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Nur ausziehen wollte sie sich nicht

  • Kartonierter Einband
  • 72 Seiten
Wenn Sexualität in der Literatur eine Frage ihrer zureichenden Darstellung ist, so ist sie in der Wett-bewerbsgesellschaft das Pro... Weiterlesen
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Beschreibung

Wenn Sexualität in der Literatur eine Frage ihrer zureichenden Darstellung ist, so ist sie in der Wett-bewerbsgesellschaft das Problem der immer noch stärkeren Darstellung. Dabei stößt diese an ihre quasi natürlichen Grenzen. Die Organe und Requisiten nackter Menschen sind limitiert, ihre Kombinationsfähigkeit endlich. Wir sind keine lustvolle Gesellschaft; davon zeugen die Repräsentanten unserer Lust. Die Konventionen sterben aus, welche die Opposition der Lust erfinderisch gemacht haben. Auch die Intimität weiß nichts mehr von ihrem Reiz, den auch die Neuigkeit nicht wiederhergestellt hat, daß Berührung tödlich sein kann. Nichts Sexuelles sei uns mehr fremd? In diesem Bericht aus einem japanischen Nachtklub kann man es anders lesen. Muschg beschreibt eine Inszenierung, die ihn vollkommen befremdet hat. Sie erschien ihm nicht mehr von dieser Welt - bevor ihm der Verdacht kam, sie sei es nur zu sehr. Den Schritt, den eine Männergesellschaft hier hinter die bekannte Zivilisation zurückgeht, könnte sie ihr voraushaben. Nicht jede unerhörte Begebenheit hat das Zeug zur Novelle. Diese war ein Lust-Spiel, das den Autor das Fürchten lehrte.

Autorentext

Adolf Muschg wurde 1934 als Sohn von Adolf Muschg senior (1872–1946) und seiner zweiten Frau in Zollikon, Kanton Zürich/Schweiz geboren. Er studierte Germanistik, Anglistik sowie Philosophie in Zürich und Cambridge und promovierte über Ernst Barlach. Von 1959 bis 1962 unterrichtete er als Gymnasiallehrer in Zürich, dann folgten verschiedene Stellen als Hochschullehrer, unter anderem in Deutschland (Universität Göttingen), Japan und den USA. 1970 bis 1999 war er Professor für deutsche Sprache und Literatur an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich. 1975 war Muschg Kandidat der Zürcher Sozialdemokratischen Partei für den Ständerat. Er wurde zwar nicht gewählt, äußerte sich nach wie vor regelmäßig zu politischen Zeitfragen. Adolf Muschg ist seit 1976 Präsident der Akademie der Künste Berlin, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung Darmstadt sowie der Akademie der Wissenschaften und der Literatur Mainz. Lesereisen führten ihn bisher nach Deutschland, England, Holland, Italien, Japan, Kanada, Österreich, Portugal, Taiwan, USA. Er lebt in Männedorf bei Zürich.



Leseprobe

1

Nur ausziehen wollte sie sich nicht.
Wußte sie eigentlich, wen sie da im Arm hielt? Wäre sie zehntausend Kilometer weiter westlich geboren, in Recklinghausen oder im heiligen Trier: die Sinne wären ihr geschwunden. Aber nein: für diesen Augenblick hätte sie ja gelebt. Die Ohnmacht dazu hätte sie sich autogen abtrainiert, das Herzklopfen, das Schwindelgefühl, um in den Armen MMW so cool auszusehen wie Er selbst: um wirklich nackt zu sein, und zugleich der perfekte Schein professionell: da etwas weniger Profil, da etwas mehr Haut und Haar -
Schamhaar? In Japan auf keinen Fall. Sie wäre instruiert. Auf eine Rasur käme es ihr nicht an, auch wenn sie sich zuerst komisch fände: kindlich entblößt, oder wie vor ihrer Blinddarmoperation. Die Narbe ruhig zeigen. Du hast mit dem jungen Mann eine Orange geteilt. Du kennst ihn so gut wie nicht. Du siehst ihn zum ersten Mal richtig an. Nun kniet er vor dir, und in seinen Augen siehst du seine Seele nackt. Das ist der Schöpfungsaugenblick! Dafür schaffst du dich neu, in einem großen Entschluß.

Produktinformationen

Titel: Nur ausziehen wollte sie sich nicht
Untertitel: Ein erster Satz und seine Fortsetzung
Autor:
EAN: 9783518407424
ISBN: 978-3-518-40742-4
Format: Kartonierter Einband
Herausgeber: Suhrkamp
Genre: Romane & Erzählungen
Anzahl Seiten: 72
Gewicht: 173g
Größe: H220mm x B131mm x T12mm
Jahr: 1995
Auflage: 2. A.
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