Gewirr von Treppen und Kammern auf mehreren Stockwerken. Mir war schwindelig. Wir folgten Mina hinauf und hin ber. Mina ffnete eine T r und vor uns lag ein riesiger, leerer Heustall, durch die Ritzen flimmerte das Sonnenlicht. Die Holzb den gaben nach. Offensichtlich war darunter ein Viehstall. Wir gingen zur ck, eine Treppe hinauf. Wir kamen in eine Stube, deren W e au n aus bereinandergelegten rohen, runden Holzbalken bestanden, wie eine Skih tte. Innen war sie mit Brettern verkleidet und mit farbe in T rkis gestrichen. Unten dann eine kleine K che mit gew lbter Decke und einer Stange, an der einmal Fleisch ger hert worden war, daneben eine einfache Arvenstube mit einem gemauerten Ofen. Mina ffnete die T r in der Gitterholzverschalung, und wir sahen, da der Ofen begehbar war. Engadiner Tritt, sagte sie und zeigte auf drei kleine Stufen, die hinauff hrten. Sie ffnete eine Klappe, durch die man nun nach oben in die t rkisfarbene Skih tte hineinsah. Die Skih tte, verstanden wir, war die ehemalige Schlafkammer, die ber den Ofen in der Arvenstube geheizt wurde. Beide R e waren urspr nglich nur ber die Holzstufen und die Klappe miteinander verbunden. Wir gingen wieder hinunter und weitere Treppen tiefer. Zwischen altem Ger mpel sah man die gu isernen T ren einer wandgro n, verkachelten Ofenanlage mit dem metallenen Schriftzug Amicus . Hier wurde einmal Brot f r das Dorf gebacken.
Ich wei nicht mehr, ob es hier war oder beim Blick in den Heustall oder in der Arvenstube, jedenfalls wu en wir, da diese fremden R e etwas mit uns zu tun hatten.
Es gibt au r euch keine Interessenten, sagte Mina. Schade, sagten wir. Sehr schade. Nehmt das Haus ganz, sagte Mina. So viel Geld haben wir nicht, sagten wir. Da sagte Mina: Doch.
Mina war befreundet mit einem Architekten, der auch die erbauungszeichnung auf dem kopierten Zettel gemacht hatte. Wir trafen Jachen in seinem B ro in Scuol. Er trug eine alte Strickjacke. Seine Haare waren wirr. Er lachte uns an. Wir sagten, wie viel Geld wir hatten. Er sagte, verge die zweite Haush te. Wir nickten.
Das Haus war ein gassenbildendes traditionelles Engadiner Bauernhaus, die unregelm ge Fensteranordnung wies auf einen Bau aus dem 17. Jahrhundert hin, der sp r aufgestockt worden war. Hier hatten Menschen und Vieh unter einem Dach gelebt. Das Haus verband Schlaf- und Wohnr e (gegen Norden) mit unterirdischen Tierst en und, dar ber, einem riesigen Heuspeicher (gegen S den, damit das Heu besser trocknete). Durch eine gro Bogent r fuhr der Heuwagen in den hohen Hausflur, den Piertan, direkt bis in den Stall. Traditionell ffneten sich vom Piertan aus die Arvenstube mit dem Ofen, die K che und die Vorratskammer. Da in unserem Haus aber noch eine Backstube Platz gefunden hatte, lagen diese Wohnr e eine halbe Treppe h her. Der Plan entstand, eine Wohnung, und zwar in diesem eren stlichen Hausteil (Arvenstube, K che, t rkisene Schlafstube, Dachstuhl) f r uns als Ferienwohnung umzubauen. Der westliche, kleinere Hausteil w rde unber hrt bleiben. Die Grundregel sollte sein: alles lassen, was man lassen kann. Nur dort erneuern, wo es notwendig war. Von den soliden Materialien die einfachsten nehmen: Holz und Glas. Wir sind freie Autoren, sagte ich. Es darf nicht mehr kosten, als wir haben. Der Architekt nickte.
Wir waren freie Autoren. Wir hatten drei Kinder. Manfred war frisch habilitiert und hatte in T bingen eine Professur vertreten, die aus Spargr nden nicht weiter vertreten werden durfte; ich schrieb Reportagen, Rezensionen, Radiosendungen, ohne feste Anstellung.
Es gab noch ein juristisches Problem. Wir waren Ausl er und konnten in der Schweiz kein ganzes Haus kaufen. Ich kenne einen Rechtsanwalt in Zuoz, sagte Mina und strahlte uns an. Die Sache sollte zu kl n sein, vielleicht ber einen Pachtvertrag.
Der Winter kam, und wir fuhren in den Ferien wieder nach Scuol. Wir stellten Matthias mit knapp drei Jahren auf Skier. Genaugenommen nahmen Silvia und ich ihn abwechselnd zwischen die Beine. Er jauchzte, je schneller wir fuhren; wir massierten hinterher unser Kreuz. Wie viele Male seit dem Freundestreffen in Scuol begleitete uns unsere alte Freundin Ute. Sie ist die katholische Patentante unserer nicht getauften S hne. In Stuttgart leitet sie das Stefan George Archiv. An einem der ersten Tage, es war sonnig, der Himmel blau, zog sich Ute, die nicht Ski f t ( Man soll keine Leibes bungen machen, wo Gottes eisiger Odem weht ), ihre Baskenm tze auf und wanderte durch die verschneite Landschaft hinauf nach Sent. Als sie zur ckkam - wir sa n gerade beim Vesper in der K che einer Ferienwohnung, an deren W en dicht an dicht 37 hornige Geweihe, Jagdtroph hingen, die wir mit Strohsternen geschm ckt hatten -, starrte sie uns an, als k sie aus einer anderen Welt. Ihr Gesicht war aschfahl. Sie hatte das Haus gesehen.
Seid ihr sicher, fragte sie tonlos. Seid ihr sicher, da ihr das machen wollt? Ute war Erbin ihres Elternhauses, sie wu e, was es bedeutet, ein altes Haus zu bernehmen. Au rdem kannte sie uns. Wir sind handwerklich nicht begabt, um es vorsichtig zu sagen.
Wir kauften das Haus mit einem Nicken, einem Ja. Das Wort galt. Als im Sommer 2003 mit den Umbauarbeiten begonnen wurde, geh rte das Haus rechtlich noch nicht uns. Jachen und sein junger, ernster Kollege Rico hatten die Bauleitung bernommen. Sie erteilten den einheimischen Handwerkern die Auftr . Wir vertrauten. Ab und an fuhren wir von T bingen f r ein paar Stunden nach Sent, um zu sehen, welche Fortschritte der Umbau machte. Im Auto h rten wir Vivaldi, Vier Jahreszeiten; Matthias liebte den Winter.
Manchmal schickte Rico Photos per Mail. Alles ging unwahrscheinlich gut.
Wir haben Welpenschutz, sagte ich zu Manfred. Wir hatten jetzt auch einen Hund, und ich hatte neue W rter gelernt.
Einmal sagte Jachen, wir bauen in Scuol ein Haus f r einen Manager um. Das, was dessen K che kostet, kostet euer ganzer Umbau. Ich wu e, er bertrieb. Aber nur knapp.
17. September
Die Schwalben st rzen. Wie lange noch? Bald kommen die Bergdohlen. Im Sommer leben sie in gro n H hen; im Winter kehren sie in die D rfer zur ck.
13.20 Uhr. Die Mittagsschulglocke l et. Ich sehe das metallene Schwingen im offenen Glockenturm. Matthias ist schon unterwegs zum Nachmittagsunterricht.
Es gab eine Wette zwischen Manfred und mir. Manfred sagte, nach dem Abri des Stalls sieht man den Kirchturm. Ich sagte, das ist unm glich, das Haus liegt zu tief. Und dann standen wir einmal vor der abgebrochenen Stallwand, an der nun eine Fensterfront entstehen sollte. Die Mauer ffnung war mit Planen abgeh t. Ein Windsto l ste eine Folie, sie wehte kurz auf, und f r eine Sekunde zeigte sich wie ein Wink die neugotische Nadelspitze der Senter Kirche.
Mitte September 2003 fuhren wir in Minas offenem Cabriolet nach Zuoz. Da das alte Bauernhaus im Dorfzentrum drei Jahre leer gestanden und sich kein Schweizer K er gefunden hatte, durften wir es als
Ausl er kaufen. Mina und Manfred unterschrieben den Vertrag. Als Ehefrau mu e ich meinen Beruf angeben. Ich war nicht darauf gefa gewesen und dachte, so ein unwahrscheinliches Haus hat einen unwahrscheinlichen Beruf verdient. Dann sagte ich zum ersten Mal: Schriftstellerin.
An Manfreds Geburtstag im Dezember, die Skisaison hatte gerade begonnen, feierten wir die Einweihung unserer Ferienwohnung.
Bereits im Januar 2004 vermieteten wir die R e an Ferieng e. Anders war das Projekt nicht zu finanzieren.
Wir lernten, da sich f r die Wohnung sehr leicht Mieter fanden. Wir dachten an die zweite Haush te. Wir sprachen mit den Architekten. Wir nahmen eine Hypothek auf und lie n nun auch die andere Haush te umbauen. Es ging sehr schnell. Die Schreiner waren gro rtig. Im Herbst 2005 war nun auch der westliche Hausteil renoviert. Die B erei hatte einen Holzboden und, wie auch der gro Flur, einen wei n Wandanstrich bekommen. Wir standen in den hellen R en. Wir rochen das Arvenholz. Und dann gingen Manfred und ich mit dem Hund in die Wiesen hinaus und Manfred sagte: Ja, das k nnen wir machen.
Wir wollten Dorfbewohner werden; aber was sagte das Dorf dazu? Wir fragten Mina und Mengia. Sollen wir nach Sent ziehen? Die beiden sahen uns skeptisch an.

Produktinformationen

Titel: Alle Farben des Schnees
Untertitel: Senter Tagebuch
Autor:
EAN: 9783630873404
ISBN: 978-3-630-87340-4
Format: Fester Einband
Herausgeber: Luchterhand
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 256
Gewicht: 367g
Größe: H206mm x B136mm x T26mm
Jahr: 2010
Land: DE