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Ich kann mich während des Schreibens mit den absurdesten Positionen identifizieren.

Daniela Krien hautnah

Interview von Ex Libris

Daniela Krien Porträt
Bild: Maurice Haas / © Diogenes Verlag

Liebe Frau Krien, Ihr neuer Roman «Der Brand» rückt die alltäglichen Hürden einer langjährigen Ehe in den Mittelpunkt. Was hat Sie zu dieser Geschichte inspiriert?
Inspiriert worden bin ich – wie bisher bei jedem Buch – vor allem durch Gespräche. Das, was mir Freunde, Bekannte und manchmal sogar Fremde erzählen, das sammle ich über einen gewissen Zeitraum, und irgendwann kristallisiert sich aus dem Ganzen eine eigene Geschichte heraus. Alles, was ich erfahren habe, fliesst darin ein – also all das, was die Menschen bewegt, ärgert, ängstigt oder freut, wo ihre Probleme liegen, wann sie in ihren Beziehungen glücklich oder unglücklich sind, wie ihr Verhältnis zu ihren Kindern und ihren Eltern ist, wo sie sich innerhalb der Gesellschaft verorten, welche politischen Ansichten sie vertreten. Meine Figuren entspringen direkt diesem chaotischen Sammelsurium, das sich erst während des Schreibens für mich ordnet.
Im Falle von «Der Brand» kam ein Thema hinzu, das auffällig oft angesprochen wurde: Die Entfremdung von der Gesellschaft, in der wir leben.

Mit welchen Charakteren aus Ihren Werken können Sie sich persönlich am besten identifizieren und wieso?
Immer mit jener Figur, an der ich gerade schreibe. Und zwar unabhängig davon, ob die Figur ein Mann oder eine Frau ist und welche Meinung die Figur vertritt. Ich kann mich während des Schreibens mit den absurdesten Positionen identifizieren. Ich denke, das ist auch notwendig, um die Figuren wirklich zum Leben zu erwecken. Aber auch im Nachhinein, wenn ich zum Beispiel jetzt auf mein jüngstes Buch schaue, dann sehe ich bei jeder Figur irgendetwas, womit ich mich identifizieren kann: bei Selma diese anstrengende Ehrlichkeit, bei Simon das konsequente Verfolgen eines Ziels, bei Peter die Selbstgenügsamkeit und bei Rahel diese Sehnsucht, die sie treibt. Und so könnte ich meine Figuren aus den anderen Büchern ebenso durchgehen und bei allen etwas finden.

Wer sind Ihre literarischen Vorbilder und in welcher Weise haben diese Ihr Schaffen beeinflusst?
Wen ich früh bewundert habe, ist Knut Hamsun. Er konnte mit sehr einfachen Worten und kurzen prägnanten Sätzen unglaublich starke Bilder und Empfindungen hervorrufen. Um ein Beispiel zu nennen: «Nachts lag er da und war gierig nach ihr und bekam sie.» Die Wirkung dieses simplen Satzes aus «Segen der Erde» ist enorm. Vielleicht hat mich Hamsuns Stil von allen Stilen am meisten beeinflusst, wobei ich damit keineswegs sagen will, an sein literarisches Genie heranzureichen. Aber was ich von ihm gelernt habe, ist, dass Sprache einfach sein darf, wenn die einzelnen Worte wirklich gut gesetzt sind.
Im Laufe meines Schreibens gab es viele weitere Vorbilder. Carson McCullers zum Beispiel, deren Feinfühligkeit tiefe Einsichten in die menschliche Seele ermöglicht, Elizabeth Strout mit ihrer großen Empathie, die noch bei jeder kleinen Nebenfigur zu spüren ist. Allerdings lese ich die Werke meiner Vorbilder in Zeiten, in denen ich selbst schreibe, gar nicht. Ich möchte nicht in Versuchung geraten, sie nachzuahmen. Bewusst würde ich das ohnehin nicht tun, aber es passiert mitunter ganz unwillkürlich, dass ich einen ähnlichen Ton anschlage. Darum lese ich während intensiver Schreibzeiten hauptsächlich Sachbücher oder Gedichte.