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Damals in Ostpreußen

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Leseprobe
Andreas Kossert erzählt die Geschichte dieses faszinierenden und widersprüchlichen Landes zwischen Weichsel und Memel, seiner Ursp... Weiterlesen
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Beschreibung

Andreas Kossert erzählt die Geschichte dieses faszinierenden und widersprüchlichen Landes zwischen Weichsel und Memel, seiner Ursprünge und Mythen. Er beschreibt den Alltag in Königsberg, Tilsit und Marienburg und die dramatischen Ereignisse vom Vorabend des Zweiten Weltkriegs bis zur Vertreibung von über zwei Millionen Menschen in den Jahren nach 1945.

Autorentext
Andreas Kossert, geboren 1970, arbeitet am Deutschen Historischen Institut in Warschau und ist ein ausgewiesener Kenner des östlichen Mitteleuropa. Zuletzt erschien von ihm der Bestseller »Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945«. Für seine Arbeit wurde ihm der Georg Dehio-Buchpreis verliehen.

Klappentext

Verlorene Heimat

Andreas Kossert erzählt die Geschichte dieses faszinierenden und widersprüchlichen Landes zwischen Weichsel und Memel, seiner Ursprünge und Mythen. Er beschreibt den Alltag in Königsberg, Tilsit und Marienburg und die dramatischen Ereignisse vom Vorabend des Zweiten Weltkriegs bis zur Flucht von über zwei Millionen Menschen zu Beginn des Jahres 1945.

Der renommierte Osteuropakenner Andreas Kossert beschreibt das Leben, die Hoffnungen und Ängste der Menschen in Ostpreußen in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs. Wie wurde der Kriegsbeginn erlebt, wie das bedrohliche Heranrücken der Ostfront? Inwieweit war die Bevölkerung Spielball deutscher, sowjetischer, britischer und amerikanischer Politik? Wie kam es im Frühjahr 1945 innerhalb weniger Wochen zur dramatischen Flucht von etwa 2,5 Millionen Menschen in Richtung Westen? Und schließlich: Wie lebt die alte Heimat in der Erinnerung vieler Ostpreußen weiter? Indem Kossert die historischen Zusammenhänge erklärt und gleichzeitig die Menschen zu Wort kommen lässt, zeichnet er ein eindrucksvolles Bild dieser einst östlichsten Provinz des Deutschen Reichs und fragt, was davon in unserem Gedächtnis geblieben ist.

Ein hoch emotionales Thema, von dem viele deutsche Familien betroffen sind.



Zusammenfassung
Verlorene Heimat

Andreas Kossert erzählt die Geschichte dieses faszinierenden und widersprüchlichen Landes zwischen Weichsel und Memel, seiner Ursprünge und Mythen. Er beschreibt den Alltag in Königsberg, Tilsit und Marienburg und die dramatischen Ereignisse vom Vorabend des Zweiten Weltkriegs bis zur Flucht von über zwei Millionen Menschen zu Beginn des Jahres 1945.

Der renommierte Osteuropakenner Andreas Kossert beschreibt das Leben, die Hoffnungen und Ängste der Menschen in Ostpreußen in den Jahren vor und während des Zweiten Weltkriegs. Wie wurde der Kriegsbeginn erlebt, wie das bedrohliche Heranrücken der Ostfront? Inwieweit war die Bevölkerung Spielball deutscher, sowjetischer, britischer und amerikanischer Politik? Wie kam es im Frühjahr 1945 innerhalb weniger Wochen zur dramatischen Flucht von etwa 2,5 Millionen Menschen in Richtung Westen? Und schließlich: Wie lebt die alte Heimat in der Erinnerung vieler Ostpreußen weiter? Indem Kossert die historischen Zusammenhänge erklärt und gleichzeitig die Menschen zu Wort kommen lässt, zeichnet er ein eindrucksvolles Bild dieser einst östlichsten Provinz des Deutschen Reichs und fragt, was davon in unserem Gedächtnis geblieben ist.

Ein hoch emotionales Thema, von dem viele deutsche Familien betroffen sind.



Leseprobe
Versunkenes Sehnsuchtsland
Sommer 1944 - lange Zeit schien Ostpreußen im Grauen des Zweiten Weltkriegs eine Insel der Seligen zu sein. Als die Ortsnamen in den Frontnachrichten zunehmend vertrauter klangen und weite Teile Deutschlands wie des übrigen Europa allmählich in Schutt und Asche versanken, suchten Ausgebombte aus Berlin, Hamburg und dem Ruhrgebiet in Ostpreußen Zuflucht. Hier, in der ländlichen Abgeschiedenheit des Ostens, weitab von der tödlichen Bedrohung aus der Luft, schienen sie sicher. Doch die Ruhe war trügerisch. Das Jahr 1944 brachte den Krieg auch nach Ostpreußen. Je lauter die nationalsozialistische Propaganda den »Endsieg« ankündigte, desto deutlicher war der Geschützdonner zu vernehmen. Hans Graf Lehndorff hielt die besondere Stimmung des Sommers 1944 fest:
Die Vorboten der Katastrophe machten sich bereits in den letzten Junitagen bemerkbar - leichte, kaum ins Bewußtsein dringende Stöße, die das sonnendurchglühte Land wie von fernem Erdbeben erzittern ließen. Und dann waren die Straßen auf einmal überfüllt mit Flüchtlingen aus Litauen, und herrenloses Vieh streifte quer durch die erntereifen Felder, dem gleichen unwiderstehlichen Drang nach Westen folgend. Noch war es schwer zu begreifen, was da geschah, und niemand durfte es wagen, seinen geheimen Befürchtungen offen Ausdruck zu geben. Aber als der Sommer ging und die Störche zum Abflug rüsteten, ließ sich das bessere Wissen von dem, was bevorstand, nicht länger verborgen halten. Überall in den Dörfern sah man Menschen stehen und zum Himmel starren, wo die großen vertrauten Vögel ihre Kreise zogen, so als sollte es diesmal der letzte Abschied sein. Und jeder mochte bei ihrem Anblick etwa das gleiche empfinden: »Ja, ihr fliegt nun fort! Und wir? Was soll aus uns und unserem Land werden?«!
Ostpreußen war die erste Provinz, in die feindliche Truppen eindrangen. Dem Schrecken, den Deutschland über ganz Europa gebracht hatte, folgte nun die Rache, und die traf Ostpreußen besonders hart. Mit dem Untergang und dem endgültigen Verlust der Provinz ging etwas Einzigartiges unwiederbringlich verloren. Ostpreußen, das für Jahrzehnte hinter dem Eisernen Vorhang verschwand, sollte nach 1945 für die Deutschen zu einem verwunschenen Sehnsuchtsland werden, dessen Hymne - das Ostpreußenlied - oft voller Wehmut erklang:
Land der dunklen Wälder und kristallnen Seen, über weite Felder lichte Wunder gehn.
Starke Bauern schreiten hinter Pferd und Pflug, über Ackerbreiten streicht der Vogelzug.
Und die Meere rauschen den Choral der Zeit, Elche stehn und lauschen in die Ewigkeit.
Tag ist aufgegangen über Haff und Moor, Licht hat angefangen, steigt im Ost empor.
Ostpreußen ist für Millionen Deutsche Heimat oder Land ihrer Vorfahren, für andere eine unvergleichlich schöne Landschaft mit einer einzigartigen Natur. Das versunkene Sehnsuchtsland übt eine große Faszination aus, kaum jemand vermag sich seiner Magie zu entziehen. Ausdruck dafür ist nicht zuletzt das enorme mediale Interesse. Seit der politischen Wende in Ostmitteleuropa hat es Filme
und Dokumentationen zuhauf gegeben, die alle eines gemeinsam haben: Sie beeindrucken durch stille, unaufgeregte Sequenzen und sind untermalt von ruhiger Musik. Es scheint, als werde hier ein Nerv getroffen, als wecke die Landschaft Ostpreußen mit ihrem hohen Wolkenhimmel, den endlosen schattenspendenden Alleen, den hügeligen Feldern, Masurens Seen und der Küste der Kurischen Nehrung eine Sehnsucht in uns. In unserer als hektisch empfundenen Welt strahlt Ostpreußen nostalgische Naturromantik aus. Gerade um die Weihnachtszeit häufen sich in den öffentlich-rechtlichen Sendern die Beiträge, die sich mit Ostpreußen beschäftigen: »Weihnachten in Ostpreußen«, »Winter in Masuren«, »Reise durch Ostpreußen«. Ein Blick in die deutschen Buchhandlungen bestätigt, daß Bücher von Marion Gräfin Dönhoff, Klaus Bednarz, Arno Surminski, Siegfried Lenz, Hans Hellmut Kirst und Hans Graf Lehndorff sich großer Nachfrage erfreuen. Aber auch Nicht-Ostpreußen zieht das Land an. Der weitgereiste Journalist Ralph Giordano ist einer von ihnen:
Ich steh hier am Ufer und gebe mir Mühe, meine Bewegung zu verbergen. Der strenge Sarkasmus gegenüber der eigenen Person, die bewährte Selbstironie, die eingefleischte Abneigung gegen jede Form von Sentimentalität, sie sehen sich weit abgeschlagen, alle drei irgendwo untergegangen in der glitzernden Fläche bis zur anderen Seeseite - ich bin da. Ich bin da, wohin ich schon als Knabe wollte, aber siebzig werden mußte, um den frühen Wunsch endlich erfüllt zu bekommen - ich bin in Ostpreußen!
Mit Ostpreußen verbinden wir Königsberger Klopse, Ännchen von Tharau, Bernstein, die Kurische Nehrung, Störche, den Himmel über Masuren, Kant, »So zärtlich war Suleyken«, das Führerhauptquartier »Wolfsschanze«, Tannenberg, weite Landschaften, in denen Elche umherstreifen, gigantische Forsten, Menschen mit merkwürdig anmutenden Namen und Dialekten sowie Tausende von verwunschenen Seen.
Die mehr als 3000 Seen Ostpreußens liegen in den Senken des Preußischen Landrückens, der den Süden Ostpreußens von Westen und Südwesten nach Osten und vom Oberland nach Masuren durchzieht. Die größten und bekanntesten sind der Spirding-, der Löwentin- und der Mauersee. In einem alten Ostpreußenlied heißt es: »Du trägst nicht stolze Bergeshöhn«, doch die Ostpreußen waren stolz, daß ihre Kernsdorfer Höhen im Oberland es immerhin auf 313 Meter brachten. Die Landschaften haben klangvolle alte Namen wie Ermland, Natangen, Nadrauen, Masuren und Samland. Die Flüsse - neben dem Pregel insbesondere die schiffbare Memel - stellen die Verbindung her bis weit nach Litauen und Rußland hinein. Hinter der alten ostpreußisch-litauischen Grenze wurde die Memel zum Njemen, einem Strom, an dem viele Völker und ethnische Gruppen zu Hause waren.
Ostpreußen, im äußersten Osten Deutschlands gelegen, unterhielt gute und fruchtbare Kontakte zu den Nachbarn außerhalb des Reiches. Jahrhundertelang war das Land kulturelle Schnittstelle zu den litauisch-baltischen, polnischen und russischen Regionen, auf der anderen Seite war es wie keine andere Provinz des deutschen Sprachraums geprägt durch die ethnischen Eigenarten seiner Bewohner. Davon legt selbst Ostpreußens Küche Zeugnis ab: Die kulinarische Vielfalt unterstreicht die enge Verbindung zu den litauischen, polnischen und russischen Nachbarn. Neben dem ostpreußischen Küchenschlager, den Königsberger Klopsen, ist es Königsberger Fleck - in Polen »Flaki« genannt, der die Herzen ostpreußischer Feinschmecker höher schlagen läßt, ebenso das Schwarzsauer genannte Geflügel in einer angereicherten Blutsuppe, das im Polnischen »Czarnina« heißt. Ostpreußens Sauerampfersuppe entspricht der polnisch-litauischen »Szczawina«, und der köstliche Betenbartsch, hergestellt aus Roten Beten, ist als »Borscht«, »Barszcz« oder »Botwinka« aus der russischen, litauischen und polnischen Küche nicht wegzudenken.
Man schaute aber nicht nur in die Kochtöpfe der Nachbarn, man entlehnte auch Wörter aus deren Sprachen. Auf diese Weise konnte das Prußische, die Sprache der baltischen Ureinwohner, im Ostpreußischen bis 1945 fortleben. Der Flurname »Palwe« etwa stammt aus dem Preußischen und bezeichnet Heideland. Mit dem Aussterben der letzten Ostpreußen wird für immer in Vergessenheit geraten, wie das ostpreußische Wort für Wacholder lautet: »Kaddig« (pruß. Kadegis), im Litauischen »Kadagys«. Preußische, litauische und polnische Einflüsse haben mit der deutschen Amtssprache zuweilen eine derart exotische Melange gebildet, daß Besucher ins Schmunzeln gerieten. Der aus Masuren gebürtige Robert Budzinski hat die landschaftliche Namensvielfalt 1913 in einer humorvollen Liebeserklärung an seine Heimat festgehalten und damit etwas Unverwechselbares überliefert, das wenige Jahre später dem Germanisierungswahn zum Opfer fallen sollte:
Bei meinen Wanderungen stieß ich wiederholt auf Ortschaften mit nicht sehr bekannten, aber desto klangvolleren Namen, so dass ich oft glaubte, mich in einer verzauberten Landschaft herumzutreiben. So fuhr ich einmal mit der Bahn von Groß-Aschnaggern nach Liegetrocken, Willpischken, Pusperschkallen und Katrinigkeiten, frühstückte in Karkeln, kam über Pissanitzen, Bammeln, Babbeln und abendbrotete in Pschintschiskowsken, übernachten wollte ich in Karßamupchen. An dem folgenden Tage lernte ich noch kennen: Plampert, Purtzunsken, Kotzlauken, Mierunsken, Spirokeln, Wannagupchen, Meschkrupchen, Salvarschienen, hörte noch von Spucken, Maulen, Puspern, Plumpern, Schnabbeln, Wabbeln, wurde ohnmächtig und erwachte in Mierodunsken, wo mich der Landjäger von Uschpiauschken hingebracht hatte. Es dauerte lange, bis ich meine Sprache beherrschte, denn meine Zunge drehte sich fortgesetzt im Leibe rum.
Der Aufstieg des Nationalismus bedeutete das Ende dieser exotischen Welt. Die unverwechselbaren Ortsnamen verschwanden, denn sie galten als unzeitgemäß. Manche historisch gewachsenen Ortsnamen hatten schon dem germanisierenden Zeitgeist weichen müssen, aber den Höhepunkt erreichten die wahnwitzigen Umtaufaktionen im Nationalsozialismus, als sämtliche Ortsnamen mit litauischen und masurisch-polnischen Ursprüngen ausgelöscht wurden. In manchen Landkreisen wurden mehr als siebzig Prozent aller Dörfer willkürlich umbenannt. Siegfried Lenz nannte das in dem Roman »Heimatmuseum« die »Taufkrankheit«. Sie hat dieser seit alters her multiethnischen Kulturlandschaft die Seele genommen.
Ostpreußen ist für viele Deutsche immer noch Heimat - verlorene Heimat. Der Verlust verursacht auch nach mehr als einem halben Jahrhundert Schmerz und Trauer. Man muß erzählen von Flucht und Vertreibung, vom Untergang des alten Ostpreußen, wenn man dieses Leid bewältigen will. Ostpreußen hat von allen deutschen Ländern den größten Verlust an Menschenleben erlitten. Von seinen fast 2490000 Einwohnern überlebte gut ein Fünftel - davon mehr als die Hälfte Zivilisten - Kampf, Flucht, Verschleppung, Lagerinternierung, Hunger und Kälte nicht. Das Land versank in dem Krieg, der von Deutschland ausging und Terror und Verbrechen über ganz Europa brachte.
Siebenhundert Jahre deutscher Geschichte in Ostpreußen sind unter den Trümmern des »Dritten Reiches« verschüttet. Die Men- sehen aus Ostpreußen, Schlesien und Pommern haben über die Kriegsverluste und Bombardierungen hinaus, die sie mit allen Deutsehen teilten, mit dem Verlust von Haus und Hof und allen sozialen Bindungen für den von Deutsehland ausgehenden Krieg bezahlt. Derartig tiefgreifende Lebenseinschnitte blieben den Bewohnern von Hochschwarzwald, Bayerischem Wald und Lüneburger Heide erspart, doch viele dieser Glücklicheren haben weggesehen, als die Heimatlosen kamen, ja, sie haben sie sogar wie Aussätzige behandelt und beschimpft. Die nach der Flucht in den vier alliierten Besatzungszonen Gestrandeten waren zwar gerettet, aber bei ihren Landsleuten nicht wohlgelitten.
Ohne Zweifel war die materielle Integration durch den Lastenausgleich eine große Leistung, aber es blieb ein weites Feld unbestellt: Der seelische Schmerz wurde verdrängt. Lange Zeit verweigerten sieh gerade die Intellektuellen diesem Teil der eigenen Geschichte und überließen die Aufarbeitung von Flucht und Vertreibung der politischen Rechten. Deutsche Opfer waren nicht opportun. Das starre Klischee von »den« Vertriebenen saß tief in den Köpfen. Günter Grass hat dazu durchaus selbstkritisch in seinem Roman »Im Krebsgang« angemerkt: »Mochte doch keiner was davon hören, hier im Westen nicht und im Osten schon gar nicht.« Wer sich dieser Haltung nicht anschloß, wer hören wollte, machte die Erfahrung, daß das Fragen einem politischen Drahtseilakt glich. Grass hat das nachträglich bedauert: »Niemals, sagt er, hätte man über so viel Leid, nur weil die eigene Schuld übermächtig und bekennende Reue in all den Jahren vordringlich gewesen sei, schweigen, das gemiedene Thema den Rechtsgestrickten überlassen dürfen. Dieses Versäumnis sei bodenlos.« Genau diese »Schuld« hat dazu beigetragen, daß es an Verständnis für das Leid der Vertriebenen fehlte. Diese Ausblendung führte schließlich zur Arroganz gegenüber dem Leid der Menschen, die ihre Heimat verlassen mußten. Verlust, Trauer und Schmerz prägten und prägen bis heute ihr Leben.
Mit dem Verlust Ostpreußens und anderer Teile Deutsehlands haben nicht nur die Menschen, die von dort stammen, sondern alle Deutschen viel verloren. Deutschland verfügt nicht mehr über diese Brückenbauer, die seit Jahrhunderten mit den östlichen Nachbarn vertraut waren. Doch ganz gleichgültig, ob wir den Verlust empfinden oder nicht: Ostpreußen bleibt eine der großen Stätten deutscher und europäischer Geistesgeschichte. Herzog Albrecht, Simon Dach, Johann Gottfried Herder, E.T.A. Hoffmann, Käthe Kollwitz, Lovis Corinth, Hermann Sudermann, Ernst Wiechert, Hannah Arendt, Erich Mendelsohn, Johannes Bobrowski, Siegfried Lenz und Lea Rabin, sie alle werden immer Teil des Kulturerbes bleiben, das Ostpreußen uns allen vermacht hat. Hannah Arendt hat lange nach Krieg und Emigration ausgedrückt, was das bedeutet: »In meiner Art zu denken und zu urteilen komme ich immer noch aus Königsberg.«
Ostpreußen hat mit dem Exodus der Deutschen aber nicht aufgehört zu existieren, auch wenn rückwärtsgewandte Nostalgiker das vorgaukeln mögen. Vielmehr erleben wir eine neue, zuweilen schmerzhafte kulturelle Aneignung durch seine jetzigen Bewohner, die sich in einem atemberaubenden Tempo vollzieht. Wenn sich deutsche Kinder und Enkelkinder aufmachen, die Geburtsorte ihrer Eltern und Großeltern und damit die Wurzeln ihrer Familien kennenzulernen, kehren mit diesen Familiengeschichten längst vergessen geglaubte Landschaften ins Gedächtnis zurück. Ostpreußen - das versunkene Land zwischen Weichsel und Memel - lädt zu einer Wiederentdeckung seiner reichen Geschichte und Kultur und dem unvergänglichen Zauber seiner Landschaft ein.
Der lange Weg ins Deutsche Reich
Die Ursprünge Preußens
Die Geschichte Ostpreußens vor der Landnahme durch den Deutschen Orden liegt weitgehend im dunkeln. Zwischen Weichsel und Memel lebten einst die Preußen, die zu den baltischen Völkern gehörten. Ihre Existenz ist bereits - wenn auch kaum konkret nachweisbar - in antiken Quellen bei Tacitus und Ptolemäus bezeugt.
Bis zur Ordensherrschaft waren die Vorstellungen vom Siedlungsgebiet der Preußen eher vage. Erste Berichte über direkte Kontakte mit den Preußen stammen aus der Zeit der ersten Jahrtausendwende. Der römisch-deutsche Kaiser Otto III. richtete damals sein Augenmerk auf die christliche Mission der östlich des Reiches gelegenen Gebiete. In Bischof Adalbert von Prag fand der Kaiser einen idealen Verbündeten für seinen Plan. Adalbert (tschechisch Vojtech, polnisch Wojciech, ungarisch Bela), der aus altböhmischem Adel stammte, begab sich auf Missionsreise in das Land der Preußen, wo er 997 von den heidnischen Bewohnern ermordet wurde. Der polnische König Boleslaw I. Chrobry sorgte für die Überführung des Leichnams nach Gnesen. Kaiser Otto III. nahm dort im Jahr 1000 an der Beisetzung teil. Schon bald erfolgte die Heiligsprechung Adalberts, der zum polnischen Nationalheiligen aufstieg. Die Verehrung für diesen Heiligen stärkte Gnesens Bedeutung als erstes selbständiges römisches Erzbistum in Polen ganz erheblich. 1039 überführte man die sterblichen Überreste des Bischofs nach Prag, wo Adalbert im Veitsdom seine letzte Ruhestätte fand. Als Missionar hat der Heilige indes wenig erreicht: Die Preußen blieben bis zur Ankunft des Deutschen Ordens im 13. Jahrhundert Heiden.

Verschiedenen Orten in Ostpreußen wird eine mythenumwobene preußische Kultstätte »Romuva« zugewiesen, deren oberster Priester, Krive, hohes Ansehen genoß. Die preußische Götterwelt und die Religion der Preußen sind nur ungenau überliefert. Aus der vielfach getrübten Überlieferung heben sich die Götternamen Perkuns, Natrimpe oder Patrimpe und Patollu ab. Naturkräfte wie Götter verehrten die Preußen in heiligen Hainen und an geweihten Gewässern. Sie praktizierten eine Brandbestattung, die heimlich noch bis ins 15. Jahrhundert hinein vorgenommen wurde. Der Tempel des Kriegsgottes Perkunoi (oder Perjuns, Perkunas, Perkunos), der in Donner und Blitz erschien, lag vermutlich am See Perkune. Perkunoi wurde auch in Litauen verehrt, wo in der vorchristlichen Welt Litauens identische oder ganz ähnliche Gottheiten bekannt waren. Daher finden sich in der litauischen Kultur und Sprache viele Übereinstimmungen mit der preußischen Tradition. Der bis 1945 in Ostpreußen als heilig geltende Berg Rombinus an der Memel wird von den Litauern noch immer verehrt. Über den auf einer Anhöhe stehenden Opferstein des preußisch-litauischen Gottes Perkun hieß es 1834:
Schräg der Stadt Ragnit gegenüber an der andern Seite der Memel
erhebt sich hart an dem Ufer des Stroms ein ziemlicher Berg, mit vielen Spitzen und Löchern und bewachsen mit Fichten. Der Berg heißt der Rombinus. Hier war vor Zeiten der heiligste Ort, den die alten Litthauer hatten, denn dort war der große Opferstein, auf welchem ganz Litthauen dem Ersten seiner Götter, dem Perkunos, opferte; von dort aus wurde Heil und Segen über das ganze Land verbreitet. Der Opferstein stand auf der Spitze des Berges. Der Gott Perkunos hatte ihn selbst noch dort hingelegt. Unter dem Stein war eine goldene Schüssel und eine silberne Egge vergraben; denn Perkunos war der Gott der Fruchtbarkeit; darum begaben auch bis in die späteste Zeit die Litthauer sich zum Rombinus und opferten dort, besonders junge Eheleute, um Fruchtbarkeit im Hause und auf dem Felde zu gewinnen!
Das Preußische bildete mit dem Litauischen, dem Lettischen und dem Kurischen die Gruppe der baltischen Sprachen. Da die Preußen im Laufe der Zeit weitgehend germanisiert wurden, überdauerte sie nur in wenigen Zeugnissen. Bis zum Untergang des deutschen Ostpreußen 1945 haben sich jedoch erstaunlich viele Orts- und Flurnamen erhalten, die auf preußische Ursprünge zurückzuführen sind. Insgesamt sind nur 1800 Wörter aus dem Preußischen überliefert, das bis zum 16. Jahrhundert keine eigene Schrift besaß. Erst mit der Reformation erfolgte durch drei Übersetzungen des lutherischen Katechismus unter Herzog Albrecht von Preußen eine Verschriftlichung, die aber den Untergang der preußischen Sprache im 17. Jahrhundert nicht abwenden konnte. Die Preußen selbst gingen indes nicht unter, sondern verschwanden im Laufe eines langen Assimilierungsprozesses, in dem sie ihre kulturellen Eigenarten und ihre Sprache zugunsten der deutschsprachigen Kultur in Ostpreußen aufgaben.
Der Deutsche Orden
Kurz vor der Eroberung Preußens durch den Deutschen Orden verstärkte der Papst seine Missionierungsversuche in Ostmitteleuropa, wobei er auch die heidnischen Preußen im Blick hatte. Da Preußens Nachbarn immer wieder von den Preußen heimgesucht wurden, bat Herzog Konrad von Masowien 1226 den Deutschen Orden um Hilfe. Da die Preußen über kein einheitliches Staatswesen verfügten, sondern in einzelnen Stammes- und Familienverbänden lebten, fiel es dem Deutschen Orden leicht, sie zu unterwerfen. Für die nächsten dreihundert Jahre sollte er die gestaltende Kraft des Landes sein.
Nach der Gründung des Ordens 1198 im Heiligen Land hatten die Ordensritter zunächst in Siebenbürgen gewirkt, waren dann aber von dem ungarischen König Andreas II. des Landes verwiesen worden und suchten seither nach neuen Aufgaben. Hochmeister Hermann von Salza war daher schnell bereit gewesen, das Angebot des masowischen Herzogs Konrad zu akzeptieren, zumal es die Schenkung des Kulmer Landes beinhaltete. Bevor der Deutsche Orden die Preußenmissionierung übernahm, suchte er sich jedoch sowohl beim Papst als auch beim römisch-deutschen Kaiser rechtlich abzusichern. Kaiser Friedrich II. bestätigte ihm schließlich in der Goldenen Bulle von Rimini seine zukünftigen Aufgaben in Preußen, sicherte ihm dort alle Eroberungen zu und hob ihn in den Stand eines Reichsfürsten.
Im Jahre 1230 begann der Deutsche Orden von seiner ersten Burg in Thorn aus das Kulmer Land in Besitz zu nehmen. 1233 erfolgte die Gründung der Städte Kulm und Thorn, dem sich der Vorstoß längs der Weichsel und halbkreisförmig weiter an der Ostseeküste entlang anschloß. Im Jahr 1255 legte man auf einer Erhebung oberhalb der Pregelmündung eine Ordensburg an, die zu Ehren des Kreuzzugsführers König Ottokar II. von Böhmen »Königsberg« genannt wurde. Von Anfang an beabsichtigte der Orden, unabhängig von äußeren Einflüssen als Souverän zu agieren und die Abhängigkeiten von Polen und dem Reich auf ein Mindestmaß zu reduzieren. Bis das Land 1283 vollständig in seiner Hand war, mußte er sich mehrerer preußischer Aufstände erwehren. Nach der Eroberung Pommerellens 1308 verlegte der Orden den Sitz seines Hochmeisters von Venedig in die Marienburg. Im 14. Jahrhundert erfolgte die Konsolidierung der Herrschaft. Unter Hochmeister
Winrich von Kniprode (1351 -1382), der als geschickter Diplomat und Verwalter die Interessen der ritterlichen Gemeinschaft brillant vertrat, erreichte der Deutsche Orden den Höhepunkt seiner Macht.
Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen mit dem Nachbarn Polen, der in der zunehmenden Machtkonzentration beim Orden eine gefährliche Bedrohung sah. Im Mai 1409 brach ein offener Kampf Polen-Litauens mit dem Deutschen Orden aus. Die Schlacht auf einem Feld zwischen den Dörfern Tannenberg und Grünfelde - weshalb die Polen bis heute von der Schlacht bei Grunwald sprechen - bildete den Höhepunkt in der Auseinandersetzung zwischen dem Ordensstaat und der aufstrebenden Jagiellonen-Dynastie um die Vorherrschaft im Ostseeraum. In den heißen Julitagen des Jahres 1410 unterlag der Deutsche Orden unter seinem Hochmeister Ulrich von Jungingen einem Heer unter Führung des polnischen Königs Wladyslaw II. Jagiello und des litauischen Großfürsten Vytautas. Das Heer des Hochmeisters wurde umzingelt und vernichtet, wobei außer Ulrich von Jungingen und anderen hohen Repräsentanten über 200 Ordensbrüder den Tod fanden, fast ein Drittel aller Ordensritter in Preußen. Die eroberten Fahnen des Ordensheeres wurden nach Krakau und Wilna gebracht und dort in den Kathedralen als Siegestrophäen präsentiert.
Schwarzes Kreuz auf weißem Grund - das Symbol des Deutschen Ordens erlebte seit dem 19. Jahrhundert in Deutschland und Polen eine Renaissance. Historisierend verfälscht, diente es den jeweiligen nationalen Ansprüchen. Dem polnischen Nationalismus galt das Ordenskreuz als Verkörperung des Bösen schlechthin, es war das Zeichen für den deutschen Eroberungszug, den immer wieder zitierten Drang nach Osten. Für die Deutschen hingegen stand das schwarze Ritterkreuz für einstige Größe und die deutsche Kulturträgerschaft im Osten. Erniedrigung und Überhöhung, diese zwei extremen Positionen erlebten eine Renaissance in der Zeit des Nationalismus.

Produktinformationen

Titel: Damals in Ostpreußen
Untertitel: Der Untergang einer deutschen Provinz
Autor:
EAN: 9783570551196
ISBN: 978-3-570-55119-6
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Pantheon
Genre: 20. Jahrhundert (bis 1945)
Anzahl Seiten: 256
Gewicht: 325g
Größe: H204mm x B128mm x T24mm
Jahr: 2010
Auflage: 4. A.
Land: DE
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