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Die Lauscherin im Beichtstuhl

  • Kartonierter Einband
  • 480 Seiten
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Leseprobe
Mirza, die schlaue Klosterkatze, ermittelt in einem wahrlich fellsträubenden Kriminalfall! Kloster Knechtsteden, im Jahr des Herrn... Weiterlesen
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Beschreibung

Mirza, die schlaue Klosterkatze, ermittelt in einem wahrlich fellsträubenden Kriminalfall! Kloster Knechtsteden, im Jahr des Herrn 1502. Mirza, die dreifarbige Klosterkatze, kennt sämtliche Schleichwege zu Beichtstühlen, Zellen und Kellergewölben. Als eines Tages Gewalt und Verderben in die friedliche Welt des Klosters einbrechen und es sogar zu einem Mordversuch kommt, kann die schlaue Ermittlerin auf Samtpfoten, unterstützt von »ihrem« Bibliothekar Pater Melvinius, die Quelle des Bösen aufdecken und altes Unrecht wieder gut machen...

»Spannend und höchst originell.«

Autorentext
Andrea Schacht (1956 - 2017) war lange Jahre als Wirtschaftsingenieurin und Unternehmensberaterin tätig, hat dann jedoch ihren seit Jugendtagen gehegten Traum verwirklicht, Schriftstellerin zu werden. Ihre historischen Romane um die scharfzüngige Kölner Begine Almut Bossart gewannen auf Anhieb die Herzen von Lesern und Buchhändlern. Mit »Die elfte Jungfrau« kletterte Andrea Schacht erstmals auf die SPIEGEL-Bestsellerliste, die sie auch danach mit vielen weiteren Romanen eroberte.

Leseprobe
Das erste Kapitel
Die Morgensonne hatte sich ber dem Wald erhoben und versprach eine brennende Hitze fr den ganzen Tag. Genauso, wie auch die Tage des August zuvor heiund trocken waren. Zwischen den Stoppeln der abgeernteten Felder formte der Wind kleine Staubwirbel, und das verdorrte Gras am Rain raschelte, wenn das Lftchen darber streifte. Ein paar zornige Wespen summten ber einem faulenden Apfel, und ein aufgeschreckter Hase hoppelte im Zickzackkurs Richtung Hecke. Mhsam zog ein schweres Pferd einen Wagen ber den Karrenweg, der aus dem Dorf hinaus wer weiwohin fhrte.
Ich duckte mich, bis das Geft vorber war. Unauffig zu sein gehrte zu meiner zweiten Natur. Seit Anbruch der Morgenderung war ich bereits unterwegs, um meine Aufgaben zu erledigen. Nun hatte ich alles getan und war auf dem Weg zurck in die derige Khle meines Heims, um den Tag zu verdsen. Es war zu warm, um etwas anderes in Angriff zu nehmen.
Die strohgedeckte Kate wartete auf mich zwischen einigen weiteren Hern, die eine breite, ausgefahrene Stra sten. Ich selbst bevorzugte jedoch den Weg durch die Gen. Erbsen und Bohnen, an Stangen hochgebunden, reiften dort, Zwiebeln und Lauch verbreiteten ihren unangenehmen Geruch, Lavendel und Thymian einen etwas besseren, und ein knorriger Birnbaum spendete wohltuenden Schatten. Zwischen den breiten Blern der Kapuzinerkresse lugten leuchtende Blten hervor, und an der Hauswand rankte sich das Geilatt empor. Ein aus groben Zweigen geflochtener Zaun hinderte die kleine Hhnerschar daran, das ihnen bestimmte Areal zu verlassen. Er hinderte jedoch mich nicht daran, mit einem eleganten Sprung darber zu setzen. Gackernd stoben die braunen Hennen davon, als ich zwischen ihnen landete. Es verwunderte mich, dass fr sie noch keine Krner ausgestreut waren. Gewhnlich erhob sich die alte Moen mit der Sonne und kmmerte sich um Haus und Hof. Auch der hlzerne Wassereimer stand noch unbenutzt neben dem Brunnen, und der Reisigbesen lehnte mg an der Wand neben der Tr.
Hier stimmte irgendetwas nicht.
Der Fensterladen stand jedoch offen, und ich begab mich in das Innere der gerigen Htte. Ich hatte sie immer als eine recht komfortable Unterkunft empfunden. Der Dielenboden war sauber gefegt, der Tisch geschrubbt, eine irdene Schale mit Sommerblumen stand auf einer schweren Holztruhe. Neben dem Kamin war das Feuerholz aufgeschichtet, der geschwte Kessel mit dem Morgenbrei hing an seinem Haken. Es brannte aber kein Feuerchen darunter.
Es stimmte also wirklich etwas nicht.
Aus dem zweiten Raum der Htte drang kein einziges Gerch. Auch das beunruhigte mich. Denn wenn die Moen schlief, dann lauthals. Man knnte auch sagen, sie schnarchte wie ein Pechsieder. Und wie die schnarchen konnten, hatte ich oft genug im Wald mitbekommen.
Ich sah also nach ihr und fand sie, in ihrem braunen Kleid und der wein Schrze, die sie immer so sorgsam wusch und glete, untg in ihrem Sessel neben dem Bett sitzen. Das war sehr ungewhnlich.
Vorsichtig nrte ich mich ihr und erte kleine Begrngsworte.
Sie reagierte nicht darauf.
Sie sah noch nicht einmal auf. Ihr Kopf war ihr auf die Brust gesunken, der Haarzopf hing ihr, unordentlich vom Schlummer, ber die Schulter, und ihre He hielt sie gefaltet im Scho
Ich umrundete sie noch einmal, dann stupste ich sie an.
Sie reagierte nicht.
Mich beschlich eine gewisse traurige Ahnung. Sie wurde bestgt, als ich mich auf ihre Knie begab und achtsam lauschte.
Das regelmge Klopfen ihres Herzens hatte aufgehrt.
Die alte Moen war tot.
Darber musste ich nachdenken.
Ich tat es in meiner Lieblingsecke in dem dritten Raum der Htte, dort, wo sie die Krerbschel zum Trocknen an die Decke geht hatte. Es duftete gut dort, und bedauerlicherweise dste ich berm Denken ein. Manchmal passiert mir das leider.
Eine Merstimme weckte mich. Eine fremde Stimme!
Moen! Moen, meine Alte. Was sind denn das fr neue Sitten? Mitten am Tag ein Schlhen zu machen!
Ich machte mich klein und unauffig und spe durch die halb geffnete Tr. Der Mann war ground knochig. Er trug ein grob gewebtes Hemd und ebensolche Hosen, hatte hohe, erdverkrustete Stiefel an den Beinen und einen derben Grtel umgeschnallt. Die Haare hingen ihm wirr in den Nacken, sein Gesicht war stoppelbig, von der Sonne dunkel gebrannt, sodass seine graugrnen Augen hell darin leuchteten. Die aufgerollten mel zeigten muskulse, gebrte Arme. Ein Bauer wahrscheinlich. Oder ein Fuhrmann. Auf jeden Fall stammte er nicht aus dem Dorf, sonst he ich ihn erkannt.
Moen? Oh, mein Gott, Moen. Das darf nicht wahr sein!
Er fhlte nach ihrem Herzschlag und lauschte auf ihren Atem. Aber ich wusste ja schon - da war nichts mehr.
Ach, Moen, meine arme Alte. Gerade jetzt musste es geschehen.
Er stand einen Moment mit gesenktem Kopf und gefalteten Hen an dem Sessel. Dabei fiel mir auf, dass ihm an der linken Hand der kleine Finger und der halbe Ringfinger fehlten.
Nach einer Weile rhrte er sich wieder und machte sich sehr zielstrebig daran, die Htte zu durchsuchen. Das stimmte mich aurordentlich misstrauisch. Die Moen mochte es nich gar nicht gerne, wenn man bei ihr herumschnffelte. Er ffnete ihre Truhen und Ken, schaute in den Alkoven, in dem sich ihr Bett verbarg, lugte unter die Kissen und hob sogar die Strohmatratze an den Ecken an. Er tastete mit der Hand die Dachsparren ab und klappte die Ln auf und zu. Ein sehr seltsames Benehmen. Dann kehrte er zu der Moen zurck. Er schien recht krig zu sein, denn jetzt hob er den leblosen Krper der alten Frau mhelos hoch und bettete ihn auf ihr Lager. Sanft zog er die Decke ber sie.
Zuletzt untersuchte er noch den Sessel, auf dem sie eingeschlafen war. Dann nrte er sich meiner Ecke, wohl in der Absicht, hier in alle Tpfe und Kisten, Krbe und Kiepen zu schauen. Ich schlich mich geduckt an der Wand entlang zum Kamin. In der Stube hockte ich mich hinter das Feuerholz und beobachtete ihn weiter.
Wend er weiter stberte, entdeckte ich das schimmernde Scheibchen. Ach ja, das war ein lustiges Spiel, das die alte Moen mir beigebracht hatte. Wenn man es richtig machte, dann kullerten diese runden Dinger ber den Boden. Und sie hatte mich immer gelobt, wenn es mir gelang, eines davon in die Ritze zwischen den Dielenbrettern neben dem Kamin zu schnicken. Es fiel dann mit einem leisen Pling nach unten. Ein hbsches Gerch. Wir hatten das Spiel gestern Abend noch gespielt, und dieses Scheibchen hatte ich wohl bersehen.
Gewandt wie ich nun mal war, gelang es mir in krzester Zeit, auch dieses letzte Spielzeug an die richtige Stelle zu schubsen.
Pling, sagte es.
Der Mann wurde auf mich aufmerksam.
Eine Katze!, stellte er fest, was ich bestgen konnte. Das bin ich nun mal. Es hrte sich auch erfreut an, denn er fgte hinzu: Du bist ein Geschenk des Himmels, Kleine. Du kannst zumindest den gren Schaden abwenden!
Dann aber machte er sich hchst unbeliebt bei mir. Ehe ich mich versah, warf er eine Decke ber mich und wickelte mich fest darin ein. Ich konnte zappeln, wie ich wollte, ich kam nicht heraus. Dann wurde ich in einen Korb gepackt, der eine lange Zeit furchtbar hin und her schwankte.
Mir war gar nicht gut.
Endlich hrte das Schwanken auf, und die Decke lockerte sich. Ich krabbelte sofort heraus und fauchte zornig. Dabei sah ich mich um, um so bald wie mglich die Flucht ergreifen zu knnen. Aber, verflixt, hier war ich ja noch nie gewesen! Was war das denn fr ein Stall? Vier We, vier Fenster, viel Holz und der durchdringende Geruch nach trockenem Staub, altem Leder und feuchter Tinte. Ich sprang auf ein Bord an der Wand, auf dem einige Bcher lagen, und machte mich so gut es ging unsichtbar. Doch der Mann, der mich so brutal entfhrt hatte, stand neben einem Pult und sah mich mit kalten, durchdringenden Augen an. Ich hasste ihn. Um ihm das klar zu machen, starrte ich ihn in Grund und Boden.
Er hatte den Anstand, nach kurzer Zeit wegzublicken.
Ah, Meiko, was hast du denn da mitgebracht?, fragte eine ebenfalls staubige, alte und trockene Stimme. Ich drehte mich abrupt zu ihr hin. Ein gror, hagerer Mann in einer langen, wein Kutte war in den Raum getreten und streifte mich mit einem Leln im Blick.
Die Antwort auf Eure Probleme, Pater Melvinius. Sie wird die Me fangen, die die wertvollen Pergamente hier in der Bibliothek annagen.
Keine schlechte Idee, Meiko. Wie bist du zu ihr gekommen? Du hast sie doch hoffentlich nicht einem Besitzer abgenommen?
Besitzer, was fr ein Bldsinn. Eine Katze wird doch nicht besessen!
Sie lebte in dem Haus der alten Moen, drben in Dellenhofen. Aber die Moen ist heute Nacht gestorben, und ich dachte, bevor sie zur Streunerin wird, kann sie Euch hier ntzlich sein. Nahrung wird sie genug finden!
Mit seiner verunstalteten Hand strich Meiko ganz unerwartet sanft ber den ledernen Einband eines Buches.
Seht, selbst hier haben die Nager schon ihre Spuren hinterlassen.
Ja, es ist eine Schande, da hast du Recht. Aber woher kennst du denn die alte Moen?
Der Bruder Gner - - meinte, sie habe einen winterharten Thymian. Ich wollte ihr ein Pflchen abschwatzen.
Schamloser Lgner, der! Der Thymian wuchs im Garten, er aber hatte das Haus durchsucht! Ich wollte noch einmal emprt fauchen, aber da kam der Pater noch etwas nr und streckte langsam die Hand nach mir aus. Ich machte eine ebenso langsame Rckwsbewegung.
Keine Angst, meine Kleine, keine Angst.
Er hatte eine seltsame Art zu sprechen. Nicht so wie die Moen oder die Dorfbewohner. Er verwendete dieselben Worte wie sie auch, aber sie klangen anders aus seinem Mund. Weicher vielleicht, ein wenig melodischer. Es gefiel mir, wenn ich ehrlich sein wollte. Er hatte ein von Falten durchzogenes Gesicht, das den trockenen, dnnen Lederhen, die hier zu Hauf herumlagen, sehr lich war. Seine Haare hingegen waren schneeweiund bis auf die hohe Stirn noch voll und ppig; sie lagen leicht gelockt auf seiner Schulter. Auch sein Bart schimmerte weiund wellte sich bis ber seine Brust. Die Augen, die mich unter halb gesenkten Lidern nicht unfreundlich musterten, waren hellblau mit einem dunklen Rand, und ich konnte das Gefhl nicht loswerden, sie mssten schon ungewhnlich viel gesehen haben.
Du bist eine hbsche Katze, Kleine, und wir sollten deshalb auch einen hbschen Namen fr dich finden, nicht wahr?
Name ist gut, dachte ich. Das gibt einem Persnlichkeit. Natrlich kannte ich meinen eigenen Namen - jede Katze hat einen, doch der wird nicht bereitwillig preisgegeben. Fr das Zusammenleben mit Menschen tat es einer, den sie wten. Er war ohnehin meist aus unserer Sprache entlehnt, soweit sie sie denn beherrschten. Miez, Maunz, Mieschen riefen sie uns zumeist. Die Moen war etwas einfallsreicher gewesen. Oder sie hatte besser hingehrt. Sie nannte mich Mirza. Ich murrte leise Mirrr-zaah zu dem wein Mann, und er sagte: Mirza. Kluger Kerl.
Tja, Meiko, damit scheint die Sache besiegelt zu sein. Ich werde dafr sorgen, dass Mirza hier ein neues Zuhause hat. Hast du die Angehrigen der Moen verstigt?
Nein, ich kenne sie nicht. Aber ich habe den Nachbarn Bescheid gegeben. Sie werden fr alles Weitere sorgen. Und jetzt werde ich mich wieder um den Garten kmmern, Pater Bibliothecarius!
Ohne sich von mir zu verabschieden, stapfte der Stoffel aus der Bibliothek. Ich blieb mit Pater Melvinius alleine. Noch immer hatte ich meinen Platz auf dem Bord nicht verlassen.
Ich kann mir vorstellen, dass du ein wenig verstigt bist. Meiko hat dich eingefangen und dich hergeschleppt. Du wirst wohl ein paar Tage lang dein altes Heim vermissen.
Ziemlich verstnisvoll, der Alte. Jetzt brauchte er eigentlich einfach nur die Tr aufzumachen und mich in den Sonnenschein hinauszulassen. Aber das war nicht sein Bestreben. Stattdessen hielt er mir wieder seine Finger vor die Nase. Na gut, ich tat ihm den Gefallen und schnffelte daran. Wie nicht anders zu erwarten - trockenes Leder, Pergament, Tinte. Immerhin nicht zu unangenehm. Ich liemir ein leichtes Kraulen gefallen. Das konnte er recht gut.
Du bist schn, meine Freundin! Aber es sind ziemlich viele Flecken an dir!, murmelte er und schien belustigt. Warum, verstand ich nicht. Natrlich sind Flecken an mir. Meine eigentliche Fellfarbe ist ja wei Aber ich habe sehr dekorativ ber den Krper verteilt einige rote und schwarze Stellen. Ein besonders eleganter schwarzer Streifen zieht sich zwischen den Augen bis zu meiner Nase hin, die deshalb auch schwarz ist. Beide Ohren leuchten rot, der Bauch schimmert selbstverstlich reinwei der Rcken ist gefleckt und der Schwanz wiederum vollkommen schwarz. Lange Zeit, das muss ich gestehen, war mir gar nicht klar, dass er zu mir gehrt.
Tiere mit roten Ohren, so sagt man in meiner Heimat, sind Grenzger zur Anderwelt. Bist du eine Feenkatze, Mirza?
Kommen wir nicht alle aus einer anderen Welt? Was fr ein beraus seltsamer Mann. Er sprach mit mir, was nicht viele Menschen tun. Und er schien sogar einen gewissen Instinkt fr die richtige Perspektive zu haben. Ich drckte vorsichtig meinen Kopf gegen seine Hand.
Wir werden gut miteinander auskommen, Mirza. Jetzt schau dich ein wenig in diesem Raum um. Ich bin mir sicher, du findest ein paar interessante Mauselcher hinter den Regalen.
Er liemich allein, und - nun ja, die Neugier siegte mal wieder. Ich nahm mein neues Heim grndlich in Augenschein.
Zwei fette Me fielen mir ganz nebenbei zum Opfer.
Dann hockte ich mich ans Fenster. Erst hatte ich ja gedacht, es sei offen, denn man konnte so einfach hindurchschauen. Doch ich stiemir meine Nase an dem kalten, harten, durchsichtigen Zeug, mit dem sie es verschlossen hatten. Sehnschtig also starrte ich hinaus ber die grnen Weiden, die Apfelbe, die Hecken bis hin zu den Stoppelfeldern. Wrde ich nie wieder meine Pfoten auf federndem Gras spren, nie wieder den weichen Waldboden aufscharren, nie wieder die Krallen an dem borkigen Stamm eines Baumes wetzen?
Auch an die Moen dachte ich mit Wehmut. Sie war, obwohl nur eine Menschenfrau, mir doch so etwas nliches wie eine Mutter. Ich erinnerte mich nur noch dunkel an meine leibliche Mutter, die mich gent und mir die ersten Schritte beigebracht hatte, mir dann aber, als ich einigerman gut zurecht kam, doch anempfahl, mir meine eigenen Me zu fangen. Irgendwo in den Sten he ich schon eine Mglichkeit gefunden, aber es war die Moen, die mich in ihre Schrze packte, mir mit ein paar leisen Gurrlauten zu verstehen gab, dass ich ihr vertrauen drfe, und mich in ihre Htte mitnahm. Ihre Finger, die mich kraulten und kratzten, waren fast so angenehm wie Mutters Zunge, ihre Spiele beinahe so interessant wie die mit anderen Katzen, und vor allem gab sie mir, auch nachdem ich schon selbst mausen konnte, noch immer von ihrer Beute ab.
Nun war sie tot, und ich hatte Heim, Zuwendung und Freiheit verloren.
Trbsinnig starrte ich nach draun.
Hier, schau her, Mirza! Meiko hat fr dich eine Kiste mit Sand zurecht gemacht. Und ich habe fr dich das hier mitgebracht.
Die Stimme holte mich wieder in die Gegenwart zurck und machte mich auf das nahe Liegende aufmerksam. Einen Augenblick lang war ich mit mir selbst nicht ganz einig darber, welchem Bedrfnis ich zuerst nachgeben sollte. Ich versprte beides - Hunger und den Drang, mich zu erleichtern. Unschlssig zuckte mein Schwanz.
Ich entschied mich zuerst fr die Kiste und dann fr die Schssel mit Milch.
Pater Melvinius lachte.
Meiko ist ein kluger Kerl, was? Fr einen Gnerburschen schon fast zu klug. Man sollte meinen, die Bcher hier ln ihm mehr am Herzen als seine Gemsepflanzen, die Apfelbe und die Krer. Aber er ist ja erst eine Woche hier bei uns im Kloster, und man soll nicht vorschnell urteilen.
Meiko, mein Entfhrer, ein Gnerbursche? Der Mann gab mir, genau wie dem Pater, ein Rel auf. Sicher, er trug einfache Kleidung und hatte Lehm an den Fn. Seine He waren rau und sein Krper stark. Aber ich war mir ganz sicher, dass ich ihn zuvor schon einmal gesehen hatte. Es lag irgendwie an seinen Bewegungen oder in seiner Haltung, dass er mir bekannt vorkam. Sie glichen nicht denen eines Bauern oder Tagelhners, eines Gners oder Fuhrmanns. In einer mondhellen Nacht, einige Tage zuvor, meinte ich, ihn schon einmal getroffen zu haben. Ich hatte auf der Brunnenmauer gesessen, und das Licht des Mondes war auf ihn gefallen, als er ganz in meiner N um sich schaute. Da hatte er jedoch auf einem edlen Pferd gesessen, und seine Kleidung war alles andere als brlich gewesen. Aurdem hatte er einen zweiten, sehr jungen Mann bei sich, der ebenfalls ein Pferd ritt und nicht gerade wie ein armer Lump gewandet war.
Dieses geheimnisvolle Verhalten machte ihn mir nicht sympathischer.
Trotz meines wohlig gefllten Magens rollte ich mich grollend auf einem roten Bucheinband zusammen und trauerte meiner Freiheit hinterher.
Es schien, als habe Meiko mit seiner ruchlosen Tat ein Kapitel meines Lebens fr immer beendet.

Ein abgeschlossenes Kapitel
Sieben Tage hielt ich es in der Bibliothek aus. Ich weies genau, denn im Zen sind wir Katzen gut. Schlieich mssen wir ein Auge auf unsere Jungen haben. Ich hatte mal vier. Bis acht schaffe ich es spielend, zu zen, darber hinaus geht es in den Schbereich.
Also gut, sieben Tage hielt ich es in dem muffigen Raum aus, Pater Melvinius zuliebe. Auch weil die Mausausbeute wirklich recht passabel war. Der alte Mann war gut zu mir, fast noch aufmerksamer als die Moen, die ja nur ihre Kate geputzt hatte und sich um die Hhner kmmerte. Er hingegen verbrachte viele Stunden an seinem Lesepult, eine seltsame Konstruktion auf der Nase, ber die hinweg er mir gelegentlich zublinzelte, wenn ich einen Nager aufstberte. Nur einmal hatte er vorwurfsvoll die Stimme erhoben. Da hatte ich nich versucht, dieses Ding von dem Pult zu schubsen, um damit zu spielen. Die Brille, so nannte er es, sei zerbrechlich, und ich drfe sie nicht berhren. Na gut, dann spielte ich eben mit den Men. Da ich seit Neuestem hig richtig satt war - denn er brachte mir abends immer einen Teller mit Fleischstckchen mit - trug ich die erlegten Me schon mal zu ihm hin, damit er auch etwas zu kauen hatte. Er lobte mich zwar, frasie aber nicht. Na gut, das ist wohl Geschmackssache.
Oft, wenn ich mich nach der Mahlzeit sauber geputzt zu ihm gesellte, lud er mich doch tatslich ein, auf seinem SchoPlatz zu nehmen. Es war angenehm dort. Seine Kutte bestand aus ungebleichter, aber sehr weicher Wolle, schn griffig, wenn man abzurutschen drohte, und roch ein bisschen nach Krern und Weihrauch. Und nach Mensch, aber das war ja normal. Nett von ihm war es, mit mir zu plaudern. Hin und wieder sprach er mich direkt an und erkundigte sich nach meinem Wohlbefinden. Dann antwortete ich ihm in meiner Sprache, wobei ich jedoch vermutete, dass er sie nicht besonders gut verstand. Vor allem aber genoss ich es, wenn er mir mit halblauter Stimme etwas vorlas, was da in seinen Bchern geschrieben stand.
Nenne mir, Muse, die Taten des vielgewanderten Helden, welcher so weit geirrt..., rezitierte er zum Beispiel gerade leise an jenem spn Nachmittag, als pltzlich dieser verlogene Gnerbursche wieder in die Bibliothek hineinplatzte. Er brachte einen Korb mit und erkundigte sich hsch, ob ich meinen Aufgaben zur Zufriedenheit nachk. Wahrscheinlich wollte er mich bei unzureichender Leistung wieder in den Korb stopfen und irgendwo ersen. Mer wie er machten das. Meine ersten Kinder hatten dieses Schicksal erfahren. Die Galle kochte mir hoch, und ich fauchte ihn mit einem vernichtenden Blick an.

Produktinformationen

Titel: Die Lauscherin im Beichtstuhl
Untertitel: Eine Klosterkatze ermittelt - Roman
Autor:
EAN: 9783442362639
ISBN: 978-3-442-36263-9
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Blanvalet
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 480
Gewicht: 368g
Größe: H185mm x B116mm x T35mm
Jahr: 2006
Land: DE